Beckeraachen

Kunstwechsel


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Genie ohne Talent Robert Filiou

Ein Glückwunsch zum Geburtstag

Robert Filiou – Genie ohne Talent

53. Kalendergescichte

Der 17. Januar, an dem die Kunst 1.000.057 Jahre alt wird, ist natürlich sein Geburtstag. Unter allen Künstlern, die ich kenne, ist er der Philosoph, Hauskaplan der „république géniale“, Franzose, der in Korea, Ägypten und Amerika gelebt hat, bevor er die Fluxus-Nester in Düsseldorf, Berlin und Kopenhagen entdeckte, das „Genie ohne Talent“, unfähig zu malen und zu modellieren, fähig, eine Fülle von Botschaften zu produzieren – in Reden, Filmen, Videos, Postkarten, bedruckten Spiegeln….. Als ich die Eröffnung der Neuen Galerie in Aachen vorbereitete, trafen wir uns in Kopenhagen bei dem fluxus-Künstler Addi Köpke. Auch er hatte wie Filiou 1964 am 20. Juli an dem großen Kunstfestival in der Aula der RWTH Aachen teilgenommen. Filiou entwickelte das Projekt COMMEMOR – Commision mixte des monuments aux morts als eine Aktion zwischen Aachen, Lüttich und Maastricht, die in der Neuen Galerie ihr Zentrum hätte. Wir schwärmten aus und fotografierten Kriegerdenkmäler in der Grenzregion, organisierten Pressekonferenzen und Versammlungen in den Universitäten der Nachbarstädte. Holländische Soldaten boten Lastwagen ihrer technischen Dienste an, um Denkmäler zu transportieren; die Lütticher Zeitungen warfen Filiou Missachtung der Kriegsveteranen vor; die Rheinländer begriffen die Aktion als Kunstwerk. Kunstwerke zeigte die Neue Galerie in der Ausstellung COMEMOR1970. Sie waren als solche schwer zu erkennen, denn sie bestanden nur aus Kistenbrettern, die mit Nägeln, Drähten und schlagwortartigen Texten wie „Pfeil zeigt durch die Decke zum Himmel“ und „Pfeil zeigt durch den Boden in die Erde“ besetzt waren. Peter Ludwig hat drei dieser Arbeiten erworben. Alle liebten den immer lächelnden „Heiligen“ und seine dänische Frau Marianne. Zuletzt traf ich sie bei der Verleihung des Kurt-Schwitters-Preises in Hannover 1982, da erschienen sie in weiten weißen Kleidern. Sie waren nun Mönche und Nonne in 2 buddhistischen Klöstern in Südfrankreich.

Er schrieb und lehrte, komponierte und skizierte: künstlerische Arbeit war nicht Teil seines Lebens, sondern sein Leben selbst. Wir lasen damals – wie die Situationisten in Paris oder die Wiener um Wilhelm Reich, wie Adorno und Marcuse, „Le Nouveau Monde Amoureux“ des Sozialutopisten und Feministen Charles Fourier aus dem frühen 19. Jahrhundert und fanden es großartig, dass er in einem Gewächshaus lebte.    


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Die Kunstsammler

52. Kalendergeschichte

 ZUM 1.000.057. GEBURTSTAG   DER   KUNST    

D I E   S A M M L E R

Peter Ludwig, tätig in der alten Aachener Schokoladenindustrie, bat 1975 den unbekannten Maler Jean Olivier Hucleux aus dem kleinen Ort Andrésy an der Seine, ihn mit seiner Frau Irene zu porträtieren. Er kannte die ersten fotorealistischen Tafeln französischer Friedhöfe, die der Einzelgänger in der documenta 5 1972 vorgestellt hatte; 3 von ihnen hat er erworben.  Hucleux kam mit einer 6×7 Spiegelreflexkamera, blieb mehrere Stunden und nötigte die beiden als Modelle nicht nur zu vielerlei Stellungen, sondern zu verschiedensten Kleidern aus ihren Garderobeschränken, bis ein Seidenkleid und ein hellgrauer dreiteiliger, genutzter Sommeranzug alle befriedigten. Sie würden dem Maler ein Höchstmaß an Virtuosität abverlangen. ihr Dekor sollte der Nüchternheit der taghellen Szene vor einer anonymen Zimmerecke entgegenwirken.

