Beckeraachen

Kunstwechsel


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Bermuda-Dreieck

 

 

Kunst – ABC

Der Psychotherapeut als Sammler –

Reiner-Ruthenbeck-Aschehaufen-VI-1968-71-Installation-view-Hamburger-Kunsthalle-HamburgerHans Backes 2

1979 „Das Bermuda-Dreieck der Kunst“

Gruppengespräch mit den Künstlern Jochen Gerz, Barbara und Michael Leisgen, Reiner Ruthenbeck, Wolfgang Nestler, den Galeristen Agnes Wintersberger, Philomene Magers, Winfried Reckermann, dem Sammler Rainer Speck u.a.m.

Hans Backes hat in diesem Dokument einen persönlichen Bericht über das Gespräch verfasst, der in einer der Weißblauen Mappen der Neuen Galerie erhalten ist.

Der Handlungsraum zwischen Künstler, Galerist und Sammler ist ein kleiner Bezirk in der großen Heimat der Kunst. Gerz schrieb nach dem Gespräch, im Bermuda-Drei3eck sei die Unbefangenheit und der Mut versunken, die Kinder besitzen; der Psychotherapeut resumiert, er habe mühevoll das Einvernehmen zwischen den drei wichtigsten Akteuren der Kunst gesucht (und alle anderen, die Kuratoren und Kritiker, die Kunstvereine, Kunsthallen und Museen ausgelassen) und Zerrissenheit im Ghetto einer kleinen Gemeinschaft gefunden, die der Kunst die gesellschaftliche, politische Offenheit, die sie braucht, nicht gewährt. Dort ist die Kunst Bildungsgut wie der „Ulysses“ von James Joyce. Ja, der Sammler Speck bekannte sich zu seinem Jaguar, würde aber Spiegeleier essen, um sich den Ankauf eines Werkes von Beuys zu erlauben. Einmal folgt Backes der Vorstellung des Psychologen Heubach, Menschen suchten in der Kunst das, was sie in sich vermissen, und diskutiert einen Kultus (Museum als Kathedrale), in dem die Verehrung der Fresken von Giotto ebenso ihren Platz habe wie die einer Skulptur von Ruthenbeck. Er hat die Veranstaltung eine ANTI-VERNISSAGE genannt, in der sich die drei Beteiligten begegnen und ihre Interessen miteinander aushandeln. Es erscheint heute schwer, die Konzentration auf jene drei Agenten der Kunst zu verstehen, wenn man nicht den Kunstliebhaber Backes als Psychotherapeuten begreift, der sich, als er engagiert Kunstwerke zu erwerben begonnen hat, als Sammler in Frage zu stellen beginnt. Ist Sammeln eine Krankheit? Bin ich als Sammler in dieser Gruppe krank? Oder ist die Gruppe krank?

Abb. Reiner Ruthenbeck ASCHENHAUFEN  Installation Hamburg Kunsthalle 1968

 

 


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Suzan Pitt Asparagus

KUNST ABC

DAS SPARGELTHEATER DER SUZAN PITT

Wem das Herz überfließt von heißer Freude, der mag in einem Theater sitzen und der Verdammung des Doktor Faust von Hector Berlioz beiwohnn, erleben, wie die gebratene Ratte und die stechenden Flöhe in Auerbachs Keller die Bühne verlassen, auf ihn stürzen, er mag Mephisto im nächtlichen Wald vor den klappernden Skeletten um Hilfe rufen, Margarete wird ihn lieben, bis Nachbarn und Soldaten ihn vertreiben, und über dem Kronleuchter des Opernhauses wird Christus gen Himmel fahren. So hat die amerikanische Meisterin des Zeichentrickfilms Suzan Pitt barocke lebende Bilder inszeniert (den Faust in der Hamburger Oper 1988, die Zauberflöte in Wiesbaden 1983) und ist mit dem ASPARAGUS, dem Spargeltheater ins Internet vorgestoßen – mit nahsichtigen Szenen, in denen ein Frauenpopo Würste in eine Kloschüssel entlässt, die sich als fröhlich kreisende Buchstabenkräuter erheben, und einen schwellenden Spargelphallus, um den sich eine zärtliche Hand schließt. Als ASPARAGUS nach seinen Premieren 1979 in New York und Europa schnell entdeckt wurde, hat sie dem Film ein kleines Modelltheater hinzugefügt, in dem etliche geknetete und kolorierte Figürchen von Theaterbesuchern im Spiegel der kleinen Bühne der Handlung folgen, die dort aus der Bühne drängt und über das entsetzte Publikum herfällt.

