Beckeraachen

Kunstwechsel


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F O T O – S O U V E N I R S

F O T O – S O U V E N I R S

Wir sahen etwas anders aus, als wir 1981 die Ausstellung Aachener Fotografen in der Neuen Galerie in der Komphausbadstraße vorbereiteten. Algirdas Milleris (links) arbeitete im Architekturbüro Weber & Brandt und begleitete den Bau des neuen Klinikums, das 1984 die Arbeit aufnahm, und Mahmud Telfah (rechts) schrieb im Institut für Werkstoffkunde der RWTH an einem Buch über „Wechselbeziehung zwischen ….thermischer Nachbehandlung und Verhalten bei schwingender Beanspruchung des Werkstoffes TiAl6V4“. Klaus Herzog hat uns jetzt in meiner Wohnung fotografiert. Wir leben noch, entdecken, dass Erinnerungen erstaunlich punktuell und lückenhaft sind, schieben alte Bilder neben neue, fragen nach dem Zugewinn – und sind eitel genug, uns über einen neuen Auftritt in der Öffentlichkeit zu freuen – im STADTBAD AACHEN am Blücherplatz, einem kleinen Kulturtreffpunkt, den zu eröffnen ich 2016 Asgar Adami mit einer Ausstellung „Eau d´Aix“ (Wasser in Aachen) geholfen habe. 1981 waren wir neun, fünf Fotografen und die Fotokünstler Barbara und Michael Leisgen hatte ich vorher ausgestellt, der Bildhauer Wolfgang Nestler mit seinen Fotos aus der Eifel sollte folgen wie die provokante Inszenierung von Wilhelm Schürmann und Martin Kippenberger unter dem Titel „Song of Joy“. Wir sind wirklich der Meinung, dass es wichtig ist, an diese Ereignisse zu erinnern. Sogar der Stadtrat beachtete sie damals und vergab Förderstipendien an Fotografen. Die Gegenwartskultur Aachen erreichte einen Zustand kreativer Lebendigkeit – und verlor ihn langsam wieder. Die „Fotoszene“ hat überlebt.

GESCHENKT – GESAMMELT von Wolfgang Becker. FOTOS AACHENER KÜNSTLER. STADTBAD AACHEN am Blücherplatz 16. September bis 13. Oktober 2019Foto Herzog.msg


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Fotos am Eisschrank

 

 

F O T O S   AM   E I S S C H R A N K

An meinem Eisschrank konnte ich lange 20 kleine Fotos und 18 ebenso kleine Texttafeln so hin- und herschieben, dass mir ein Text zu einem Bild zu passen schien – heute, morgen ein anderer. Sie waren magnetisch – ein schweres kleines Paket genannt FUNDSTÜCKE von Michael Dohle. Sie werden in der Ausstellung GESCHENKT – GESAMMELT VON Wolfgang Becker. FOTOS AACHENER KÜNSTLER vom 12. September bis zum 13. Oktober zu sehern sein. Dohle  ist der Literat, der Philosoph unter den Fotografen, den die Ränder des Mediums interessieren, seine Unschärfen und Vieldeutigkeit, seine Bezüge zu Texten – zu Schlagzeilen in Zeitungen, zu literarischen Zitaten, zu glücklichen Fügungen des Zufalls – und zu den vagen Grenzen zur Zeichnung (gern schiebt er – sozusagen stereometrisch – seine Blätter neben die Pastelle der Gerlinde Zantis), die „Losigkeit“ („Lessness“ Samuel Becket 1970 – Das Thema war Gegenstand einer Ausstellung mit Bernd Radtke und Ralf Wierzbowski 2012). Die „Fundstücke“ sind ein gutes Beispiel einer Fantasie, in der Bilder und Texte, Einbildungen und Ideen, Zahlen und Buchstaben die Freiheit fliegender Blätter genießen.

Abb. Aus den FUNDSTÜCKEN von Michael Dohle

 

 

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Fotografie = Kunst?

70ER J AHRE:

EIN    STREIT IN AACHEN:

I S T   F O T O G R A F I E   K U N S T ?

