Beckeraachen

Kunstwechsel


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Lachs in Chianti

Lachs in Chianti – eine Kalendergeschichte

Alfredo ist Marie auf dem Flohmarkt an der Heinrichsallee begegnet, und sie hat ihn zu sich genommen. Er wohnt mit ihr in einem Bauernhaus aus Blaustein in Vennwegen und malt. Sie lädt Freunde ein, seine Bilder anzusehen. Einer ist vom Fach.  Er hat in Florenz zu tun. Alfredo hat ein Atelier in der Nähe. Er fährt ihn vom Flughafen Pisa so lange durch die Weinberge von Chianti, bis sie – die schwedische Ostküste erreichen. Sie liegt im Qualm eines Räucherofens, und der Duft von Lachs droht die beiden zu betäuben. Die großen Leinwände, die Alfredo aus seiner Hütte herausholt, zeigen Landschaften der Küste von Norrkoping, lebhaft summarisch gemalt. Sie essen Filets von Lachs, die auf dem Holz der Weinreben geräuchert sind und ein unwiderstehliches Aroma entwickeln. Italienische Feinschmecker kaufen diese Lachsschnitten in dekorierten Packungen.

Alfredo besucht seine schwedische Familie regelmäßig mit einem Kühlwagen, wenn viele Lachse auf dem Stockholmer Markt angeboten werden, wenn er reichlich Brennholz gesammelt hat und wenn Weihnachten bevorsteht: der Lachs gehört zum Festessen der Toskaner.

Ein Jahr später lädt Alfredo den Aachener Freund ein, Ostern in seinem Haus in Carrara zu feiern. Er legt den Schlüssel auf den Tisch und nimmt Abschied. Nur ein Arzt in Stockholm könne sein Leben retten. Bevor der Freund mit Frau und Kind die Koffer packt, um nach Carrara zu fahren, telegrafiert der schwedische Sohn, der Arzt habe es nicht geschafft. Alfredo ist tot.

Die Neugier, sein Haus und die Steinbrüche kennen zu lernen, siegt. Aber die Aachener trauen sich nicht, den Schlüssel zu nutzen. Sie haben Angst, Alfredo in seinem Haus zu begegnen, und finden ein Quartier in Forte dei Marmi.   

Nur wenige Stunden ihres Lebens haben sie ihn gekannt, aber so sichtbar sind wenige in ihrer Erinnerung. Er hinterließ ein Bild, auf dessen Rückseite er geschrieben hat: Studio Crocefissione Chiesa Passione di Fraiburg Marzo 1989 W A R U M ? Auf der Vorderseite drängelt sich unter einer dunklen Grimasse ein Leib (eine Wirbelsäule, ein Kiefer, Knochen) in einer engen Fülle von Gegenständen und Gespenstern. Alfredo hatte große Angst, als er auf dem Weg nach Stockholm in Freiburg Halt machte.


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Huid – Haut

 Berlinde de Brueckere HUID (Haut)

im Bonnefantenmuseum Maastricht

Epischen Ekel verbreitete der Roman DIE HAUT des Italieners Curzio Malaparte, die Schilderung Neapels als Bordell der amerikanischen Besatzungssoldaten nach der Befreiung 1943, Als ich 16 war, erregte es mich mächtig. Später las ich Geschichten über Pfählen, Schinden und Häuten, Apoll und Marsyas und den Märtyrer Bartholomäus, auf dessen Haut in der Sixtina Michelangelo sein Selbstporträt gemalt hat. Als ich Fotos und Filme aus den Konzentrationslagern sah, geriet ich in die Unterwelt der Körper. Ich begann, Schlachthäuser zu empfinden.

Berlinde de Bruyckere soll  bei Gent in der Nähe eines Schlachthauses arbeiten, vor dem die Häute der Tiere so zum Trocknen auf Lafetten gestapelt sind, wie die Künstlerin sie im Museum zeigt. Hier stinken sie nicht. So, wie die meisten  Schuhe fast überall aus Kunststoffen hergestellt sind, so ist auch dieser niederdrückend graue Museumsraum bis zum groben Mattenboden mit geordneten großen Klumpen aus erstarrter Kunstharzlava zwischen den hölzernen Brettern der Lafetten gefüllt und mit großen Mengen von Salz bestreut,  Der monochrome Raum führt den Eintretenden in eine Depression, der er sich nicht entzieht. Das Gewicht der Hautberge hält ihn gefangen.  

