Beckeraachen

Kunstwechsel


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Der Große Monarch

Kalendergeschichten – news – fake news

Die social media teilen Zustandsbekenntnisse, Kommentare zu Tagesereignissen, Berichte von Erlebnissen, politische Pöbeleien und Berichte über Kunsterfahrungen mit. spontan, improvisiert, und verlieren schnell ihre Aktualität – wie die Tageszeitungen. Deer „Trierische Volksfreund“ erschien1875 zuerst 3x wöchentlich, später täglich. Der „Rheinländische Hausfreund“, der Johann Peter Hebels Kalendergeschichten 1803-14 verbreitete, war dagegen ein Jahreskalender, der die Stunden-Aktualität der social media auf die Dauer von Jahren verlängerte. Nachrichten wurden Literatur.

 

Die 9. Kalendergeschichte   Zum großen Monarchen

Aachen_Großer_Monarch_1906Eigentlich wollten Winfried und seine Freunde im Oktober 1920 im Restaurant Carlton des Hotels zum Großen Monarchen über die Monarchisten herziehen. Das hatte er freilich seinem Vater, dem Geschäftsführers des Hotels, nicht gesagt. Der war kein Monarchist, residierte aber gern, wenngleich er seit 2 Jahren seine Steuern einer Republik zahlte, in einem Hotel, das mit der Heißen Quelle, die er in den Baderäumen nutzte, einem Monarchen gewidmet war.  Sein großes dreistöckiges Haus mit einem beherrschenden Giebel am Büchel war eines der feinsten am Platz.

Das Wort Monarch erhält sich die Sphäre des himmlischen Mandats, die eine unfassbare Macht enthält. Waren Hotel und Quelle nach den 3 Monarchen des Aachener Friedenskongresses 1818 genannt, nach den legendären Kaisern Heinrich II. und Friedrich Barbarossa oder der Chimäre einer Vision, die sich mit einer Marienerscheinung 1846 im Kloster von La Salette zu entwickeln begann und etliche Blütezeiten erlebte?  Ihr Großer Monarch, der Erlöser und Friedensbringer der Zukunft, ist er ein Franzose oder ein Deutscher? Ein Katholik? Ist er unbesiegbar? Wird er die Finsternis und Hungersnot beseitigen? Wird er die Weltrevolution führen? Wird er aus Russland kommen und im Namen des alten rechten Glaubens die Protestanten Europas vernichten? Wird er nach Jahren des Blutvergießens Eintracht und Wohlstand herbeiführen?

Die monarchistischen Politiker hatten nach der Gründung der Weimarer Republik im November 1918 100-Tages-Programme einer Reichsregierung bekanntgemacht, die die Wiedererschaffung des Sacrum Imperium, die Einsetzung eines Königs, des Primas Germaniae und der Reichskirche, die Wiederschaffung des Lehnsrechtes und des Untertanenstatus vorsieht. Winfried war erstaunt, 86 Jahre später das Programm aktualisiert bei Wikipedia wiederzufinden. Darin ist sogar der Abriss der Autobahnen vorgesehen.

Einige Graffiti-Maler um Hook gaben 2011 an der Hauswand vor dem Kanaldeckel, der die Quelle des großen Monarchen zudeckt, ihm, dem Monarchen das Gesicht des Verbrecherlords Jabba auf Tatooine aus der Starwars Saga. Der Gottgesandte lebt als Dämon fort.

Als Winfrieds Vater entdeckte, dass die 5 Studenten nicht ein fröhliches Fest inszenieren – etwa „Ein Maskenfest auf Capri“ – , sondern sein eigenes königliches Nest beschmutzen würden, klebte er das Anna-Blume-Gedicht von Kurt Schwitters an ihre Tür „Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir.“ und den kämpferischen Spruch „„Der Sozialismus verhält sich zum Bolschewismus wie die Grippe zur Lungenentzündung: Jene macht einen krank, an dieser stirbt man“. So war die Richtung vorgegeben, nicht nach rechts, sondern nach links sollte die Satire zielen, nicht zum düsteren Sinn, sondern zum heiteren Unsinn.  So vertraten Winfried und seine Freunde, deren Namen nicht überliefert sind, den RHEINDADA, und das „Echo der Gegenwart“ berichtete über sie am 22. Oktober. Winfried war als Anna Blume maskiert, „unseres Wissens eine Art künstlerisches Idol der Bewegung“. “ein Jüngling im Hosenrock, tanzte nicht schlechter als manche weibliche Tanzblume“ Der Kritiker berichtete, dass die „politischen, literarischen und gesellschaftlichen Knallerbsen“ „mit Singen, Pfeifen, Johlen, Miauen, Bellen“ quittiert wurden, und schließt mit dem Satz „Wir haben ernstere Dinge zu tun, als dass wir uns in übermütiger Zeitvergeudung mit den tollen Launen sorgloser Literaten befassen könnten.“ Das versteht jeder, der sich die düsteren Jahre nach dem 1. Weltkrieg vorstellen mag. 5 Reichsmark Eintrittsgeld waren so viel wie 5 Pfennige 1914.

Über das tumultuarische fluxus-Festival am 20. Juli 1964 in der Aula der RWTH sind wir ausführlicher informiert, so dass wir die Aggressivität der Ansprachen und ihre politisch-philosophischen Inhalte bewerten können. Im Oktober 1920 hat uns bereits der Ort der Veranstaltung, von dem eine Postkarte bekannt ist, und der vornehme, belastete Name misstrauisch gemacht. Aber schließlich fand die erste Stunde von DADA in Zürich auch in einem Café statt. Freilich trug es nicht den Namen eines Monarchen, sondern eines Philosophen der Aufklärung: Voltaire.

