Beckeraachen

Kunstwechsel


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Philipp Glass

 

Viele haben den Film „Koyaanisqatsi“  gesehen. Einige haben die Musik des heute 82-jährigen Pioniers der minimal music Philipp Glass gehört. Ich habe ihn nach Aachen geholt.

Nach der Eröffnung der Neuen Galerie im Alten Kurhaus in Aachen 1970 habe ich mit der Zeichnerin, Malerin, Bildhauerin und Filmkünstlerin Nancy Graves ihre erste Einzelausstellung vorbereitet. Mein erster Atelierbesuch in der zwielichtigen Mulberry Street in Downtown Manhattan forderte Mut! Nancy führte mich in die Lagerhaus-Lofts ihrer Freunde – so der Komponisten Steve Reich und Philip Glass. Chuck Close, der Fotorealist, porträtierte damals diesen Kreis –  Nancy, Richard Serra und Philip Glass – in großen schwarz-weißen Leinwandbildern. Glass schuf gerade die Tonspur zu Nancy´s Film „Izy Boukir“ mit Wind- und Tiergeräuschen. Sein Ensemble begann, um seine Anerkennung zu kämpfen, und der Komponist reiste, buchte Konzerte in Konzerthallen, Galerien und Orten, in denen er willkommen war. Er bat mich, in seiner Wohnung an der Bowery zu schlafen und seine Katze zu füttern. Und ich war so übermütig, ihn und seine Gruppe zu einer Vorführung der „Music with changing parts“ in Aachen einzuladen.

Im Februar 1971 traf ich ihn in Rolf Rickes Galerie in Köln wieder. Er hatte zu einem kleinen Solokonzert eingeladen, und wir staunten, dass er dazu nur einen kleinen alten hölzernen Tisch brauchte – und die rechte Hand. Er klopfte mit dem Ballen und den Fingern, den Rhythmus wechselnd, eine halbe Stunde lang. Er spielte! Musik!Und das kleine Publikum wagte kaum zu atmen. Am Freitag, dem 27. Februar trat das Ensemble im Saal der evangelischen Gemeinde in Düren auf, am Samstag, dem 28. Februar spielten sie im Ballsaal der Neuen Galerie in Aachen: Steve Chambers, Barbara Benaty, John Gibson, Philip Glass, Richard Landry und Art Murphy mit 4 elektronischen Keyboards, 2 Klarinetten, einer Flöte, 5 Stimmen und einer elektronisch verstärkten Violine. Sie spielten „Music in Fifths“, „Music in Contrary Motion“, Music in Eight Parts“, Music in Similar Motion“ und „Music with changing parts“. Die Kritiker der Aachener Zeitungen nahmen diese Manifestation neuer amerikanischer Musik mit größter Skepsis auf (Ute Wagemann im Archiv des Zeitungsverlages hat die Kritiken von 1971 ausgegraben. Ihr danke ich dafür.)

. Im Publikum waren etliche, die das Konzert wie einen leichten Drogenrausch erlebten – melodische Figuren, Rhythmen und wechselnde Akkorde, die sich wiederholten, Blöcke bildeten, sich teilweise oder ganz veränderten – exotisch, meditativ, indisch. nahe bei Ravi Shankar. Keiner von uns hatte solche Musik vorher gehört.

1976 erschien die Oper„Einstein on the Beach“ in der Inszenierung von Robert Wilson. Mit ihr wurde Glass berühmt. Reine Instrumentalwerke wie jene, die er in Aachen und Düren präsentierte und „Music in Twelve Parts“, das ihnen 1974 folgte, hat er nie wieder komponiert. Und er meinte 1971 auch, sie sollten nie aufgenommen und vervielfältigt werden. Die „Music in Twelve Parts“ spielte das Sextett 1975 in der Pariser Maison de la Radio. Die Aufnahme wurde erst 2008 entdeckt und als CD-Kassette publiziert.

 

 

 

 

Washington University in St. Louis

Washington University Open Scholarship

All Theses and Dissertations (ETDs)

Spring 4-27-2013

 

Collaboration, Presence, and Community:

The Philip Glass Ensemble in Downtown New York, 1966-1976

David Allen Chapman

Washington University in St. Louis

Music with Changing Parts also marked another departure from Glass’ aesthetic ideals of

the late sixties. At the Ensemble’s first visit to Duren, Germany, on 26 February 1971, Dickie

Landry recalls: “Phil gave a performance and a lecture, where he vowed he would never record his music.”