Die Künstlerin hält sich an der Größe ihrer Modelle fest. So auch bei zwei gestürzten Pferdekadavern, dem mächtigen Stück eines Baumstamms und einem feierlichen Altartisch mit brennenden Kerzen, auf dem sich unter alten Glasstürzen wächserne Holzscheite wie Reliquien häufen. Eine sehr katholische Frömmigkeit weht durch die Räume und lässt sogar die feinen Zeichnungen von weiblichen und männlichen Geschlechtsteilen als Zeugnisse von Heiligenlegenden erscheinen.

Gruppen von Häuten großer Tiere (Kühe, Pferde) hat Berlinde de Bruyckere in Wandstücken so komponiert, dass sie großen Engelsflügeln gleichen. Einige sind mit Harnischen aus goldglänzendem Blech verbunden und in Gestellte gehängt, so dass sie auf einer Bühne Wächtern gleichen, die den Kampf zwischen Penthesilea und Achilles um Troja begleiten, wie Heinrich von Kleist ihn dramatisiert hat. Sie dienten der Inszenierung der Oper von Othmar Schoeck in Brüssel.

2021 hat der Zeitgeist eine pathetisch dunkle Seite, die der Niedergang der katholischen Kirche am Rand begleitet – diminuendo. Die belgische Künstlerin gibt dieser dunklen Seite mit barocker Ausdruckskraft einen gewaltigen Vordergrund.


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Verrückt werden

Verrückt werden – eine Kalendergeschichte

Anita führte ein Restaurant in Rapallo und bewirtete uns. Wir besuchten ihren Mann. der Genovese Enrico Pedrini, Apotheker in Florenz, Kunstsammler, und ich, Kurator aus Aachen. Claudio Costa, ein großer, kräftiger „Neptun“, schwamm gern und spielte mit seiner Tochter Marisol am Strand. Wir wunderten uns, dass er sich mittags lange in dunklen Winkeln versteckte, als brauchte er Zeit, um sich zu erkennen. Wer bin ich? Woher komme ich?

Claudio hatte sich bei den Kabylen in Algerien und Marokko aufgehalten, deren Aussehen, Verhalten, Sprache und Schrift sich im Widerstand gegen zahlreiche Kolonisatoren erhalten hat. Wer konnte besser die Fragen nach seiner Herkunft beantworten? Er dokumentierte Hautfarben, Tatous, Geräte und näherte sich Künstlern wie dem Deutschen Nikolaus Lang, der dem vergangenen Leben der Alpenvölker nachging, und dem französischen Paar Anne und Patrick Poirier, das seine Bilder aus der römischen Kultur schöpfte. Die unbändige Sehnsucht, sich von der hassenswerten Gegenwart zu lösen, ihren Überfluss zu verachten, die Geschichte der Welt nicht als Summe von Fortschritten. sondern als Lauf von Rückschritten zu empfinden, lebten sie waghalsig aus. Am Tag der Eröffnung der documenta 6 1977 in Kassel lag Claudio dort gefesselt in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrischen Anstalt. Er hatte die Freude, dabei zu sein, nicht ertragen und den Ort des Künstlerfestes demoliert. Die Ärzte baten mich, den Kurator, ihn aus seinem Trauma zurückzurufen. Ich rief vergeblich. Eine Woche später schickte er mir eine Postkarte aus Rapallo mit den Raben über dem Getreidefeld in Auvers von Van Gogh. Er nahm noch an der Biennale von Venedig 1986 teil und suchte mehr und mehr in den Wissenschaften der Anthropologie und Paläontologie nach verlässlichen, logischen Lösungen der Rätsel, die ihn bedrängten, ,gründete ein „Institut zu  unbewusster Materie und Form“, und das Krankenhaus von Genua erweiterte seine Psychiatrische Abteilung um ein großes Atelier, in dem er Materialien ansammelte, Arbeiten ausstellte und Arbeitsgruppen mit Sympathisanten beschäftigte. Enrico Pedrini wünschte, ihm ein „Museum des Menschen“ in Mailand einzurichten, doch Claudio starb überraschend, 53 Jahre alt.

Er hinterließ mir einige große Blätter mit Motiven, in denen er Fotos der Berber glasiert und mit verschiedenfarbigen Platten aus farbigen Erden kombiniert hatte. Unter dieses Blatt klebte er einen langen, mit einer Schreibmaschine gesetzten Text in deutscher Sprache, der seine lebenslange Suche schildert.

„Die Reflexe des Waldes auf Körpern und Gesichtern Immer ist es das gleiche Bild und wir erleben den Wunsch durch das Bild zu schauen in das Imaginäre und den Ursprung und den Beginn zu erkennen“.