Abb. Hotel Zum Großen Monarchen 1906

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Überschwemmung

Kcho Boat people 1994Die 8. Kalendergeschichte – ÜBERSCHWEMMUNG

Der junge Amerikaner aus Arlington, der, ohne Geld zu nutzen, durch Europa wandert, hat sich auf dem Lousberg in dem verlassenen Forsthaus gegenüber dem Couven-Pavillon eingerichtet. Die alte Frau Houben bringt ihm regelmäßig Brot und Gemüse und plaudert gern über die Kriegsjahre. Damals, 1944, hat sie sich im Keller ihres Hauses in der Kupferstraße versteckt und mit Kartoffeln ernährt. Der Keller war nass, der Regen drang vom Abhang hinein. Jetzt steht er unter Wasser. Die unteren drei Etagen ihres Hauses sind überschwemmt. Sie hatte ihre holländischen Freunde ausgelacht, die aus Angst vor der großen Flut am Atlantik hoch gelegene Häuser in Limburg, in der Eifel und im Bergischen Land kaufen. Auch sie nutzen jetzt ihre Motorboote, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Sie haben Stricke mitgebracht und ihr eine Leiter geknüpft, auf der sie vom 4. Stock ihres Hauses zu dem Rokoko-Gitter des Couven-Pavillons klettern kann. Von dort bis zum Belvedere auf dem Berg betritt sie festes Land und schaut über eine Seenlandschaft, die sich viele nicht hier, sondern nebenan gewünscht haben, dort, wo die tiefen Gruben des Kohleabbaus langsam mit Rheinwasser gefüllt würden und Segelregatten, Tauchmanöver, Anglerwettbewerbe zulassen würden.

Bei klarem Wetter würde sie bis zum Hohen Venn schauen und in dem Aachener Becken recht genau die 15 kleinen Rauchsäulen der heißen Quellen lokalisieren,  die sich durch das kalte Wasser empordrücken.

Als allein die Kupferstraße die Fahrt zur Spitze des Lousbergs erlaubte, gab es einen Bildhauer in Aachen, der meterlange Haifische aus Drahtgeflechten herstellte. Kunstbegeisterte Einwohner schlugen ihm vor, etliche wie Girlanden über die Straße zu spannen, so dass Autofahrer das Augenblickserlebnis einer submarinen Durchquerung hätten. Jetzt warten sie auf dem Dach ihres Hauses auf die Ankunft der Fische selbst.

Es regnet heftig seit vielen Tagen, und es ist warm geworden. Sie erinnert sich an das laute Trommeln der Tropfen auf dem Blätterdach des Krals in Kribi in Kamerun. Starke Monsungüsse wie aus Eimern in mehreren Nachtsunden und mächtiger Dunst über dem Meer, wenn die Sonne aufstieg. Das war ein Neckermann-Urlaub vor langer Zeit.

Der Amerikaner sichert das Dach und seine Abflussrinnen und versucht, den Ratten, Mäusen, Eichhörnchen und Füchsen den Zugang zu erschweren. Gegen Spinnen, Wespen, Mücken, Fliegen, Mistkäfer, Flöhe, Wanzen, Schimmelpilze und zahllose, dem menschlichen Auge nicht sichtbare Flüchtlinge ist er machtlos. Nie ist ihm die Welt so dicht bevölkert erschienen.

Er hat Fragmente von Krebsen, Schnecken. Korallen und Muscheln aus dem Boden gekratzt, die 80 Millionen Jahre lang hier ein großes fischreiches Meer bevölkerten – 80 Millionen gegen die Zeitrechnung unserer Zivilisation von 5000!

Er zeigt der alten Frau im Obergeschoss des Couven-Pavillons eine Wohnung, die sich ein Professor der RWTH nützlich eingerichtet hat; er könnte nachfragen, ob sie das Hausrecht übernehmen dürfte. Eigentlich erscheinen solche Ansprüche jetzt veraltet, und es wird wichtiger zu überlegen, wie vielen Flutflüchtlingen Gastrecht gewährt werden kann. Der angenehme Egoismus des Wohlstandes weicht einer selbstverständlichen Einsicht des Miteinanders.

Taucher haben im Aachener Becken Funkmasten und Stromleitungen vom Boden gelöst und auf Pontons eingerichtet, um den Kontakt der Smartphones und die Energiezufuhr der Server zu erhalten. Satelliten kreisen nahe. Im Forsthaus funktionieren Radio, TV und Wlan einwandfrei. FRIDAYS FOR FUTURE hat eine große Demonstration angekündigt. 10.000 Boote werden am Freitag über dem Kölner Hauptbahnhof ankern.

 


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Aachen – die leere Stadt

Bastei LindnerKalendergeschichten – news – fake news

 

Die social media teilen Zustandsbekenntnisse, Kommentare zu Tagesereignissen, Berichte von Erlebnissen, politische Pöbeleien und Berichte über Kunsterfahrungen mit. spontan, improvisiert, und verlieren schnell ihre Aktualität – wie die Tageszeitungen. Deer „Trierische Volksfreund“ erschien1875 zuerst 3x wöchentlich, später täglich. Der „Rheinländische Hausfreund“, der Johann Peter Hebels Kalendergeschichten 1803-14 verbreitete, war dagegen ein Jahreskalender, der die Stunden-Aktualität der social media auf die Dauer von Jahren verlängerte. Nachrichten wurden Literatur.