In der Geschichte der Opernhäuser gibt es nicht viele Beispiele, in denen die Schauspieler die Bühnen verlassen. Suzan Pitt lässt darüber nachdenken, dass die neu entwickelten Bild- und Tonprojektoren erlauben können, große Theaterräume mit hinreißenden Bildillusionen

zu füllen. Wem das Herz von Freude überquillt, der könnte auf der Empore des Aachener Stadttheaters Lysander begegnen, der in Shakespeares Sommernachtstraum Nick Bottom – Pyramus, den Esel durch das Auditorium treibt.

Suzan Pitt hat in dem Feld des bewegten Cartoons, in der Erfindung animierter Doodles, Phantasmen von Avataren eine lustvolle Meisterschaft entwickelt und dem Spiegel unserer vertrauten Wirklichkeit die erweiterte, wuchernde von Tag- und Nachtträumen hinzugefügt. Der horror vacui, der die Bewegungen in ihren Bildfolgen bestimmt, hat die New Yorker Galeristin Holly Solomon veranlasst, sie mit der Künstlergruppe der Pattern and Decoration Art auszustellen, und in ihrer Freude an Ausstattungen hat sie für ein Modestudio Kleidungsstücke entworfen.

Sie starb 2019. ASPARAGUS trägt ihren Ruf über ihren Tod hinaus. Die neue DVD enthält Stücke, die nach langen Pausen 1995, 2008 und 2013 entstanden sind – bizarr, melancholisch und frei von jener lustvollen Überfülle des Frühwerks.  Die Werke sind 8, 16 und 35 mm Filme, nicht länger als 27 Minuten. Labyrinthisch schillernd in vielen Farben, Comics in schnellen Läufen von Nah- zu Fernsichten, von Freunden vertont ­- die Märchen- und Wunderwelt einer Frau, die schwermütig nach dem Sinn ihres Lebens sucht.


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Wem gehört die Erde 12

Wem gehört die Welt 12. Tag

Ende

hattest Du auch diesen Traum? Ja. Und alle im Büro hatten ihn auch. Warum steht er nicht in der Zeitung? Wenn alle ihn hatten, ist es nicht nötig, ihn zu publizieren. Hat er Dich überrascht? Zuerst ja, dann staunte ich, wie selbstverständlich er mir war. Hattest Du ihn erwartet? Die Art, wie wir gelebt haben, hat oft die Frage erzeugt, wann es zu Ende sei. Und Du? Hast Du etwas tun, abschließen, besprechen müssen, um es vorzubereiten? Eigentlich nicht. Hast Du etwas Besonderes für den Abend vorbereitet? Nein. Es sollte so sein wie immer. Hast Du es den Kindern gesagt, als sie aus der Schule kamen? Nein. Ich denke, sie können mit der Nachricht nichts anfangen. Bringen wir sie zu Bett wie immer. Sollen wir uns nach der Abendschau einen Krimi suchen?…

Die Kurzgeschichte von Ray Bradbury, die ich nacherzähle, endet so: „They stopped laughing at last and lay in their cool bed and their hands clasped, their heads together. „Good night”, he said, after a moment. “Good night“, she said.

Er publizierte sie 1951 mit 17 anderen in dem Band THE ILLUSTRATED MAN: ich las sie gestern vor dem Einschlafen und war überrascht.


