Beckeraachen

Kunstwechsel


Hinterlasse einen Kommentar

Das berühmteste Bild der Welt

DAS BERÜHMTESTE BILD DER WELT

 

In Garry Dishers Kriminalroman PEACE stoße ich auf eine Kopie des Bildes „Christina´s World“ von Andrew Wyeth. Constable Hirschhausen reinigt sie sorgsam an der Wand seiner Polizeistation in Tiverton (nahe Adelaide/ Australien). Das Original hängt seit 1948 im Museum of Modern Art in New York. Es taucht häufig auf:  in Katagaki Naomi’s Wohnzimmer in dem japanischen Animationsfilm HELLO WORLD oder auch in dem australischen Horrorfilm NEXT TO KIN. Wenige Bilder sind so oft in Spielfilmen zitiert worden, und häufig haben Filmszenen Schauspielerinnen in der Pose der Christina wiedergegeben.

Christina Olsen war, als Wyeth sie malte, eine 55-Jährige mit schwachen Gliedmaßen, die sich, nach einer Kinderlähmung an einer Polyneuropathie leidend, mühevoll fortbewegte. Ihrer Familie gehörte das Anwesen in Maine, und Wyeth war einer ihrer regelmäßigen Besucher. Er hat sie immer wieder gezeichnet und gemalt.

Das 80 x 120 cm große, farbig zurückhaltende Ei-Temperabild zeigt sie allein, eingebettet in die weite trockene Wiese, die bis zum hohen Himmel reicht; ihr lagernder Körper ist nicht dem Schuppen zugewendet, der in der Mitte auf dem Horizont steht, sondern dem größeren Wohnhaus, zu dem rechts ein Feldweg führt. Von dort hat der Maler, so berichtet er, sie beobachtet. Aber gemalt hat er sie, als stünde er hinter ihr. Es gibt wenige Bilder mit Rückenfiguren, die, ohne dass sie ihr Gesicht zeigen, so beschwörend schauen.

Ich gehöre zu denen, die bei der ersten Begegnung mit dem Bild eine junge grazile Frau in einer Gebärde der Sehnsucht wahrgenommen haben und ein Anwesen, ein Haus, eine Familie, ein Traum, von denen sie getrennt ist. Beim zweiten Mal hat mich der Zustand der Hände, Arme und Beine unsicher gemacht, und ich habe zu fragen begonnen. Wyeth selbst hat mich getäuscht. Seine junge Ehefrau diente ihm als Modell der Gelagerten. Nur die Haare, Arme und Beine sind die der Christina. Die Formel der Sehnsucht, die mir das Bild geöffnet hat, ist präziser jetzt. Hilflosigkeit und Mitleid erweitern sie.

Alfred Barr, der 1. Direktor des New Yorker Museums für moderne Kunst, hat das Bild im Jahr seiner Entstehung für 1.800 $ erworben – als realistisches Gemälde ein Außenseiter in seiner Sammlung, wenngleich jenseits der aktuellen abstrakten Gruppenstile in Amerika und Europa zahlreiche Realisten in Galerien und Museen ausstellten. Aber die Pathosformel dieses Bildes machte es schnell bekannt. Sie ist so wenig illustrativ wie jene in dem Bild von Caspar David Friedrich, in dem seine Frau sich als Rückenfigur der Sonne zuwendet. Beide Frauen begegnen einem unerreichbaren Ziel. Wyeth ist irdischer als Friedrich:   nicht die Sonne, das Jenseits, sondern das behütende Haus, der Schoß der Familie, das Leben jenseits der Städte und der Probleme dieser Welt. Und diese Frau leidet, der Betrachter meint einen Hilferuf zu hören. Ihre Haltung, das Hochstemmen des Oberkörpers mit beiden Armen, hat offenbar die Augen der neuen Generation von Kinogängern fasziniert, und so ist das Bild viel mehr in die Literatur der Filmindustrie als in die der Kunstkritik geraten und in zahllosen Reproduktionen über die Welt verbreitet worden. Wyeth hat den konservativen Stil des Temperamalers und spröden Realisten nicht verlassen, ein großes Oeuvre von Landschaften und Porträts geschaffen und zahlreiche Ehrungen erhalten.  Wenn  d a s   Bild das beste ist, das von den meisten Menschen wahrgenommen wird, ist sicher „Christina´s World“ das beste und berühmteste Gemälde des 20. Jahrhunderts.