 

  1. Kalendergeschichte A A C H E N –   D I E   L E E R E   S T A D T

 

Ist die Stadt Aachen durch die Explosion einer Wasserstoffbombe entvölkert worden oder hat der Taxifahrer aus Maastricht diese obdachlose Frau in eine Parallelwelt gefahren, die darauf wartet, bevölkert zu werden?   Die Frau ist obdachlos und sucht in vereinsamten Häusern nach einer Wohnung, in der sie sich wohlfühlen kann. Das Taxi hat sie am Muffeter Weg abgesetzt, der Fahrer wusste, dass dort Aktivisten vor einiger Zeit ein großes leeres Haus besetzt haben. Es ist jetzt zugemauert, aber sie findet den Zugang zu komfortablen Wohnräumen, einer Küche, einem Bad, und sie schaut auf einem großen, dicht bewachsenen fruchtbaren Garten. Sie nimmt an, dass sie hier andere Häuser finden kann, in denen Strom- und Wasserzufuhr vorhanden sind, und stößt auf das Terrassengästehaus der RWTH in der Maastrichter Straße: dort kann sie unter 36 leeren Wohnungen wählen.  Soll sie bleiben? Ist das Angebot im Zentrum nicht größer als hier im RWTH-Gelände?

An der Ludwigsallee gelingt es ihr, in die Bastei einzudringen. Die Fülle der Fenster in dem imposanten Eckbau hat sie fasziniert. Sie stellt sich Festsäle, Bühnen- und Garderobenräume, Chambres Séparées, Wohnungen, Dachterrassen vor und springt über Pfützen durch nasse, schmutzige Gänge, am Möbeltrümmern vorbei, bis sie oben tatsächlich einige verlassene Biwaks entdeckt, in denen jugendliche Hausbesetzer ohne Not gehaust haben. Platz für viele Wohnungen in bevorzugter Lage im Kurviertel! Ein Einkaufskiosk um die Ecke!

Sie läuft hinunter zur Grosskölnstrasse an einem großen leerstehenden Geschäftshaus mit Wohnungen im Obergeschoss vorbei, an geschlossenen Geschäften in der Mefferdatisstrasse, am Dahmengraben, in der Adalbertstraße. In das verrammelte Erdgeschoß des Alten Kurhauses wird sie nicht einziehen: zu viel Betrieb bei den Veranstaltungen oben. Die meisten der 90 Läden, in die sie hineinschaut, sind offenbar noch nicht lange leer. Sie könnte dort wohnen und die Schaufenster verkleben.

An der Stiftstraße hinter dem Kugelbrunnen findet sie eine halb geöffnete Tür und tritt in eine Folge von Räumen, die bis zur Adalbertstraße reicht, leere weitläufige Ladenlokale von einem Ende der Straße zum anderen. Sie sind seit langer Zeit verlassen, vermüllt, verwildert und verschimmelt. Über ihnen müssen Wohnungen in allen Stockwerken sein. Wem gehören diese Häuser? Wer kann sich leisten, sie so lange tot liegen zu lassen? Ist es erlaubt, so zu handeln? Ist es denkbar, dass in einer leeren Stadt niemand etwas erlaubt oder verbietet? Unter den Wohnungen könnte ihr die eine oder andere gefallen. In den Schränken hängen noch alte Kleider. Arme Leute haben hier gewohnt. Wer hat sie vertrieben? Sind die Häuser einsturzgefährdet? Keine Abrissbirnen weit und breit.

In einem Hotel der Stiftstraße bewohnt ein Student eines der Zimmer. Als der Betrieb eingestellt wurde, hat er aufgehört, die Monatsmiete von 500 € zu bezahlen. Er hat noch Strom und Wasser. Die Frau bleibt über Nacht bei ihm. Am Morgen bringt er sie in das Camp Hitfeld am Augustinerwald, eine 22 ha große ehemalige Kasernensiedlung des belgischen Militärs, in der die Menschen kampieren, die in Aachen keine Wohnungen finden – 3.400 Familien etwa. Ein großer Teil von ihnen lebt schon lange hilfsbedürftig hier mit der Hoffnung, in Neubauten billige Mietwohnungen zu erhalten. Die Frau schüttelt den Kopf, als sie erfährt, dass die Eigentümer des Geländes dieselben sind, denen die Häuser der Stiftstraße gehören. Warum dulden sie einen Schandfleck im Inneren einer Stadt, die auf ihre Geschichte und ihr Erscheinungsbild stolz ist, und planen an ihrem Rand aus der Not geborene Wohneinheiten? Wollen etwa alle diese Leute ins Grüne ziehen?

Während sich die 10.000 Menschen im Camp Hitfeld am Vormittag vor den Agenturen und Geschäften dort drängeln, bringt der Student die Frau in die leere Stadt zurück. Sie zieht in das verlassene Hotel.  Warum wohnt er dolrt?  Wo sind seine Kommilitonen, die der Innenstadt ihren malerischen, internationalen Reiz geben sollen? In dieser Parallelwelt sind als „ Sommergäste“ ausgeschlossen. (Die Eltern der Frau ziehen im Sommer in Domburg an der holländischen Küste in den Dachboden ihres Hauses und überlassen ihre Wohnräume den Sommergästen aus Deutschland – für 3 Monate im Jahr!) Die Kultur der Stadt schaffen die Einheimischen, die lange dort verweilen, die mitreden und wählen – von denen viele jetzt im Camp Hitfeld leben – ohne sie ist die Stadt eine leere Stadt.