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Wem gehört die Erde 11

Wem gehört die Erde 11. Tag

D E R   A N F A N G

„I wish we find back the natural rhythms of the world. We live by natural lights. We can raise just when the birds start to sing. Then go to bed with the sun. Sink in our dreams. If we need more time, use candles, like Plato must have done in his philospher´s cave. Back to the Earth may well mean back to shadows, follow with our eyes the flickering of shadows on the walls. We will need more bees than electric lights, why not? I will root for candle lights, and sunshine. That will be a good start.“ 2020

„Ich wünsche, wir finden zurück zu den natürlichen Rhythmen der Welt. Wir leben in natürlichem Licht. Wir können aufstehen, wenn die Vögel zu singen beginnen. Mit der Sonne ins Bett gehen. In unseren Träumen versinken. Wenn wir mehr Zeit brauchen, verwenden wir Kerzen wie Plato in seiner Philosophenhöhle. Zurück zur Erde mag auch bedeuten zurück zu Schatten. Mit unseren Augen den flatternden Schatten auf den Wänden folgen. Wir brauchen mehr Bienen als elektrische Lichter. Warum nicht? Ich bin für Kerzenlicht und Sonnenschein. Das wird ein guter Anfang sein.“

140 Künstler aller Gattungen versammelte die Serpentine Gallery in London 2020 zu ihrem 15. Geburtstag in einer Ausstellung und einem Buch des Penguin Random House Verlages; 140 Gedanken zu: B A C K T O T H E  E A R T H

Hans Ulrich Obrist und Kostas Stasinopoulos haben während Corona herausgegeben:

1 4 0   A R T I S T S ´S  I D E A S  F O R   P L A N E T E A R T H

Hier ist ein Text von Etel Adnan 2020.

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Wem gehört die Erde 10

1Wem gehört die Erde 10. Tag

Affentheater

Alan Sonfist gehörte zu denen, die – wie Bonnie Ora Scherk im Zoo von San Francisco 1973 „Public Lunch“– die Nähe zu Tieren in Zoologischen Gärten suchten und verbrachte in Aachen einen Tag im Affenkäfig des Tierparks, nachdenklich beobachtet von Nachbarn und Besuchern.

Es sind Schimpfwörter: Schwein, Ochse, Hund, Laus, Gans, Kamel – und Affe. Sie bezeichnen Schmutz, Dummheit, Unterwürfigkeit, Bösartigkeit, Schwatzhaftigkeit und Geilheit. Sie treffen Haustiere, die die Menschen umgeben – und Affen, die von Seereisenden als Trophäen importiert wurden. Sie gehörten zu den exotischen Tieren, die der internationale Tierhandel an königliche Menagerien asiatischer, amerikanischer und europäischer Herrscher verkaufte, bis im 19. Jahrhundert nicht nur Tiere, sondern auch Menschen aus Feuerland oder Kongo in anthropo- und zoo-logischen „Völkerschauen“ und Tiergärten für alle zugänglich wurden. Bis heute steht der Name Hagenbeck für die umtriebigen Unternehmer in diesem Gewerbe.

Damals, 1879, veröffentlichte Wilhelm Busch die Geschichte von Fipps, dem zügellosen Affen, den Herr Schmidt von einer afrikanischen Palmeninsel nach Bremen bringt, den ein Frisör als „Plaisir“ für seine Kinder kauft, der den Menschen auf den Rücken springt und immer zu „bösen Streichen“ aufgelegt ist, bis er erschossen und beerdigt wird.

Das Bild des Freien, Gesetzlosen, das Busch im Affen schildert, hat der Künstler Jörg Immendorff auf das des Künstlers übertragen: „Für mich war und ist der Affe einfach ein zweites Ich. Symbol für Ambivalenz der Künstlerexistenz, der Überzeugung und Selbstzweifel. Er ist albern und weise und steht für Gegensätze. Der Affe erscheint auf meinem Rücken sitzend, und vor mir ist das Bild, das ich male, das er angreift und dann etwas anderes malt oder mich bemalt.“ (1992).  So habe ich ihn 1995 als Wandbild an einem deutschen Bunker von 1943 an der Nordseeküste Jütlands vorgefunden. „Affe“ dient der Selbstfindung des Künstlers als Doppelgänger, Spiegelbild, Zwilling („Immendorff was here“) in der Kulisse des einsamen Strandes, der im zweiten Weltkrieg eine überflüssige Rolle spielte.

