Beckeraachen

Kunstwechsel


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Kalendergeschichte von 3 Männern

 

 

Eine Kalendergeschichte nach Johann Peter Hebels Erzählungen des Rheinländischen Hausfreundes

Von drei Männern in meiner Straße 2015 – 2019

 

Der Mann, den ich vor der Erholungsgesellschaft in der Reihstraße ansprach, traute meiner Erzählung nicht: ich würde mich ohne Geld, Kreditkarte und Smartphone durch Europa bewegen und sei doch, wie er sehe, kein Obdachloser oder Bettler. Mein Hotel in Aachen koste 12 Euro pro Nacht. Mein Ziel sei eine Fallstudie über den Wohlstand Europas. Ich redete weiter, weil er mir zuhörte, ein alter Mann, ordentlich gekleidet, rasiert. Ich sei aus Arlington/ Virginia, Kind einer deutschen Mutter und eines Mitarbeiters der CIA in Langley und vor ihm und seinem Arbeitgeber geflüchtet; sie suchten mich, weil ich die Unterlagen über eine Geheimwaffe gestohlen hätte.  In Aachen sei ich, um einige Künstler wiederzufinden, die in Arlington, der Partnerstadt, ausgestellt hätten. Der alte Mann wurde müde, mir zuzuhören, dankte und gab mir drei 2-Euro-Münzen „für das Hotel“.

 

Er hatte mir gefallen, ich folgte ihm unbemerkt und merkte mir seine Wohnung im Patriarchenweg am Tempelberg. Offensichtlich ein Kleriker, ein „Heiliger Mann“. In den Mietwohnungen und Villen dieser Straße wohnen wohlhabende Bürger, und sein Haus ist mit fünf Stockwerken eines der höchsten. Zwei Tage später traf ich ihn wieder, als er aus der Tür trat. Er war überrascht, und ich riskierte, dass er mich für gefährlich zu halten begann. Weil er keine Münzen in seiner Jackentasche fand, zog er aus der Brieftasche vorsichtig einen 5-Euro-Schein und schien sich zu wünschen, mich nicht wiederzusehen. Ich schilderte ihm die Geheimwaffe, die mein Vater beschrieben hatte, eine unsichtbare ferngesteuerte Drohne, die größere Terrains mit hochgiftigen Mikroben bestäuben kann. Er ging unwillig davon.

 

Nachdem ich beschlossen hatte, einige Tage in Aachen zu bleiben, geriet ich in einer Spielhalle an eine Frau, die sie leitete. Sie wusste, dass mich Geld nur interessierte, um zu leben, und ich half ihr, ungebärdige Besucher zu besänftigen oder hinauszuwerfen. Ich bin mit 30 Jahren bei guten Kräften. Ihr Mann half am Abend, die Automaten zu leeren und die Beute in die Sparkasse zu bringen. Er war Hausmeister in mehreren Gebäuden und sorgte auch für Ordnung und Sauberkeit im Haus am Patriarchenweg. Durch ihn lernte ich die Putzkolonnen kennen, die die Flure und Treppenhäuser in den Gebäuden regelmäßig reinigen. Ich habe nicht verstanden, warum der Hausmeister bei einer der Mietparteien klingeln muss, damit dort der Druck auf einen Knopf das Schloss der schweren Haustür öffnet, während die Putzkolonnen offenbar einen Schlüssel besaßen.

Das Haus erregte mich. Langsam lernte ich alle Bewohner kennen, ohne dass sie den Beobachter auf der Straße beachteten, und dem alten Herrn ging ich aus dem Weg. Warum ein Mann mit zwei kläffenden Hunden zuweilen stundenlang vor dem Haus wartete, habe ich nicht herausgefunden. Ich entwarf Grundrisse der Wohnungen, der Keller und der Speicher. Es gelang mir auch, vom Tempelberg her die Gartenseite kennenzulernen, und dass über dem ummauerten Garten eine kleine Drohne surrte, steigerte mein Vergnügen. Ein Schuljunge, der im Erdgeschoss wohnte, lenkte sie.

 

In einer Prügelei vor der Spielhalle lernte ich einen Kroaten kennen, der mir half, mich zu säubern und zu verbinden. Ich sah noch immer nicht wie ein Obdachloser aus. Er trank gern und handelte mit Medikamenten und Drogen. Er liebte meine Geschichten aus den Schließfächern der CIA, und ich fügte der unsichtbaren Drohne einen Panzer hinzu, der voll verspiegelt sozusagen unsichtbar ist. Der Kroate führte mich in versteckte Gaststätten, und ich genoss die Gesellschaft, auf die ich zuvor verzichtet hatte.