Die große RWTH ist eine gute große Universität. Sie zieht viele Studenten aus dem In- und Ausland an. Ehe sie beginnt, ihnen Residenzen zu schaffen, überlässt sie sie der kleinen Stadt. Die hat ihnen keine leeren Wohnungen besorgt, sondern Hausbesitzer angeregt, Platz in Wohnungen zu schaffen, die geringe Mieten kosten. Für wohlhabende Studenten werden Neubauten geplant Die Studenten verdrängen Einwohner. Ihre neuen Häuser verdrängen sozialen Wohnungsbau. Würde die Stadt sie der RWTH zurückgeben, so hätten alle Einheimischen Platz. Jetzt findet man sie im Camp Hitfeld.

Der Student hat wohlhabende Eltern. Sie haben ihm das Hotelzimmer bezahlt. Weil er unter der Einsamkeit in der leeren Stadt leidet, nutzt er jetzt die Einnahme, um im Camp Hitfeld Patenschaften und Selbsthilfegruppen für Wohnungen in der Stiftstraße zu organisieren. Er ist Ingenieur. Die Wasser- und Elektrizitätswerke gestatten ihm, die Anschlüsse zu reaktivieren.

Die Frau hat am Bahnhof Rothe Erde das große leerstehende Kaufhaus der Aachen-Arkaden entdeckt und geöffnet. Es ist noch beheizt, und mittlerweile streifen Kindergruppen mit ihren Betreuern aus dem Camp durch die Hallen und bauen heimelige Ecken. Künstler habe sich Ateliers eingerichtet. Theater- und Musikgruppen proben.

Eine Frau, die in der Wohnungsvermittlung der RWTH gearbeitet hat, zeigt den beiden die Angebote von Hausbesitzern im Ostviertel der Stadt, die sich an WGs kapitalkräftiger Studenten richten, und rät ihnen, sie in den Papierkorb zu werfen. Die Universität soll eben nur so viele aufnehmen, wie sie unterbringen kann – und Residenzen, Containersiedlungen in ihrem Campus bauen.

Die Mitarbeiter der Agenturen, Ämter und Geschäfte im Camp Hitfeld klagen: sie verlieren ihre Kunden. Es versteht sich, dass der große Umzug aus dem Augustiner Wald in die Innenstadt begonnen hat. Da dort erlaubt und nicht verboten ist, Wohnraum ungenutzt verkommen zu lassen, muss auch erlaubt und nicht verboten sein, ihn zu nutzen. Diese Parallelwelt organisiert sich selbst und schafft ihre eigenen Verbote und Genehmigungen. Agenturen, Ämter und Geschäfte, die im Vertrauen zu ihren Kunden leben, ziehen ihnen nach. In die Aachen Arkaden ist lautes Leben eingekehrt. Es gibt Tauschbörsen. Alle meiden Banken und Sparkassen, um sich nicht zu verschulden. Sie nutzen Bitcoins in Blockchains. Im Ballsaal des Alten Kurhauses hat das erste große Fest stattgefunden. Man hat dem 1.000.084. Geburtstag der Kunst gefeiert.

Abb. Lilith Lindner hat sich darauf spezialisiert, markante Fassaden wie die der Bastei aus Wellpappe zu schneiden. http://www.lilithlindner.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Musik als Gewalt?

Kalendergeschichten – news – fake news

 

Die social media teilen Zustandsbekenntnisse, Kommentare zu Tagesereignissen, Berichte von Erlebnissen, politische Pöbeleien und Berichte über Kunsterfahrungen mit. spontan, improvisiert, und verlieren schnell ihre Aktualität – wie die Tageszeitungen. Deer „Trierische Volksfreund“ erschien1875 zuerst 3x wöchentlich, später täglich. Der „Rheinländische Hausfreund“, der Johann Peter Hebels Kalendergeschichten 1803-14 verbreitete, war dagegen ein Jahreskalender, der die Stunden-Aktualität der social media auf die Dauer von Jahren verlängerte. Nachrichten wurden Literatur.

 

  1. Kalendergeschichte MUSIK ALS GEWALT?

 

Der Eupener Organist Serge Schoonbrodt spielte auf der Orgel von St. Elisabethin Aachen, als die entweihte Kirche 2016 ein pop up HOTEL TOTAL war, die Passacaglia von Johann Sebastian Bach – zu Ehren einer im Gewölbe kreisenden Skulptur des amerikanischen Bildhauers Daniel Rothbart – eine Musik, auf der Straße zu tanzen (passare, calle), laut, mächtig, überwältigend. Ich begriff, dass die Pfeifenorgel, das Instrument der Heiligen Cäcilie, nach schüchternen Anfängen (eine der ersten in der Kapelle Karls des Großen) im Barock des 17. Jh. in die Musik Europas einen die Sinne überschwemmenden Rausch getragen hat, den auch das größte Orchester nicht erzeugen konnte.