Seit er dies geschrieben hat,  nimmt die Ratlosigkeit zu. Wie wird mich die Apokalypse treffen? Immer mehr Bewohner des Erdballs – Pflanzen, Tiere und Menschen – werden  Claudio folgen und verrückt werden.


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Frieden im Ural

Eine

Frieden im Ural 

Dmitri Prigov und Elle-Mie Ejdrup-Hansen

 Er ist DER Künstler der PERESTROIKA, Zu seinem 80. Geburtstag widmet ihm jetzt die Jelzin-Halle in Jekaterinburg eine Hommage russischer und internationaler Künstler. Sie soll an den Zusammenbruch der Sowjet-Union vor 50 Jahren und den Beginn eines neuen Russlands unter dem Präsidenten Jelzin erinnern, als Swerdlowsk  wieder Jekaterinburg wurde. Jelzin und Prigov starben 2007. Prigovs Sohn Andrey kuratierte die Ausstellung.

Natalia Pschenitschnikova. russische Komponistin in Berlin, hat das „67. Alphabet“ Prigovs so komponiert und inszeniert, dass es von 20 russischen Akteure gesprochen und gesungen werden kann.

Diese „Alphabete“ Prigovs bieten sich als Textentwürfe für Aufführungen an: sie lösen das Ordnungsgefüge der Buchstabenfolgen auf und erweitern es in phonetische Appellationen wie „Schreie! Schreie!  Bammm! Tanzen! Tanzen! Bammm!“ Das 67. Alphabet kreist um Ereignisse – Events, punktiert die Weltgeschichte: „Ereignis unter Herodes: Hmmm! Hmmm!“ – und führt in die Gegenwart und Zukunft.

Die Komposition der Natalia Pschenitschnikova, vorgetragen von dem Chor, begleitet als Tonspur eine monumentale Laserprojektion, die die dänische Künstlerin Elle-Mie Ejdrup-Hansen 1995, 50 Jahre nach der Befreiung ihres Landes von der deutschen Besetzung, entworfen hat. als „Himmelslinie des Friedens“,

1995 strahlte der armdicke Lichtstrahl eine Nacht lang wirklich 534 km weit über die Ruinen der deutschen Bunker an der jütländischen Küste. Und ich hatte Dmitri Prigov aus Aachen nach Aland mitgebracht. Er, der sich als Konzeptualist der Perestroika in Europa bekannt gemacht hatte, entwarf zu einem der deutschen Bunker ein trügerisches Gegenbild: den Bunker als Tempel eines rituellen Abendmahls.

Sein Sohn heiratete eine Dänin und trug die Erinnerung an die „Peace Line“ nach Russland. EinTeam machte im Ural Laser-Aufnahmen nach dem jütländischen Beispiel, und Elle-Mie Ejdrup-Hanse fügte zu dem Original von 1995 vier blaue „Hymnen für Prigov“ als Videokompositionen. Im Sound Track hat sie einen russischen Lyra-8-Synthesizer benutzt, um in den „Hymnen“ dem Meer, dem Himmel und den 20 Russen, die das Alphabet sprechen und singen, Klangbilder zu entwerfen. Die 5 großen Projektionen sind aufeinander abgestimmt und laufen in Loops Tag und Nacht.

Die Kunstwelt des Westens nimmt russische Künstler nur dann wahr, wenn sie als Dissidenten des Regimes in Gefängnissen oder im Exil auftreten. So lernten wir Dmitri Prigov in den 80er Jahren kennen, als unter uns die Erde bebte, Staaten auflöste und neu schuf, kulturelle Revolutionen erregte und unendlich viele morsche Institutionen durch neue ersetzte.  Der Impuls, der 1995 jenen Laserstrahl über den Ruinen deutscher Betonruinen an ein Ereignis großer Freude erinnerte, hat sich in einer Epoche der Krisen verändert. Er trägt noch die Befreiung Dänemarks und die Perestroika und erreicht eine Stadt am Ural, in der die Perestroika, die Prigov bekannt gemacht hat, mit Boris Jelzin, dem 1. Präsidenten des neuen Russlands, verbunden ist. Der Impuls ist stark genug, um auf seiner Botschaft des Friedens zu beharren.ee

 Mich hat berührt, dass Dänen mich einluden, an der Befreiung Dänemarks von den Deutschen teilzunehmen, und dass eine Dänin eingeladen worden ist, ein Kunstwerk in Jekaterinburg, einer Stadt von zahlreichen Russlanddeutschen, Partnerstand von Wuppertal,   zu realisieren. Diese Gesten vereinte der Wunsch, über alle Grenzen hinweg zusammen zu sein.