 

Die documenta 6 in Kassel hat 1977 die Fotografie in die Bildgattungen aufgenommen, die wir gläubig zur Kunst zählen; und sie mit der Retrospektive „150 Jahre Fotografie“ „geadelt“. Die Fotokünstler Barbara und Michael Leisgen aus Aachen nahmen an der documenta teil.  Drei Jahre zuvor hatte ich in der Neuen Galerie ihre Fotoarbeiten vorgestellt. Der Bildhauer Wolfgang Nestler fotografierte in Kalterherberg die beschnittenen Hecken, die die Häuser schützten, als wären sie Skulpturen. Aber nicht nur die Künstler, die das Medium Fotografie benutzten, auch die Fotografen, die „Lichtbildner“, die Dokumentalisten, Berufs- und Amateurfotografen meldeten sich: Anne Gold, Klaus Herzog, Wilhelm Schürmann, Herbert Albert, Hans Martin Küsters, Peter Helm, Heiner Ix, Irmel Kamp, Hans Laven, Algirdas Milleris, Ales Sobota, Mahmut Telfah und Wolfgang von Contzen. Der Fotograf Wilhelm Schürmann und der Maler Martin Kippenberger inszenierten 1983 in der Galerie eine provokante Synthese ihrer Medien mit dem Katalog „Song of Joy“. Er widerspiegelt die Verwirrung, die die zeitgenössische Kunstwelt zwischen Bildkunst und Fotografie beherrschte: „Kippenberger und Schürmann führen uns ihre Medien im Zustand von Erdbeben vor, in dem Glaubwürdigkeit durch Ungläubigkeit, Unsicherheit und Angst ersetzt ist.“ (Zitat aus dem Katalog)

 

Damals ist die Aachener Fotografen-„Szene“ vorwiegend aus Studenten der RWTH entstanden;  Privatgalerien wie Schürmanns und Kickens „Lichttropfen“ und „Medium A“ haben sie nachhaltig gefördert; und sogar der Rat der Stadt beschloss 1979, die „neue Kunst“ durch die Vergabe von Stipendien zu ermutigen (Albert, Küsters, Schürmann). Schürmann gehörte zu denen, die nach Fotografen der fruchtbaren 30er Jahre forschten. In Prag entdeckte er Josef Sudek. Der Kunstmarkt öffnete sich begierig dem neuen, alten Medium.

Aber war ein Abzug eines Negativs auf Fotopapier so viel wert wie eine originale Zeichnung, wenn der Autor das Negativ zerstörte – wie Klaus Herzog?  Wilhelm Schürmann widersprach: es sei die Eigenart des Fotos, dass es vervielfältigt auftrat, und im Übrigen sei jeder Abzug von dem vorigen ohnehin unterschieden. Erst die Digitalisierung hat den Streit beendet: das Original ist eine Datei, der Abzug ein Druck – auf einem Papier, wie es für den Druck von Zeichnungen verwendet wird. Abzüge auf Fotopapier werden Raritäten und können sehr teuer sein.

Im STADTBAD am Blücherplatz in Aachen eröffne ich am 12. September eine Ausstellung mit Fotos Aachener Fotografen 1970-2018. Einige werde ich hier vorstellen.

Abb. Wilhelm Schürmann „Dickes Kind“ 1982

 

 

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Blicke in Schaufenster

B L I C K E   I N   S C H A U F E N S T E R

Dem Jordanier Mahmut Telfah habe ich Unrecht getan. Er hatte an der Ausstellung der Aachener Fotografen in der Neuen Galerie 1981 mit Bildern von Schaufensterpuppen teilgenommen. Wir suchten sie in meinem Archiv und fanden andere vor seinen. Sie waren hinten signiert  Heinz Schubert. Ich fand ihn  in Wikipedia:  Ekel Alfred in „Ein Herz und eine Seele“. Er war mit diesen Fotos auf der documenta 1977 in Kassel und einem Fotoband „Theater im Schaufenster“ hervorgetreten. Warum lagen Schaufensterpuppen damals in der Luft?  Warum wurden Schaufensterdekorationen beklatscht und prämiiert? Sie illustrieren den letzten Höhepunkt eines Kaufhaus-Konsums (es gab Satiren über die Schaufenster in sozialistischen Ländern). Ihn hat der Online-Konsum ebenso abgelöst, wie die Puppen ersetzt wurden durch TV-gerechte, kosmetisch ausführlich behandelte lebende Modelle, die sogar sprechen können. Für mich endete die Auseinandersetzung mit Schaufensterpuppen bei dem Kölner Künstler Bernard Schultze, der sie misshandelte, zerschnitt, zerriss, beklebte, auswuchern ließ und mit giftigen Pflanzen umspannte. Aber auch Vostell und andere tobten sich an ihnen aus.