Ein Jahr vor seinem Freitod 1811 schrieb Heinrich von Kleist die Novelle „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“, eine Geschichte vom Aachener Dom, dem Nonnenkloster St. Cäcilien, von der wundersamen Aufführung einer italienischen Messe aus alter Zeit, von Bilderstürmern und drei Brüdern, die Aufruhr planten und, gefesselt von der Musik der Messe, nicht aufhören konnten, das Gloria „mit grässlichen und entsetzlichen Stimmen“ zu wiederholen, „ – so mögen sich Leoparden und Wölfe anhören lassen, wenn sie zur eisigen Winterzeit das Firmament anbrüllen“, so dass sie ihr Leben in einem Irrenhaus beschließen mussten. Nicht die MACHT der Musik hat diese jungen Männer überwältigt, sondern ihre GEWALT hat ihnen den Verstand geraubt, als hätte sie ein Fluch getroffen.  Ihre Mutter sah später bei der Äbtissin die Partitur des Gloria in excelsis deo. „Es war ihr, als ob das ganze Schrecken der Tonkunst, das ihre Söhne verderbt hatte, über ihrem Haupte rauschend daherzöge.“

War die Orgel ein Instrument, das die Ton- und Lautstärke der Musik wesentlich silbermann Arlesheimerweiterte, so benutzten die Regisseure der russischen Oktoberrevolution  für öffentliche Konzerte Industriesirenen und Kanonenschüsse,  der Komponist  Marinetti hatte in Mailand für seinen „Weckruf der Hauptstadt“ 1909 Schreibmaschinen, Kesselpauken, Kinderknarren und Topfdeckeln eingesetzt, und bis heute hat das komplexe Feld der Mikrofone und elektrischen Verstärker zu Tonvolumina geführt, die nicht nur die Trommelfelle überwältigen, sondern die Körper der Zuhörer vibrieren lassen. Freilich vereinen sich Menschen nicht nur im Erlebnis von Musik, , formen Gesellschaft und begegnen Lust und Schmerz – GEWALT. Der „Schrecken der Tonkunst“ kann hymnische Bekenntnisse. Freudentaumel, Tänze, Räusche, Ekstasen und dauerhafte Verletzungen hervorrufen.  In der „Novelle“ konnte Schwester Antonia die Messe nicht dirigieren. Sie starb im Krankenbett, während eine andere am Pult stand. Cäcilie selbst hat die Brüder gelehrt, das GLORIA zu brüllen.

Abb. Die Silbermann-Orgel in Arlesheim

 


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Tiere im Museum

Prtfotmance Gerofrey Hendricks Stephen Varble im BallsaalKalendergeschichten – news – fake news

Lebende Tiger unter Fotoporträts von André Breton, André Breton, Filippo Tommaso Marinetti und Wladimir Majakowski

Die social media teilen Zustandsbekenntnisse, Kommentare zu Tagesereignissen, Berichte von Erlebnissen, politische Pöbeleien und Berichte über Kunsterfahrungen mit. spontan, improvisiert, und verlieren schnell ihre Aktualität – wie die Tageszeitungen. Deer „Trierische Volksfreund“ erschien1875 zuerst 3x wöchentlich, später täglich. Der „Rheinländische Hausfreund“, der Johann Peter Hebels Kalendergeschichten 1803-14 verbreitete, war dagegen ein Jahreskalender, der die Stunden-Aktualität der social media auf die Dauer von Jahren verlängerte. Nachrichten wurden Literatur.

 

  1. Kalendergeschichte Lebende Tiere im Museum

 

Ein Aufseher im Aachener Zoo erzählt: Heute rangelte ein 4-jähriger lebhaft mit den Ziegen, als sei er mit ihnen vertraut. Sein alter Vater kannte den Zoo, er hatte 1977 die Affen gebeten, ihren Käfig für den amerikanischen Künstler Alan Sonfist zu räumen, der sich dort einen Tag lang ebenso nackt wie sie damit aufhielt, einen freundlichen Blick auf die Nachbarn zu werfen, die ihm neugierig zuschauten. sich zu rasieren, die Zeitung zu lesen und mit Zuschauern zu plaudern, Der alte Mann erzählte mir von den Tieren, die er in seinen Museen gepflegt hat – in Museen moderner Kunst. Künstler brachten sie mit, oder er musste sie suchen: für den Norweger Geoffrey Hendricks 1972 20 weiße Mäuse. Der saß 3 Stunden lang im Ballsaal des Alten Kurhauses in der Neuen Galerie auf einem 150 cm hohen schwarzen Erdhügel und lass in einem Buch des fluxus-Vaters Dick Higgins (nehmen wir an in: foew & ombwhnw: a grammar of the mind and a phenomenology of love and a science of the arts as seen by a stalker of the wild mushrooms, Something Else Press, New York, 1969), während sein Freund Stephen Varble, mit einem Talar aus aneinandergeknüpften Holzshreds bekleidet, um den Erdhaufen tanzte. Hendricks trug einen schwarzen Frack. Vorsichtig und langsam krochen die Mäuse aus Jacken- und Hosentaschen, Ärmeln und Hosenbeinen. Und langsam nahmen die Anwesenden sie wahr, entzückt, gerührt, erschreckt, ratlos. Auf dem Marmorboden des Saals entstand eine bewegliche Zeichnung aus weißen Schleifen zu seinen Rändern und Ausgängen hin.  Im Keller vermehrten sie sich. Das Personal stellte Fallen auf.

 

Weißen Mäusen folgten weiße Tauben in großen weißen Käfigen, die an großen weißen, farbig akzentuierten Bildtafeln hingen. Roger Raveel hatte sie im Saal installiert (sie sind noch heute in seinem Museum in Machelen zu sehen), die weißen Stuccaturen des Festsaales ergänzten „himmlische“ Dekorationen, die die Luft zart bewegten und gelegentlich gurrten.