Es genügte Busch und Immendorff, so wenig vom Affen zu wissen, wie wir auf ihren Bildern erkennen: das Klischee eines Affen, das sie nutzen wie ein Kostüm, das ihnen zur Verkleidung dient. Das Klischee verlässt das Feld der Schimpfworte und bietet sich als Schlüssel zum Verständnis von Künstlern an.

Der Maler Eric Peters hatte einen großen würdigen Schneegorilla im Krefelder Zoo bewundert. Den Titel des Bildes, das er ihm widmete, übernahm er aus einem Buch von Daniel Quinn „ISHMAEL“, das 1992 großes Aufsehen erregt hatte: „Gibt es eine Zukunft für den Gorilla ohne den Menschen?“  Der würdige Berggorilla des Romans thront in einer verlassenen Lagerhalle in Austin und lehrt telepathisch jungen Menschen eine bessere Welt. Er ist in einem Wanderzirkus nach Amerika gekommen, ein Russe hat seine Begabung gefördert, und er wird wieder in einem Wanderzirkus untertauchen, wenn der Schüler Alan Lomax ihn sucht. Der große Berggorilla ist mehr als ein Tier, er gewinnt die Würde eines Propheten und Heiligen – wie die Mantelpaviane im Alten Ägypten oder Hanuman im Hinduismus.

Rotdorn, der Affe in Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“ von 1917 (erschienen in Prag in der Zeitschrift DER JUDE), ist von einer der Afrika-Expeditionen Hagenbecks nach Hamburg gelangt und hat sich in einem Akt strengster Selbstdisziplin einem Menschen so anverwandelt, dass er mit anderen schwerelos kommunizieren kann. Er ist eingeladen, über sein „äffisches Vorleben“ und die Assimilation zum Menschenimitator zu sprechen.

Die Geschichten von Kafka und Quinn enthalten den Käfig, die Gefangennahme und die Befreiung durch mühselige Anpassung an die Erscheinung und Sprache der Menschen. Rotpeter ist zynisch genug, sein Vorleben als Affe zum Vergnügen der Zuhörer „äffisch“ zu schildern. Und das Adjektiv hat sich bis heute als Verb NACHÄFFEN erhalten. Die Vorstellung der Assimilation wird überanstrengt, wenn sie nicht Affen, sondern Menschen anderer Hautfarben, Sprachen und Kulturen erfasst. Obwohl die Anthropoidea wie der Mensch zu den Primaten gehört, erscheint es heute noch schwieriger, ihre Sprache und Kultur zu verstehen, als die der Menschen eines anderen Kontinents.

Das Dilemma wurde 1977 sichtbar, als der New Yorker Künstler Alan Sonfist nackt einen Tag lang in einem der Affenkäfige des Aachener Zoos verbrachte – frühstückte, eine regionale Zeitung lass, sich wusch und rasierte, Radio hörte und telefonierte. Die Affen in den benachbarten Käfigen schauten ihm gestikulierend und palavernd zu. Eine Verständigung fand nicht statt. Wikipedia nimmt immerhin die Nähe ernst: „Die heute mit Abstand individuenreichste Affenart ist der Mensch mit einer weltweiten Population von mehr als 7 Milliarden.“

Illustration:

Alan Sonfist im Aachener Zoo, 1977


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Wem gehört die Erde 9

Wem gehört die Erde 9. Tag

Gärten

Die Paradigmenwechsel, die seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Welt in das industrielle Zeitalter geleitet haben, relativierten nicht nur die Orthodoxien der herrschenden Kirchen, sondern förderten Schöpfungsmythen, die die Naturwissenschaften seit Charles Darwins „Ursprung der Arten“ begründeten. Im Londoner Kew Garden wächst noch heute die „Insel Eden“, ein sich erhaltendes und reproduzierendes Ökosystem, das der Biologe Joseph Dalton Hooker 1854 kultiviert hat, ein „Green Mountain“ aus Eukalyptus, Pinien, Bambus und Bananenstauden. Aber erst die Angst vor einer atomaren Katastrophe, die mich und dich vernichten würde, löste seit der Mitte des 20. Jahrhunderts eine schöpferische Panik aus, die alle Wissenschaften und Medien beflügelte. Die Science Fiction Autoren entwickelten Modelle martianischer Biologie, in technischen Instituten entstanden Entwürfe des Terraforming, und Newton und Helen Mayer Harrison nannten sich als erste ökologische Künstler, erklärten Feuer, Wasser, Luft und Erde zu Elementen der Kunst und bepflanzten Erdflächen und Museumsdächer wie das der Bonner Kunsthalle mit Gräsern ihrer Wahl (Future Gardens: The Garden of Hot Winds and Warm Rain, 1997). Sie leiteten Wanderseminare mit Gruppen der Future Farmers jm Campus der Universitäten, visualisierten und versinnlichten NEBEL in „Fog Weddings“ und suchten nach Programmen des „Re-eroticism of the Universe“. „Eco-Sexual“, Alan Sonfist erregte Aufsehen mit Fotos, in denen er Baumstämme umarmte, und mit einem publizierten Testament, in dem er seinen Leichnam dem Museum of Modern Art überschrieb.

Dass der Staat New York einem seiner Künstler erlaubte, ein großes Brachland in Greenwich Village zu besetzen und in eine präkoloniale Landschaft zurück zu verwandeln, zeigt, wie sehr die Panik alle ergriffen hatte, die die missbräuchliche Herrschaft des Menschen über die Natur bereuten. Zwischen 1965 und 1978 säte Sonfist Gräser und pflanzte Haselnusssträucher, Birken und Rotbuchen. Als ich ihn 1972 besuchte, arbeitete er, umgeben vom Straßenverkehr der Houston Street, an einem Waldstück mit weißen Eschen, Ulmen, Sassafras- und Tulpenbäumen.

1982 konnte Agnes Denes ein ungenutztes Bauland neben dem World Trade Center im Battery Park nutzen, um ein weithin leuchtendes Weizenfeld an die Seite des gewaltigen Denkmals der Handelsgesellschaft zu setzen. Im gleichen Jahr pflanzte Joseph Beuys in Kassel die ersten der 7.000 Eichen, die die Straßen der Stadt begleiten sollten.

GREENPEACE hat seit 1971 unzählige Sympathisanten rekrutiert, und „zivilisatorische Akte“, die natürliches Wachstum behindern, sind überall heftigen Kritiken ausgesetzt. Der Maler Helge Hommes hat jahrelang große Bilder von Baumstämmen gemalt, bis ich ihn und seine Partnerin Saxana 2017 einlud, sich im Hambacher Forst bei Aachen an Demonstrationen zu beteiligen. Der kleine Wald sollte nicht dem Kohlebergbau geopfert werden. Die beiden begannen, inmitten von Demonstrationen zwischen den Bäumen große Bilder von beschädigten Wäldern zu malen. Jrtzt waren sie nicht mehr ästhetische Objekte, die einen Platz in Kunstorten suchten, sondern kommunikative Waffen, die den Existenzkampf der Bäume ergänzten.

Nicht der Erde und den Wäldern, sondern den Ozeanen, ihren Pflanzen und Tieren widmet sich die Thyssen Bornemiza Stiftung in Madrid – mit einem OCEAN SPACE in Venedig – , „Prospecting the Oceans“ – und einem Laboratorium in Costa Rica. Zu den Organisatoren gehört der Fotograf und FilmemacherArmin Linke, der sich der Aufgabe stellt, „die Erscheinung dessen, was nicht gesehen werden kann, sichtbar zu machen“. Er hat an der Arbeitsgemeinschaft „Critical Zones“ mitgearbeitet und die Fotos für das Buch von Bruno Latour und Peter Weibel „Critical Zones – The Science and Principles of Landing on Earth“  2020 geschaffen.