Less than a year after that Liverpool concert, Glass was famous. His opera Einstein on the Beach was premiered in July 1976, and although it was a financial disaster – for a while, Glass had to go back to his day job, driving a yellow taxi in New York – it was a critical and popular success. As a result, his career was irrevocably drawn towards theatre and then film. So Music in Twelve Parts was not only the culmination of the first phase of his compositional career but the last time he would write an extended piece of purely instrumental music for his own ensemble. In November 1975 none of us – neither Glass, nor his dwindling audience – knew any of this.

Christopher Fox The Guardian

Thu 7 Nov 2013 16.38 GMT

I should add that Glass’s memories don’t quite match mine. In an interview with Chris Heaton in 2001, he recalled that „in the cold north of England, Newcastle I think it was, about eight people turned up […] but there was a good audience in Liverpool“. Well, northern English seaports, they’re all much the same in the dark. What I remember with certainty is how exhilarating it was to hear Glass’s music. Even better, it is music that sounds just as exhilarating today as it did then.

 

 


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K U N S T ABC

K U N S T   A B C

Wolfgang Richter, Kulturchef der Aachener Volkszeitung, war im Juli 1973 mutig genug, den jungen Leiter der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig einzuladen, von nun an jede Woche einen Artikel über moderne Kunst zu schreiben, der mit dem Titel KUNST ABC in den Samstagsausgaben erscheinen sollte. Wenn das Aachener Publikum ein experimentelles Ausstellungshaus dieser Art 3 Jahre lang ertragen hätte, so verdiente es jetzt Antworten auf viele Fragen, Aufklärung und Bildung in einem Sektor seines Lebens, die ihm Schullehrer schuldig geblieben sind. Ich selbst war an Diskussionen in deutschen Kulturverwaltungen über eine mangelnde Vermittlung in Museen beteiligt; das Fach der Museumspädagogik entstand. Das Angebot, ein KUNST-ABC über eine regionale Zeitung zu verbreiten, motivierte mich, jede Woche einen neuen Text zu erfinden. Es wurden 173. Das KUNST-ABC endete am 26.2.1977. Die Bibliothekarin des Ludwig Forums hat die alten Manuskripte im Archiv ausgegraben, sortiert, nummeriert und mir zu Weihnachten geschenkt. Ein kostbares Geschenk. Danke.

Dass eine Zeitung sich auf dieses Wagnis einlässt, verrät eine Stimmungslage und einen Stellenwert der Kunst in der öffentlichen Meinung, die unwiederholbar erscheinen. 173 Beiträge zu Minimal Art, Konzeptkunst, Pornografie, Zufall, Accumulation, Nazi-Kunst, Psychedelische Kunst, Mao Tse Tung, Schizophrenie, Japonismus, Bauhaus, Sigmund Freud, Russische Kunst, DDR- und Israelische Kunst mussten so viel Interesse wecken, dass Leser sie jeden Samstag suchen würden (Vielleicht hat sich doch der eine oder andere beschwert.). Und sie steigerten die Neugier auf das kuriose Museum in der Komphausbadstraße, in dem das Kaleidoskop der postmodernen Bilderwelt sich nach allen Seiten ausbreitete. – und die Studenten und die Jazz- und Rockgruppen ein neues Zuhause gefunden hatten.

Das digitale Zeitalter hatte noch nicht alle erfasst. Ich schrieb die Artikel des KUNST_ABC auf Papier und brachte sie jeden Montag in die Redaktion. Wer einen Kulturkalender suchte, war auf die Lokalzeitungen angewiesen. Sie waren wichtig. Heute stehen sie am Rand der digitalen Netzwerke. Bis 2018 hat mir ein Bote die Zeitung in den Briefkasten geworfen, nun lese ich die Aachener Zeitung auf meinem Bildschirm. Wo immer ein KUNST-ABC Menschen heute belästigen würde, vielen, die nach dem Sinn ihres Lebens fragen,  würde es nützlich sein,

 