Hucleux arbeitete fast ein Jahr an dem Doppelporträt. Er hatte den Diaprojektor auf seinem Stativ und die Holzplatte des Bildes so festgeschraubt, dass sie ihre Stellung über lange Zeit nicht verändern konnten. Als er das Bild in seinem Auto nach Aachen brachte, mochte der belgische Zöllner es nicht als Fotografie anerkennen, sondern bestand darauf, dass es als Malerei deklariert würde. Das Ehepaar Ludwig war zufrieden; das Bild entsprach seinem Selbstverständnis. Es macht deutlich, dass der Sammler von Kunst – anders als der Künstler – seine Rolle als Teilhaber der bürgerlichen Gesellschaft nicht aufgibt, sondern einen Zuwachs an Achtung gewinnen kann. Nicht als Schokoladenfabrikant, sondern als Kunstsammler hat Ludwig mit Fidel Castro. Leonid Iljitsch Breschnew und anderen Mächtigen gesprochen.

Ganzfigurige Standesporträts dieser Art sind selten. Im Oeuvre Hucleux´s findet sich eine große Zeichnung des Ehepaars Besin in sehr ähnlicher Haltung, nur hat sich hier die Frau in den rechten Arm ihres Mannes eingehakt, und sie sind nach rechts gewendet und schauen aus dem Bild hinaus. Das Porträt der Ludwigs war teuer und leitet heute in die Präsentation der Sammlung Ludwig im Wiener Museum ein.

Wir können die Haltung der beiden in diesem Bildnis nicht für bescheiden halten: Sie sind nicht mehr die Studenten der Kunstgeschichte, die an der Mainzer Universität an einer Doktorarbeit über Picasso arbeiteten. Nicht die Würde zahlreicher akademischer Ehren, sondern das Selbstbewusstsein reicher Großbürger trägt sie. Ihre Verdienste, ihren Ruhm konnte es noch nicht sichtbar machen. Führen wir uns vor Augen, dass sie zu ihren Lebzeiten eine der größten Sammlungen alter und moderner Kunst zusammengetragen haben, vor großen Konvoluten wie den 48 Porträts berühmter Männer von Gerhard Richter, der Buckminster Fuller Map von Jasper Johns, dem Lebenswerk von Picasso oder einer  vielteiligen Sammlung illuminierter Handschriften des europäischen Mittelaltersnicht zurückgeschreckt sind, dass sie an der Gründung zahlreicher Museen innerhalb und außerhalb Europas mitgewirkt und vorgesorgt haben, dass eine Stiftung in Aachen ihre Erbschaft pflegt, so ist die Besessenheit, die Leidenschaft, der Furor, die sie getrieben hat, in ihrem Porträt tief verborgen.

Wer ist verrückter, der Künstler/ die Künstlerin oder der Sammler/ die Sammlerin? Der/die eine schöpft aus dem spannungsreichen Schatz seiner/ihrer Kreativität und gerät in den Blickpunkt einer anwachsenden Öffentlichkeit, der/die andere teilt seine/ihre Besessenheit zwischen der Lust, Geld anzusammeln und es verachtend einzutauschen für Güter, die ihm unendlich wertvoller und unvergänglicher erscheinen. Der Ruhm, den beide genießen, endet mit ihrem Leben nicht. Die Kunstwerke des einen stehen im Museum des anderen, dessen Namen es trägt.

Abb. Jean Olivier Hucleux, Peter und Irene Ludwig, 1975/76, 155 x 122 cm, MUMOK Wien


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Der 1.000.057 Geburtstag der Kunst

52. Kalendergeschichte –

Der 1.000.058ste Geburtstag der Kunst1

Araham und Sarah; vom Horn Afrikas, glücklich in Aachen vereint, feierten am 8. Januar mit ihren Freunden das orthodoxe Weihnachtsfest. Zwei Tage zuvor hatten die Heiligen 3 Könige die Krippe in Bethlehem besucht. Alle Kalender haben nun begonnen, Jahrestage aufzulisten. Keiner ist so bedeutend wie der 17. 1.