Er wusste, dass ich das Haus im Patriarchenweg beobachtete und steckte mir eines Tages beiläufig einen Schlüssel zu. Er habe ihn von einem Freund, der eine der Putzfrauen kenne, die dort arbeiten. Sie wisse nichts davon, er habe ihn kopieren lassen. Dieser Schlüssel brannte wie Feuer in meiner Hosentasche. In einer dunklen Oktobernacht benutzte ich ihn ein erstes Mal, betrat die Garageneinfahrt, fand in der Garage zwischen vielen leeren Flaschen und Kartonagen ein Damenfahrrad, schlich im Erdgeschoss zu einigen Kellern, entdeckte ein kleines Weinflaschenlager in einem und fünf abgestellte Fahrräder hinter Mülltonnen in einem anderen, stieg hinab in den Tiefkeller und dann, da alle Parteien zu schlafen schienen, langsam hinauf durch alle Stockwerke bis in das Dachgeschoss. Durch die Dachluke strich der Wind, die aufgehängte Wäsche im Speicher flatterte laut. Ich war erschöpft und tastete mich abwärts, verzichtete aber nicht darauf, das Damenfahrrad und zwei Flaschen Wein mitzunehmen. Die Freundin des Kroaten bemängelte, dass am Rad die Lampe fehlte, In einer der nächsten Nächte habe ich sie gefunden.

 

Das Interesse an dem Haus, das der alte Mann erregt hatte, wuchs zu einer Leidenschaft. Jetzt wagte ich, tagsüber hineinzugehen, riskierte, gesehen zu werden und begegnete sogar im Halbdunkel einer der Einwohnerinnen, die mit der Auskunft zufrieden war, ich suchte meinen Gastgeber. Sie gab später bei der Polizei an, sie habe ein Tatou an meiner linken Wade gesehen und meine schwarz gefärbten Haare.

Was suchte ich?. Einmal öffnete ich im Dachgeschoss das Schloss einer der beiden Rumpelkammern gewaltsam, entdeckte unter den aufgehäuften Kunstobjekten eine Flasche, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit, war enttäuscht, als ich die Lettern „H²O“ darauf fand und stellte sie auf den Boden. Mich bedrängte das Gefühl, in einer Schatzkammer zu sein, in der nichts meine Besitzgier erregte. Der alte Herr wohnte im 2. Stock. Ich stand vor seiner Tür und wünschte, ihm nicht mehr als ein Zeichen zu geben, indem ich in Höhe des Schlosses einige Ritzen in das Holz kratzte. Sie sollten so aussehen, als sei ich bei dem Versuch einzubrechen gescheitert.

Ich spürte, dass die Bewohner des Hauses miteinander über mich sprachen, die Hausverwalterin alarmierten und planten, ihre Wohnungen und Keller vor mir zu schützen. Sie setzten mich mit den zahlreichen Einbrechern gleich, die sich in der Herbstzeit zu bereichern versuchen. Ich aber fühlte mich hilflos, gedemütigt und erregt. Das Damenfahrrad und die zwei Flaschen Wein hätte ich gern zurückgebracht. Mein Unbehagen, meine Erregung, meine Traurigkeit drängten mich in das Selbstgefühl eines Märtyrers, der missverstanden wird. Mein kroatischer Freund und die Frau des Hausmeisters, die sich scheute, ihrem Mann etwas von dem Schlüssel zu erzählen, hielten mich für verrückt. Als ich ihnen erzählte, dass ich aus der Rumpelkammer im 5. Stock eine Bibel mitgebracht und darin zu lesen begonnen hätte, klopften sie mir auf die Schulter. Sie hofften, dass ich so meine Fieberanfälle und Stunden der Schlaflosigkeit bekämpfen könnte. Sie meinten, ein Joint würde helfen, die Bergpredigt zu verstehen.