 

Telfah, Maschinenbaustudent an der RWTH, hat 1976 begonnen, Fotos in der jungen Galerie medium a, über die ich gern mehr wüsste, auszustellen. Heute hat der Ingenieur den Sprung in die digitale Fotografie leichtfüßig geschafft und digitalisiert alte Negative. Wir haben im Aachener KUNSTWECHSEL eine Serie vergrößerter Blätter von Pflanzen ausgestellt, um ihre Strukturen, ihre Adern zu bewundern – großformatige schwarz-weiße Digigrafien.

Schubert hatte die Schaufenster in eine Bühne verwandelt, auf der er die Puppen pathetisch in eine Inszenierung transportierte. Telfah hielt sich tugendhaft zurück. Ihn interessierte dieser erste Augenblick des Vorübergehenden, in dem er die Puppen für lebende Wesen hält, merkwürdige, komische Menschen oder Tiere, die ihn anschauen. Er lacht dann und geht weiter, wenn ihn nicht eine Krawatte oder ein Rasenmäher zum Kauf verleitet.

Abb. Mahmut Telfah Hasenköpfe 2016

Die Ausstellung „Geschenkt – Gesammelt von Wolfgang Becker – Fotos von Aachener Künstlern im Stadtbad Aachen am Blücherplatz wird am 12. September um 19 h eröffnet.

 

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Sterne

 

1962 begann das EUROPEAN SOUTHERN OBSERVATORY (ESO) in der chilenischen Atacama Wüste seine Arbeit.  Für eine Sternenkarte der gesamten südlichen Hemisphäre entstanden in den 70er Jahren 2 Sets von je 606 Fotos. Eines dieser Sets (Negative auf Film) erwarb Thomas Ruff 1989 und schuf eine Serie von mindestens 12 großen Fotoarbeiten (verschiedene Größen bis zu 350 x 200 cm).  In den 70er Jahren hatte die Amerikanerin Vija Celmins begonnen, mit Graphit auf Acrylgründen Galaxien zu malen, eindrucksvolle dunkle Bilder auf Papier, kleiner als die Fotoarbeiten von Ruff. Es gibt andere Beispiele. Seit dem 15. Jahrhundert haben Künstler das Firmament gemalt. Astronomen bestätigen, dass Vincent Van Gogh die nächtlichen Himmel nicht erfunden, sondern den Lauf der Sterne und Sternschnuppen beobachtet hat. Und als 1969 der 1. Mensch den Mond betrat, begannen viele Künstler die Fotos zu bearbeiten, die Präzisionskameras aufgenommen hatten.

Die 384.400 km zwischen uns und dem Mond lassen uns keine Zeitverschiebung empfinden. Touristen bereiten sich im Silicon Valley zu Tagesausflügen vor. Aber das kosmische Universum, das die Teleskope aufnehmen, ist nur in seinen Bildern gegenwärtig, vergangen, ausgelöscht seit Tausenden von Jahren; wir blicken in seine Geschichte und fragen nach seinem Ursprung. Folglich sind alle Bilder des Weltalls, die Künstler erarbeiten, andere als solche, die sie auf der Erde wahrgenommen und wiedergegeben haben; und es versteht sich, dass sie die Neugier der Wissenschaftler mit der ihnen eigenen Fantasie reichlich füttern.

Wir können nicht ermessen, welche Energien Oberflächen und Atmosphären benachbarter Planeten zerstört haben. Aber wir haben Gründe anzunehmen, dass die Menschen selbst die existentiellen Gefährdungen der Erde verursachen. Wären sie nicht bereit, das Verhältnis zu ihrem Wohnort  schnell und gründlich zu verändern, so bleibt ihnen nicht erspart, nach anderen Sternen auszuschauen, die sie aufnehmen könnten.