Am 17. Januar 1963 hat der Künstler 58und Philosoph Robert Filiou in Paris begonnen, die Geburt der Kunst zu feiern – vor 1.000.000 Jahren. Damals war die Kunst nicht ein zerbrechliches, umstrittenes Gebäude menschlicher Fantasien, sondern eine Erscheinung der Gezeiten von Sonne und Mond, der die Tiere bei ihren Wanderungen auf der Erde, im Wasser und in der Luft ebenso folgten wie die Menschen nach ihnen. Sie begegneten ihr mit Ehrfurcht und sprachen mit ihr.

Filiou hat 1963 diese Geschichte der Kunst geflüstert, und als zehn Jahre später viele Menschen in der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig in Aachen ihren 1,000.010. Geburtstag feierten, las man sie laut am Rand einer großen Geburtstagstorte vor.

Kinder wissen es: Berge besteigen ist Kunst, der Gesang einer Lerche und eines Käuzchens, ein blühender Kirschbaum, das Flügelpaar eines Schmetterlings sind Kunst – die Spuren einer Wildkatze im Sand wie die eines Künstlers auf einer Leinwand. Es ist nicht nötig, sie in Museen zu suchen, sie ist überall. In den Geburtstagsfesten, die Freunde der Kunst  seit 1973 feiern, sehen viele nicht wie Künstler, sondern wie Kunst aus, und so erwarte ich, dass am 17. Januar zu Ehren des Geburtstages in den sozialen Medien Kunst erscheint. Corona gönnt dem Fest keinen Ort; sie wird in Schaufenstern und Unterführungen, Straßen und Plätzen, auf Bahn- und Schulhöfen, in Kirchen und Hörsälen sichtbar sein. Kunst: das ist nicht ein Gegenstand, sondern eine Botschaft – eine Botschaft, die die Sehnsucht verrät, die unsere Vorfahren vor 1 Million Jahren den Gesetzen der Natur entgegenbrachten – sie zu verstehen und ihnen zu folgen – eine Botschaft planetarischer Kunst.

Schamanen und Priester haben sie in ihren Dienst genommen, und sie hat ihnen die schönsten Häuser gebaut. Je mehr diese Häuser verwittern, umso mehr – wie ein unverwüstliches Unkraut – tritt die Kunst hervor – singend, tanzend, zeichnend, malend, gießend, matschend, leuchtend, mit Spritzpistolen und Trompeten, Amplifiern und Beamern. Sie dringt in die letzten Winkel der Städte und schaut von den Dächern hinab. Sie feiert Geburtstag.

Eine Frau aus Novosibirsk hat ein Rentier begleitet, das den mit Geschenken beladenen Schlitten zog, den der Weihnachtsmann am Heiligabend durch Aachen lenkte. In ihrer Heimat, so erzählt sie, folgen alle Menschen jährlich den Wanderungen der Trughirsche, die im Frühjahr von der Tundra in die Taiga wechseln – seit 1 Million Jahren.

Abb. Die Geburtstagsgstorte am 17. 1. 1973 in Aachen


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Parlamentarische Rituale

50. Kalendergeschichte – Parlamentarische Rituale

Dass der Senat eines Staates eine Gruppe seiner Mitglieder bestimmt, einen missliebigen Präsidenten so zu erstechen, dass kein Einzelner als Mörder bezeichnet werden kann, ist seit dem Tod Cäsars selten geschehen. Dass ein Präsident sich so an seinen Palast klammert, dass er a Ende seiner Amtszeit hinausgetragen werden muss, ist ebenso außergewöhnlich. Aber im Ritual der Wahl ist er so lange machtlos, als er Fälschungen und Manipulationen nicht nachweisen kann.