 

Aber diese Geschichte von Jesus als Täter, als Volksredner, Demagoge und Wunderheiler, der als Opfer gekreuzigt wurde, diese Geschichte erschien mir jetzt wie eine pathetische Projektion meiner eigenen Geschichte, die sich kristallisierte, als ich dem alten Herrn in der Reihstraße das Leben eines Menschen skizzierte, der mittellos und verfolgt von dunklen Mächten in Aachen angekommen ist und auf seine Weise in einem  großen Haus eine Unterkunft sucht. Mein Zustand ließ jetzt nicht mehr zu, diese Nähe zu der biblischen Leitfigur zu verbergen. Das Haus sollte mir dazu dienen, sie allen zu offenbaren.

Die große Luke des Speichers erlaubt den Zugang zu den Dächern mehrerer Häuser. An einem Oktobermorgen stieg ich hinauf, legte meine Kleider beiseite und reckte mich nackt gegen den Himmel. Ich begann zu predigen wie Jesus auf dem Berg und unterstrich meine Worte mit Würfen von großen Dachziegeln, die ich abhob und hinunter auf die Straße und die dort parkenden Autos schleuderte. Es war kalt, aber die Bewegung tat mir gut; ich sprang zum Nachbardach hinüber und rief laut, damit alle meine Handlung verstanden: Ich bin Jesus! Eine wachsende Menge von Menschen hörte mir zu, Feuerwehr und Polizei sperrten die Straße. Aus Fenstern und Dachluken schauten gutmeinende Gesichter und baten mich, die Dächer zu verschonen und Menschen nicht zu gefährden. Aber ich war in einem Zustand seherischer Verwirrung, ich liebte mich, den hochgewachsenen nackten kraftvollen Helden mit flatternden Haaren, der nicht einen Diskus, sondern Dachziegel schleudert, der sich aus dem Gefängnis seiner Ängste vor unsichtbaren Drohnen, vor der CIA und seinem Vater befreit hat und wie Theseus aus dem Labyrinth von Knossos aus dem Haus in der Straße der Patriarchen hervortritt. Drei Stunden habe ich auf den Dächern getanzt. Dann hat mich die Kälte besiegt. Im Korb eines Krans hat mir der Therapeut eine warme Wolldecke über die Schultern gelegt und mich vor dem Erfrieren gerettet.

Nach der Therapie habe ich Aachen verlassen und versuche, das Experiment des geldlosen Lebens in Europa so fortzusetzen, dass es als Fallstudie veröffentlicht werden kann. Das Aachener Kapitel widme ich jenem alten Herrn, der es ausgelöst hat. Ich weiß jetzt auch, wie er heißt.

Wolfgang Becker

PS:

Kirchgänger in der Herz-Jesu-Kirche berichten von Einbrüchen um den Patriarchenweg und Aufträgen zu neuen Haustüren, Schlössern, Sprechanlagen Videoüberwachungen und Spezialschlüsseln an Schreiner, Schlosser und Schlüsseldienste. Ich erinnere mich, dass meine Mutter in der Lüneburger Heide von einer Firma um ihr Häuschen eine Lichtanlage installieren ließ. Ein Mann mit schwarzem Hut und weitem Mantel nahm den Auftrag entgegen. So, meinte sie, habe der ausgesehen, der in den vergangenen Nächten in der Dunkelheit angsterregend an ihren Rollladen gekratzt habe.

Abb. Gerhard Benz Kleine Nahe ohne Fernen 2015 Panzer

 

 

Gerhrd Benz Kein Nahe ohne Fernen 2015 Panzer in um Landschaften


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Kalendergeschichten – Brotlose Kunst

Kalendergeschichten – news – fake news – Brotlose Kunst

Unsere Mitteilungen in Facebook, Twitter, Linkedin oder den Blogs bei wordpress und tumblr sind Zustandsbekenntnisse, Kommentare zu Tagesereignissen, Berichte von Erlebnissen (dem Beinbruch des Lieblingshundes), politische Pöbeleien und Berichte über Kunsterfahrungen. Se erscheinen spontan, improvisiert und verlieren schnell ihre Aktualität – wie die Kolumnen der Tageszeitungen. Wie das Facebook von Werbung lebt, so finanzierten sich auch die Zeitungen wie der „Trierische Volksfreund“, der seit 1875 3x wöchentlich, fortan bis heute täglich erscheint, als Anzeigenblätter. Der „Rheinländische Hausfreund“, in dem Johann Peter Hebel seine Kalendergeschichten 1803-14 publizierte, war dagegen ein Jahreskalender des badischen Landgrafen für seine lutherischen Untertanen, der die Aktualität, die social media auf Stunden verkürzen, auf die Dauer von Jahren verlängerte.

