Beckeraachen

Kunstwechsel


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Ludwig Van

R O L L   O V E R   B E E T H O V E N  zweitens

1968 ist Elly Ney 86-jährig gestorben – wie Leni Riefenstahl eine Protagonistin des Dritten Reichs und Klaviervirtuosin, deren Beethoven-Interpretationen berühmt und zunehmend berüchtigt waren. Mit ihr beginnt der Film „LUDWIG VAN“, den Mauricio Kagel, 1969/70 zum Geburtstagsjubiläum schwarz-weiß für das WDF produziert hat.  Linda Klaudius-Mann spielt auf einem alten, misstönenden offenen Flügel pathetisch virtuos als Elly Ney mit einem mächtigen weißen Haarschopf, der sich langsam auflöst und die Saiten des Instruments bedeckt. Stefan Wewerka rasiert sich vor einem Badezimmerspiegel und murmelt allerlei Variationen zur „Beethoven-Bummelei“. Den Filmtitel begleitet eine Minute lang das Bild einer flackernden Gasflamme aus einem Abflussgitter im Straßenpflaster (die „Küche“ des Joseph Beuys), als brenne selbst dort das Feuer des Komponisten weiter. Beethovens Kompositionen sind dem ganzen Film unterlegt so, wie er selbst sie 1826 hätte hören können.  Rudolf Körösi, der mit schwarzen Schnallenschuhen und weißen Strümpfen (selten zeigt er mehr) den Komponisten darstellt, führt nun die Kamera. Sie (er) steigt im Bonner Bahnhof aus dem Wien-Amsterdam – Hoek – van – Holland – Express und spaziert durch Bonn, vorbei an einem Schallplattenladen, in dem eine Reihe von Besuchern an den Kopfhörern der Theke seine Musik hören. Ein dem gealterten „Führer“ ähnlicher Führer empfängt ihn in seinem Geburtshaus und führt ihn durch Ausgrabungen im Weinkellerund die Zimmer des Hauses, in denen bekannte Künstler Akzente gesetzt hatten; die Küche (Josef Beuys), das Badezimmer (Dieter Roth), das Kinderzimmer (Stefan Wewerka), das Wohnzimmer (Ursula Burckhardt), das Musikzimmer (Mauricio Kagel) und die Rumpelkammer (Robert Filliou). Er läßt ihn sehen, wie er Besucher mühevoll durch zahlreiche Wäschestücke an Trockenleinen leitet, die für die zahlreichen Reinigungen stehen, denen das Bild und die Musik Beethovens in den vergangenen Jahrhunderten ausgesetzt worden ist. Ein Gesamtdeutsches Kammerorchester begleitet ihn dann auf einer Fahrt mit dem Passagierschiff „Cäcilia“ (der Heiligen der Musik und „Cäcilia Wolkenburg“ in Köln) auf dem Rhein.

Der TV-Film schließt folgerichtig mit dem „Internationalen Frühschoppen“ von Werner Höfer zu der Frage, ob die Welt, die von Beethoven weiß, seine Musik gebraucht oder mussbraucht habe, und fügt einige Taschenspielereien aus einer Horizont-.Sendung der „Reihe der Versuche“ und die Rede eines Bauern auf seinem Feld hinzu, der angibt, der letzte Nachfahre Beethovens zu sein. Aus seiner Hosentasche zieht er eine weiße Büste.

Die Neue Galerie zeigt die Requisiten in BEEETHOOVEN 1770-1970. (Fortsetzung folgt)instantané_00001


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roll over Beethoven

R O L L   O V E R   B E E T H O V E N   erstens

 

2020 werden etliche Weltbürger den 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven feiern. Eine erste website www. ludwigfunbeethoven.de ist erschienen??? Im Dezember 1970 feierten sie seinen 200. Geburtstag. Orthodoxe schimpften: Seine Musik würde missbraucht. Wir brauchen sie, sagten alle anderen.  T-Shirts mit seiner Büste lagen in New York Downtown aus, und Chuck Berry rockte: „You know, my temperature’s risin‘,/ the jukebox blowin‘ a fuse./ My heart’s beatin‘ rhythm/ and my soul keep a-singin‘ the blues./ Roll over Beethoven, tell Tchaikovsky the news.” Dem New Yorker Museum of Modern Art lieh der Bildhauer George Rhodes eine Art von Spieluhr aus Stahl, in der eine herabrollende Kugel die ersten acht Noten aus Beethovens 8. Symphonie in wechselnden Tonarten spielt. Miguel Rios (“A Song of Joy. Himno a la alegria”), Charles Blackwell (Classics with a beat), Ekseption, James Last, Horst Jankowski, The Hoffnung Astronautical Music Festival – sie alle gingen in diesem Jahr über die Radiosender, sogar Stockhausen “Beethausen – Stockhoven” verneigte sich – und Mauricio Kagel drehte im Auftrag des WDF den Film „LUDWIG VAN“.