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TANG

TANG – Eine Kalendergeschichte

Auf einem Briefumschlag DIN A 4 ist mit Bleistift geschrieben: Tang-Dynastie I – XXX,

 Briefe der Kaiserin WU? Nachrichten über die Seidenstraße im 7. Jahrhundert? 30 Seiten eines gedruckten Buches vor Gutenberg? Weiß der Absender, der „Tang Dynastie“ sehr bescheiden mit einem Bleistift geschrieben hat, mehr über diese glanzvolle Epoche des chinesischen Kaiserreiches? Die 30 Blätter, die der Umschlag enthält, sind zierlich unten bezeichnet, als 5. Serie von 14 nummeriert, H.S.W. signiert und datiert 2001, und ausgelegt erscheinen sie wie Buchstaben, Logogramme einer Bilderschrift aus Stängeln von Makroalgen, Tang, Schläuche, die die Gasblasen spielerisch verbinden. Die schwarzen Silhouetten stehen frei auf den weißen Blättern. Sie sind nicht schnell mit Pinselzügen entworfen, sondern sorgsam gegenläufig gestaltet, als wären die Blassen Früchte, die an Ästen oder Fäden hängen und mit ihnen Schleifen, Wurzeln, Kandelaber bilden. Hat H.S.W. Seetang gesehen? Erlebt wie ich als Kind an der Nordseeküste? Wenn das Meer nach Stürmen und Springfluten große Bündel von Seetang anschwemmte, in die wir uns lustvoll einwickelten? Sie waren glitschig und rochen wie Mutter Natur. Die dicken, gasgefüllten Blasen, die sie trugen, knallten, wenn wir sie aufschlitzten. Kam die Flut zurück, hatte sich in den Bündeln wie in großen Netzen allerlei Fundgut verhakt, einmal sogar eine Schiffsladung von ungenießbaren Orangen.

30 Blätter nur: da ist die Kaiserin Wu, die ihre Söhne vergiftete; und der  Erinnerung an meine orgiastischen Kinderspiele kehrt in der gewalttätigen Fülle von Tang- und Algenangeboten im Netz und unsren Reformhäusern wieder, die Überlebenselixiere in Flaschen abgefüllt anbieten. Seesterne und Seeigel sind einem Virus zum Opfer gefallen, ihre Nahrung, Seetang kann ungehindert wuchern. Der erwärmte Golfstrom wird neue Urwälder entstehen lassen, in denen dicke Glasblasen fröhlich zerplatzen. Die zartgliedrigen Zeichnungen der Schlauch- und Fadenthalli liegen jetzt vor einem Glasbläser in Murano, der sich bemüht, schillernde Färbungen in den grünen Kleinodien zu erreichen, die er reichen Chinesen unter der Bezeichnung „Wu Zhao“ anbietet. Sie kennen die „Empress of China“ seit 2014 als Serie im staatlichen Fernsehen.

Der Autor der 30 Blätter ist Horst Egon Wiegand. 2001, als der Umschlag in meine Hände geriet, zog ich mich aus dem Ludwig Forum in das Privatleben zurück. So geriet das Paket in ein Archiv, in dem ich von Zeit zu Zeit wühle. Ich lese, dass Wiegand häufig in Norwegen war. So wird er TANG kennen gelernt haben.


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HAUSVERWALDUNG

Hausverwaldung – eine Kalendergeschichte

Er erwartet nicht, dass sein „Gartenhaus“, eine Skulptur, die er aus der Ruine eines Gartenhauses modelliert hat, in einem Gesträuch von Efeu, Clematis und Schlingknöterich verschwunden ist. Aber er hört einen, der in diesem Gebüsch mit zwei Frauen telefoniert. Er findet sie; sie iassen Lianen aus den Fenstern der Gästewohnungen herab wie Rapunzel ihren Zopf. Sie sind Gäste eines Stadtteil -Förderprograms, wie sie in Corona-Zeiten entwickelt werden dort, wo Wohnungen leer stehen und Arbeitslose das Stadtbild beherrschen. Künstler und Handwerker aller Gattungen erhalten Geld, werden in eine der Wohnungen eingeladen und aufgefordert, sie, ihre Fenster, die Fassaden der Häuser und die Freiflächen der Straßen und Plätze zu bepflanzen – und das größte Haus unter ihnen, das Ludwig Forum. Gartenzentren häufen Berge von Mimosen, Kletterhortensien, Euonymus, Geissblatt, Trompetenblumen, wilden Wein im Hof an der Jülicher Straße. Hier konzentriert sich die Arbeit. Hier erreicht die Aufgabe ihren höheren Sinn. Ein Museum moderner Kunst in Aachen Nord, im Industrie- und Arme-Leute-Viertel, das seine Herkunft aus einer Regenschirmfabrik nicht leugnet, diesen mächtigen Klotz aus rotem und gelben Backstein in ein vielfältiges grünes KJeid zu hüllen, ist den ästhetischen Ansprüchen des Hauses angemessen und wird von vielen Menschen schnell verstanden.