Abb. Richard Hamilton Digitaldruck „The Heaventree of Stars“ 1998

nach James Joyces Beschreibung des Nachthimmels im „Ulysses“:

Sternkarte des Nordhimmels

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Museum – Kerker 3

M US E U M   K E R K E R   3

D A S   S C H A T Z H A U S

Jene, die die Schönheit eines Mannes bewundert, seinen Blick, seine Brust, seinen Waschbrettbauch, seine Afterbacken, seinen Gang, folgt ebenso einem biologischen Zwang  wie die Pfauenhenne, die der Faszination des blau glitzernden Rades erliegt, das der schlägt, der um sie wirbt. Aber wir finden ihn nicht mehr bei Menschen, die Hunderte von Schmetterlingen durchbohren und in Vitrinen ausbreiten oder zahllose Blumen in einem Garten pflegen – oder gemalte Stillleben aus vielen Ländern und Jahrhunderten sammeln.  Sie sind der Schönheit der Farben in vielerlei Erscheinungen erlegen, und wenn wir nicht nach rationalen oder gar wissenschaftlichen Gründen suchten, könnten wir ihre Besessenheit als eine Sublimierung oder gar Perversion des biologischen Zwanges betrachten. Die Schatzhäuser der europäischen Antike begleiteten die Tempel der Götter und füllten sich mit geweihten, religiösen Gegenständen der Verehrung. Götter sind Sinnbilder der Vollendung der Menschen; Götter sind schön. Sie darzustellen und göttergleiche Menschen ihnen nachzubilden in Marmorstatuen und Reliefs, auf Vasen und auf Wänden blieb lange das höchste Ziel der Künstler, die dazu berufen waren, bis die Götterbilder hinter den Menschenbildern verblassten. Langsam wurden auch die Tesauri Tresore und Banken, bis diese aufhörten, Gold und andere Wertgegenstände aufzubewahren, die in realem Geld gezählt werDie aufblühenden Wissenschaften beherrschten dagegen die Museen der letzten Jahrhunderte; sie schufen die Schönheit in ihren Ordnungen: Gerippe und Tierpräparte aus der Zeit vor den Menschen, Versteinerungen vom Paläolithikum bis zu Fundstücken von Mond und Mars, Skulpturen, Wandmalereien, Ikonen, Gemälde von Altägypten bis in die Neuzeit: von Raum zu Raum folgen wir im Louvre der Chronologie der Jahrhunderte, und nur dort, wo den Historikern die Dokumente und Überlieferungen fehlen, ersetzen sie die Chronologien durch Topografien und Stammesbezeichnungen: Eskimos, Sioux, Apachen, Azteken, Inkas, Dogon, Berber, Senufo, Ashanti, und bedauern, unzählige Zeugnisse dieser Kulturen zerstört zu haben.

Die Raubzüge der Europäer haben dazu beigetragen, den Konsens über Schönheit zu vernichten. Die Importe afrikanischer Skulpturen um 1900 haben nicht nur den „Demoiselles d´Avignon“ des jungen Picasso ihr Gesicht gegeben. Das Afrika-Museum im belgischen Tervuren, das aus einem „Kongolesischen Dorf“ 1898 entstanden ist, das König Leopold II. aus seinem Freistaat Kongo importierte, bietet das komplette Bild einer kulturellen Aneignung. Erst die neuen Museen in den arabischen Emiraten versuchen, gleiche Bilder in Objekten verschiedener Weltkulturen vergleichend nebeneinander zu zeigen. Dort entstehen Schatzhäuser, die frei sind vom Ballast einer kriegerischen Geschichte, weil alles, was sie erwerben, aus einem Trümmerfeld zusammengetragen ist, das sie nicht verursacht haben.

Das Bildungsmodell dieser Museen ist gering von Erinnerungen belastet, wie sie unsere europäischen Schatzhäuser füllen. Sie beherbergen Zeugnisse heimischer Künstler, die die kulturgeschichtliche Bedeutung der Standorte illustrieren. Die Schönheit dieser Gegenstände liegt in ihrer Verbindung mit dem heimischen Besucher: ein Bild von Stefan Lochner für den Kölner, August von Brandis für den Aachener, Carl Joseph Begas für den Heinsberger.  Sie erzählen von Epochen, in denen Sammler ihrer Heimatstadt weltweite Aufmerksamkeit geschenkt haben: James Simon in Berlin, Frieder Burda in Baden-Baden und Peter Ludwig in Aachen.