 

Im Februar 1970 war in Aachen die Neue Galerie mit den letzten Neuerwerbungen des Sammlers Peter Ludwig eröffnet worden und hatte sich mit irritierenden Ausstellungen von Robert Filliou und Wolf Vostell vorgestellt. Jetzt sollte Kagels Film der Auslöser für „BEEETHOOVEN 1770-1970“, die 7. Ausstellung im Alten Kurhaus sein. Beethoven passte ins Dreiländereck, meinte ein Holländer, der Name verriete die Herkunft von einem Rübenhof (Beete – Rote Beete – Betteraves).

Vom Porträt des Karl Stieler, der Beethoven  ein Jahr vor seinem Tod malte, bis zu dem prunkenden Denkmal von Max Klinger 1902 in Leipzig entfernt sich in vielen Darstellungen das Bild Beethovens von ihm selbst; der besessene Arbeiter, der gefeierte Virtuose in der Wiener Gesellschaft, der nimmermüde Erfinder, der mit der Taubheit und Einsamkeit Kämpfende wird entmenschlicht, vergöttlicht und gewinnt eine Aura. Sein Geburtszimmer im Bonner Beethovenhaus hat Robert Bory noch 1960 als „Heiligtum“ beschrieben.

Schroeder, der Pianist in den Peanuts-Comics von Charles M. Schulz, sucht nicht die Zuneigung Lucys, sondern die des verehrten Komponisten. Vor seiner Büste strahlt er: „Er hat mich angelächelt.“ Die Aufgabe des BEEETHOOVEN-Projektes in der Neuen Galerie sollte sein, dieses Lächeln, diese Zuneigung zu erzeugen, Bilder zu zeigen, die der Vergöttlichung entgegenlaufen, die sie ad absurdum führen.

Das aufblasbare Denkmal, das Heinz Dunkelgold in einer vorläufigen Auflage von 50 Stücken hergestellt hat, kam gerade recht. Die ars pneumatica erlaubt das erleichternde Geräusch, das entsteht, wenn aus einem prallen Körper die Luft entweicht (anders die späteren Polyestergüsse von Otmar Hörl, die zu Unrecht Dauer beanspruchen).

Otto Dressler dachte an jene, die die Konzertsäle bevölkern, um andächtig der 67. Vorführung der Mondscheinsonate zu lauschen. Sie sollten auf hellblauen Tiefzieh-PVC-Sitzbildobjekten Platz nehmen, die mit Kopf und Hörrohr Beethovens reliefiert waren: dem Genie nahekommen, auf ihm sitzen, es besitzen. Im Ballsaal des Alten Kurhauses wurden sie vorgeführt und Beethoven in ein andauerndes Gespräch mit dem Publikum gezogen. 4.000 Fragebögen sollten Auskunft geben, wie Menschen 1970 auf die Erbschaft schauen, die er zurückgelassen hat. Seine Figur durchdringt heute alle Schichten der zeitgenössischen Weltkultur. Er ahnte nicht, dass er sie demokratisieren würde.