Die Kalendergeschichte Johann Peter Hebels „Brotlose Kunst“ 1811 berichtet von einem Linsenwerfer-Gaukler, dessen Kunststück der Papst nicht mit Geld, sondern einem Sack Linsen belohnte, und von einer Arbeiterin in einer Aachener Nadelfabrik: „Ein Fremder besíchtigte einst diese Arbeiten und wunderte sich, dass es möglich sei, in die allerfeinsten Nadeln mit einem noch feineren Instrument ein Loch zu stechen, durch welches nur der allerfeinste, fast unsichtbare Faden kann gezogen werden. Aber ein Mägdlein, welchem der Fremde eben zusah, zog sich hierauf ein langes Haar aus dem Kopfe, stach mit einer der feinsten Nadeln ein Loch dadurch, nahm das eine Ende des Haares, bog es um und zog es durch die Öffnung zu einer artigen Schleife oder, wie man sonst nennt, Schlupf oder Letsch. Das war so brotlos eben auch nicht. Denn das Mägdlein bot dieses künstlich geschlungene Haar dem Fremden zum Andenken und bekam dafür ein artiges Geschenk. Und das wird mehr als einmal im Jahr geschehen sein.“ Kalendergeschichte dieser Art beanspruchen Glaubwürdigkeit, wenn auch der Nadelstich durch das Haar eines 10-jährigen Mädchens wunderbar erscheint. Ihr Ziel ist die Grenze zum nicht mehr Wahrscheinlichen, zur kleinen oder großen Sensation, ist die Grenze überschritten, so entstehen Legenden oder Märchen – news und fake news.

Geschichten in dem Haus, in dem ich wohne, haben mich in diesen Regentagen verleitet, Johann Peter Hebel eine erste von einigen Kalendergeschichten zu widmen: Fingerübungen zum Westzipfel des Rheinlandes. Kalendergeschichten eignen sich vorzüglich für freundliche Satiren. Sie können keine Hassreden sein.


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Zum Tod von Günther Knipp

CLAIR OBSCURE: Zum Tod von Günther Knipp

 

Vor 45 Jahren haben Günther Knipp und ich vor den großen Zeichnungen gestanden, bewundert, verworfen, gestritten, eine Ausstellung vorbereitet. Er wünschte sich, als Zeichner, als Bleistift- und Grafitmeister des Clair Obscur geschätzt zu werden, und seit 1970 beachteten viele die dichten tiefschwarzen Schraffuren auf den großen Kartons, die dort, wo sie das weiße Papier nicht bedeckten, blendende Lichtkegel aussparen: Fernlichter eines Autos auf der nächtlichen Landstraße, eine halb geöffnete Tür am Ende eines lichtlosen Zimmers.

Bleistifte mit ihrer Mischung aus Grafit und Ton bieten verschiedene Härtegrade, Grafitstifte und Zeichenkohle aus reinem Grafit sind weicher und dienten ihm dazu, konturlose Flächen zu schwärzen.  Er brauchte die Widerstände und widmete sich gern der mühevollen Arbeit. Er entwickelte Aggressionen gegen die Unschuld der weißen Bögen, riss Oberflächen auf, beschädigte die Kartons.

Er gehörte zu jener Generation der Europäer, die im gesellschaftspolitischen Engagement nicht nur die Vergangenheit des Dritten Reiches zu bewältigen versuchten, sondern auch die Missstände des Wiederaufbaus kritisierten und vor den zunehmenden Belastungen der Umwelt warnten. Das Dickicht des Waldes nahm ihn zunehmend gefangen, Bunkereingänge, Versperrungen, Leitern, verborgene Türen, aus denen das Weiß des Papiers Licht warf.

Die Lust am Dunklen, an den Schattenseiten der Welt, a den Spuren ihrer Zerstörung durch die Menschen, teilt der Melancholiker Knipp mit dem Autor der „Carceri“, der „Kerker“, Giovanni Battista Piranesi, mit Literaten wie Franz Kafka oder Edgar Allen Poe – und war doch ein erfolgreicher und umworbener Künstler und Lehrer, der seine Werke an bedeutenden Orten ausstellte (der Neuen Nationalgalerie in Berlin, der documenta in Kassel) und heute in vielen ausgezeichneten Sammlungen vertreten ist.