Es wird eine Sensation und ein Forschungsobjekt zugleich.  Boden- und wandabhängige Pflanzen, ihre Ernährung und Bewässerung werden ebenso untersucht werden wie ihre klimatische Wirkung auf die Innenräume. Ohne Zweifel werden in den heißen Sommern der nahen Zukunft die grünen Wände kühlend wirken, Feinstaub, Gase und Lärm abwehren.

Es war nicht immer die öffentliche Meinung einer Mehrheit, dass lebende Pflanzen und Bäume zur Existenz des Planeten beitragen. Die Künstlerin Tita Giese ging in der Ausstellung des Ludwig Forums „Natural Reality“ 2000 so weit, eine Baumbepflanzung der Jülicher Straße vor dem Haus vorzuschlagen. Joseph Beuys ermutigte die Kasseler Stadtverwaltung 1982 zu einer Stadtverwaldung mit 7.000 Eichen. Jetzt übernimmt in Aachen eine Bürgerstiftung die Verantwortung für 1,000 Bäume in der Städteregion. Könnte jemand gegen die Begrünung des Ludwig Forums protestieren, wo sogar in der Mitte der Stadt ein Parkhaus durch eine Wiese ersetzt wird? Nichts ist sinnvoller, nichts ist schöner.

Nichts ist einfacher: Das große U des Gebäudes setzt sich aus glatten Flächen zusammen. Die Straßenfassaden werden große bepflanzte Vorhänge bedecken, aus denen die Fenster ausgeschnitten sind, die Horizontalen des Dachs werden wie Wiesen bepflanzt und beschränkt begehbar gehalten (die Kunsthalle Bonn bietet ein gutes Beispiel). Die Horizontalen könnten zu der Kreuzung Jülicher Straße – Lombardenstraße ansteigen, um dort einen Aussichtspunkt zu erreichen.

Die beiden Frauen aus den Gästewohnungen bemühen sich jetzt, den Mann aus dem Gestrüpp der Gartnlaube von Thomas Virnich zu befreien. Sie wollen ihm im Garten zeigen, was von den Installationen Nils-Udos und Alan Sonfists übriggeblieben ist. Ein Freund von ihnen hat die leere Wohnung von Peter und Trude Lacroix bezogen und sie nach dem Test zum Abendessen eingeladen. Auf dem SMS steht VERDE QUE TE QUIERO VERDE: Er hat grünen Spargel geerntet Der Frühling hat begonnen.


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48 illustre Männer

48 Illustre Männer um Gerhard Richter

Eine Kalendergeschichte

Dass Ralf Wierzbowski vorgestern im Facebook 48 Porträts von Gerhard Richter publiziert, hat mich überrascht. Vielleicht sind sie sogar so groß wie die illustrer Männet, die Richter selbst 1971/72 gemalt hat, aber anders, ganz anders. Wierzbowski malt nicht Richter wie Richter, sondern versucht, als Wierzbowski (ich erkenne ihn wieder), einem anderen, Alten (seinem Vater, an dem er sich reibt?), seinem Ruhm, seinem Preis nahezukommen.

Richter saß 1972 im Caffé Florian am Markusplatz in Venedig und wunderte sich über den schlechten Zustand der galleria degli uomini illustri seines Kollegen Giulio Carlini an den Wänden.  Marco Polo, Palladio, Goldoni und Tizian waren kaum noch zu erkennen. Wie wird seine Galerie der Prominenten, die drüben im deutschen Pavillon hängen, in 150 Jahren aussehen?

Warum 48? 48 Ölbilder, 55 cm breit, im Abstand von 55 cm gehängt, würden eine Wand von 53 m Länge füllen; 48 illustrer Männer im Saal, nichts weiter. Kafka, der frontal den Betrachter aus der Apsis anschaut, bezeichnet die Achse. Kein anderer: die Angst des ratlosen Jahrhunderts Die Reihe hängt hoch, man hebt den Kopf, um sie wahrzunehmen. Der sakrale Raum ist pathetisch kalt und leer, und nur einige der schwarz-weiß gemalten Personen sind den Besuchern bekannt.