Viele künstlerische Werke in dieser Arbeit widerspiegeln eine Haltung, die es schwer erscheinen lässt, den Zustand der Welt im Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur zu verändern. Sie selbst verändert sich dort, wo schrumpfende Eisberge fruchtbare Landschaften freigeben, Siedlungen sich ausbreiten, wo der Permafrost weicht, Methangas sich an den Rändern der Meere freisetzt, und die Fluoreszenz von Meeresschildkröten veränderte Strömungen im Ozean ankündigt. Es ist nicht EINE fassbare Bedrohung wie die Kernspaltung, die vor einem halben Jahrhundert ALLE Gefährdungen des Planeten zu bündeln schien, sondern die Menschen begegnen allen Bedrohungen täglich so heftig, dass sie sich panisch vor ihnen verschließen. So entstehen Tumulte und Demonstrationen nicht gegen Kriege und Atombomben. nicht gegen Seuchen, sondern gegen staatliche Maßnahmen, die ihnen entgegenwirken. Science Fiction ist einer biedermeierlichen Heimatliteratur gewichen, und die Bildkunst erreicht den Höhepunkt ihrer Sublimation in den non fungiblen token.

Abb.

Alan Sonfist Park in Greenwich Village Manhattan

Joan Jonas besetzte die Räume des amerikanischen Pavillons der Biennale 2015 mit der Video-Installation „They come to us without word“ und kommentierte stundenweise die Bilder aus ihrer Kindheit und Naturerlebnissen als Performances.


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Wem gehört die Welt 8

Wem gehört die Welt

8. Tag

Im Schattenreich

1972 publizierte der CLUB OF ROME, eine Vereinigung von einflussreichen europäischen Unternehmern, Wirtschaftswissenschaftlern und Politikern, ein Buch, das nicht vergessen werden wird: „Die Grenzen des Wachstums“. 2014 fasst Naomi Oreskes in „The Collapse of Western Civilisation. A View from the Future“ die Defizite der internationalen Politik und Misserfolge der Wissenschaften zusammen, die der Club of Rome 1972 eingeklagt hatte – aus einer futurologischen Perspektive von 2393, die auf einen Weltuntergang 2093 zurückschaut.

2093 sei der Globus zerstört; CO² in der Stratosphäre / Atmosphäre, in der Biosphäre DDT, Entwaldung, Verminderung der Arten von Pflanzen und Tieren, die Hydrosphäre: das Wasser versauert, schrumpfende Polarkappen in der Cryosphäre – endlich anthropozentrische Gewaltkonflikte zwischen ökonomischen und ökologischen Interessen. Ihr Buch dient 2019 den Kuratoren des Museums für Moderne Kunst in Warschau als Fundament der Ausstellung „Art in the Time of Planetary Change. The Penumbral Age“. Sie führen einen Paradigmenwechsel vor, in dem die Kunst der Neuzeit, des Industriezeitalters ihren Sinn, ihren ästhetischen Kodex, ihre Schönheit in Verklärungen, Sentimentalitäten, in Kitsch verliert, in der Natur aus einer Sammlung von Fluchtpunkten besteht – und versuchen zu zeigen, dass an die Stelle eines limitierten Kultursektors von Originalen eine überquellende Welt von vielfach gebrochenen Bildern auf Mauern, Holztafeln, Papieren, Tüchern, Glasplatten- /  Spiegelreflex- / Polaroid- /Super-8 / Instamatic-Farb-Videokameras / Synthesizern, Tintenstrahldruckern, Bildschirmen auf Desktops, Tablets, Laptops und Smartphones getreten ist:  Alle Elemente, die wir der Kunst zuordnen, ihre Museen und Ausstellungsorte, ihre Gattungen und Preise, Rahmen, Sockel, Drucke auf Holz, Kupfer und Stein verändern ihre Gebrauchswerte, öffnen sich zum Design, zum digitalen Objekt, schließen sich in zollfreien Schatzkammern ein und verlieren dort ihren Sinn, wo sie nicht ökologischen Notwendigkeiten folgen.

Llustrationen:

Helge Hommes zeigt ein gemaltes Bild zum Kampf um den Hambacher Forst in dem benachbarten Dorf Lützerath zu einem Festvortrag von Bazon Brock 2021


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Wem gehört die Erde 7

Wem gehört die Erde?

