Beckeraachen

Kunstwechsel


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Bongs-Beer/ Mispelbaum

PORTRÄTS

Zu den Aachener Ausstellungen von

Eugenie Bongs-Beer in der Galerie Deubner, Nizzaallee 45, offen sa-so 14-18

Hermann Josef Mispelbaum im Kulturwerk, AC-Arkaden, Trierer Str. 1 0ffen mo-sa 13-19

 

Was dem Hersteller von Selfies beiläufig gelingt, kostet den Künstler Mühe, ob er nun Mensch oder Tier abbildet so, dass der Betroffene und seine Freunde erstaunen, oder ein Bildnis erfindet, das nichts anderes als ein Selbstbildnis sein kann. Eugenie Bongs-Beer gehört als Bildhauerin zu den Klassikern und schließt sich mit ihren Gipsen und Bronzen einer Tradition an, die in Athen im 6. Jh. v.Chr. beginnt. Der Gips- und der Bronzekopf der Johanna stellen auch für den, der sie nicht kennt, vollendet die Summe aller liebenswürdiger Reize eines kleinen Mädchens dar, möge es hier oder irgendwo auf der Welt leben. Viel schwerer ist zu sagen, wann es lebt, denn die Tradition hebt es aus der Gegenwart. Ich bin ähnlichen schon in Museen und Schlössern des 19. Und 19. Jh. begegnet. (In ihren gemalten Bildern der Ausstellung öffnet die Künstlerin übermütig improvisierend die Fenster zur Zukunft, als folgte sie 2 verschiedenen Lehren – Bobek und Beuys, ihren Lehrmeistern).

Eugenie Bongs-Beer und Hermann Josef Mispelbaum sind gegensätzliche Künstlerexistenzen, obwohl beide aus der Düsseldorfer Akademie kommen. Er ist ganz und gar gegenwärtig, stellt sich seinen Ängsten, Enttäuschungen und Depressionen, die ihn ebenso in seinem eigenen Leben wie in den Erschütterungen, Krisen und Kriegen der Welt bedrängen, lebt in einem engen Atelierhaus wie ein Messi, der die Abfälle der Zivilisation um sich versammelt, mit flüssigem Gips, Klebstoffen und Farben zu kleinen und großen Monumenten zusammensetzt, Figuren „knetet“ über Teekannen, Tellern, Wanduhren, Löffeln und allerlei Geschirr, das ihm Besucher mitbringen. Er eignet es sich an und schaut den Betrachter lächelnd aus diesen Häufungen an. Er ist es. Ich erkenne ihn wieder.

Die Ausstellung ist sehr gut komponiert und versammelt neben dem Kreis der Figuren zahlreiche Gruppen seiner meisterhaften Zeichnungen.


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Zum Hambacher Forst

Zum Hambacher Forst

Albrecht Altdorfer „St. Georg und der Drachen“ 1510

 

Jener bewaffnete Ritter, der allmächtige Polizist, der im undurchdringlichen Wald den Drachen findet und erschlägt, verharrt dort, wo keiner sich hin traut, wo die Natur unbeherrschbare, wuchernde Wildnis ist. Er ist der einzige, der keine Angst vor ihr hat. Albrecht Altdorfers Vorstellung ist 500 Jahre alt. Jetzt ist der Wald gezähmt, den Menschen in der Stadt benachbart, der allmächtige Polizist sorgt für Ordnung im Wald, damit die Menschen aus der Stadt ohne Angst vor Drachen und Unholden den Wald besuchen können. Alle Geschichten aus den Wäldern, von Robin Hood bis Hänsel und Gretel, erzählen von schrecklichen Ängsten, die die Menschen nicht mehr kennen. Und so wären alle Wälder gefährdet, als Hindernisse und Rohstoffe beseitigt zu werden, wenn nicht diese neue, nie da gewesene Angst sich zunehmend ausbreiten würde, dass der Erdball und seine Bewohner sich in einen unbewohnbaren Feuerball verwandelt, wenn der letzte Baum gefällt ist.

Diese Angst schafft sich Bilder. Jeder Baum, jedes noch so kleine Waldstück – wie der Hambacher Forst – ist ein solches Bild, ein Bild der Angst und ein Symbol der Hoffnung.


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Zum Hambacher Forst

Bemerkungen eines Unpolitischen

Offener Brief an den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

lieber Herr Laschet,

Ich bin froh, dass es meinem Freund, dem guten und bekannten Künstler Helge Hommes gelungen ist, im Hambacher Forst in diesen Tagen 11 große Bilder zu malen, und ich hoffe, dass sie eines Tages in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf gezeigt werden. Denn der Hambacher Forst wächst jetzt mehr und mehr zu einem Bild, einem Symbol für einen Zustand unserer Gesellschaftskultur, und ich lese mit Erschrecken, dass Sie sich abwenden, eine Auseinandersetzung verweigern und so eine Krise fördern, die ihrem Höhepunkt entgegen gleitet.