Kunsthistoriker denken hier an die Galleria degli Uffici, der Cosimo di Medici ein neues Foro Romano hinzufügen wollte, das im 19. Jh. als Würdigung des italischen Genius in einer Loggia von Porträtskulpturen vollendet wurde. Und damals, im Zeitalter der Walhallas und Liebestode malte der Münchener Hofmaler Josef Karl Stieler- in Konkurrenz zu Franz Xaver Winterhalter, dem gerade „Sissi“ in Wien Modell saß, die Galleria delle Bellezze, die Schönheitsgalerie im Schloss Nymphenburg, 36 Porträts (in den Maßen der 48 von Richter!) bedeutender Frauen Münchens – Prinzessinnen, Hofdamen, Tänzerinnen, Sängerinnen……..

2015 zeigte die Nationalgalerie von Urbino das rekonstruierte Studiolo des Herzogs Federico di Montefeltre, ein Meisterwerk der Frührenaissance, in dem 28 Philosophen, Theologen, Dichter, Wissenschaftler, Plato, Aristoteles, Augustinus, Moses, Petrarca, Cicero, Euklid, Albertus Magnus, „Uomini Illustri“, dem Fürsten als Vorbilder weiser Herrschaft dienten. Keinem Zeitalter war so bewusst, das Rinascimento, die Wiedergeburt der antiken Kultur Europas zu erleben.

War es wirklich die Größe des deutschen Pavillons, die Richter veranlasste, 48 Porträts von Männern zu malen, die das 20. Jahrhundert bewegt haben?  Hat er den deutschen Pavillon, der im Dritten Reich gebaut wurde, um die deutsche Kunst zu feiern, in eine Gedenkstätte des deutschen Geistes, in eine „galleria degli uomini illustri“ verwandeln wollen, wie sie in der italienischen Geistesgeschichte bekannt ist? Oder wird hier ein trockener Sarkasmus sichtbar, der die feierliche Geste entwertet und sich in dem Moment offenbart, in dem die 48 Porträts an irgendeiner Museumswand in einer Reihe oder mehreren aufgehängt werden? Welche Mühe! Welche Arbeit!

Die 48 Porträts Gerhard Richters haben weitergewirkt. Um sie zu schonen, hat Richter eine Serie von 48 Fotos herstellen lassen, die – hinter Glas – den Originalen gleichen. Sie sind häufig ausgestellt worden. Gottfried Helnwein hat den Männern 1991, angeregt von Alice Schwarzer, 48 Gemälde prominenter Frauen   hinzugefügt.  Er greift in das 19. Jahrhundert zurück und wählt Tänzerinnen (Pina Bausch, Josephine Baker), Schriftstellerinnen (Simone de Beauvoir, Hannah Arendt), Politikerinnen (Rosa Luxemburg) aus Europa und USA.

Richters 48 Porträts wanderten aus Venedig nach Aachen. Viele haben sie dort gesehen, bevor sie das Kölner Museum Ludwig aufnahm – wie auch die Bilder Helnweins. Ihre Betrachtung ist unscharf geblieben. Sie hängen noch immer zu hoch. So unscharf bleibt auch das Bild Gerhard Richters, das Ralf Wierzbowski 48x malt. Ruhm ist unscharf und vergänglich. Aber seit Gerhard Richter eine seiner ersten Einzelausstellungen 1969 im Gegenverkehr Aachen ausrichtete, seit 1970 in der Neuen Galerie die „Eifellandschaften“ heimatliche Neugier erregten und neben dem Sammler Peter Ludwig sich andere um den Erwerb von Richter-Bildern bemühten, gab es in Aachen auch etliche, die sich gern Schüler des Düsseldorfer Akademieprofessors nannten – wie jene anderen, die Joseph Beuys folgten.  

Es ist mir nicht gelungen, für die Zahl 48 eine andere Bedeutung als die Gerhard Richters zu finden. Wer,  sich wie ich an die Zahl fesseln lässt, möge für sich 48 Personen versammeln, die seinem Leben einmal einen Sinn gegeben haben – etwa die Judith der Bibel, die dem Holofernes den Kopf abschlug,  Don Quixotte und sein Kampf gegen die Windmühlenflügel, Papst Johannes, Herkules, der Antäus in der Luft erwürgte, Janis Joplin, 50 Cent oder die überaus langweilige Mona Lisa. jeder hat ein Recht auf seine Galleria degli personnaggi illustri e famosi.