Abb. Andrewe Wyeth Christina´s World 1948 MOMA NY

Bild


Ein Kommentar

Weltausstellung 1939 in Lüttich

  1. Kalendergeschichte

Die Weltausstellung in Lüttich 1939

Ein hundertjähriger Deutsch-Belgier erzählte heute während der Besichtigung der Festung Eben-Ezer, wie er zur Weltausstellung in Lüttich 1939 beigetragen hat, die zur Eröffnung des Albertkanals mit die Pariser Weltausstellung 1937 zu übertrumpfen versuchte. Das große Parkgelände inmitten der Stadt, über dem eine Seilbahn in 100 m Höhe schwebte, umgab den neuen Zusammenfluss von Maas und Albertkanal, und die nationalen Pavillons waren ganz dem Ausstellungsthema WASSER gewidmet. Mitten im Fluss schoss eine gewaltige Fontäne bis zu 100 m empor („Ein Weltrekord!“), Sie bildete den Höhepunkt eines Programms von mehreren Wasserspielen, die in der Nacht ein prächtiges Schauspiel boten: ein „Wassergarten“, den die Besucher über steigende, geschwungene Rampen betreten konnten. Belgische Städte wie Ostende, Gent und Antwerpen, Länder wie England, Griechenland, Luxemburg, Frankreich, der Belgische Kongo, und sogar die zeitgenössischen Künstler hatten ihre eigenen Pavillons, Kopien der Grotten von Han und Rochefort und ein maasländisches Dorf konnten besichtigt werden.

Der hundertjährige Deutsch-Belgier gehörte zu einer Kompagnie von uniformierten Bauarbeitern, die den deutschen Pavillon nach den Plänen des Architekten Emil Fahrenkamp (geboren ein Jahr vor Mies van der Rohe in Aachen, tätig in Düsseldorf) zu errichten hatten.

Die nationalsozialistische Bauverwaltung misstraute den belgischen Gastgebern so sehr, dass nicht nur alle Baumaterialien und Einrichtungen, sondern ebenso alle Arbeiter und die Lebensmittel, die sie verzehrten, täglich in LKW- und Bus-Kolonnen von Aachen nach Lüttich und zurück transportiert wurden. Belgisches zu essen, mit Belgiern zu sprechen oder gar in Lüttich zu übernachten war untersagt. Der zweisprachige Deutsch-Belgier fand Möglichkeiten, das Reglement zu unterlaufen.

Der deutsche Pavillon präsentierte eine Pathosformel der Macht: klare, sparsam dekorierte Travertin-Wände, im Empfangsraum ein roter Überschwang von Fahnen vor weißen Marmorwänden, zum Thema der Weltausstellung eine riesige Marmorschüssel inmitten des Raums. Kein anderer Pavillon konnte sich mit ihm messen.

Die Weltausstellung sollte bis zum November geöffnet sein, schloss aber überstürzt am 2. September, als zwei Brücken in einem Gewitter einstürzten, die das belgische Militär vorsorglich vermint hatte. Am 1. September griff die deutsche Armee Polen an, der Weltkrieg hatte begonnen.

Quelle: wikipedia französisch

Abb. Der deutsche Pavillon

435px-Liége_-_1939_-_Le_palais_de_l'Allemagne_-_Fahrenkamp,_archit.