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U T O P I A 9

D I E  U T O P I E N  DER  VÄTER  9:  Kalifornische Philanthropie

Sie kannten die Ausgaben des Whole Earth Catalog (1968 bis 1972), die Universitätsstudenten der Informatikfächer, die beschäftigt waren, für ein globales Gespräch über eine neue Welt jenseits der Staatsregierungen DAS Kommunikationswerkzeug zu entwickeln.  Bill Gates entwickelte schon als Schüler in Seattle Programmiersprachen und 1973 an der Harvard Universität den Heimcomputer ALTAIR 8800, gründete 1975 MICROSOFT und lieferte IBM das Betriebssystem MS-DOS.  Steve Jobs erfand 1976 APPLE und startete die Verbreitung des Smartphones und des Tablets. Als die Werkzeuge zur Whole Earth Conversation bereitstanden, konnte Mark Zuckerberg 2004 das Jahrbuch der Universität zum FACEBOOK weiterentwickeln, in dem zuerst einige Institute und am Ende etliche Milliarden Menschen kommunizierten.

Alle Beteiligten wurden so schnell reich, dass sie eigentlich nicht anders konnten als dem alten Kapitalisten Andrew Carnegie folgen, der 1889 seinen Essay „Das Evangelium des Reichtums“ mit dem Satz endete: „Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande:“ Bill Gates und Mark Zuckerberg waren die ersten Milliardäre des Silikon Valley, die ankündigten, den größten Teil ihres Vermögens in Stiftungen weiter wirken zu lassen. Das genügte nicht: wie Facebook die Welt erreichte, so sollte auch die globale Finanzelite beteiligt sein. Bill Gates lancierte 2010 mit seinem Freund Warren Buffett die Initiative THE GIVING PLEDGE (Das Versprechen zu geben), in der sich mittlerweile die 200 reichsten Menschen der Welt aus 22 Ländern verpflichtet haben, einen Anteil ihres Vermögens für das Gemeinwohl zu spenden – darunter Nicolas Berggruen und Hasso Plattner in Deutschland – 8 Frauen – Menschen aus Afrika, dem Nahen und Fernen Osten und Australien (Die Webseite bildet sie ab). 200 Menschen entziehen etwa 200 Billionen $ den Staaten, in denen sie arbeiten, zahlen sie als „Steuern“ an die Welt, in der sie ihr Vermögen erworben haben, und setzen sie dort ein, wo die Staaten zu versagen drohen: in Forschungsprojekte zur Erderwärmung, zur Naturerhaltung, zu Gesundheit, zur Armutsbekämpfung, in Gründungen und Bauten von Instituten der Wissenschaft und Bildung usw. Ihre Leistungen erregen Widerspruch dort, wo Staatsregierungen sie fürchten (z. B. die Stiftung George Soros in Budapest).

Im Whole Earth Catalog heißt es: „Ihr sagt uns, wir sollten eine dauernde dienende Rolle in der Gesellschaft akzeptieren. Alles hat seinen Platz. Bullshit! Das ist der Jargon von Neo-Aristokraten und Diktatoren. Wir wollen unseren „Platz“ ganz oben.“ Ist es möglich dort, wo die UNO als Zentrale der Staaten schwächelt, jenseits der Staaten eine globale Gesellschaft zu entwerfen, die in sich kommuniziert, Marktplätze schafft, in denen sie Waren austauscht und Geldumsätze produziert, die über einen Fonds großer Stiftungen dort wirken, wo sie gebraucht werden, um ein globales Gleichgewicht der Versorgung, des Lebens von Menschen, des Gemeinwohls zu schaffen?

Es gehört zu dieser Vision, dass Stiftungen solcher Größenordnung, wie Silikon Valley sie erzeugt hat, nur dort entstehen, wo jugendlicher Erfindungsgeist, Lust am Wagnis und das Bewusstsein, an einem Jahrhundertabenteuer teilzunehmen eine unwiederbringliche kreative Energie auslösen – das kurze Goldene Zeitalter von Silikon Valley. Die Millionengewinne blieben den Beteiligten eine Nebensache. „Ich hatte etwas über eine Million Dollar, als ich 23 war, über 10 Millionen mit 24 und mehr als 100 Millionen mit 25 und es war egal, weil ich es nicht fürs Geld gemacht habe.“– Steve Jobs1996. Und die Gewinne wurden nicht gebraucht, um die Unternehmen zu vergrößern, Arbeitsplätze zu schaffen, Monopole zu verteidigen. Sie stehen zur Verfügung. Bill Gates hat sich aus seinem Geschäft zurückgezogen, um seine Stiftung zu verwalten und THE GIVING PLEDGE zu koordinieren, und Marc Zuckerberg ist noch damit beschäftigt, die Botschaft von Facebook zu verteidigen vor zahlreichen Gegnern, die ihr vorwerfen, die privacy, den persönlichen Freiheitsraum ihrer Nutzer zu verletzen. Die Vernetzung der Welt haben Microsoft, Apple, Google und Facebook in einem Staat begonnen, der die nationale Reaktion heute exemplarisch vorführt. Die Auseinandersetzung ist in vollem Gang. Die Philanthropie der Freimaurer hat in Kalifornien eine neue Variante der Utopie geschaffen, deren Wirkung auf allen Kontinenten beobachtet werden kann.