Abb. Richters Porträts in Venedig 1972 und Katalogtitel dea Studiolos in Urbino 2015


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Seidenstraße Chaina

Seidenstraße CHAINA

Eine Kalendergeschichte

In Taipeh schenkte mir ein Künstler diese Teller. Sie sind aus niedrig gebranntem grauem Ton, und Trudel Klefisch, Asiatica-Händlerin in Köln. meinte geringschätzig,  so etwas exportierten die Chinesen nicht; die Ware kam in kleinen Auflagen aus kleinen Öfen, ihr Dekor folgte bestimmten Vorlagen, und jeder Maler variierte es schnell nach Lust und Laune; ein Vergnügen, das, so meinte der Künstler, sie wertvoll machte.  Wer Erden fand, die bei höheren Temperaturen nicht zerfielen, wer größere Öfen bauen konnte, stellte menschen- und pferdegroße Skulpturen her und entwickelte Farblasuren, die heute in großen Museen leuchten. Die höchste Temperatur – 1450 ° C – verträgt ein Gemisch aus Tonmineralien, Felsspat, frei von Eisen: Kaolin, das in großen Mengen seit dem 18. Jahrhundert im Nordwesten Chinas, in Gaoling abgebaut wird. Dorthin ist Edmund de Waal, Keramik-Künstler in London, gefahren und hat in „Die Weiße Reise“ eine aufregende Geschichte geschrieben. Seine schneeweißen Skulpturen habe ich in einer Ausstellung des Bonnefantenmuseums in Maastricht gesehen. Aber auch Gagosian in New York bietet sie an.

Niedlich, albern fand ich als Student 1961 die weiß0en Figürchen der Berliner Manufaktur, die mir der Direktor des Kölner Kunstgewerbemuseums bewundernd zeigte. Er schickte mich in das Märkische Museum in Berlin, um ihre fotografischen Vorlagen zu inventarisieren.

Das Kaiserreich China förderte von Gaoling aus zwei Produktlinien, die chinesische und die europäische (Porzellan = China). Diese Linie, die zahlreiche Schifffahrtslinien beschäftigte, schrumpfte, je mehr heimische Manufakturen den Markt übernahmen: Meissen, Wien, Sèvres, Chelsea. Berlin….. Die Sammelleidenschaft der Fürsten, Adligen, Großbürger und Bankiers wuchs so sehr, dass ihre Häuser sich von den Salons bis in die Küchen und Gärten mit Porzellanen füllten. Über der Regnitz in Bamberg zieren heute die Straßburger Fayencen und Meißener Porzellane der Sammlung Ludwig das prächtige Alte Rathaus.  So hat erst wieder die amerikanische pop art eine Epochenkultur in Europa beeinflusst. Das Empire der Französischen Revolution hat die Chinoiserie abgehlöst.

Kaum eines dieser europäischen Werke befindet sich in einem chinesischen Museum, sie werden dort, so neinte der Direktor des Keramions in Taipeh, für minderwertig neben den chinesischen Meisterwerken gehalten, Tischdekorationen, Gebrauchsgüter, durchaus nicht vergleichbar mit den kostbar geformten, glasierten, kolorierten Figurinen, die er mir zeigte.

Es war den europäischen Mächten nicht möglich, das chinesische Kaiserreich so zu kolonisieren wie afrikanische Königreiche. Da ihre kostbaren Bildgegenstände komplexer Rituale als Raubkunst nach Europa importiert wurden, wird es lange dauern, bis sie zurückgeführt in neue Museen ihrer Heimatländer als Zeugnisse einer eigenen Kulturgeschichte verinnerlicht werden.

Der taiwanesische Künstler trennte sich nicht gern von dem Schälchen, dessen Außénwand der Töpfer unordentlich mit Kreisen überzogen hat. Er hätte, so meinte er, ohne Ruhmsucht und Geldgier der Kunst ihre Freiheit erhalten.


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Seidenstraßenkunst

Seidenstraßenkunst – Eine Kalendergeschichte

1996 saß ein junger Mann in Peking vor der Nationalgalerie und bot an, eine Ansicht des HUANG  SHAN mit einem feinen Pinsel und schwarzer Tusche auf einen DIN-A 4 Karton in 15 Minuten zu malen –  für 5 US $. Alle kennen die Heiligen Berge und die Kunst der Tuschmalerei, und die ihm zuschauten, freuten sich, wie die Felsen und Bäume vor ihren Augen auf dem weißen Papier entstanden­.