Höhepunkt der Ausstellung waren der Film „Ludwig Van“ von Mauricio Kagel und seine Requisiten. (Fortsetzung folgt)


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Ende des Quartär

Kalendergeschichten – news – fake news

Die social media teilen Zustandsbekenntnisse, Kommentare zu Tagesereignissen, Berichte von Erlebnissen, politische Pöbeleien und Berichte über Kunsterfahrungen mit. spontan, improvisiert, und verlieren schnell ihre Aktualität – wie die Tageszeitungen. Der „Trierische Volksfreund“ erschien1875 zuerst 3x wöchentlich, später täglich. Der „Rheinländische Hausfreund“, der Johann Peter Hebels Kalendergeschichten 1803-14 verbreitete, war dagegen ein Jahreskalender, der die Stunden-Aktualität der social media auf die Dauer von Jahren verlängerte. Nachrichten wurden Literatur

 

Die 10. Kalendergeschichte

DAS NEUE JAHR AM ENDE DES QUARTÄRS

 

Als ich am 21. Juni 2019 aus den Fenstern der besetzten Bastei in Aachen auf die 40.000 Teilnehmer der Demonstration von Friday for Future  schaute, erzählte mir der junge Amerikaner, der ohne Geld durch Europa zog und hier Unterkunft gefunden hatte, dass 40.000 Elefanten sich täglich von 4 Millionen Kilogramm Gesträuch, Kraut, Gras und Obst ernähren. Wir diskutierten weiter. 40.000 Menschen lebten auf der Erde vor 40.000 Jahren und breiteten sich von Afrika aus. Im Jahr 0 unserer Zeitrechnung waren sie auf 10 Millionen angewachsen. Jetzt sind es 8 Milliarden. 2050 sollen es 11 Milliarden sein.,

Das Eiszeitalter Quartär hat seit 2,7 Millionen Jahren 28 Perioden kalter und warmer Perioden durchlaufen. Am Ende der letzten Eiszeit, im Holozän, besetzten unsere Vorfahren die Erde. Vor 20,000 Jahren wurde es wärmer. Die Polarkappen entließen Eisberge. Die Meeresspiegel stiegen um 130 Meter, überschwemmten weite Landflächen und bildeten große und kleine Inseln. Es ist denkbar, dass zuvor die Asiaten Australien und die Europäer England zu Fuß besetzt hatten. Solche Warmzeiten dauerten kürzer an als die Eiszeiten, so dass Sintfluten und Freisetzungen der Polkappen nicht auftreten und sich andererseits überall große Gletscher bilden konnten.

Dieses kosmische Wechselspiel auf der Erdkugel im Umlauf der Sonne ist ebenso wunderbar wie das Leben eines Baums oder eines Elefanten. Aber 40.000 Elefanten kann kaum ein Kontinent, und die ganze Erde kann nicht 10 Milliarden Menschen ernähren, wenn sie dieses Wechselspiel nicht radikal verändern. Seit dem Beginn der großen Zivilisationen arbeiten sie in Bergwerken, machen Land urbar, nutzen das Holz der Wälder, jagen und domestizieren sie Tiere. Aber erst, als sie auf eine Milliarde angewachsen waren, steigerten sie das Ausmaß ihrer Herrschaft über die Naturschätze, die sie zu nutzen meinten, beseitigten das Gleichgewicht im Wechselspiel zwischen Wärme und Kälteperiode und nannten die neue Periode Anthropozän – die Periode des Menschen. Sie haben das Quartär mit dem Holozän beendet, weil die Veränderungen, die sie der Erde zugefügt haben, eine neue Eiszeit nicht zulassen: die Nutzung der halben Erdoberfläche durch die Landwirtschaft, die Versäuerung der Ozeane, Deichbauten, Kanalisationen und Staudämme von Flüssen, großflächiger Abbau von Kohl und Erdöl, Veränderungen der Atmosphäre durch vermehrte Produktion von Treibhausgasen, Aussterben von Pflanzen- und Tierarten, Belastung der Natur durch chemische Stoffe, Veränderungen der Atmosphäre durch vermehrte Produktion von Treibhausgasen (Kohlenstoffdioxid und Methan). Da diese Stoffe dort über 100.000 Jahre erhalten bleiben, ist eine nächste Eiszeit nicht zu erwarten, und die Menschen müssen sich auf eine Wärmezeit vorbereiten, die sich mit Hitzewellen, Stürmen, Dürren und Überschwemmungen im neuen Jahr ankündigen wird.  Selbst wenn der Stahl für Waffen nur noch in elektrischen Öfen hergestellt wird, die Energie nur noch aus Windrädern in den Meeren und nur noch elektrische Autos an den Ampeln aufgeladen werden, selbst wenn wir kein Fleisch mehr essen und mit Wasser vorsichtig umgehen, selbst wenn wir Joseph Beuys folgen und tausend Bäume pflanzen   – es wird wärmer werden.