 

 


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KUNST

W A S   I S T   K U N S T  ?

Mir, dem Kunst sein bester Freund ist, sind Gespräche über KUNST ärgerlich: Was ist KUNST?  Was ist gute KUNST? Alle Antworten sind schüchtern, bieder, bemüht und verraten eine Art von Bildungsangst, als hätte man in der 3. Klasse etwas verpasst. In einer Sammlung von Kindermeinungen sagt eines: KUNST ist Berge besteigen. Es hat Recht. Ein Bergsteiger, ein Bauchredner, ein Seiltänzer, ein Violinvirtuose, ein Jongleur, ein Feuerschlucker, ein Gewichtheber, ein Clown –  alle sind „Artisten“– im Englischen artists = Schausteller, und in Französisch herkömmlich nur sie, und ein Maler ist ein Peintre, ein Bildhauer ein Sculpteur. Die Verwendung des Wortes Künstler für alle, die zeichnen, malen, modellieren, brennen, radieren, stricken, nähen, Installationen entwerfen und Algorithmen erfinden, ist ebenso nutzlos wie alle Senegalesen, Sambier, Kenianer, Eritreer, Marokkaner und Nigerianer Afrikaner zu nennen. Solche Begriffe sind gut für die Verwaltungen der Künstlersozialkasse und der Jobcenter, aber sie adeln nicht und bieten auch keine Gewähr für besondere Qualitäten. Das Mädchen, das den Bergsteiger nennt, meint eine besondere, außergewöhnliche Leistung, es wird den chinesischen Jongleur, der nicht 3, nicht 5, nicht 8, sondern 13 Teller auf seinen Stöcken drehen kann, einen großen Künstler nennen.

Die Geschichte der Bilderkunst ist die der Befreiung aus der ars mechanica, die dem Broterwerb dient, in die artes liberales, und tatsächlich hat sie es geschafft, in vielen Ländern in die Hochschulstudiengänge der „Liberal Arts“ Eingang zu finden. Wir sind folgerichtig von unendlich vielen „Künstlern“ umgeben, „freien“ Menschen, die mit ihrer Kunst nicht notwendig dem Broterwerb nachgehen. Wie alle Artisten hoffen sie, für jede ihrer Leistungen belohnt zu werden. Die größte verlangt den höchsten Lohn, die kleinste dient den Freunden. Die Betroffenheit, Überraschung, Bewunderung, Zustimmung, der Applaus zählen – für die Besteigung des höchsten Berges, die Violinsonate von Scarlatti in Vollendung, die Rock´n Roll-Nummer, die in alle Glieder fährt, das homerische Gelächter, das der Clown erzeugt, den vierfachen Salto am Hochseil – oder das Pissoir, das, von einem Künstler signiert, umgedreht im Schaufenster einer New Yorker Galerie als Fontäne steht, oder der Künstler selbst, der einem toten Hasen die Kunst erklärt, oder „Guernica“, das Gemälde einer Katastrophe, die die Welt erschütterte.

Die Sensation, die Erregung der Sinne erreicht in der Distanz viele Menschen, in der Nähe kann sie einzelne erfassen; so auch ihr Anlass:  der hohe Berg, der Clown in der Zirkusarena, der Virtuose auf der Bühne des Konzertsaals stehen einer Menge gegenüber, aber ebenso stark können die Farbenpracht eines Aquarells, der wandernde Strich eines weichen Stiftes auf einem Papier, ein Seiltänzer, der über Flammen balanciert, gemalt zwischen 2 Felsen (für BRD und DDR) einen Menschen erregen, der sie allein anschaut. Der Menge und ihm ist gemeinsam, dass sie empfinden, wie ihre alltäglichen Rituale, die eiserne Ordnung ihres Lebens, seine erlaubte Langeweile zerstört werden; sie erschrecken und lassen sich entführen in eine Sphäre des freien unerlaubten Schweifens.