In den Hallen des Museums standen sie dagegen unwissend vor den Werken der Sammlung Ludwig aus Europa und Amerika. 10 sehr große (180 x 230 cm) Linolschnitte von Jörg Immendorff kommentierte ein Mann, der sie überragte: Li Hong-tao, ein feiner, gebildeter Maler, dem der Ruf vorauseilte, nicht nur das Wesen von Kunstwerken zu erkennen, sondern in das Innere anderer Menschen zu sehen und ihre Krankheiten zu heilen. Das Kulturzentrum der Stadt hatte ihn eingeladen, die exotischen Arbeiten zu erklären. Was ist Linoleum? Womit schneidet man Linoleum? Wie groß muss eine Maschine sein, um solche Linolschnitte in 4 Farben zu drucken? Viele Werke dieser Ausstellung ließen erst am Ende die Antwort auf die Frage zu, was sie darstellten. Viel wichtiger erschien dem Publikum: wie waren sie hergestellt? Man kannte seit Jahrhunderten Papier, Tuschsteine und Pinsel, Holzschnitte und gerollte Bilder. Erst als sich China in den kriegerischen Wirren um 1900 dem Westen öffnete, wurden Ölfarben inTuben bekannt. Li Hong-tao war ein Ölfarben-Maler und wünschte sich, seine Bilder neben Ölbildern europäischer Maler zeigen zu können.

Ein Gast des Pekinger Goethe-Institut besuchte das Atelier von Li Hong-tao und vermisste dort alles, was er für chinesisch hielt: die feine kalligrafische Tuschmalerei, die Gegenständlichkeit; stattdessen zeigte ihm der Maler sein neuestes Bild: seinen groben Auftrag von Ölfarben von der Palette, ihre Mischung zu klumpigen Formen, eine kartografische Komposition; in der er Europa am Beginn des Holozäns zu entdecken meinte, als die Landmassen der Kontinente und Inseln aus dem tiefen Atlantik wie Felsen hervorragten. Besser konnte der chinesische Maler sich nicht verstecken: jeder Betrachter des Bildes konnte das chinesische Meer in dieser Landkarte suchen oder annehmen, der Maler lebe in Europa – wie Zao Wou–ki in Paris.

Es gibt  wahrscheinlich weniger europäische Fälscher chinesischer Meisterwerke als chinesische, die Bilder von Van Gogh, Monet oder Matisse in großer Zahl kopieren. Der Kunstmarkt der kleinen Preise nutzt die Seidenstraße gern. Li Hong-tao ist kein Fälscher, aber er nimmt gern in Kauf, für einen Exoten der Ecole de Paris gehalten zu werden – so wie Zao Wou-ki oder die Araberin Far El Nissa Zeid.

Der junge Maler der Heiligen Berge vor der Nationalgalerie begleitete den Gast des Goetheinstituts in die Kunstakademie. Die Studenten fragten ihn über den deutsche Künstler Mas-Dew -iiz aus. Sie meinten Baselitz.


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Ostereier

Ostereier – eine Kalendergeschichte

Der Schornsteinfeger, der unsere Therme kontrolliert, sah die bemalten Ostereier auf unserem Küchentisch und erzählte, er sei in einem Fischerdorf an der Nordsee eingeschult worden. Ihm hatten damals sechs weiße Gänse gehört, die ihn zur Schule begleiteten, auf der Wiese davor warteten und nach dem Unterricht nach Hause brachten. Sie zischten, wenn andere ihn angriffen. Am Montag nach Palmsonntag bot er in der Schule Gänseeier zum Bemalen an. Unter seinen Freunden war ein Rumäne aus der Bukowina, der Bilder von den Klöstern seiner Heimat zeigte, die überbordend mit Geschichten aus der Bibel bemalt waren. Mit den Mustern, die er dort kennengelernt hatte, bemalte er sein Ei und zeigte es den Gänsen. Sie klapperten mit den Schnäbeln, und er wusste, sie lachten. Aber einer gelang doch, Eier zu legen, die an Farbreichtum und Mustern das des Rumänen übertrafen. Er musste ihr glauben: der Flaum am Bürzel zeigte Reste der Farben. Und sie übertraf ihn: ie wiederholte nicht sein Dekor, sondern erfand andere, wie er sie aus Rumänien kannte. Sie war eine rumänische Gans.

Das reiche Repertoire dieser Muster ist in Moldawien nicht nur auf Klosterwänden und Ostereiern, sondern auf Tischdecken und Servietten, Hemden und Pullovern bekannt. Der Schornsteinfeger schenkte mir dieses Farbfoto. Eines der Eier habe der Rumäne bemalt, fünf seien Arbeiten der Künstlerin-Gans. Frohe Ostern! sagte er und meinte, die Eier, die die Russen zu Ostern auf die Gräber legen, seien lange nicht so schön wie die rumänischen. Ihren Gänsen mangele es eben an Kreativität. Der Gedanke, dass sie gut gextopft geschlachtet werden, gefiel uns beiden nicht.

Er