Abb. Afrika-Museum Tervuren, Belgien

 

 

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Museum Kerker 2

M U S E U M   K E R K E R   2

M U S E U M   +   F O R U M

Emma Duiker in der Novelle „Duell“ von Joost Zwagerman hat mich angeregt, über die Institution Museum nachzudenken. Die Behauptung eines Besuchers „Das kann ich auch“ „A child could do it“ verwandelt das Museum in eine Vorbildsammlung und Lehranstalt, wie sie die englische arts-and-crafts-Bewegung des 19. Jh. in das Kunstgewerbe getragen hat. Die Verehrung der Alten Meister und ihre Nachahmung hat die chinesische Kunstgeschichte seit dem 10. Jh. bestimmt und verwirrt den zeitgenössischen Betrachter bei seiner Suche nach Chronologien. Aber auch die Nazarener und die Präraffaeliten im frühen 19. Jh. haben sich bemüht, den Italienern des 15. Jh. nachzueifern. Erst der radikale Paradigmenwechsel um 1900, das Zerbrechen akademischer Traditionen, die Ablösung des Handwerks der Malerei von den Aufgabe, einen Gegenstand der sichtbaren Welt darzustellen, und die Entgrenzung bildkünstlerischer Arbeit in die Felder der Fotografie, der Massenmedien, des Theaters, Tanzes und der Musik haben einerseits die Schatzhäuser der alten Kunst in verehrungswürdige Tempel und Pilgerstätten verwandelt und andererseits einen neuen Typus der Kunsthalle, des Kunstpalastes, des Kunsthauses, des Forums geschaffen, in dem KUNST in allen Facetten ERLEBT werden kann – nicht anders als die Erfindungen zeitgenössischer Technik in den Industriemuseen, die sie versammeln.

Als Sammelstätten ungezählter Erfindungen scheitern solche Foren häufig an mangelnder Übersicht und kulturpolitischer Mission. Während sie ermüden, findet die Kunst auf der Straße statt. Die Graffiti-Schreiber der Bronx hatten vor 50 Jahren, als sie unerlaubt die New Yorker Subway illustrierten, die Mission, die Verelendung ihrer Lebensorte lautstark und provozierend zu beklagen. Seitdem ist eine Gattung der visuellen Kunst entstanden, die ebenso wenig eine Geschichte hat wie die abstrakte Malerei und Skulptur vor ihr. Und sie hat sich an ihren Rändern ebenso in die offizielle Wandmalerei, in Werbung und Verschönerungsprogramme ausgebreitet wie ihre Vorgänger in das Graphic Design.

Ihre kulturpolitische Mission ist versandet. Es macht Spaß, mit Spray Gun und Pochoir nachts waghalsig ein schwer leserliches, arabisch anmutendes Ornament auf den Beton einer Unterführung zu heften, man ist zufrieden, Honorare öffentlicher Institutionen einzustreichen und lacht über die Anstrengungen der Reinigungskräfte, mit neuartigen Chemikalien „Verunreinigungen“ zu beseitigen.

Die Stadt lebt. Die Freiheit der Kunst hat sich entfaltet, und dort, wo sie ihren privilegierten Platz haben sollte, wo sie Vorbild sein, wo die Bildung der Menschen stattfinden sollte, ist es still. Dieser Zustand ist unerträglich. Die Zuordnung der kulturellen Orte stimmt nicht mehr. Denn eigentlich sollte dort, wo die Stadt lebt, der Mittelpunkt sein, dort sollten alle Arterien, die durch diesen Körper pulsieren, ihr Herz haben. Im FORUM, dem Platz der Volksversammlung in der Antike, sollten alle Instanzen versammelt sein, die das kulturelle Leben einer Stadt bestimmen: Ämter, Vereine, Bibliotheken, Bildungseinrichtungen, Gaststätten, Werkstätten, Kinos und digitale Labors.

Es mag möglich sein, einem Forum eine museale Zelle zuzuordnen, in der wie in einer Vorbildersammlung nachahmenswerte Meisterwerke einer vergangenen Zeit bewundert werden können. Aber das Schatzhaus, in dem die Bilder der Erinnerungen bewahrt werden, ist kategorisch ein anderer kultureller Ort, und kein lebender Künstler sollte wünschen, seine Bilder dort zu sehen.