Beckeraachen

Kunstwechsel


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Bermuda-Dreieck

 

 

Kunst – ABC

Der Psychotherapeut als Sammler –

Reiner-Ruthenbeck-Aschehaufen-VI-1968-71-Installation-view-Hamburger-Kunsthalle-HamburgerHans Backes 2

1979 „Das Bermuda-Dreieck der Kunst“

Gruppengespräch mit den Künstlern Jochen Gerz, Barbara und Michael Leisgen, Reiner Ruthenbeck, Wolfgang Nestler, den Galeristen Agnes Wintersberger, Philomene Magers, Winfried Reckermann, dem Sammler Rainer Speck u.a.m.

Hans Backes hat in diesem Dokument einen persönlichen Bericht über das Gespräch verfasst, der in einer der Weißblauen Mappen der Neuen Galerie erhalten ist.

Der Handlungsraum zwischen Künstler, Galerist und Sammler ist ein kleiner Bezirk in der großen Heimat der Kunst. Gerz schrieb nach dem Gespräch, im Bermuda-Drei3eck sei die Unbefangenheit und der Mut versunken, die Kinder besitzen; der Psychotherapeut resumiert, er habe mühevoll das Einvernehmen zwischen den drei wichtigsten Akteuren der Kunst gesucht (und alle anderen, die Kuratoren und Kritiker, die Kunstvereine, Kunsthallen und Museen ausgelassen) und Zerrissenheit im Ghetto einer kleinen Gemeinschaft gefunden, die der Kunst die gesellschaftliche, politische Offenheit, die sie braucht, nicht gewährt. Dort ist die Kunst Bildungsgut wie der „Ulysses“ von James Joyce. Ja, der Sammler Speck bekannte sich zu seinem Jaguar, würde aber Spiegeleier essen, um sich den Ankauf eines Werkes von Beuys zu erlauben. Einmal folgt Backes der Vorstellung des Psychologen Heubach, Menschen suchten in der Kunst das, was sie in sich vermissen, und diskutiert einen Kultus (Museum als Kathedrale), in dem die Verehrung der Fresken von Giotto ebenso ihren Platz habe wie die einer Skulptur von Ruthenbeck. Er hat die Veranstaltung eine ANTI-VERNISSAGE genannt, in der sich die drei Beteiligten begegnen und ihre Interessen miteinander aushandeln. Es erscheint heute schwer, die Konzentration auf jene drei Agenten der Kunst zu verstehen, wenn man nicht den Kunstliebhaber Backes als Psychotherapeuten begreift, der sich, als er engagiert Kunstwerke zu erwerben begonnen hat, als Sammler in Frage zu stellen beginnt. Ist Sammeln eine Krankheit? Bin ich als Sammler in dieser Gruppe krank? Oder ist die Gruppe krank?

Abb. Reiner Ruthenbeck ASCHENHAUFEN  Installation Hamburg Kunsthalle 1968

 

 


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Duane Hanson in Paris 1976

Duane Hanson in Paris 1976

37. Kalendergeschichte

1974 konnte ich vom Berliner Künstlerprogramm eine Ausstellung von Duane Hanson für die Neue Galerie übernehmen. Seine Supermarket Lady war schon die „Mona Lisa“ des Hauses geworden. Wir würden sie nicht zur Eröffnung des Centre Pompidou in Paris 1977 ausleihen. Hanson hätte es gern gesehen und rächte sich für die Verweigerung auf seine Weise: käme er nicht in die Erstausstellung, so würde ich in der Baustelle vor dem Museum eine Skulptur von ihm finden.

Vor der Eröffnung traf ich ihn vor dem Centre Pompidou wieder, und er lachte: natürlich sei sie da, ich sollte nicht versäumen sie zu suchen. Hanson ist ein Meister der Mimesis; als wir die Supermarket Lady an der Kasse des Kaufhauses gegenüber der Neuen Galerie ausstellten, gingen die meisten Menschen achtlos nahe an ihr vorbei. Es würde also nicht einfach sein, seine Skulptur hier zu finden. Nach einigen Spaziergängen durch die bewegte, staubige große Baustelle um die Rue Beaubourg gab ich die Suche auf.