Ein Kommentar

Mahmud Telfah Fotograf

MAHMUD  TELFAH  FOTOGRAF

Am 15. Januar ist er 77-jährig gestorben. Mahmud Telfah, der Jordanier, gehörte zu jenen Studenten der Aachener RWTH, die damals, in den 70er Jahren, Lust hatten ihre Fotos auszustellen. 1976 zeigte er seine in der Galerie medium a und 1981 mit Algirdas Milleris, Hans Laven, Irmel Kamp und Wolfgang von Contzen in der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig – Pioniere der Fotografie als Kunst. Da hatte er als Maschinenbauer promoviert und eine Karriere als Ingenieur und Dozent begonnen. Aber er blieb seiner Leidenschaft treu, schaffte auch den Sprung in die digitale Fotografie und zeigte mir stolz die Maschine, die ihm diente, alte Diapositive und Negative umzuwandeln. 2014 haben wir im Aachener KUNSTWECHSEL eine Serie vergrößerter Blätter von Pflanzen ausgestellt, um ihre Strukturen, ihre Adern zu bewundern – großformatige schwarz-weiße Digigrafien.

Die Fotos der Puppen in Aachener Schaufenstern 1981 waren analoge Bilder, die so taten, als wären sie Spielbilder lebender Personen, und überraschten. 2019 stellte ich sie mit anderen Werken meiner Sammlung unter dem Titel „Geschenkt. Gesammelt. Fotografien Aachener Künstler“ im Kulturzentrum Stadtbad aus. Er fügte den alten ein neues Foto „Hasenköpfe“ von 2016 hinzu und schenkte es mir. Als ich ihn danach besuchte, arbeitete er mit der Lust, andere Menschen wahrzunehmen und zu erforschen, an Porträts Aachener Künstler und Künstlerinnen, und wir listeten 48 auf, die wir eines Tages – in Erinnerung an die 48 Porträts Gerhard Richters – ausstellen würden. 43 hat er geschafft. Die Aachener Kunstgemeinde sollte ihn vor dem Vergessen bewahren und eine Gedächtnisausstellung ins Auge fassen.

Die beiden Tiermenschenpuppen im Schaufenster kennzeichnen sein Erstaunen vor der Welt, ein feines stilles Lächeln (kein lautes Lachen), Bewunderung für die Illusionen, die sie bereithält (die weiße Schönheit der verzauberten Mannequins im Spiegel der Straße) und eine sorgsame Freundlichkeit, der keiner widerstehen konnte.

 

Telfah ok


Hinterlasse einen Kommentar

Stierkreiszeichen

 

STIERKREISZEICHEN

Schloss Burgau in Düren/ Niederau

Karl von Monschau Maler + Bernd Radtke Fotograf

  1. Der Maler

Er ist der 2. Stier der großen Ausstellung, ebenso stur, unbeugsam und wertebewusst – älter als der 1., 1944 in der Burg von Monschau geboren. Und während der 1. die Stille leerer Räume sucht, ist er der Welt weit geöffnet. Das Prunkstück der Ausstellung ist ein riesiges Bild des überfüllten Nachthimmels: „Urknall“.

Zu einer der 1. Ausstellungen der gerade gegründeten Neuen Galerie, „BEEETHOOVEN 1770- 1970“, hat er sich selbst eingeladen und blieb von da an die Spinne im Netz der euregionalen Kunstszene, gründete Kunst- und Künstlervereine, Sommerakademien und ein „Mobiles Büro für Kunstaffären“. Er ist Maler auf Leinwänden in Keilrahmen, aber auch auf

Metallplatten, auf Fotodrucken, auf Papier (die hinreißende Serie der Blätter, denen er den Farbtupfer von Safran mitgegeben hat), er klebt Collagen und konstruiert Kunstsafes und

-automaten. Er bildet nichts ab, wie Radtke kommuniziert er mit Bildern als Subjekten, er kritzelt so lange auf einem großen Format, bis man einen Kinderroller zu sehen meint, er setzt Buchstaben in Landoltsche Sehtest-Ringe, bedient sich der Magie des schwarzen Quadrats von Malewitsch oder jener Zauberformel des Neuplatonismus:  SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS.

Die große weiße Spirale im schwarzen Feld läuft aus(ein Tropfenfänger sollte darunter stehen), die Welt wird sich neu bilden. In diesem Bild ist sie ein dicker Cocon, der im Kosmos zwischen einer schwarzen und einer weißen Sonne kreist, und die Materie des Kosmos ist braun bewegt und erdig, als sei er ein Acker, in dem dieser Samen aufspringen wird.