Der sonderbare Fall eines Wahlrituals ist eingetreten, als in ihrer Vorbereitung eine der Parteien, gewiss, eine Mehrheit zu erringen, sich entschloss, eine Frau als Kandidatin der Präsidentschaft zu nominieren, die ihr nicht angehörte. Diese Frau gewann schon viele Stimmen, weil sie eine Frau war und die erste Präsidentin sein würde. Sie ließ sich auf den Stuhl des Präsidenten fotografieren, gab einige Interviews – und verschwand. Spätestens am 1. Januar des neuen Jahres erwarteten viele eine ermutigende Ansprache von ihr in schweren Zeiten. Sie schwieg.

Das Parlament und die Verwaltung hatten sich nach der Wahl neu geordnet und insbesondere dem Abriss eines Parkhauses und der Konsolidierung der Prostitution gewidmet. Bitten um Gespräche wurden vom Büro der Präsidentin abgewendet; man würde sich melden. Man stellte fest, dass die Büros der Präsidentin nicht besetzt waren, und erfuhr, dass sie, um dem Personal nahe zu sein, in weniger repräsentative Räume umgezogen wäre.

Wenige waren bereit, weiter nach ihr zu fragen. War sie der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen? Brauchte man eigentlich eine Präsidentin? War diese Stille an der Spitze des Parlaments und der Verwaltung nicht ein wünschenswerter Zustand für alle, die mit dem existierenden Verhältnissen zufrieden waren? War es nicht angenehmer, vorhandene Arbeitsverträge zu verlängern als neue Stellenbesetzungen ins Auge zu fassen?

Einige wenige meinten zu wissen, dass es zwischen der siegreichen Partei und der Präsidentschaftskandidatin eine Verabredung gegeben habe, in der sie nach der Wahl unsichtbar würde, wenn die Partei Abstimmungen auch ohne sie gewinnen könnte. In der Zwischenzeit wird der Präsidentenstuhl neu gepolstert.


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47. Kalendergeschichte – Abraham und Sara am 28.12.2020

heute hat Abraham Sara aus Norwegen abgeholt. Sie lebten als Kinder am Horn von Afrika, flohen vor Plagen, die die Bibel und andere Zeitungen beschreiben, nach Europa, trennten sich; Sara verschlug es nach Trondheim, Abraham nach Aachen.

Sie waren seit langem ein Liebespaar und hatten sich auf der deutsch-dänischen Grenze getroffen, um im Standesamt von Tondern, dem nordeuropäischen Las Vegas, zu heiraten. Jahre vergingen. Abraham lernte deutsch, wurde Bäcker und kaufte ein Auto. Heute hat er Sara mit dem Auto abgeholt.

Eine Pest liegt in diesen Tagen schwer über den Kontinenten der Erde. Die Staaten Europas bewachen ihre Grenzen und warnen ihre Bürger sie zu verlassen; sie haben ihnen sogar dringend empfohlen, in den Weihnachtstagen in ihren Wohnungen zu bleiben und, ehe sich auf zahllose Beerdigungen vorzubereiten, das Heilmittel einer Spritze zu erwarten, die in großen Mengen hergestellt wird.

Sara, eine junge Frau vom Horn von Afrika, ist in Norwegen von Trondheim mit dem Zug zum Flughafen von Bergen gefahren, hat, ohne der norwegischen Sprache mächtig zu sein, ohne Papiere, die ihre Gesundheit bescheinigen, Zugang zu einem niederländischen Flugzeug gewonnen, das sie zum Flughafen von Schiphol vor Amsterdam brachte (sie spricht auch nicht Niederländisch), und am Empfang der Fluggäste stand Abraham und nahm sie in die Arme. Sprachenunkundig hatte er den Beamten erklärt, dass er seine Frau abholt, und niemand hatte ihm zu widersprechen gewagt. Alle glaubten dem Afrikaner aus Deutschland, dass er und diese Frau verheiratet und gesund sind.

Auf dem Parkplatz wartete Noah, ihr Freund, auf sie, und sie fuhren glücklich, ohne dass sie irgendjemand hinderte oder Papiere zu sehen verlangte, über die Grenze vor Aachen in das Land, das man an ihrer Autonummer erkennen konnte. Um Mitternacht kamen sie in Abrahams kleiner Wohnung in Burtscheid an, und er bereitete ein kleines Abendmahl auf den neuen Novellenherd zu und verteilte Bierflaschen.