44 Jahre später digitalisiere ich ein schwarzweißes Kleinbild-Negativ aus jener Zeit und schaue fasziniert in diesen großen Container, den ich aus dem 2. Stock des Museums aufgenommen habe. Zweifellos interessierten mich die 2 Männer deshalb, weil ich nicht ausschließen konnte, dass einer oder beide jene Skulpturen von Hanson sind, die er angekündigt hatte.  Die Männer scheinen nicht zu arbeiten; der kleinere steht dem großen nahe gegenüber und stützt sich auf eine Schaufel. Der Große lehnt teilnahmslos an der Wand. Er entspricht meiner Vorstellung des baumlangen kräftigen Farbigen, und mich verwirrt seine schwarze Weste über dem weißen Hemd, die von der Arbeitskleidung abweicht.  So könnte er ein Security Guard sein, wie Hanson sie mehrfach gestaltet hat. Ich schließe auch nicht aus, dass der Kleine als Lebender erst langsam begreift, dass der andere eine Imitation, eine Fälschung ist, die eigentlich hier nichts zu suchen hat. Für eine zurückgebliebene Schaufensterpuppe aus einem Kaufhaus, das hier Männerkleidung anbot, hält er ihn nicht.

Hanson ist vor 24 Jahren gestorben. Er kann nicht mehr ausschließen, die große Gestalt des unberührten Schwarzen hergestellt zu haben. Der kleine erregte Pariser hätte seine Brille vergessen und den Fremden verjagen wollen, bevor er ihn als leblos erkannte. Hanson würde mir gratulieren, die Figur entdeckt zu haben, denn wenige hätten sie wahrgenommen und so hätte er sie nach einigen Tagen weggeräumt. Eifersüchtig hätte er verfolgt, wie Gordon Matta-Clark mit seinem großen Loch in der Außenwand des Abrisshauses nebenan die Aufmerksamkeit aller auf sich zog.

Das Digitalisieren alter Negative erlaubt, sie auf dem Bildschirm neu zu betrachten. Sie erzeugen, da sie nicht beschriftet waren, Geschichten, die sich wie Kletten an die Erinnerungen heften.


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Cutting Paris

Cutting Paris – Gordon Matta-Clark 1976

Eine Kalendergeschichte

1976 stehen Gordon Matta-Clark und ich im 6. Stock des Centre Pompidou, das am 31.1. 1977 eröffnet werden wird, und blicken auf die Rue Beaubourg, deren Häuserfront „zitternd“ auf den Abriss wartet. Das „Marais“, die auf Seine-Sümpfen gehäufte Altstadt Paris, ist seit dem frühen 20 Jahrhundert nicht mehr saniert worden und bietet Wohnungen in vielen Geschossen allen Gewerben am Rand der Legalität. Jetzt würde das neue Museum Menschen aus der ganzen Welt in das Stadtviertel locken, und das Picasso-Museum sollte den großen Magneten ergänzen.

  Gordon hat mich vor 2 Jahren in Aachen besucht. Wir kannten uns, Nancy Graves hatte mich in sein FOOD Restaurant in Soho eingeführt.  Jetzt zeigte er mir eine lange Rolle von Schwarz-Weiß-Fotos der New Yorker U-Bahn, die zum ersten Mal in ihrer Geschichte von vorne bis hinten mit Graffiti bemalt war. Die Tags der unbekannten Autoren hatte er auf den Fotos mit Farbstiften nachgezogen. Wir zeigten die Rolle in der Neuen Galerie, und Wolfgang Richter hat sie in der Aachener Zeitung besprochen.

Gordon hatte in New York für Aufsehen gesorgt, als er in die große Blechwand einer verlassenen Lagerhalle im Hafengelände am Hudson River mit Kettensägen eine monumentale Öffnung schnitt, die weithin sichtbar war: ein erstes „cutting“, das ihn zwang, vor den Behörden nach Paris zu fliehen.

Mein Foto steht für den Beginn einer Epoche der Abrisse, Sanierungen und Neubauten in New York, Paris und vielen anderen Städten und illustriert einen Paradigmenwechsel der Kunst- und Kulturgeschichte, den der umtriebige Gordon mitgestaltete.  Eine seiner Arbeiten nimmt die Weltpresse auf, ein großes rundes Loch in der Außenwand eines Hauses im Marais, das wir von hier aus links sehen können. Dort führt er vom Keller bis zum Dach zahlreiche „cuttings“ so aus, dass wir sie nur vorsichtig an den Wänden entlang umkreisen können.    Das Loch „schielt“ hinüber zu dem großen Fremdkörper des Ingenieurbaus von Renzo Piano, der sich wie der Satellit eines anderen Sterns hier niedergelassen hat. (Anders, auf freiem Feld, entsteht in diesen Monaten der größere, zweite Ingenieurbau, das Klinikum in Aachen.)

Der Galerist Yvon Lambert zeigt mir die Fotos der „Sous-Sols de Paris“, cuttings in Kellern, und erzählt, wie Gordon den Tod seines Zwillingsbruders John Sebastian Matta verarbeitet. Wie ich bewundert er die schöpferische Besessenheit des „Anarchitekten“. Gordon zeigt uns einen Katasterplan von New York mit langen eingezeichneten „Pfeilspitzen“:  Grundstückreste, die er für geringe Beträge erworben hat, um sie teuer zu verkaufen, wenn sie für einen Neubau gebraucht würden. Gelächter.