Das Schweifen wirkt nach. Schwindet die Erregung schnell, wird es vergessen. Stößt es auf Widerstände, so erhält es sich, fordert Nachdenken, Unterhaltungen, öffnet Bücher, erweitert Horizonte. Der Kölner Sammler Rainer Speck, schockiert, mochte das Erdtelefon von Joseph Beuys erst erwerben, als es in New York ausgestellt wurde. Mit einem guten Kunstwerk kann ich mich lange über seine Entstehungsgeschichte, die Herkunft seiner Materialien, ihre Zusammensetzung und Komposition unterhalten, ehe es mir erzählt, was es darstellt. Es hat die Zwänge meines Lebens, seine erlaubte Gleichförmigkeit, die eisernen Regeln meiner Gewohnheiten ein Stück weit befreit und meinen Blick auf die Welt verändert.

Viele empfangen solche Sensationen gedämpft durch Lautsprecher und Bildschirme, die die wechselnde Distanz aufheben, wenngleich Kopfhörer und 3D-Effekte Illusionen einer realen Begegnung zu erzeugen versuchen. Radio, TV, Ton- und Bildkonserven erreichen andererseits, dass die Ereignisse, die Sensationen auslösen, vielen Menschen gemeinsam zugänglich werden. Die Medien regen sie an, die frontale Begegnung zu suchen. Sie übernehmen eine Bildungsaufgabe und laden zu Zirkusabenteuern, Reisen zu fernen Bauwerken und bedeutenden Orten der Bildkunst ein. Ihrer Einladung folgend drängen sich Besucherströme in großen Museen und Ausstellungen. Aber jene Bildkunst, die die von Problemen durchrüttelte Gegenwart reflektiert, ist den Medien vorzüglich nur dort von Interesse, wo ihr Geldwert Erstaunen erregt, weil er den von Fußballstars übersteigt.

Die Medien, die selbst unzählige Bilder produzieren und verbreiten, haben dazu beigetragen, KUNST als etwas Besonderes, Besseres, Kostbares, Schützenswertes erscheinen zu lassen. Das Grundgesetz garantiert die Freiheit der Kunst aber nicht mehr als die der freien Meinungsäußerung. Es macht darum wenig Sinn, die Kunst der „Visual Artists“ wie einen Hofhund an die Kette der Tradition zu legen, um sie vor anderen Medien zu adeln. Die Nostalgiker, die den Niedergang der Kunst beklagen,  müssen sich daran gewöhnen, dass die Artes Liberales alle Gebärden kreativen Verhaltens zulassen, die nicht durch den Broterwerb erzwungen sind, sondern der Entfaltung einer Persönlichkeit dienen, die die Gesellschaft formt, in der sie lebt. Der Forderung, der Gemeinschaft nützlich zu sein, muss sich folgerichtig jeder Künstler stellen.

Die Gemeinschaft antwortet mit Protest oder Einverständnis, der Konsens zählt, der Applaus der Familie, der community, der Ausstellungsbesucher, der Kritiker, der Tageszeitung, des TV. Wenn alle geklatscht haben, ist die Kunst gut. Es kann lange, bis über das Leben hinaus, dauern. Wenn aber Menschen bezahlt werden, zu klatschen, wenn Verkaufsagenten Absprachen treffen, wenn der Bergsteiger für ein Foto auf den Gipfel getragen wird, wenn der Maler nur das malt, was der Sammler gern über sein Sofa hängt, wenn das Pissoir umgedreht oder „Guernica“ gefälscht wird, bleibt der Kunst der Ruhm, sogar Missbräuchen zu dienen.

 

A.R.Penck „Der Übergang“ 1963

 


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Kaspar Hauser

Zu Weihnachten „Kaspar Hauser“

 

Dieses Bild betrachte ich jeden Tag. Es hängt in meinem Badezimmer. Ich sehe ein bescheidenes Kinderspielzeug, ein Pferd, angeschirrt an ein angeschnittenes Gefährt. Eine Kutsche? Die schwarze Silhouette ist ohne Binnenzeichnung schlicht auf den grauen Grund gesetzt, und diesen Grund bestimmt ein Geist, zwei Augen, der Umriss eines Kopfes, Formen, die durch die Farbe durchschlagen: das Gesicht des Kaspar Hauser.