 

 

 

 

 

Günther Knipp


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Walid Raad -Kunstpreis – Nachruf

K U N S T P R E I S   A A C H E N   –   N A C H R U F

247 Autobomben hat die Atlas-Gruppe um Walid Raad in Beirut gezählt und die Löcher lokalisiert, die sie in Beirut im Bürgerkrieg hinterlassen haben, 247 Dokumente sind in dem Archiv der Gruppe zu finden, Zeichnungen, Texte und Fotos. Dort sind auch die Videotapes, die ein Armeeangehöriger der Gruppe geschenkt hat, der beauftragt war, die berühmte Uferpromenade Beiruts, die Corniche, zu bewachen, und aus Langeweile wochenlang die Sonnenuntergänge aufgenommen hat (er wurde entlassen), und die Fotos aller explodierten Geschosse, die die Jugendlichen in den Straßen Beiruts sammelten, wenn die Angriffe vorbei waren (wie unsere Kinder die ausgebrannten Raketen nach Silvester)  und nach ihrer Herkunft sortierten: USA, Russland, China, Frankreich, Israel, Deutschland. Das Archiv ist in der website Raads trocken methodisch geordnet, und es lohnt sich, die Informationen durchzusehen und sich Rechenschaft über den Grad der Wirklichkeit zu verschaffen, die sie wiedergeben. Sind sie erfunden? erlebt? vermittelt? gefälscht? (Ich habe als 7-jähriger mit Freunden ein englisches Jagdflugzeug geplündert, das über dem Wattenmeer vor Büsum niedergestürzt war, und rekonstruiere heute die Gegenstände, die wir herausgenommen haben.) Walid Raad wäre kein Künstler, würden nicht die Gegenstände, die er entdeckt und behandelt, ihre banale Wirklichkeit verlieren und in die Sphäre eintreten, in der ein Stuhl zu sprechen beginnt (etwa zu seinem Besitzer).

Die neue Ära der Angst., der Feigheit, des Misstrauens, der Überwachung, in der wir leben, lässt nicht zu, den libanesischen Künstler ebenso als Träger des Kunstpreises Aachen zu würdigen wie seine illustren Vorgänger. Dabei hatten die Stifter eigentlich im Sinn, sich selbst, die kleine, unbedeutende Kunststadt mit seinem Namen zu schmücken, ihre Offenheit, Experimentierlust, Toleranz gegenüber dem Fremden zu feiern, um mehr zu sein als die Stadt des Karlspreises und des Reitturniers. Es ist misslungen. Der Künstler wird die Stadt in dunkler Erinnerung behalten, und ihren Bürgern wird versagt sein, sein Werk kennen zu lernen. Wer wird schon in seine website schauen?ca_preis_WalidRaad_021


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BDS -Judith Butler – Walid Raad

H e r r    O b e r b ü r g e r m e i s t e r,

G e b e n   S i e   d a s   L u d w I g f o r u m   f r e I   f ü r  

d I e   V e r l e I h u ng   d e s   K u n s t p r e I s e s   !!!  

 

H A S S – S P R A C H E / B D S / W A L I D   R A A D

Als ich in der Aachener Volkshochschule 2017  über Kunst in Israel heute sprach, fürchtete der Veranstalter eine Störung durch die Ortsgruppe des BDS. Aber nur die deutsch-israelische Gesellschaft bat mich, den Vortrag filmen zu dürfen, und sie bedauerte das kritische Bild Israels, das die Künstler von ihrem Land wiedergaben. Boykott Israels, Verzicht auf Investitionen in Israel und auf Subventionen an Israel fordert der BDS, eine von Palästinensern in die Welt gerufene Gruppe seit 2007 und greift den einzigen demokratischen Staat im Nahen Osten als Unrechtstaat an. Judith Butler, eine der berühmtesten Philosophinnen der Gegenwart, geehrt mit dem Theodor-Adorno-Preis in Frankfurt, deutet in einer you-tube-Rede 2017 (on BDS and Antisemitism, https://youtu.be/B9gvj3SvcDQ), um die erstaunliche Verbreitung von BDS in Amerika und Westeuropa zu erklären, an, wie die Regierungen von Netanjahu und Trump und ihr nationalistisches und rassistisches Staatsbewusstsein  dazu beitragen. Sie nennt in einem Vortrag die Sprache des BDs eine HASS-Sprache, „extra-mural“, keine „geschützte“ Sprache, die im Raum einer Höheren Schule Platz fände – eine HASS-Sprache gegen den israelische Staat, und sie erläutert: nicht gegen die Juden im israelische Staat und gegen alle Jüdischen Menschen, so gern auch die israelische Staatsführung beansprucht, für sie zu sprechen.. Wer ihrem Anspruch folgt, könne die Forderungen nach „divestment, sanctions and boykott“ für Forderungen an alle Juden halten und als Antisemitismus stempeln.Würde der Staat Israel sich aber auf die Bevölkerung seines Landes konzentrieren, so wäre er gezwungen, Menschen aller Religionen und Ethnien, die er vertritt, gleich zu behandeln.