Wir bewegen uns von einer Baustelle zur nächsten. In den Ausstellungsräumen begegnen wir dem Porträt Richard Serras von Chuck Close und einigen anderen Leihgaben aus Aachen. Pontus Hulten freut sich. Sein Haus wird Museumsgeschichte schreiben und KUNST aus dem akademischen Käfig ihrer autonomen Selbstbestimmung herausheben, Noch sind alle Etagen durchgehende Hallen, in denen die Service-Bereiche – Bilder-, Bücher-, Video- Ausstellungen – als freistehende „Installationen“ eingerichtet würden.

Das Foto ist oben entstanden, wo ein Restaurant einen weiten Blick über Paris erlauben wird. Gordon verabschiedet sich. Er ist auf dem Weg nach Antwerpen.  (2 Jahre später ist er 35-jährig gestorben.)


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Wahlstau

W A H L S T A U

An einem sonnigen Herbsttag ist der Fotograf Wolfgang von Contzen am Rhein zwei Menschen begegnet, die sich wünschten, Sonntag Oberbürgermeister zu werden – niemand sonst. Das kleine Bild des einen hing hoch an einem Laternenfahl, der andere versprach gemessen vom Rand der Straße in die stille Uferlandschaft hinein, Staus zu verhindern.

Der Fotograf war bewegt. Er weiß, dass es nötig ist, der nahen Klimakatastrophe mit vielen gemeinsamen Maßnahmen zu begegnen, die ihr Leben verändern werden. Sie werden anders essen, trinken, wohnen, sich fortbewegen. Sie werden ihren Wohlstand mit denen teilen, die ihn nicht erreichen konnten. Viele haben begonnen, Glühbirnen auszutauschen und Einkaufs- und Mülltüten aus Papier zu benutzen.

Der neue Oberbürgermeister wird Staus im Straßenverkehr der Stadt beseitigen. Er wird sich nicht für höhere Kfz-Steuern, Benzinpreise, Versicherungsprämien und Parkgebühren, Einschränkung der Pferdestärken und Autostraßen einsetzen, sondern Straßen verbreitern und Ampelanlagen verfeinern. Er weiß:  STAU ist das Angstwort, der alltägliche Alptraum, und FREI ist Befreiung, Erlösung: flüssiger Verkehr für mehr Autos auf breiteren Straßen. Sein Konkurrent fordert MUT und GERECHTIGKEIT, Moral in einer ungerechten Welt. Er wird verlieren. Er ist ein Querdenker, der die Welt nicht schöner machen wird.

Es herrscht Ruhe in diesen Bildern. Wenige Vorbeifahrende beachten sie. Nur Angst, dass eine der Parteien die Welt verändern könnte, treibt die Menschen zu den Wahlurnen. Kennen Sie die Kandidaten? Ihre Forderungen und Versprechungen? Wissen Sie, wem sie dienen? Welchen Einfluss sie auf Ihr Leben in den nächsten Jahren haben? Werden sie die Klimakatastrophe verhindern?


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Lerne die „Grundlagen der Öffentlichkeitsarbeit“ kennen

Das ist viel zu teuer. Die Parteien sollten das subventionier und viele junge Menschen dorthin ziehen. Über Bildung sollte weniger geredet werden. Bildung sollte geleistet werden. VHS, ÖB und Museen müssen ihre Türen weiter öffnen!

AachenNews

Am Samstag, 12. September bietet die Volkshochschule (VHS) Aachen in Zusammenarbeit mit dem Büro für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement das Seminar „Grundlagen für die Öffentlichkeitsarbeit“ an.

Die Fortbildung findet am Samstag, 12. September von 10 bis 15 Uhr statt. Die Teilnehmenden lernen die Grundlagen wirkungsvoller Öffentlichkeitsarbeit kennen. Außerdem sind sie dazu eingeladen, Beispiele vergangener Öffentlichkeitsarbeit (zum Beispiel Pressemitteilungen, Flyer oder Plakate) mitzubringen, um daran zu lernen.

Die Leitung übernimmt Yvonne Michel. Sie ist Diplom-Medienberaterin mit dem Schwerpunkt Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Social Media Managerin der Fachhochschule Köln.

Die Teilnahmegebühr beträgt 45 Euro. Für Inhaberinnen und Inhaber des Aachener Ehrenamtspasses gilt ein ermäßigter Preis von 25 Euro. Eine vorherige Anmeldung ist erforderlich.

Ein Hashtag im Internet oder ein Text in einem Schaufenster: Es gibt viele Möglichkeiten, die Öffentlichkeit zu informieren. Foto: Archiv

Weitere Informationen und die Anmeldung sind auf der Website der VHS verfügbar.