 

Ihnen folgten gemusterte Schlangen, die eine Künstlerin für eine Performance nutzte …und Tiger. Der alte Mann hat sich allerlei Ärger aufgeladen, als er lebende Tiger in sein Museum einlud. Für die Ausstellung „Fluchtpunkt Moskau“ hatte der junge russische Künstler Anatoli Osmolowski, berüchtigt für seine Aggressivität, 1994 vorgeschlagen, 3 lebende Tiger in einem Raum mit 3 „Tigern“ der europäischen Kunstgeschichte zu konfrontieren:  André Breton, Filippo Tommaso Marinetti und Wladimir Majakowski, revolutionäre Väter des Surrealismus und Futurismus in Paris, Mailand und Moskau. Es schien aussichtslos, sein Projekt zu realisieren, bis der Alt Breiniger Künstler Win Braun den Freund Althoff ansprach, der seinen Zirkus in Vennwegen im Winterquartier hütete. Die „Kapelle“ im Forum ist ein geeigneter großer Raum mit einem engen Eingang, der leicht zu vergittern wäre. Herrn Althoff machte es Spaß, das Wagnis des Transportes und dreitägigen Aufenthalts einer Tigerfamilie in einem Museum einzugehen. Die Tiger fühlten sich wohl. Die warme Bodenheizung des Parketts gefiel ihnen, und ab und zu sprangen sie zu den 3 Großfotos der Revolutionäre hoch und versuchten sie abzukratzen. Das Publikum drängelte sich am Gitter. Der Sammler Ludwig stimmte gern zu, dass ein lebender Tiger denn doch interessanter ist als ein gemalter.

Der alte Herr endete seine Karriere im Ludwig Forum nicht mit lebenden, sondern ausgestopften Tieren: Löwe, Nilpferd, Wasserbüffel, Wildschwein, Hirsch, Bär, Zebra. Sie tragen die Arche Noahs der Künstlerin Christiane Möbus. Sie nennt sie „Auf dem Rücken der Tiere“.

 


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Kalendergeschichte: Die Männer

 

 

Eine Kalendergeschichte nach Johann Peter Hebels Erzählungen des Rheinländischen Hausfreundes

Von drei Männern in meiner Straße 2015 – 2019

 

Der Mann, den ich vor der Erholungsgesellschaft in der Reihstraße ansprach, traute meiner Erzählung nicht: ich würde mich ohne Geld, Kreditkarte und Smartphone durch Europa bewegen und sei doch, wie er sehe, kein Obdachloser oder Bettler. Mein Hotel in Aachen koste 12 Euro pro Nacht. Mein Ziel sei eine Fallstudie über den Wohlstand Europas. Ich redete weiter, weil er mir zuhörte, ein alter Mann, ordentlich gekleidet, rasiert. Ich sei aus Arlington/ Virginia, Kind einer deutschen Mutter und eines Mitarbeiters der CIA in Langley und vor ihm und seinem Arbeitgeber geflüchtet; sie suchten mich, weil ich die Unterlagen über eine Geheimwaffe gestohlen hätte.  In Aachen sei ich, um einige Künstler wiederzufinden, die in Arlington, der Partnerstadt, ausgestellt hätten. Der alte Mann wurde müde, mir zuzuhören, dankte und gab mir drei 2-Euro-Münzen „für das Hotel“.

 

Er hatte mir gefallen, ich folgte ihm unbemerkt und merkte mir seine Wohnung im Patriarchenweg am Tempelberg. Offensichtlich ein Kleriker, ein „Heiliger Mann“. In den Mietwohnungen und Villen dieser Straße wohnen wohlhabende Bürger, und sein Haus ist mit fünf Stockwerken eines der höchsten. Zwei Tage später traf ich ihn wieder, als er aus der Tür trat. Er war überrascht, und ich riskierte, dass er mich für gefährlich zu halten begann. Weil er keine Münzen in seiner Jackentasche fand, zog er aus der Brieftasche vorsichtig einen 5-Euro-Schein und schien sich zu wünschen, mich nicht wiederzusehen. Ich schilderte ihm die Geheimwaffe, die mein Vater beschrieben hatte, eine unsichtbare ferngesteuerte Drohne, die größere Terrains mit hochgiftigen Mikroben bestäuben kann. Er ging unwillig davon.

 

Nachdem ich beschlossen hatte, einige Tage in Aachen zu bleiben, geriet ich in einer Spielhalle an eine Frau, die sie leitete. Sie wusste, dass mich Geld nur interessierte, um zu leben, und ich half ihr, ungebärdige Besucher zu besänftigen oder hinauszuwerfen. Ich bin mit 30 Jahren bei guten Kräften. Ihr Mann half am Abend, die Automaten zu leeren und die Beute in die Sparkasse zu bringen. Er war Hausmeister in mehreren Gebäuden und sorgte auch für Ordnung und Sauberkeit im Haus am Patriarchenweg. Durch ihn lernte ich die Putzkolonnen kennen, die die Flure und Treppenhäuser in den Gebäuden regelmäßig reinigen. Ich habe nicht verstanden, warum der Hausmeister bei einer der Mietparteien klingeln muss, damit dort der Druck auf einen Knopf das Schloss der schweren Haustür öffnet, während die Putzkolonnen offenbar einen Schlüssel besaßen.

Das Haus erregte mich. Langsam lernte ich alle Bewohner kennen, ohne dass sie den Beobachter auf der Straße beachteten, und dem alten Herrn ging ich aus dem Weg. Warum ein Mann mit zwei kläffenden Hunden zuweilen stundenlang vor dem Haus wartete, habe ich nicht herausgefunden. Ich entwarf Grundrisse der Wohnungen, der Keller und der Speicher. Es gelang mir auch, vom Tempelberg her die Gartenseite kennenzulernen, und dass über dem ummauerten Garten eine kleine Drohne surrte, steigerte mein Vergnügen. Ein Schuljunge, der im Erdgeschoss wohnte, lenkte sie.