7. Tag

 Der Katalog der ganzen Erde

In San Francisco, Haight Ashbury, dem Hotspot der Hippie-Kultur in den 1960er Jahren gibt Stewart Brand von 1969 bis 72 diese Sammlung von Texten, Grafiken, Anzeigen und Empfehlungen heraus, die letzte analoge Form einer Datensammlung, aus der die digitalen Suchmaschinen sich entwickeln (Brand wurde mit dem Stichwort Personal Computer bekannt, und Steve Jobs nannte den Catalog seine Bibel).

„FIND YOUR PLACE IN SPACE“ – 56 Seiten DIN A3 schwarzweiß auf einfachstem Papier gedruckt, sprechen Leser an, die den Sinn ihres Lebens im „Space“ suchen – und Space ist der Weltraum, in dem eine Kamera 1968 den Erdball fotografiert hat. Um deinen Platz zu finden, lies über Leben und Tod, Nahrung und Geschäfte, Schutz und Werkzeug, Ökologie und Transformation. Lese „39 Wege, die Welt zu retten“.  Sprechen wir über den „monastic way of death“ und lernen wir, nach „transitions“ auf dem Feuerball einer Sonne zu leben. Die schnell entworfenen Grafiken sind so, dass die Hefte noch heute gehandelt und gesammelt werden.

Abb. Whole Earth Catalog 1970


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Wem gehört die Welt 5

Wem gehört die Welt 7. Tag

Die Spiralmole

„It is, perhaps, our unique achievement as lords of the creation to have brought about the separation of time and space. We alone have given to each a separate value, a distinct measure of their own which now define and bind us like the length and breadth of a coffin. To resolve them again is he greatest aim of natural science as you and I have seen, in our work on the virus, with its semi-animate, crystaline existence, half in and half out in our own time-stream, as if intersecting it at a angle….“

J.G.Ballard The Crystal World 1963, Kapitel 7, in einem Brief an seinen Lehrer im naturwissenschaftlichen Labor

„Es ist vielleicht unsere einzige Errungenschaft als Herren der Schöpfung, die Trennung von Zeit und Raum geschafft zu haben. Wir allein geben beiden einen eigenen Wert, exakte Maße, die uns bestimmen und binden wie Länge und Breite eines Sarges. Die Trennung aufzulösen ist das höchste Ziel der Naturwissenschaft, wie wir in unserer Arbeit an einem Virus gesehen haben, der halb lebendig halb kristallin in unseren Lebensstrom eindringt, halb in, halb am Rand in einem Winkel verharrt,,,,,,,“

In der Landschaftsausstellung „buiten de perken“ bewunderten wir 1971 die monumentalen Skulpturen und Installationen, die Win Beeren aus New York in die Niederlande importierte: MINIMAL ART. Robert Morris entwarf das „Observatorium“, einen 90 m messenden Doppelring aus Erdwällen, der Anregungen der europäischen Megalithkultur folgte. Mit seinen Freunden hatte er Stonehenge und die Bretagne besucht. Die Megalithe, die zu datieren die neue Radio Carbon Methode erlaubte, legten zahlreiche Fantasien über kosmische Bezüge und Totenkulte frei. Richard Long stellte 1970 eine Spirale aus weißer Kreide als Bodenskulptur aus, die die Länge eines Weges vom Boden zur Spitze des höchsten prähistorischen Hügels, Silbury Hill, in England maß.

New Yorker Bildhauer wie Mike Heizer, Walter de Maria und Robert Smithson begannen, neue Megalithe in den Wüsten des amerikanischen Westens zu realisieren.

Smithson und seine Frau Nancy Holt pachteten 1970 ein Ufergelände des Großen Salzsees im Staat Utah in der Nähe einer großen Eisenbahnlinie und einer Industrieanlage. Bei niedrigem Wasserstand war es nicht schwer, einen 4,6 m breiten und 457 m langen Damm aus Basaltblöcken und Sand mit Bulldozern aufzuschichten. Er verlässt geradlinig das Ufer und dreht sich in drei gleichförmigen Kreisen bis zu einem mittleren Endpunkt. Ziel der Arbeit ist ein Film, in dem der Künstler ihn aus der Höhe eines Hubschraubers kommentiert.