 Diese Geschichte hat biblische Züge, die an die Flucht der Familie Josephs aus Bethlehem nach Ägypten erinnern. Angesichts der zahllosen Sperren, die die europäischen Staaten Länder aufgebaut haben, um sich gegen das Corona Virus zu verteidigen, erscheint sie mir wie ein Wunder.


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Weihnachtsschnauzen

50. Kalendergeschichte

Weihnachtsschnauzen – buon natale coronare 2020

Dikscha und ich holen ihre Mutter vom Bahnhof ab. Sie kommt aus Bangalore. Ihr Mann hatte mich vor zwei Jahren angerufen und mir angeboten, meinen Rechner zu renovieren; er zeigte mir mit seinem Cursor auf meinm Bildschirm alle Fehler und bot mir an, sie für 300 $ zu beseitigen. Ich erschrak vor dem Cursor und habe schnell die App gelöscht. So lernten wir uns kennen. Dikschas Mutter besucht mit ihrer Tochter die Weihnachtsmesse der Gemeinde freier Christen in Aachen. Sie hatte sich das letzte Mal über den Zuwachs an Männerbärten gewundert, jetzt staunt sie über die Maulkörbe, die wir und alle anderen tragen. Wir schenken ihr einen mit dem Bild des Elefantenkopfes von Ganescha, dem liebenswerten Gott der Hindi. Es gab andere Götter mit Tierköpfen:  Hathor, die kuhköpfige, Zeus den Stier; und Reiseschriftsteller des Mittelalters berichten von Menschen mit Hundeköpfen.

Die Proportionen von Mund und Nase in den Gesichtern der Tiere und Menschen folgen dem, was sie essen und trinken; dass unsere neuen Masken Mund und Nase verdecken, muss nicht bedeuten, dass wir in Zukunft unsere Nahrung einatmen werden, um unseren schädlichen Konsumwünschen den Abschied zu geben, dass wir sie dauernd tragen müssen, um uns gegen verschmutzte Umweltluft zu schützen. Die Genies der Industrie werden den Gebrauch erleichtern. Sie werden neue Formen herstellen: mit verschließbaren kleinen Kappen zum Einführen von Strohhalmen, die das Trinken erlauben, mit kleinen Lautsprechern, die der Sprache die Dumpfheit nehmen und Hefthaken an den Backenknochen, um sie daran aufzuhängen.

Dikschas Mutter lacht und erzählt, dass Kosmetikstudios und Schönheitschirurgen in Indien damit beschäftigt sind, für Männer und Frauen zart perforierte Guttapercha-Masken von Gesichtern abzunehmen, so zu dehnen, dass vor Mund und Nase eine kleine Luftzone entsteht, sie mit einer feinen Maquillage zu glätten und an ihren inneren Rändern mit einer verträglichen Klebeschicht zu versehen, die erlaubt, die Maske lange zu tragen. Natürlich enthalten diese Masken auch kleine Lautsprecher mit Verstärkern, so dass auch Sängerinnen und Sänger damit umgehen können. Affen seien in Indien heilig, darum soll in Indien kein Mensch wie ein Affe aussehen. Der Import chinesischer und europäischer Masken wird nicht empfohlen.

Abb. Schedelsche Weltchronik 1493: Australischer Kynokephale

F R Ö H L I C H E   W E I N A C H T E N !


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ART Util

Vom Nutzen der Kunst

 2017 stand ich in der großen Vorhalle des Museums von Eindhoven und drückte die Beine gegeneinander. Ich suchte ein Pissoir und fand es zu meiner Überraschung in einer Ecke des Raumes. Ich war erleichtert – und sehr beschämt. Denn das Pissoir trug den Titel mit dem Namen einer Künstlerin, die ich kannte: Tanja Bruguera. Das „Pissoir“ war ein umgedrehtes „ready made“, eine Replik der berühmten „Fountain“ von Marcel Duchamp, ein Pissoir, das er 100 Jahre zuvor auf den Kopf gestellt hatte.