Ich bin durch den Hambacher Forst gelaufen und habe an Walter Scott und Robin Hood und Sherwood gedacht, die alten Steineichen und Buchen bewundert, die fragilen Architekturen der Baumhäuser, habe mit einer jungen Bewohnerin über die Geschichte dieses Waldes gesprochen, der ganz und gar die Geschichte des Rheinlandes spiegelt, und habe mir vorgestellt, Sie machten sich für Ihr Heimatland stark, dieses bis jetzt erhaltene bescheidene Reststück des schönen Waldes dem Industriekoloss RWE abzukaufen und in ein liebenswertes Stück Naturpark verwandeln lassen, in dem friedliche  Menschen, die den Städten entfliehen, in Baumhäusern wohnen können. (Es werden nicht viele sein, denn die dort jetzt wohnen, werden den Wald verlassen, sobald er nicht mehr bedroht ist.)

Um dem Maler freien Zugang zum Wald zu verschaffen, habe ich mit der Einsatzleitung im Aachener Polizeipräsidium und einigen Ordnungskräften vor Ort gesprochen und bin überall einer Verlegenheit begegnet, die deutlich macht, dass niemand ein vitales Motiv hat, niemand zu einer Entscheidung bereit ist, ohne zurückzufragen (so dass sogar die Polizeigewerkschaft sich wehrt), dass sogar die Autoritäten der RWE den Wald nur noch einer Sanierung der Tagebaugrube geopfert sehen – kurzum: es wird einer gebraucht, der mit der Faust auf den Tisch haut, ein Ministerpräsident (ich war nur Museumsdirektor, aber ich weiß, wovon ich rede).

Das Szenario der Räumung, und Rodung, das jetzt begonnen hat, entsetzt mich. Übergriffe, Verletzungen, Anklagen, Zerstörungen und hilflose Demonstrationen, Waldspaziergänge von Menschen, die ihren Kindern die Bäume und ihre Bewohner zeigen, bieten sich den Medien weit und breit. Sie verlieren Ihre Wähler, lieber Herr Laschet, wenn Sie nicht einschreiten, Schlichter einsetzen, Gespräche führen und deutlich machen, dass Ihnen in Ihrer Position die zahlreichen Menschen, die das kleine Waldstück erhalten wollen, nicht gleichgültig sind, ja, dass es Ihnen als gewähltem Repräsentanten der Exekutive, eine Pflicht ist, Entscheidungen zu verteidigen, die Sie verantworten – und, neuen Einsichten folgend, zu korrigieren.

Der Kohlebedarf sinkt, der Tagebau wird desolat, die Grube verwandelt sich in einen großen See, an dessen Ufer steht ein alter Wald…..ERHALTEN SIE DEN HAMBACHER FORST!

Mit herzlichen Grüßen

Wolfgang Becker

http://www.wbecker.kulturserver.de


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Zum Hambacher Forst

Zum Hambacher Forst

Bildwelten

Anselm Kiefer „Humbaba“ 2009

Er heißt Kiefer wie ein Baum und kommt aus dem Odenwald. Der Wald ist die Heimat dieser Künstlerfantasie. Die Varus-Schlacht im Teutoburger Wald hat ihmr schon früh dazu gedient, eine dunkle Waldlandschaft zu malen, eine blutbefleckte, in die Tiefe führende Schneise, gefüllt mit hinein geschriebenen Botschaften und Worten: Varus, Hermann (der Cherusker), Thusnelda (seine Frau), Stefan (George), Martin (Heidegger), Schlieffen (Generalfeldmarschall Alfred von Schlieffen, Schlieffen-Plan 1905, 2-Fronten-Krieg 1914). Die Worte geben dem Landschaftsbild eine breite und tiefe Resonanz.

Der Titel „Humbaba“ klingt musikalisch, meint aber auch einen Helden, und keine Figur der uralten Geschichte passt besser zum Schicksal des Hambacher Forstes als er, der mächtige Hüter des libanesischen Zedernwaldes im Gilgamesch-Epos aus dem 2. Jahrtausend v. Chr.

Gilgamesch, Herrscher in Uruk, und sein Diener Enkidu brauchen das kostbare Holz, um dem Gott Enlil ein Tor für seinen Tempel zu bauen. Enkidu weiß: „Wir machen den Wald zur Einöde“. Sie müssen Humbaba töten. Humbaba hört, wie Gilgamesch und seine Truppe Bäume zu fällen beginnen, und schickt sie mit einem seiner 7 Schreckensstrahlen in tiefen Schlaf. Erwacht überlistet Gilgamesch, Humbaba mit Geschenken und Versprechungen und fesselt ihn. Enkidu schlägt ihm den Kopf ab. In Urduk zürnt der Gott Enlil, weil der Waldhüter unter seinem Schutz stand. Er befiehlt, die 7 Schreckensstrahle Humbabas zu verteilen –   an das Feld, den Fluss, das Schilfmeer, den Löwen, den Palast, den Wald und die Göttin Nungal.