Die Aachener und andere Zeitungen berichteten gestern, dass Judith Butler im Literaturmuseum in Marbach einen Vortag zur Eröffnung der Ausstellung „Hegel und seine Freunde“ gehalten hat – sie, die BDS-Förderin in einer staatlichen Institution! Ich staune und freue mich, dass die Bewegung BDS, die ich für ein lockeres Netzwerk  von Demonstranten hielt, die hier und dort radikale Forderungen bis zur Zerstörung des Staates Israel in die Welt gesetzt haben, hmit ihr eine großartige Philosophin als Lehrerin erhält, die ihre HASS-Sprache zähmen und intra-mural machen kann.

Die Teilnahme Walid Raads an Aktivitäten des BDS erscheint dagegen unwirklich. Wenn ich richtig verstehen, war er von der gemeinnützigen Organisation CREATIVE TIME zu einer großen Gruppenausstellung eingeladen, die die ICI Independent Curators International als Wanderausstellung „Living as Form“ nach Israel schickte.  Die BDS Arts Coalition warnte in einem Rundschreiben die beteiligten Künstler davor, die Ausstellung ihrer Werke im Technion, einem Technologie-Institut in Haifa auszustellen, das durch seine Beiträge zur israelischen Waffen-Industrie (ferngesteuerte Drohnen, Spionage-Technologie usw.) bekannt ist, und bat sie, in einer Liste ihren Verzicht auf Teilnahem zu kennzeichnen. Das habe ich ihn gefunden und dem Libanesen meine Sympathie geschenkt.

Herr Oberbürgermeister, folgen Sie dem Marbacher Beispiel, geben Sie das Ludwig Forum für die Kunstpreis-Verleihung frei!

 


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Kunstpreis Aachen obdachlos

K U N S T P R E I S   A A C H E N   O B D A C H L O S

1971 gründete sich mit Unterstützung des Kulturdezernenten Fries der VEREIN DER FREUNDE DER NEUEN GALERIE. Ihr Vorstand, angeführt von dem Rektor der RWTH Schwerte und etlichen Professoren stellte sich, einem Schutzschild gleich, vor ein großes Bild  des Künstlers Wolf Vostell im Ballsaal des Alten Kurhauses, das wagte, einen lesbischen Liebesakt neben einem Foto der russischen Panzer in Prag 1968 zu zeigen.

Der Verein hat seitdem die Arbeit der Neuen Galerie mitgetragen, hat die Kindergalerie gegründet und betreut, hat Veranstaltungen und Ankäufe von Filmen und Videobändern finanziert, hat dem Leiter ein Handgeld garantiert, das ihm gestattete, Sonderausgaben zu finanzieren, hat Besichtigungen, Führungen, Reisen organisiert – und einen Kunstpreis gestiftet, der geholfen hat, Aachen auf die Landkarte der international beachteten Kunststädte zu setzen. Die Stadt und die Aachener Wirtschaft haben diesen Preis mitgetragen, aber dem Verein gern die Federführung überlassen.

Alle Dezernenten haben seitdem den Schutz und die Hilfe des Vereins für das junge, experimentelle Institut geschätzt, und in den Jahren des Übergangs von der Neuen Galerie zum Ludwig Forum hat die jüngst verstorbene Hildegard Reitz die Geschicke des Hauses, die Verhandlungen zwischen der Stadt, dem Sammlerehepaar Ludwig, dem Verein und seinen konkurrierenden Sammlern mit geschickter Hand geleitet. Und nun?