Geöffnet Sonntag 12-18, Samstag 14-18 Uhr – bis zum 23.2.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Satelites 2020 Gouche Karton 100 140


Hinterlasse einen Kommentar

Fotografie als Subjekt

 

STIERKREISZEICHEN in Schloss Burgau in Düren/ Niederau

Karl von Monschau Maler + Bernd Radtke Fotograf

  1. Der Fotograf

Am Beginn des Anthropozäns ist das Palaver der Menschen von Fälschungen, FAKES, Täuschungen bestimmt. Bernd Radtke lehrt Ent-Täuschungen: dieses große Bild, das wie ein konkretes Gemälde aussieht,  ist eine große mit einem Tintenstrahldrucker reproduzierte Fotografie auf AluDibond, eine Häuserecke in Quimper, mit einem starken Teleobjektiv aufgenommen; die Regenrinne verrät es, eine verräterische Referenz zu einer beliebigen Wirklichkeit in Frankreich. Vor 70 Jahren suchten viele nach Wirklichkeiten in abstrakten Gemälden des 20. Jahrhunderts, ehe sie begriffen, dass eine neue Bildsprache sich stotternd etablierte. Jetzt also umgekehrt? Eine abstrakte Bildsprache der Fotografie? Wären da nicht die Regenrinne und die Dachziegel, die eine Botschaft enthalten, die der Reisende im Finistère erkennt, der Bretone, dem sich diese Silhouette eingeprägt hat der Aachener sieht den Aachener Dom), obwohl ihm das teleportierte Auge fehlt. Dieses Bild ist also kein Abbild, kein Objekt, sondern ein Subjekt, das die Regenrinne als Teil seiner Sprache zitiert.

Der Digigraph Bernd Radtke stellt hier 29 Arbeiten aus, alte und neue. Seine Geräte erlauben alle Varianten der Fotografie, von Kollodium Nassplatten in einer Kamera von 1878 bis zum Smartphone. Er ist wie sein Partner hier im Tierkreiszeichen Stier geboren: unbeugsam, stur, wertebewusst, Erfinder. Er mag Regenrinnen, Kabelenden an Fassaden

ausgelebter Räume, abblätternde Wände, Zimmerfluchten, Kirchen, leere Räume, von Menschen zurückgelassene Zeichen. In keinem der 29 Bilder erscheint ein lebendes Wesen. „Der Raum spielt für sich selbst Theater“ nannte er eine seiner Ausstellungen.

Bis zum 23. 2. Sonntag 12 – 18, Samstag 14 – 18 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

BR_Quimper_F_2011


Hinterlasse einen Kommentar

Romania Europea

R O M A N I A   E U R O P E A – Ein Blick in die Kunst Rumäniens heute

Sammlung Radu Dobre-Sima – Kurator: Wolfgang Becker

Aachen, Kulturzentrum STADTBAD 16. Mai – 31. Mai 2020

Zum Anlass der

Verleihung des Karlspreises an Klaus Johannis, Präsident der Republik Rumänien

 

Radu Dobre-Sima, Architekt in Aachen und Bukarest, ist es seit 1989 gelungen, den Aachener Kunstsammler Peter Ludwig und Wolfgang Becker, den Direktor der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig und des Ludwig Forums für internationale Kunst, in mehreren Reisen mit der rumänischen Kunst bekannt zu machen. 1998 zeigte das Ludwig Forum die Ausstellung „Bukarest nach 1989. Kunst in Rumänien heute“. Die meisten Werke hatte Peter Ludwig erworben. 2014 stellte Becker in der Produzentengalerie „Kunstwechsel“ sechs Künstler der Sammlung Dobre-Sima vor.

Jetzt bietet die Verleihung des Karlspreises an Klaus Johannis eine Gelegenheit, an dieses Kapitel der Kunstgeschichte in dem neu eingerichteten Kulturzentrum im ehemaligen Stadtbad am Blücherplatz in Aachen zu erinnern. Wolfgang Becker wird aus der umfangreichen Sammlung von Radu Dobre-Sima in Bukarest und Aachen etwa 40 markante Werke – Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen – auswählen und mit dem Sammler vorführen – Werke von Laurentiu Mogosanu, Aurel Vlad, Victoria und Marian Zidaru und Arbeiten bekannter jüngerer Künstler.