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Wahlkampf im Ermüdungssyndrom

W AH L K A M P F   I M   E R M Ü D U N G S S Y N D R O M

Wer wird Oberbürgermeister der Stadt Aachen, Chef von 5.000 Mitarbeitern? (10.000 leitet der Rektor der RWTH!). Sucht man ihn dort, wo er eine große Zahl von Menschen erfolgreich geführt hat?  Darf er die Ideologie und das Programm einer Partei vertreten?

M u s s   er nicht der Bürgermeister   a l l e r    Aachener sein?

Die Gesichter auf den Wahlplakaten verwirren. Die meisten, denen sie gehören, wollen gar nicht Oberbürgermeister werden. Alle Köpfe stehen für die Programme der Parteien, die sie im Stadtrat vertreten werden. Geben ihre Gesichter das her? Nehmen sie die Botschaften ernst, die sie verkünden?  Sind sie stolz, Kandidaten zu sein oder leiden sie an dem bekannten „demokratischen Ermüdungssyndrom“?

Die Gewählten werden im Rathaus eine Tagesordnung vorbereiten, mehrheitliche Einigkeit über Projekte suchen, die sie zu realisieren aufgerufen sind – Adalbertstraße, Bushof, Camp Hitfeld, Klimaschutz -; sie werden über ihrer Finanzierung in Streit geraten und beschließen, von 50 Projekten 40 dem nächsten Stadtrat zu überschreiben. Das Parkhaus am Büchel werden sie abreißen lassen und  88 Vorschläge zur Bebauung des Geländes prüfen. Ihre Arbeit wird im Schatten von Machtkämpfen in unsichtbaren Netzwerken  stehen.

Der Zuwachs kleiner Parteien und Nicht-Parteien zeigt die Krise der parlamentarischen Demokratie. Sie führt zu schwachen Mehrheiten, Zank und Streit. Der Mikrokosmos der Hausgemeinschaften, Stadtviertel, Clubs, Gemeinden und Vereinen, der zu „unabhängigen Wählergemeinschaften“ geführt hat, wird nur dann im städtischen Parlament wirksam, wenn seine Sprecher als Bürgerschaftsvertreter in Ratssitzungen gehört werden – oder nicht gewählt, sondern in einer Lotterie vom Los bestimmt ein zweites Parlament bilden, wie David van Reybrouck vorschlägt.

Das Straßenbild des Aachener Wahlkampfes 2020 verrät das „Ermüdungssyndrom“. Die Fotografien der Kandidaten, die Flugblätter und Plakate, die die Straßenränder dekorieren, haben die Politiker im Zweifel selbst hergestellt. Werkstätten der Hochschulen können hier nicht ihre Kreativität ausprobiert haben. Haben die Politiker sich geschämt, kulturelle Eliten einzuladen, ihre Arbeit zu unterstützen? Die Studios für Graphic Design, die Werbeagenturen? In ihren Bildern nehmen sie sich selbst nicht ernst, schauen weg, kokettieren als „Querdenker“ und beschädigen den Ruf der parlamentarischen Demokratie und ihrer Regeln. Ihre Lustlosigkeit lähmt ihre Kraft, das Ritual der Wahlkämpfe zu erneuern. Die kulturellen Eliten dieser Universitätsstadt bringen sie nicht in diese Wahlkämpfe ein. Im Stadtrat werden sie nicht. sitzen. Der Rektor der RWTH und seine 100.000 Mitarbeiter sind an den Entscheidungen der Stadt demokratisch nicht beteiligt.

Nach einem Vorbild der alten Griechen hat David van Reybrouck in Deutsch-Belgien vorgeschlagen, das System der Wahlen, das Abstimmen mit Mehrheiten in Machtkämpfen von Netzwerken durch eine Lotterie zu erweitern, in der Lose die Kandidaten bestimmen. Das würde müde Geister beleben, Spaß und Papierkriege unter 2000 Wahlhelfern überflüssig machen.


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Carte Blanche

HOMMAGE A KARL VON MONSCHAU

C A R T E   B L A N C H E    –   B L A N K O S C H E C K   –   B L I N D E   K U H

Den Wert eines Blankoschecks bestimmt seine Unterschrift. Man hat sie geprüft: Schielt ihr Autor? Ist die Hornhaut seiner Augen verkrümmt? (Man erklärte so die Bilder der Impressionisten. Monet soll farbenblind gewesen sein.) Schloss der Autor die Augen, als er signierte? Ist er blind? (Ja, es gibt blinde Maler und Fotografen!). Haben wir es mit dem Blankoscheck einer Blinden Kuh zu tun?   