Zeitenwende: ein Wald soll nicht gerodet werden, weil sein Holz Begierden weckt, sondern sein Untergrund. Aber auch die Waldhüter dieses Waldes drohen den Eindringlingen zu unterliegen, die aus der Stadt kommen und für das Licht und die Wärme der Einwohner aufzukommen vorgeben.

 

 


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Bildgeschichten

Der Heilige David von Thessaloniki predigt auf einem Mandelbaum

Miniatur Kreta 16. Jh. Katharinenkloster Sinai

Italo Svevo „Der Baron auf den Bäumen“, Conte philosophico 1959

Alle, die zu vielen anderen sprechen, erheben sich – auf ein Podest, eine Kanzel, einen Er schuf sich seine Unterkunft inmitten der Zweige eines Mandelbaumes, von wo er, gleich einem entzückend zwitschernden Vogel, alle, die ihn besuchten, durch seine Reden erfreute.Turm, einen Baum. Alle hören ihnen zu. Sie haben eine Macht – die Macht der Sprache, des Wissens, der Botschaft. Die Bildgeschichte kennt wenige, die dabei auf einem Baum sitzen. Dieser Daniel lebte im 6. Jahrhundert und wurde als Asket und Eremit, als eine Art von Säulenheiligen, geachtet. Ein Messbuch der byzantinischen Kirche schreibt: „Er schuf sich seine Unterkunft inmitten der Zweige eines Mandelbaumes, von wo er, gleich einem entzückend zwitschernden Vogel, alle, die ihn besuchten, durch seine Reden erfreute.“

1959 erzählt Italo Svevo die Geschichte von einem Baron in Ligurien, der 12-jä#hrig im Trotz gegen seine hoch adlige Familie und ihr Leben (seine Schwester will ihn zwingen, Schnecken zu essen) beschließt, auf einem Baum über dem Landsitz zu wohnen. Nie wieder wird er den Boden betreten, sondern in einem Wald leben, in dem er sich leicht von einer zur anderen Baumkrone fortbewegen kann. Viola, die ihn liebt, zieht zu ihm, und sie organisieren eine anarchistische Gruppe, die überall, wo am Rand des Waldes Unrecht geschieht, eingreift.

Daniel und Cosimo sind bessere Menschen als andere, weil sie auf Bäumen leben. Der eine oder andere Bewohner der Bäume im Hambacher Forst mag sich auch für einen besseren Menschen halten, der die Welt als missratene Schöpfung betrachtet.  Ich habe Cosimo oft beneidet. Und ich weiß auch:  eine Welt voller Menschen kann nicht ohne Bäume existieren.

 

 


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Bildgeschichten

Gordon Matta-Clark „Tree dance° 1971 Vassar College

Das Restaurant FOOD In SoHo, das ich bei meinen ersten New York-Reisen besuchte, gründete der umtriebige „Anarchitekt“ (Anarchist und Architekt) Gordon Matta-Clark mit den Künstlerinnen Carol Goodden und Tina Girouard. Sie luden Maler, Tänzer, Musiker und Schasuspieler ein, dort zu kochen und zu essen. Philipp Glass lud mich dort ein, während einer Konzertreise seine Wohnung und seine Katze zu hüten. Matta-Clark begann eine kurze, steile Karriere in diesem Milieu. Für den Park des Vassar College entwarf er ein Baumhaus und spannte Netze mit Seilen, Leitern und Hängematten, in denen Tänzer   einen „Tree Danse“ als Performance durchführten. Es war Winter, der Baum nackt, die „Anarchitektur“ sichtbar, die Tänzer beendeten die Vorführung mit einem Frühlingsritual, indem sie aus der Höhe Pflanzensamen mit vollen Händen über die Wiese hinabwarfen. You Tube zeigt den 16 mm Film, der damals entstanden ist. Filmkopien und Fotos sind heute im Besitz mehrerer Museen. Wenn Gordon nicht 35-jährig gestorben wäre, würde ic h ihm heute den Hambacher Forst und seine Baumhäuser zeigen. Er wäre begeistert von ihrer ANARCHITEKTUR:(Der „Anarchitekt“ brachte eine 20 m lange Fotorolle in die Neue Galerie, die einen der ersten Züge der New Yorker Subway zeigte, der ganz mit Graffiti bemalt war – Dokument einer neuen Kunst, die sich schnell verbreitete)