 

In einer Prügelei vor der Spielhalle lernte ich einen Kroaten kennen, der mir half, mich zu säubern und zu verbinden. Ich sah noch immer nicht wie ein Obdachloser aus. Er trank gern und handelte mit Medikamenten und Drogen. Er liebte meine Geschichten aus den Schließfächern der CIA, und ich fügte der unsichtbaren Drohne einen Panzer hinzu, der voll verspiegelt sozusagen unsichtbar ist. Der Kroate führte mich in versteckte Gaststätten, und ich genoss die Gesellschaft, auf die ich zuvor verzichtet hatte.

Er wusste, dass ich das Haus im Patriarchenweg beobachtete und steckte mir eines Tages beiläufig einen Schlüssel zu. Er habe ihn von einem Freund, der eine der Putzfrauen kenne, die dort arbeiten. Sie wisse nichts davon, er habe ihn kopieren lassen. Dieser Schlüssel brannte wie Feuer in meiner Hosentasche. In einer dunklen Oktobernacht benutzte ich ihn ein erstes Mal, betrat die Garageneinfahrt, fand in der Garage zwischen vielen leeren Flaschen und Kartonagen ein Damenfahrrad, schlich im Erdgeschoss zu einigen Kellern, entdeckte ein kleines Weinflaschenlager in einem und fünf abgestellte Fahrräder hinter Mülltonnen in einem anderen, stieg hinab in den Tiefkeller und dann, da alle Parteien zu schlafen schienen, langsam hinauf durch alle Stockwerke bis in das Dachgeschoss. Durch die Dachluke strich der Wind, die aufgehängte Wäsche im Speicher flatterte laut. Ich war erschöpft und tastete mich abwärts, verzichtete aber nicht darauf, das Damenfahrrad und zwei Flaschen Wein mitzunehmen. Die Freundin des Kroaten bemängelte, dass am Rad die Lampe fehlte, In einer der nächsten Nächte habe ich sie gefunden.

 

Das Interesse an dem Haus, das der alte Mann erregt hatte, wuchs zu einer Leidenschaft. Jetzt wagte ich, tagsüber hineinzugehen, riskierte, gesehen zu werden und begegnete sogar im Halbdunkel einer der Einwohnerinnen, die mit der Auskunft zufrieden war, ich suchte meinen Gastgeber. Sie gab später bei der Polizei an, sie habe ein Tatou an meiner linken Wade gesehen und meine schwarz gefärbten Haare.

Was suchte ich?. Einmal öffnete ich im Dachgeschoss das Schloss einer der beiden Rumpelkammern gewaltsam, entdeckte unter den aufgehäuften Kunstobjekten eine Flasche, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit, war enttäuscht, als ich die Lettern „H²O“ darauf fand und stellte sie auf den Boden. Mich bedrängte das Gefühl, in einer Schatzkammer zu sein, in der nichts meine Besitzgier erregte. Der alte Herr wohnte im 2. Stock. Ich stand vor seiner Tür und wünschte, ihm nicht mehr als ein Zeichen zu geben, indem ich in Höhe des Schlosses einige Ritzen in das Holz kratzte. Sie sollten so aussehen, als sei ich bei dem Versuch einzubrechen gescheitert.

Ich spürte, dass die Bewohner des Hauses miteinander über mich sprachen, die Hausverwalterin alarmierten und planten, ihre Wohnungen und Keller vor mir zu schützen. Sie setzten mich mit den zahlreichen Einbrechern gleich, die sich in der Herbstzeit zu bereichern versuchen. Ich aber fühlte mich hilflos, gedemütigt und erregt. Das Damenfahrrad und die zwei Flaschen Wein hätte ich gern zurückgebracht. Mein Unbehagen, meine Erregung, meine Traurigkeit drängten mich in das Selbstgefühl eines Märtyrers, der missverstanden wird. Mein kroatischer Freund und die Frau des Hausmeisters, die sich scheute, ihrem Mann etwas von dem Schlüssel zu erzählen, hielten mich für verrückt. Als ich ihnen erzählte, dass ich aus der Rumpelkammer im 5. Stock eine Bibel mitgebracht und darin zu lesen begonnen hätte, klopften sie mir auf die Schulter. Sie hofften, dass ich so meine Fieberanfälle und Stunden der Schlaflosigkeit bekämpfen könnte. Sie meinten, ein Joint würde helfen, die Bergpredigt zu verstehen.

 

Aber diese Geschichte von Jesus als Täter, als Volksredner, Demagoge und Wunderheiler, der als Opfer gekreuzigt wurde, diese Geschichte erschien mir jetzt wie eine pathetische Projektion meiner eigenen Geschichte, die sich kristallisierte, als ich dem alten Herrn in der Reihstraße das Leben eines Menschen skizzierte, der mittellos und verfolgt von dunklen Mächten in Aachen angekommen ist und auf seine Weise in einem  großen Haus eine Unterkunft sucht. Mein Zustand ließ jetzt nicht mehr zu, diese Nähe zu der biblischen Leitfigur zu verbergen. Das Haus sollte mir dazu dienen, sie allen zu offenbaren.