Die Ausstellung der Tanja Bruguera, zu der es gehörte, hieß „ARTE UTIL“ und begleitete  ein Lexikon „Towards the Usership of Art“ von Stephen Wright und ein Seminar über nützliche Kunst, das in diesen Monaten ebenso in Liverpool und San Francisco stattfand. Das Verhältnis zwischen Produzent und Konsument, zwischen Künstler und Betrachter nahm im digitalen Zeitalter neue Formen an,  Kunstwerke müssen nicht interesselos wohlgefallen, sondern gebraucht, genutzt werden. . Wright kritisiert in  seinem Lexikon „ Deaktivieren (ästhetische Aufgabe der Kunst)“,  die „Expertenkultur“, „die Faulheit (kreativ und ausdrucksstark)“, „Kunst als Eigentum (copyright ist nichts für Benutzer)“ , „Spezifische Sichtweise (sub specie artis)“. Der Betrachter wird Nutzer. Der Künstler verlässt den ästhetischen Raum, in dem er politische Freiheit genießt, und mischt sich in das Leben so ein, dass seine Werke mit solchen des öffentlichen Lebens verwechselt werden können. Siehe das „Pissoir“ der Tanja. Bruguera und ich. (Ich war froh, ihr hier nicht wiederbegegnet zu sein. Sie ist eine streitbare Kubanerin.).

So auch die YES MEN, 2 New Yorker, die seit 30 Jahren als art guerilla-Anarchisten die amerikanischen Medien beschäftigen. Sie produzieren nicht nur Fake News, sondern verführen TV und Zeitungen, über ihre Auftritte in Kongressen als Vertreter der World Trade Organisation zu berichten, in denen sie Großkonzerne wie Dow Chemical und Exxon angreifen, in einer Tagung über die katastrophalen Folgen globaler Erwärmung einen mannsgroßen „Survival Ball“ für Manager aus Plastik mit Sichtöffnung und 6 Armen bekanntmachten, der vor Stürmen, Erderwärmung, Flutwellen, aber auch Terroristen schützt.

Sie sind die bekanntesten unter den “Interventionists“. So hieß 2004 Nato Thompsons Aussteliung im Massashusets Museum of Contemporry Art mit weit verbreitetem Handbuch), und Stephen Wright konkurrierte mit einer Installation zum “use of Art” in APEX, Manhattan. Sie beriefen sich auf die Paiser „Situationisten“ der 60er Jahre mit ihrem Wortführer Gux Deborde. Das „Zentrum für politische Schönheit“ des Philipp Ruch hat sich in Berlin gebildet und zuletzt durch eine verkürzte Replik des  Mahnmals für die ermordeten Juden Europas   neben dem Thüringer Haus des AFD-Funktionärs Bernd Höcke große öffentliche Aufmerksamkeit erzielt.

Die Lobby der Künstler im politischen Raum ist klein, aber mächtig in ihrer Erfindungskraft“. Sie kann in zivilem Ungehorsam aufsehenerregend im öffentlichen Raum agieren, ihr gehört „die Straße“, sie kann Obdachlose in leerstehenden Fahrzeugen unterbringen, sie kann Jacken entwerfen, die Wohnungslosen als Zelte dienen, sie kann viel mehr als Graffiti auf leere Wände malen. Die „Interventionists“ boten in ihrer Ausstellung „tool boxes“, Werkzeugkisten. Es lohnt sich hineinzuschauen. Sie definierten Kunst, die für sozialen Wandel agitiert „using magic

tricks, faux fashion and jacked-up lawn

mowers,”


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Bonjour Voyage

Ludwig Forum Aachen: Bonjour Voyage!