Kaspar Hauser war schon vor seinem Tod 1833 so bekannt wie Donald Trump heute, ein Findelkind, das sich selbst mit einer Fülle von Geheimnissen umgab. Ich habe im Ansbacher Hofgarten vor seinem Gedenkstein gestanden: „HIC OCCULTUS OCCULTO OCCISUS EST“ „Hier wurde ein Geheimnisvoller auf geheimnisvolle Weise getötet.“  Er war etwa 20 Jahre alt.

Mein kleiner Freund Philipp (8 Jahre), der neben mir wohnt, baut verbissen an den Cyborgs der LEGO Bionocles mit den Maori-Namen, die sein Kinderzimmer füllen und sich in diesen Tagen wundersam vermehren. Ein Holzpferd mit Karre kann er sich als Spielzeug nicht vorstellen.  Die provokante Bescheidenheit dieser Chiffre und der Titel des Bildes, ihr Bezug zu dem Findelkind, das angab, jahrelang in einem Kerker vegetiert zu haben, ließen mich das Bild vor 10 Jahren in einem verlassenen Verkaufsraum in Aachen für 150 € kaufen. Ich hatte von seinem Autor nie gehört. Wir schrieben uns. Er lebt zurückgezogen bei Aachen und zeichnet / malt jeden Tag Porträts von Menschen, denen er in den Medien begegnet, mit einer melancholischen Gleichgültigkeit, als wären sie alle Findelkinder in einer Welt, deren Erstaunen sie suchen.

Hans Peter Kohlhaas „Kaspar Hauser“ 2010, Öl, Lack auf Karton 50 x 40 cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Utopien

ZUM NEUEN JAHR: UTOPIEN

 

Als die Künstler und Wissenschaftler um 1900 in die Zukunft sprangen, schrieben die Träumer und Utopisten in den Reformsanatorien des Tessin, der Villa Neugeboren und des Monte Verità: Thomas Mann den „Zauberberg“, Hermann Hesse „Demian“ („Sei du selbst!“), und Ernst Bloch publizierte zum Ende des Weltkriegs den „Geist der Utopie“:

„Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben. Für sich selber ist es längst schon leer geworden. Es taumelt sinnlos hin und her, aber wir stehen fest, …wir sind ärmer als die warmen Tiere geworden; wem nicht der Bauch, dem ist der Staat sein Gott, alles andere ist zum Spaß und zur Unterhaltung herabgesunken. …Wir haben Sehnsucht und kurzes Wissen, aber wenig Tat, … keine Weite, keine Aussicht, keine Enden, keine innere Schwelle,…. keinen utopisch prinzipiellen Begriff. Diesen zu finden, das Rechte zu finden, um dessentwillen es sich ziemt, zu leben, organisiert zu sein, Zeit zu haben, dazu gehen wir,…. bauen uns ins Blaue hinein und suchen dort das Wahre, Wirkliche, wo das bloß Tatsächliche verschwindet.“

Das Pathos haben die Enkel, die „Hippies“ im Silicon Valley in den 60er Jahren nicht wiederholt, In ihrem Whole Earth Catalog 1970 heißt es:

„Wir sind wie Götter und könnten darin sogar gut werden. Bis heute sind die Mächtigen und Ruhm Suchenden –  Regierung, big business, Erziehung, Kirche – so weit gelangt, dass grobe Mängel tatsächliche Gewinne verdunkeln. Als Antwort auf dieses Dilemma und auf diese Gewinne entwickelt sich ein Bereich intimer, persönlicher Kraft – Kraft des Individuums, seine eigene Erziehung zu leiten, seine eigene Inspiration zu finden, sein eigenes Umfeld zu gestalten und dieses Abenteuer mit jedem zu teilen, der dazu Lust hat.“

Sie sind die Väter von Apple, Google, Microsoft und Facebook, und ihre Kinder und Enkel lenken das globale Internet. Wer ihre anarchische Perfektion bewundert, muss den angestrengten Eifer aller Staatsregierungen, den Menschen dieser Welt ein Leben in Frieden zu schaffen, für stümperhaft halten. Aber auch die Enkel verharren in einer Jetztzeit, die von Hysterie und Angst bestimmt ist. Die lastende Atmosphäre lässt nur noch Neuerungen an Smartphones, Kritik, Nörgelei, Demonstrationen, Beschimpfungen, Prügeleien, Spaltungen, Missmut und Überdruss zu. Aber dringend gebraucht werden Zielvorstellungen und wachsende, kräftige Mehrheiten innerhalb und außerhalb des politischen Raums, die ein Bewusstsein von gemeinsamer Kraft trägt. Darum ist es nützlich, die Utopien für neue Leitbilder zu nutzen statt mit Dystopien zu kokettieren. Die kalifornischen Hippies haben von LUST gesprochen. Das Abenteuer, an der Welt zu bauen, mit jedem teilen, der LUST dazu hat. LUST sollte das Neue Jahr bestimmen.