Im Film mischen sich die Bilder mit Visionen historischer Wiesen und laufender Dinosaurier, wie wir sie aus Vorgeschichtsmuseen kennen. Smithson erinnert an das Buch „The Shape of Time. Remarks on the History of Things“ des Kunsthistorikers George Kubler, der an Funden aus präkolumbischer Zeit aufzeigte, dass unsere Vorstellungen fortlaufender Zeit von denen überlagert werden, die still stehen und andauern (Nancy Graves hatte mir ihr Exemplar des Buches geschenkt, als sie 1970 die Vorgeschichte von Kamelen untersuchte). Smithson wusste: keine Linie verwandelt Zeit besser in eine Dauer, als die Spirale, in der sie sich spiegelt.

Alle Medien – Comics, Bücher, Filme – in den erregten 1960er Jahren waren reich an Rückblicken in die Katastrophen der Erdgeschichte und Science-Fiction-Entwürfen der Zukunft. Ich las alles von Isaac Asimov, und Smithson reflektiert die Dystopien des Zeitgenossen J. G. Ballard. („The Burning World“, „Crystal World“). Den Autoren der „New Wave“ waren Vorstellungen eines geologischen Zusammenbruchs in der Epoche der Atombombe geläufig, für den der zweite Hauptsatz der Thermodynamik die Erklärung zu liefern schien: ENTROPIE – der große Salzsee würde austrocknen und verglühen, der Globus würde in kosmischen Stürmen auseinanderbrechen.

Tatsächlich hatte der riesige Binnensee so viel Regenwasser aufgenommen, dass Smithsons Skulptur mehrere Jahre unsichtbar blieb und erst 2006 wieder auftauchte. Die Spirale leuchtete, zahllose weiße Salzkristalle türmten sich auf den schwarzen Basalten (bei Ballard sind es Kristalle, die einen schwarzen Wald in einen LSD-Rausch versetzen).

Illustration: Robert Smithson, Spiral Jetty, 1970, Juli 2013, Philosophical Art, Wikipedia


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Wem gehört die Erde 5

Wem gehört die Erde

5. Tag

Die Wüste – The Desert

In einem Beitrag zu Robert Smithsons „Spiral Jetty“ schildert der kalifornische Kunsthistoriker Trevor Paglen in der DIA Art Foundation 2016 die Wüste als einen „leeren“, Angst erregenden Ort absoluter Stille „im Besitz“ der CIA, an dem er mit den „Desert Eyes“ militärischer Pfadfinder „Crash Sites“ suchte, Orte abgestürzter Versuchsdrohnen, die schnell „gelöscht“ wurden.

Im März 1962 widmete LIFE eine Sondernummer den Besiedlungsprojekten in der

kalifornischen Wüste. Die Kulturgeschichte des amerikanischen Westens ist nicht nur ein Bilderbuch der atomaren Versuchsgelände in Nevada und New Mexico, sondern breitet weitläufig die militärischen Areale, Weltraumstationen, Satellitenrampen, Observatorien und Filmstudios aus – kurzum, die Wüste lebt und wurde seit den 1950er Jahren zunehmend besiedelt. Das Entwicklungszentrum Silicon Valley war eine Oase, an deren Rand heute künstliche Skipisten einladen.

Seitdem Mike Heizer 1969 die mächtige Bodenskulptur „Double-Negative“ in die Mormon Mesa bei Las Vegas getrieben hat, folgen nicht nur Filmfans den Spuren John Waynes und anderer Filmhelden durch das Death Valley und auf den Zabriskie Point, sondern Kunstliebhaber besuchen Skulpturen, offene Ateliers und Wohnmodelle, die Vorstellungen eines interstellaren Lebens vermitteln. Andrea Zittel hat im Joshua Tree National Park Wohnobjekte als “living units” entworfen („AZ-West“, 2000), die dem Bewohner, einem historischen Eremiten gleich, erlauben, minimal zu leben. Sie empfängt regelmäßig Gäste, die sich zur Aufgabe machen, Kunst, Arbeit und Leben zu vereinen.