Niemand hätte daran gedacht, die Preisträger Luciano Fabro, Christian Boltanski oder Igor Kabakov nach ihrer politischen Ausrichtung zu fragen. Der Oberbürgermeister heute wundert sich, von Walid Raad, dem libanesischen Kunstpreisträger dieses Jahres, eine verwirrende Antwort auf diese Frage zu erhalten. Und er zieht darauf, bewaffnet mit einem Verdacht, die Beteiligung der Stadt an dem Kunstpreis zurück. Der Verein wird den Kunstpreis, dennoch vergeben. Er belohnt nicht eine politische Haltung, sondern ein künstlerisches Oeuvre. Der Termin steht bevor.

Und nun? Die Stadt verweigert dem Verein die Vergabe des Kunstpreises in dem städtischen Gebäude Ludwig Forum! Er bietet es dem Verein, der seit einem halben Jahrhundert die städtische Institution unterstützt, nicht einmal gegen eine Mietzahlung an, er zwingt ihn, den Preis in einem nicht städtischen Gebäude zu vergeben. Der Norweger Johan Holten, Direktor der Mannheimer Kunsthalle, Wortführer der Jury des Kunstpreises, wird seine Preisrede dort halten. Die Kulturdezernentin hüllt sich in Schweigen. Die Kulturstadt Aachen schläft im Bewusstsein, der Politik gedient zu haben. Mir stehen die Haare zu Berge.

 

 

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Ein Kommentar

Geschenkt – Gesammelt

G E S C H E N K T – G E S A M M E L T

Die Ausstellung im Stadtbad Aachen mit den Fotoarbeiten Aachener Künstler werden wir am 13. Oktober beenden. Die Beteiligten freuen sich, dass die Werke noch einmal auf sie aufmerksam machen. K ü n s t l e r   s o l l t e n   s i c h   d a r a n   g e w ö h n e n, i h r e   W e r k e   z u   v e r s c h e n k e n .

Auktionshäuser, Kunstmärkte und Galerien haben den Selbstzweck von Kunstwerken, Geld wert zu sein, in inflationäre Höhen getrieben, in denen  mit Millionen gerechnet wird – ein Spekulationsspiel, das in Zoll-Lagern stattfindet und an die erstaunlichen Eigenarten des Reliquienhandels im Mittelalter erinnert. Das, was ihre Protagonisten Kunst nennen, entfernt sich zunehmend von dem wachsenden Feld einer anderen Kunst, deren Geldwert

peripherisch gegenüber ihrem Wert als Geschenk, als Tauschobjekt, als Ereignis, als Erinnerung, als Einladung zur Teilnahme ist. Diese Kunst ist nicht notwendigerweise ein Handelsobjekt wie das eines Schuhmachers, sondern Teil einer Industriegesellschaft, in der die Unterscheidung zwischen Originalen, Repliken, Abzügen, Kopien, Auflagen, Drucken und 3D-Drucken unscharf geworden ist. (Unter den Fotos, die mir geschenkt worden sind, sind Abzüge von Negativen, die unauffindbar geworden sind, ebenso wie Pressefotos und Drucke).

Es ist mir nicht gelungen, eine Ausstellung in Aachen zu organisieren, die Christian Boltanski 1995 in London und 2015 in Paris realisiert hat: T A K E   M E ( I´M   Y O U R S ): ein Ausstellungsmodell, das nicht umsonst in der Pariser Münze stattfand, weil es den Tausch und das Teilen in seinen Mittelpunkt stellte. Es war mit einer Google app verbunden und erlaubte Besuchern, die Ausstellung zu verändern, Gegenstände auszutauschen, mitzunehmen, durch andere zu ersetzen. Etliche der 30 beteiligten Künstler blieben während der Ausstellung anwesend, ergänzten ihre Angebote. Ein Schriftsteller meldete jeden Tag die Veränderungen in Instagram. Das Modell sollte fortgeführt werden.

Wie viele Künstler häufen Werke in der Hoffnung an, sie eines Tages veräußern zu können, fürchten um ihre Existenz nach ihrem Ableben, sind aber zu geizig, ihr Lebenswerk in einem gut ausgestatteten Oeuvre-Katalog zusammenzufassen und Objekte ihren Freunden und Museen als Geschenke anzubieten? Das System der Verteilung von Kunstwerken zwischen Autor, Galerie, Sammler, Museum ist erstarrt und angesichts der zunehmenden Zahl von Künstlern und ihren Angeboten hilflos überfordert. KÜNSTLER MÜSSEN SICH DARAN GEWÖHNEN, IHRE WERKE ZU VERSCHENKEN:

 

 

Paris