Wenn einem Kind ein Holzscheit in ein Auge fährt, und die Ärzte viel Zeit für die Reparatur brauchen, messen sie die Sehschärfe wieder und wieder an den Landoltringen, bevor sie Buchstaben und Zahlen nutzen. Dieses Kind wird die Kreisringe mit ihrer versetzten Öffnung nie vergessen und lebenslang um seine Sehkraft fürchten. Es wird gierig die Welt betrachten, in Besitz nehmen, nicht immer signieren; unbändig wird seine Sehnsucht sein, das, was es sich angeeignet hat, anderen zu zeigen: anonyme Fundstücke, einen Kiesel, eine Birkenrinde, die Arbeit eines Bekannten oder Unbekannten, das Foto eines Papua, auf das es seinen Pinsel legt. Es sammelt, es hortet, es zeigt die Schätze, stellt sie aus, sucht die Aufmerksamkeit von vielen. Es signiert, autorisiert sie, fügt ihnen die Landoltringe hinzu. Mit ihnen spielt es öffentlich, vor seinen Freunden, vor der ganzen Welt, als wären sie die olympischen, die den festlichen Zugang zu der lateinischen Losung gewähren  SATOR TENET ROTAS – eine Carte Blanche.

Die Sorge um die Sehschärfe teilt es den Betrachtern seiner Bilder mit. Keiner sollte sich einem Sehtest entziehen. Der Klient muss das, was er sieht, in Worten benennen. Er wird entdecken, dass Bilder sich verweigern: dass ihre Elemente einander zu nahe rücken (crowding), um gelesen zu werden, oder dass sie sich im zerdehnten Kontext verinseln… Anders als vor Plakaten muss er bereit sein, die Botschaft zu suchen. Er kann dazu den Monschauer Kunst-Automaten benutzen: der fordert Münzen und Handgriffe, ein Blinder könnte ihn bedienen.

Das sublimste Versteck, das der Erfinder der Carte Blanche entwickeln kann, ist die Ausstellung selbst: von Werken, die er nicht kennt, von Künstlern, die er nicht kennt. Er könnte einen Nachbarn bitten, sie auszusuchen und bliebe den Beteiligten schuldig, Gründe zu nennen. Er selbst müsste sich inständig bitten lassen, an der Ausstellung teilzunehmen – mit einem Bild, das niemand als eines erkennen würde, das er gemalt hat.

Ich bin eingeladen, zur Eröffnung dieser Ausstellung zu sprechen. Aber eine Seuche verhindert meine Anwesenheit. Gäste sind gebeten, Abstände einzuhalten.

C A R T E   B L A N C H E 

Eurode-Bahnhof Herzogenrath Eröffnung Sonntag 30. August 2020

Jpeg


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G R AD I V A

35. Kalendergeschichte

 G R A D I V A

Der niederländische Bildhauer Mark Manders hat in Ronse, Ostflandern, ein großes Atelier, um raumgreifende, schwere Skulpturen aus Holz und Gips-, Kreide-, Lehm-verkleideter Bronze zeitaufwendig zu entwickeln und zu lagern. In den letzten Wochen hat er in den Räumen des Maastrichter Bonnefantenmuseums eine atemberaubende Inszenierung geschaffen. Im letzten großen Saal meint man, „Gradiva“ und ihrer Schwester gegenüber zu stehen: zwei mächtigen, zeitlos schönen Mädchenköpfen, die so tun, als gehörten langestreckte „Bein“-Glieder zu ihnen;  eine Bretterscheide halbiert sie, als wäre ihre linke Hälfte das Spiegelbild der rechten. Am Ende ist die eine „Gradiva“ der Zwilling der anderen.

Das „pompejanische Phantasiestück“ „Gradiva“ hat der dänische Schriftsteller Wilhelm Jensen vor einem antiken Relief in Rom 1903 entwickelt, dort zieht das Relief einen jungen Archäologen in seinen Bann, und zwischen Wachen und Träumen begegnet er der jungen Frau in Pompeji wirklich. Sigmund Freud hat „Wahn“ und „Träume“ des Archäologen 1907 gedeutet – und die Novelle des unbekannten Dänen unsterblich gemacht. Im Surrealismus des 20 Jahrhunderts ist die schöne junge Frau zwischen Wahn und Traum als Muse gegenwärtig. Dali nannte seine Frau Gala zärtlich Gradiva. Sie ist Teil jener griechischen Bilderwelt, die die europäische Kunstgeschichte und Kultur geprägt hat. Von de Chirico bis zu Anne und Patrick Poirier und ihren weitläufigen Maquetten antiker Ruinenstädte – bis zu Mark Manders wird man sie wiederfinden.  