 


Ein Kommentar

Videoarchiv Belgien

Zur Ausstellung des Ludwig Forums für internationale Kunst „Videoarchiv 04. DIE BELGIER“

 

Wer heute mit Skype telefoniert, Videos mit seinem Smartphone herstellt und über Beamer zeigt, kann sich kaum vorstellen, dass Nam June Paik mit seiner kleinen Videokamera gegen die 16mm-Beaulieu von Andy Warhol um Geltung kämpfte und dass Ulrike Rosenbach nur davon träumen konnte, eines ihrer Videostücke allen Bewohnern eines großen Hotels in ihren Zimmern zu zeigen.

Die ersten Videokameras, die wir in den späten 60er Jahren kauften, hatten noch keine integrierten Recorder wie die späteren Camcorder und einfache ½ Zoll Schwarz-Weiss-Bildsensoren, aber was solkl´s, wir folgten alle dem Glaubensbekenntnis Gerry Schums: Kunst als Kommunikation von Kunst statt Besitz von Kunstobjekten, mit dem er seine „Fernsehgalerie“ 1967 bis 1970 betrieb (Er hat sie in seiner Düsseldorfer Galerie seit 1971 ad absurdum geführt, als er Editionen von Kassetten teuer anbot.)

Die digitalisierten Kassetten, die das Videoarchiv im Ludwig Forum nun zeigt, stammen (außer Leo Copers, dem Belgisch-Limburger) aus dem Aktionskreis einer Ausstellung, die die Neue Galerie 1975 präsentierte: „Belgien: Junge Künstler 1/ Belgique: Artistes Jeunes 1/ Jacques Charlier, Alain d´Hooghe, Filip Francis, Jacques Lizène, Bernd Lohaus, Mass Moving, Jacques Louis Nyst, Henri Pousseur, Philippe Van Snick, Marthe Wéry, Continental Video /Antwerpen)“: Aktions-, Land Art-  und Performance-Künstler, Komponisten und erste Video-Künstler. Ich hatte sie in Lüttich durch Guy Jungblut und seine Galerie Yellow Now, eröffnet 1969, und in Antwerpen durch Flor Bex im 1970 gegründeten International Cultural Centre (I.C.C.) kennen gelernt. Die Video-Epidemie hatte auch sie erfasst. In der Ausstellung bot Charlier mit einer elektrischen Gitarre und grellen Verstärkern ein hard music Konzert, Bernd Lohaus bewarf die Wände eines Raumes mit Farbpigmenten, Filip Francis stellte hunderte kleiner Holzklötze auf, stieß den ersten an und ließ uns erleben, wie einer nach dem anderen auf dem Marmorboden des Ballsaales umfiel. Henri Pousseur führte mit kleinen Lütticher Orchester eine eigene Komposition vor, und Nyst begleitete seine intimen Video-Erzählungen. Lizène, „petit maitre Liegeois“, zeigte zwei braune Bilder, die nach Fäkalien rochen, und D´Hooghe bemühte sich vor der Tür, sein Auto statt mit Benzin mit Erbsensuppe zu betanken.

Das jugendliche Vergnügen, das alle spürten, kann die Ausstellung im Ludwig Forum nicht wiedergeben, aber sie zeigt den Frühling der Experimente mit dem neuen Medium so, dass seine Mängel allzu sichtbar werden – und lässt ihn ohne Kommentare allein. Die Werke sind mit einfachen Instrumenten hergestellt, für kleine Monitore bestimmt und nicht für Projektionen, und da sie lichtschwach sind, sollte es dunkel sein. Die „Ausstellungsbrochüre“(?), ein bescheidenes Faltblatt, bietet geringe Lesehilfen. Und der Beitrag ist klein: es ist damals nicht gelungen, zusätzlich Videos von Marie-Jo Lafontaine, David Claerbout oder Michel François zu erwerben. Die Belgier haben zur europäischen Videokunstgeschichte einen guten Beitrag geleistet.