Die Ausstellung ist dem rumänischen Karlspreisträger gewidmet   und wird vor und nach der Verleihung zu sehen sein. Sie gibt Anstöße, über den Beitrag Rumäniens zur europäischen Kunstgeschichte nachzudenken.

 

 


Hinterlasse einen Kommentar

Orchestra

ROLL OVER BEETHOVEN sechstens Nachtrag

 

Die ORCHESTRA ist der „Tanzplatz“ des Chors, der im antiken Drama die Handlung auf der Bühne des griechischen Theaters kommentierte. Orchester, die sich bildeten, um Instrumentalwerke vorzuführen, traten in Konzerthäusern auf, die seit dem 19. Jh. zu den zentralen Bauten von Großstädten in Europa und Amerika gehören. Um eine Sinfonie aufzuführen, besetzt ein Orchester den Saal eines Schlosses, einer Kirche, eines Theaters oder Konzerthauses. Bis zu 200 Personen tragen ihre Instrumente zu vorbestimmten Plätzen, ordnen die Notenblätter auf ihren Pulten (nur die Geiger teilen sich ein Pult zu zweit), stimmen ihre Instrumente auf ein Ordnungsgefüge von Tönen ein und beginnen schweigend auf den Dirigenten zu warten. Er tritt ein, gibt dem 1, Geiger die Hand und verbeugt sich vor dem Publikum. Das Konzert beginnt.

10 Kameras und Mikrofone nehmen es auf. An den Pulten ordnen die Techniker die Bilder zu den Tönen so, dass ich jeden Paukenschlag, jeden Einsatz der Celli nicht nur höre, sondern ganz nah auf meinem Bildschirm sehe. Ich bin zu Hause. Mein demokratisches Selbstgefühl lässt eine andere Teilnahme nicht zu. Der Pomp historischer Konzertsäle ist mir so verhasst wie das Ritual der Eintrittsgelder, Abonnements, Kleiderordnungen und die sakralen Determinationen, die Husten und Schnupfen verbieten. Ich schaue dem Dirigenten zu. Schon als Kind habe ich nicht glauben wollen, dass er dem Orchester um einen Takt voraus ist. Tatsächlich folgen bis zu 200 Musiker seinen Gebärden und Blicken und lesen gleichzeitig die Noten auf ihren Pulten, als gäbe es eine unerschütterliche Konkordanz, als bestimme der Dirigent die wechselnden Geschwindigkeiten der Aufführung, ohne an der Glaubwürdigkeit der Partitur zu rütteln. Mein demokratisches Selbstgefühl empört sich. Das Bild des aufgebockten Führers, der einer stimmlosen Menge Befehle erteilt, drängt sich in den Vordergrund. Gibt es solche Musikinstrumente, die aus gehorsamen Menschen bestehen, in anderen Kulturen? Das indonesische Gamelan-Orchester besteht höchstens aus 30 Musikern und kennt keinen Dirigenten. Beherrscht das autokratische Bild die europäische Musikkultur, die wir Klassik nennen?  Nur dort, wo der große Chor von Menschen in die Hymne einstimmt, die die 9. Sinfonie weltberühmt gemacht hat, ist das Bild erhöht in die Epiphanie einer einstimmigen Gemeinschaft, in die Vision einer Berge versetzenden Solidarität, vor der Skeptiker zurückschrecken. Nam June Paik hat Geigen zertrümmert und Klaviere misshandelt. DADA und Fluxus, Maurizio Kagel, Karl Heinz Stockhausen, John Cage und Frank Zappa haben Elemente der Klassischen Musikkultur zu zerstören gesucht. Fabrikhallen und öffentliche Plätze haben die Konzerthäuser ersetzt. Und dennoch. Die klassische Musikkultur Europas, die Sinfonie, Mozart und Beethoven leben auf meinem Bildschirm weiter. Sie sind Teile eines Museums geworden, das eine schöne Abstraktion zeigt, die sich am Rand der Geschichte vom Leben der Vorfahren und unserem eigenen entfernt hat.

sinfonia1