Das Brett, das die Gesichter der Schwestern teilt, begegnet hier in anderen Köpfen von jungen und reifen Frauen und sogar dort, wo ich einen Christuskopf erwartete, am Torso einer Figur, die demonstrativ vor einem Querbalken, als wären es seine Arme, über einen schweren Tisch an das Gewicht eines von vier Stühlen gespannt ist.

Mark Manders (1968*) hat seine Werke an vielen Orten der Welt gezeigt,  die heile Klassizität der Figuren, Köpfe und Gesichter, die Erinnerungen an griechische und ägyptische Antiken, die sie wecken, die archäologischen Verstümmelungen schaffen geistige Räume von hoher Faszinationskraft, die schnell aus der aktuellen Alltagswelt in ein Reich der Träume führen. Wo das Museum selbst nicht ausreicht, um diesen weltabgewandten Raum zu bieten, schließt Manders Figuren in große Vitrinen aus schwerem Kristallglas ein – eine kostbare Gegenwelt, die in ihren Trümmern voller Schönheit ist.


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Guadalupe Bocanegra

34. Kalendergeschichte

Guadalupe Bocanegra

Im Ballsaal des Alten Kurhauses in Aachen erzählte mir ein alter Mann diese Geschichte:

Im Mai 1987 bereitete ich ängstlich hier eine kleine Bühne für eine Performance vor. Der tunesische Künstler Nja Mahdaoui würde den Körper der mexikanischen Schauspielerin Guadalupe Bocanegra mit arabischen Kaligrammen bemalen – die Nacktheit einer Tänzerin mit Schriftzeichen bedecken, wie sie für Texte aus dem Koran uns und allen Moslems bekannt sind.  Eine Blasphemie? Unverschleierte? Nackte? Ein Skandal?

Ich hatte Mahdaoui in seinem Haus (von ihm einem Schneckenhaus nachgebaut) in La Marsa nahe dem Karthago-Museum besucht. Seit er die Flughäfen von Jeddah und Ryadh in Saudi-Arabien ausgestattet hatte (er erzählte vergnüglich, dass er sein Honorar in einer mit Dollarbündeln gefüllten Truhe im Büro des Auftraggebers selbst bestimmen durfte – ein schrecklicher Moment!), war er in arabischen Ländern bekannt und bemühte sich um eine Ausstellung im Institut du Monde Arabe, das in Paris 1980 eröffnet worden war. Seine französische Frau lehrte ihre Sprache an einer Schule in Tunis. Sie zeigten mir ihre große Bibliothek und Plattensammlung. Ich musste ihm glauben, dass seine kalligrafischen Improvisationen nicht einen einzigen Hinweis auf den Koran enthalten, dass die Buchstaben  einem lesekundigen Araber keinen sinnvollen Text bieten, dass ihn nur das Schreiben/ Malen mit schwarzer Tusche, Feder und Pinsel, die graziöse Bewegung und die Schönheit der arabischen Schriften  interessierte.  Diese Bewunderung teilte ich seit meinem Besuch einer Kaligrafenschule in Bagdad. Er füllte kleine, große Papiere und ganze Wände mit solchen „Schrift“-Zeichnungen und ergänzte sie durch Farbakzente. In Bergisch Gladbach hatte er die Papierfabrik Zanders auf der Suche nach Papieren, Zellstoffen und Pulp besucht und dort den Künstler Wolfgang Heuwinkel kennen gelernt, mit dem er fortan zusammenarbeitete.

Am 14. Mai saßen nicht mehr als 30 Personen im Ballsaal. Beide Akteure hatten zuvor 24 Stunden gefastet und näherten sich einander, ohne sich zu begegnen. Es wird still. Guadalupe tritt tanzend zu einer Musik „La soif de vivre“ schwarz verschleiert mit roter Maske auf die Bühne und lässt sich auf einer Matte nieder. Nja kniet in bürgerlicher Kleidung vor ihr mit weichem Pinsel und Farbtopf. Die schwarze Tusche hat er angewärmt, um ihre Haut nicht zu erschrecken.  Eine Stunde lang schreibt er sanft, vorsichtig von den Armen und Beinen zur Mitte ihres Körpers hin, füllt Brust, Bauch und Schoß stärker als den großen Rücken. Sie bewegt sich dem Pinsel entgegen, schmiegt sich in die Armbeuge des Malenden; ihm stehen Schweißtropfen auf der Stirn; die Zuschauer sind gefesselt. Anders als bei Tattoos entstehen hier keine Bilder, sondern Farbbewegungen, die aus den vom Pinsel erregten Zonen unter der Haut hervorzuwachsen scheinen. Die arabische Kalligrafie ist dem Künstler nur noch eine Gewohnheit, an die er sich in diesem ungewöhnlichen Prozess nicht gebunden fühlt.