Keine Kunstwerke und keine Menschen, die sie begleiteten, sind so weit gereist wie die der Sammlung Ludwig in Aachen. Sie waren in Verviers, Aschaffenburg. Zandvoort, Rom, Stockholm, Luzern, Humlebek, Luxemburg, Budapest, Koblenz, Peking, St. Petersburg, Lyon, Marseille, Bordeaux, Paris, London, Groningen.Teheran, Wien, Regensburg, Lübeck, Hovikodden,Tilburg, Saarbrücken, Mainz, Kulmbach, Berlin, Esslingen, Oberhausen, Aalborg, Tokyo, Hasselt und Koblenz. Mancherorts sind sie heute noch zu sehen. Wenn die solche vorbei ist, werden viele wieder auf Reisen gehen. BONJOUR VOAGE ist eine Ausstellung des Ludwig Forums, die zur Zeit große Lust erzeugt. Die Kuratorin Alexandra kolossal hat mit ihren Helfern und Helferinnen eine große Ausstellung mit Werken zeitgenössischer Künstler zu diesem Thema aufgebaut, und seit heute spricht sie darüber in einem bunt bebilderten Podcast; der allen Zuhörern und Zuschauern großes Vergnügen bereiten wird.

https://dieleichtigkeitderkunst.de/bon-voyage/

viel Vergnügen!


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Für Mary Wollstonecraft

Für Mary Wollstonecraft

46. Kalendergeschichte

Will eine Frau einen Mann für sich gewinnen, so bietet sie ihm Herrschaft wie die Göttin Hera, Weisheit wie Athena oder Liebe wie Aphrodite. Europäische Künstler konnten diesem Leitbild des Paris-Urteils folgen, solange sie unter sich waren. Die Venus von Milo im Louvre wurde ihnen das Leitbild der Schönheit, die Freiheit, die das Volk führt, von Delacroix das Leitbild der Macht, und das Leitbild der Weisheit hat sich an die Mona Lisa geheftet.

Vor 3 Wochen   wurde im Norden Londons, dort, wo die Ahnfrau des Feminismus, Mary Wollstonecraft, seit 1784 eine Mädchenschule leitete, die Bronzeskulptur einer lebensgroßen nackten Frau von Maggi Hambling, einer bekannten britischen Malerin und Bildhauerin, als Denkmal des Feminismus eingeweiht. Sie provoziert als “perfectly formed wet dream of a woman“ein Streitgespräch unter Frauen. Hambling verteidigt sich: sie habe sie dem „traditional male heroic statuary“ entgegengestellt.

Mary Wollstonecraft hoffte, eine neue Art der Frau zu schaffen(“I do not wish them  to have power over men; but over themselves“) und Maggi Hambling hoffte, ihr folgen zu können – eine neue Species, die, unabhängig von der Fantasie der Männer, ihren eigenen Fantasien folgt. Für mich, den alten Kunsthistoriker, der von den Leitbildern der griechischen Antike geprägt ist, hat sie ein erschreckendes Frauenbild geschaffen, : die „Allerweltsfrau“ (“everywoman“) tritt nicht graziös hervor und bedeckt nicht ihre Scham wie Botticellis Venus, sie steht mit angelegten Armen „zur Parade“ auf einer Blüte aus Lehm und schaut ernst ins Weite. Die kurzen Haare folgen der Form des Kopfes, die Geschlechtsmerkmale – Brüste und Scham – sind kräftig betont. In diesem Vorort von London ist sie eine Europäerin mittleren Alters, die sich den schätzenden Blicken derer anbietet, die sie in ihren Kreisen aufzunehmen bereit sind: keine Göttin, keine Mutter, keine junge Frau, die sich wünscht, eine Familie zu gründen. Sie folgt einer Vorstellung, die faschistische und sozialistische Frauengruppen in ertüchtigenden Sport- und Tanzveranstaltungen geprägt haben.

Es versteht sich, dass mich als Mann diese Statue anders verwirrt als Feministinnen, die ihre Nacktheit bemängeln. Vielleicht ist es die nahezu kämpferische Pose der Frau, die nicht bereit ist, im Hintergrund ihres Spiegelbildes das Gesicht eines Mannes zu sehen. Sie ist eine Arbeiterin im Anthrpozän, die hofft, eine Geschichte hinter sich zu lassen, die vor 5000 Jahren begonnen hat. Sie hat das Füllhorn des Eros verbrannt: die unendliche Geschichte der Verführungen, Ekstasen, Vergewaltigungen, Entbehrungen, Sehnsüchte, Tragödien, der Rache und des Glücks. Maggi Hambling zeigt sie gesund. kräftig, vorwärts blickend. Wird sie zur Rettung der Welt beitragen?