Die große Luke des Speichers erlaubt den Zugang zu den Dächern mehrerer Häuser. An einem Oktobermorgen stieg ich hinauf, legte meine Kleider beiseite und reckte mich nackt gegen den Himmel. Ich begann zu predigen wie Jesus auf dem Berg und unterstrich meine Worte mit Würfen von großen Dachziegeln, die ich abhob und hinunter auf die Straße und die dort parkenden Autos schleuderte. Es war kalt, aber die Bewegung tat mir gut; ich sprang zum Nachbardach hinüber und rief laut, damit alle meine Handlung verstanden: Ich bin Jesus! Eine wachsende Menge von Menschen hörte mir zu, Feuerwehr und Polizei sperrten die Straße. Aus Fenstern und Dachluken schauten gutmeinende Gesichter und baten mich, die Dächer zu verschonen und Menschen nicht zu gefährden. Aber ich war in einem Zustand seherischer Verwirrung, ich liebte mich, den hochgewachsenen nackten kraftvollen Helden mit flatternden Haaren, der nicht einen Diskus, sondern Dachziegel schleudert, der sich aus dem Gefängnis seiner Ängste vor unsichtbaren Drohnen, vor der CIA und seinem Vater befreit hat und wie Theseus aus dem Labyrinth von Knossos aus dem Haus in der Straße der Patriarchen hervortritt. Drei Stunden habe ich auf den Dächern getanzt. Dann hat mich die Kälte besiegt. Im Korb eines Krans hat mir der Therapeut eine warme Wolldecke über die Schultern gelegt und mich vor dem Erfrieren gerettet.

Nach der Therapie habe ich Aachen verlassen und versuche, das Experiment des geldlosen Lebens in Europa so fortzusetzen, dass es als Fallstudie veröffentlicht werden kann. Das Aachener Kapitel widme ich jenem alten Herrn, der es ausgelöst hat. Ich weiß jetzt auch, wie er heißt.

Wolfgang Becker

PS:

Kirchgänger in der Herz-Jesu-Kirche berichten von Einbrüchen um den Patriarchenweg und Aufträgen zu neuen Haustüren, Schlössern, Sprechanlagen Videoüberwachungen und Spezialschlüsseln an Schreiner, Schlosser und Schlüsseldienste. Ich erinnere mich, dass meine Mutter in der Lüneburger Heide von einer Firma um ihr Häuschen eine Lichtanlage installieren ließ. Ein Mann mit schwarzem Hut und weitem Mantel nahm den Auftrag entgegen. So, meinte sie, habe der ausgesehen, der in den vergangenen Nächten in der Dunkelheit angsterregend an ihren Rollladen gekratzt habe.

Abb. Gerhard Benz Keine Nähe ohne Ferne. Panzer 2015

 

 

Novelle


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Pralinen für Kuba

Kalendergeschichten – news – fake news

Die social media teilen Zustandsbekenntnisse, Kommentare zu Tagesereignissen, Berichte von Erlebnissen, politische Pöbeleien und Berichte über Kunsterfahrungen mit. spontan, improvisiert, und verlieren schnell ihre Aktualität – wie die Tageszeitungen. Deer „Trierische Volksfreund“ erschien1875 zuerst 3x wöchentlich, später täglich. Der „Rheinländische Hausfreund“, der Johann Peter Hebels Kalendergeschichten 1803-14 verbreitete, war dagegen ein Jahreskalender, der die Stunden-Aktualität der social media auf die Dauer von Jahren verlängerte. Nachrichten wurden Literatur.

 

PRALINEN FÜR KUBA

Auf dem Rollfeld des Flughafens von Varadero bewegte sich im Wind einer landenden Maschine ein Mann mühsam vorwärts, der auf jedem seiner Arme einen LADA-Reifen trug (eine begehrte Mangelware auf Kuba). Er war ein Minister, und sein Fahrer erwartete ihn an seinem Dienstwagen. Der Minister kam aus Düsseldorf und hatte in Aachen mit kubanischen Künstlern verhandelt. Ihnen war es gelungen, jenseits der polnischen Grenze auf einem der größten Schrottplätze Europas 3 LADA-Limousinen auszuweiden, aneinanderzuschweißen, zu glätten, zu lackieren und zu polieren, so dass sie einer U.S.-Großlimousine zum Verwechseln ähnlich sahen – ein Prachtstück kubanischen Erfindungsgeistes gegen den Protz der Millionäre in Miami. Sie wünschten es in Havanna auszustellen, und versuchten, ihn mit dem Geschenk von LADA-Reifen für sein eigenes Auto freundlich zu stimmen.

Der Geschäftsführer der Düsseldorfer Fluglinie hatte die Limousine besichtigt. Er war durchaus motiviert, viele Mittel einzusetzen, um die Flüge zu den sozialistischen Stränden und Hotels von Varadero deutschen Touristen anzupreisen, verteilte Flugtickets an kubanische und deutsche Künstler und Kuratoren und überredete seine Piloten, Kunstwerke als Sperrgüter in Passagiermaschinen mitzunehmen. Für die Limousine schlug er freilich an Ende einen Katamaran vor, der in Düsseldorf produziert und auf dem Rhein zu Wasser gelassen werden könnte. Er appellierte an die Direktion einer rheinischen Schokoladenproduktion, sich an den Kosten zu beteiligen und gewährte ihr das Privileg, in den Maschinen zwischen Düsseldorf und Varadero durch die Stewardessen Pralinés verteilen zu lassen.

Der Fahrer des Ministers lud die Reifen in den Kofferraum und bot seinem Dienstherrn ein Taschentuch. Der wischte sich die Schokolade von den Lippen.Ordo Amoris Taxi-Limousine 1988 aus 3 Ladas