Nach dem Ende lockerten sich die Zuschauer in Gesprächen mit Mahdaoui. Protestiert hat niemand. Ein Araber gab sich nicht zu erkennen. Mahdaoui gratulierte zu meinem Mut. Im Pariser Institut du Monde Arabe könnte die Performance nicht stattfinden.  Aus den Fotos der Anne Gold und Texten der Beteiligten ist eine kleine Broschüre entstanden, die den ungewöhnlichen Vorgang festhält. Guadalupe Bocanegra starb 2019 in Paris.  1999 bis 2004 hat sie dort im Frida Kahlo – Festival die berühmte mexikanische Malerin „nachgelebt“.  Mahdaoui hat zuletzt die Geschäftszentrale von Facebook in San Francisco ausgestattet – arabisch kalligrafisch, versteht sich. 


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Auf zur Kommunalwahl

A U F   Z U R   K O M M U N A L W A H L   ln Aachen

A

In der bedeutsamen Corona-Krise und Hitzewelle des Anthropozäns beginnt der Wahlkampf mit bescheidenen Botschaften in den Zeitungen und Plakaten. Die wir wählen, sollen uns doch nicht zuhören, sondern sagen, was sie vorhaben.

Werden Sie den wachsenden Hitzewellen entgegenwirken? Den Seuchen, die zunehmen werden? Dem Verlust des Wassers? Der Zunahme der Trockenheit? Der neuen Bevölkerung?

Werden Sie die Straßenbäume bewässern? Bäume pflanzen?

Werden Sie die Innenstadt weiter entdichten, den Beton der Häuser mit den Bäumen und Sträuchern als Luftfänger kühlen?

 Werden Sie den Bushof strahlend weiß streichen, Wände und Balkons bepflanzen und seine Satelliten schließen, die den Drogenhandel begünstigen? Werden Sie den Geflüchteten, die dort verwirrt und verängstigt Freunde suchen, Helfer und Berater schicken, die ihnen den Zugang zum Job-Center und zu Zeit-Arbeitsfirmen erleichtern?

Werden Sie das Parkhaus am Büchel abreißen, die Heilquellen darunter öffnen, die Goldene Reiterstatue des Kaisers Theoderich entdecken, einen luftigen Park pflanzen, die Freunde in Ningbo bitten, dort einen chinesischen Teepavillon einzurichten wie in Marzahn?

Werden Sie den Autoverkehr aus dem Stadtkern verbannen, die Straßen und Plätze für Spaziergänger attraktiv machen und gesperrte Wege für Fahrräder, E-Bikes und Roller einrichten? Werden Sie die sensationelle up-Bus-Seilbahn einrichten, die die RWTH zu realisieren vorbereitet ist?

 Werden Sie die energiefressenden Klimaanlagen in öffentlichen Gebäuden kontrollieren? Dann, wenn sie nicht besucht werden, abschalten?

Werden Sie auf Camp Hitfeld über dem vergifteten Gelände eine Photovoltaikfreiflächenanlage einrichten, die den Bedarf der Stadt an erneuerbarer Energie um 20 % steigern würde?

Werden sie die Museen verpflichten, aufwendige Flugtransporte von Kunstwerken, klimatisierte Transportkisten und Flugreisen von Gastkonservatoren zu Wechselausstellungen von internationalem Prestige zu vermeiden?

Werden Sie den Künstlern, denen der Corona-Kulturgroschen des Kulturministeriums und Spenden der Bürger geholfen haben, ihre Existenz zu sichern, die Möglichkeit geben, sich nun

in den Museen denen zu zeigen, die an sie gedacht haben?

Werden Sie das Elend der Vorstellungen und Stellenbesetzungen in den Museen beenden, damit sie wieder zu Leuchttürmen der Kulturarbeit werden können?

Werden Sie in Rat und Verwaltung kleine Sprachschulen in niederländisch und französisch einrichten, damit die Zusammenarbeit mit Menschen in der Euregio wie in der Städteregion aufgebaut werden kann?

Werden Sie die zahlreichen leerstehenden Wohnungen und Läden der Innenstadt besetzen, aneignen, entleeren, reinigen und nicht nur den Vertretern der „freien“ Kultur, sondern all denen zur Verfügung stellen, denen Wohnungen gekündigt wurden und die in Parks und öffentlichen Garagen nächtigen und tagsüber auf der Suche nachmildtätigen Helfern und öffentlichen Toiletten sind?

HÖREN SIE ZU?

KÄMPFEN SIE UM IHRE GLAUBWÜRDIGKEIT!

W A S   WIR WÄHLEN ZÄHLT:

NICHT W E N.