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Sie können, wenn Sie wollen

45. Kalendergeschichte

Sie können, wenn Sie wollen

Im April 1986 habe ich begonnen, Wolfgang Becker ein Jahr lang 30 Briefe zu schreiben und frankiert mit der Post zu senden – in unregelmäßigen Abständen, zuweilen zwei an einem Tag. Alle enthalten die Botschaft: „Ich glaube, Sie können, wenn Sie wollen.“ Mit einem Bleistift auf einen DIN A 4-Papierbogen gesetzt, von Bildzeichen umgeben, zuweilen farbig aquarelliert, signiert: Geert Westphal oder Webel. Die frankierten Umschläge enthalten meinen Kölner Absender, wenige den von Hans-Peter Webel in Hamburg. Becker würde sich den Satz merken, so konnte ich ihn nach den ersten Briefen zerstückeln. Er sah ihn aus Vogelsicht wie auf einem Stadtplan, „atmend“ zwischen zwei roten „Lungenflügeln“ oder in den Haken abwärts fließender Farbtropfen.

Die drei Elemente des Satzes – glauben, können, wollen – behaupten sich beharrlich. Dabei sind sie überaus zerbrechlich. Ich glaube nicht wirklich, bin nicht sicher, dass er will, und weiß nicht, ob er kann. Er muss nicht einmal annehmen, dass ich meine Briefe eigennützig schicke, als ob ich ihn bäte, sich für meine Arbeit als Künstler zu interessieren. Ich lade ihn auch nicht ein, mir zu antworten; und er hat nicht geantwortet, aber die 30 Umschläge mit den Briefen in einer Sammlung von Botschaften, die er von Künstlern erhalten hat, aufbewahrt.

Die drei Worte glauben, können, wollen gewinnen erst Klarheit, wenn sie sich auf Ziele richten: ich glaube an den Zufall, kann auf den Zehenspitzen stehen, will berühmt werden. Es sieht so aus, als hätte ich die Botschaft an mich selbst geschickt und mich in Becker gespiegelt. Dabei leitete er eine Institution, die meinen Interessen nützlich ist; er organisierte Ausstellungen und machte junge Künstler in einem Milieu bekannt, das neue Informationen sucht.

Ich spreche ihn in meinen Briefen nicht an, wenngleich sie einen Imperativ enthalten – Sie können, wenn Sie wollen –, den ich nur durch den Vorsatz – ich glaube – zurücknehme. Ich bleibe höflich, ich sieze ihn. Er hat die Umschläge vorsichtig mit einem Federmesser geöffnet, weil er daran gewöhnt ist, Botschaften von Künstlern zu erhalten, die wert sind, aufgehoben zu werden. Er gibt diesen DIN-A-4 Blättern einen ästhetischen Wert und betrachtet ihre gezeichneten und aquarellierten Anteile mit den Augen des Kunstamateurs. Sie haben dazu beigetragen, dass er die 30 Botschaften aufbewahrt hat.

Versuche, Kunstwerke an Empfänger zu binden, scheitern häufig, weil viele sie als Objekte betrachten, die ihren Eigentümer wechseln können. Schließlich werden sogar Porträts von Besitzern häufig benutzt, um an einem dritten Ort an sie zu erinnern. Der amerikanischen Maler Paul Wiesenfeld versuchte, ein sehr schönes Porträt seiner Tochter an den Sammler Peter Ludwig zu verkaufen; der lehnte ab: er habe keine Tochter. Widmungen in Bildern werden nicht selten wegretouchiert, wenn sie nicht Namen von kultureller Bedeutung enthalten. Also:  meine 30 Briefe an Wolfgang Becker sind bei ihm in guten Händen.

Geert Westphal