Abb. Lilith Lindner Bastei http://www.lilithlindner.de


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Dali´s Santa Lucia

34. Kalendergeschichte

Salvador Dali´s Santa Lucia

Ein alter Mann in Aachen erzählte diese Geschichte über den berühmten Salvador Dali:

Er war70 Jahre alt und hatte mich in sein Winterquartier, das St. Regis Hotel in New York eingeladen. Er würde nicht dulden, dass die Fotorealisten der Sammlung Ludwig, die ich betreute, ohne ihn durch Europa wanderten. Er zeigte mir nicht seine Suite 1610, nicht seinen Ozelot, sondern empfing mich mit meinen Begleitern, dem ungarischen Maler Laszlo Lakner, der sich um einen Kontakt zu Ivan Karp, dem Händler der Hyperrealisten, bemühte, und dem italienischen Sammler Enrico Pedrini im Vestibül, begleitet von seiner Freundin und Muse Amanda Lear. Wir waren sehr aufgeregt, hatten viel getrunken und saßen dem berühmtesten Schausteller unter den Künstlern der Gegenwart gegenüber, der sogar Andy Warhol an ein Spinnrad gebunden und mit Farbe übergossen hatte.  Er schlug mir vor, die Hyperrealisten von Chuck Close und Richard Estes bis zu Jean Olivier Hucleux und Gerhard Richter unter seinem Schirm im jüngst eröffneten TEATRO MUSEO in Figueras auszustellen. Der Filmregisseur Hector Babenco kam vorbei und fragte nach Gala. Unvergesslich antwortete Dali: „She´s upstairs with her Lover“. Wir wurden miteinander bekannt.

Ein Jahr später, 1975, lud er mich in sein 2. Quartier, das Le Meurice in der Rue de Rivoli in Paris ein. Der rumänische Kunstkritiker Radu Varia, der an der Einrichtung des Dali-Museums in Figueras mitgearbeitet hatte, führte mich in die Suite 108 im 1. Stock des Luxushotels. Dali wusste nun mehr über mich, Aquisgran, Carlo Magno, die Kapelle des Imperators – und den Ballsaal der Neuen Galerie. Den Salon besetzten 12 Schaufensterpuppen in weißen Brautkleidern auf einem großen hölzernen Schlitten. Diener zündeten die Kerzen auf den Kränzen an, die die Köpfe der jungen Frauen schmückten: Dalis Beitrag zum Lichterfest der Heiligen Lucia, einer Syrakuser Märtyrerin in den Christenverfolgungen Diokletians, deren Reliquien heute in Venedig verehrt werden. Die Heilige des Lichtes (Lux,Luce) wird in vielen christlichen Gemeinden der Welt verehrt, und ihr Jahrestag am 13. Dezember ergänzt die Wintersonnenwende und das Weihnachtsfest. Schwedische unberührte Jungfrauen wünschte Dali sich für den Schlitten und schlug mir die Inszenierung für den Ballsaal vor, wenn ich ihm die Erlaubnis beschaffte, sich auf dem Thron Karls des Großen im Aachener Dom fotografieren zu lassen. Wenn auch Radu Varia mich drängte, wenngleich ich den brillanten Stillleben-Maler und großartigen Schausteller verehrte, das Privileg, öffentlich auf dem Kaiserthron zu sitzen, sollte einem Künstler verwehrt sein.

Die Heilige Lucia hat Dali begleitet, seit er 17-jährig ein Bild des Lichterfestes von Santa Lucia in Villa Malla in Katalonien gemalt hat. Das Drama ihrer Verstümmelung. der Verlust der Augen, mag ihn, den Augenmenschen besonders berührt haben. 1971 inszenierte er seine Freundin Amanda als die Heilige, und David Bailey fotografierte sie für VOGUE – in einem  weiten weißen, drapierten Umhang mit der Krone der Märtyrerin und einem schwarzen Überwurf; mit weiß geschlossenen Augen; sie bietet auf einem großen weißen Teller zwei weiße Gegenstände an – Eier oder Mozzarella-Kugeln. Wir verstehen, dass es ihre Augen sind, die die Mörder der Märtyrerin ausgerissen haben. Aber die Legende berichtet auch, dass sie den Verfolgten Nahrung angeboten hat und deshalb in den Verstecken Kerzen auf dem Kopf trug. Dali wusste mit uns, dass sein Wunsch nach Jungfrauen für seine Präsentation im Ballsaal nicht erfüllt würde; aber 15 Schwedinnen feierten am 13. Dezember  das Lichterfest auf seinem Schlitten in Le Meurice.

1951 gegründet, wird die „Nacht der Heiligen Lucia“ „Festa de las lletres Catalanes“ von katalanischen Schriftstellern, Dichtern, Philosophen zu Ehren ihrer Sprache am 13. Dezember gefeiert – nach dem Tod Francos 1975 öffentlich.

    Abb. Amanda Lear als Santa Lucia, Foto David Bailey  VOGUE 1971