Wir kehrten zu der Geschichte mit den Elefanten zurück und äußerten die Empfehlung, die Menschen sollten vermeiden, mit der Hilfe immer besserer Krankenanstalten älter und älter zu werden, ihre Vermehrung einschränken oder auswandern.

 

 

 

Gletscher / Neue Seen


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Faith Ringgold

Epochen und ihre Werte: FAITH RINGGOLD

Ich wußte nichts über diese New Yorker Künstlerin, bis ich las, dass im neu erweiterten MoMA, einem Gedanken der ‘transversality’ folgend, ihr großes Bild „DIE“ (Stirb) neben Picasso’s „Demoiselles d’Avignon“ hängt – einem Werk, das wie kein anderes das 20. Jahrhundert eingeläutet hat, die Zertrümmerung des akademischen Tafelbildes und seiner Regeln – ein Bild, das am Beginn eines Lebenswerkes steht, das alle anderen überstrahlt.

Faith Ringgold, 1930 geboren, Kind der Harlem Renaissance, studierte Kunst in New York, reiste in Europa und bewunderte „Guernica“, das als Leihgabe 1939-81 im MoMA hing. Ihr Bild „DIE“ von 1969, das 20. und letzte der Serie „American People“ ist nur etwas kleiner. Es widerspiegelt die Rassenunruhen, in denen 1968 Martin Luther King erschossen wurde. Faith Ringgold wuchs in die Rolle einer Aktivistin und kämpfte an der Seite von Lucy Lippard für die Rechte der Frauen und der Afro-Amerikaner.

Um 1970 öffnete sich das, was wir Hippie-Kultur nennen, den Kunst- und Musikformen des Orients, der Araber und Afrikaner, der Tibeter und der einheimischen Indianer, den Schriften, Masken, Puppen, Kostümen, Thangkas und Quilts. Was wir später Pattern Painting nannten, entstand hier, und die Aufstände gegen die klassischen Künste gingen nicht selten – wie bei Thomas Lanigan Schmidt – Hand in Hand mit sozialen, bürgerrechtlichen Revolutionen: für die Homosexuellen, die Schwarzen, die Frauen. Faith Ringgold rief ihre Mutter, eine Kostümschneiderin, zu Hilfe, um Acrylbilder und Quilts mit üppigen dekorativen Stoffkanten zu versehen und perlenbesetzte Basthauben zu entwerfen. Nähen, Weben, Textildesign ergänzten das Malen. Quilts waren jetzt mehr als wärmende Steppdecken. Sie wurden Chroniken der Erinnerungen.  Seit 1970 stellt Faith Ringgold in Amerika und England aus. Sie ist als Künstlerin, Feministin und Bürgerrechtlerin berühmt.

Diese Kunst, die aus einer Fülle der Weltkulturen, aus Bereichen schöpft, die Europäer lange völkerkundlich betrachtet haben, schafft Werte, die sich in den „Demoiselles d´Avignon“ erst bescheiden ankündigen, in „Barbarismen“, die die Zeitgenossen erschauern ließen. Das MoMA hat Faith Ringgold aber Unrecht getan, sie mit einem Bild vorzustellen, das allzu bemüht die Nähe zu „Guernica“ sucht. Ihre berühmten Quilts hätten ihr hier mehr Ehre gegeben.

Abb. „Die“ 1969 183 x 366 cm MoMA NY

Abb. Sleeping: Lover’s Quilt #2, 1986, 197 x 200.7 cm

 

 

 


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Hyperrealismus

HYPERREALISMUS IN LA BOVERIE

Die Hallen des reformierten Kunstpalastes La Boverie in Lüttich sind zu groß für diese umfangreiche Ausstellung realistischer Skulpturen zeitgenössischer amerikanischer und europäischer Bildhauer, die allesamt darauf zielen, den Betrachter zu verwirren. Atmet diese Schöne, die sich auf ihrem Podest ausbreitet, als wäre es der Strand von Kalifornien? Kann ich mit den New Yorker Bauarbeitern von Duane Hanson reden?

Als Nancy Graves mit den lebensechten Kamelen 1969 die New Yorker und 1970 die Aachener irritierte, konkurrierte sie mit Tierpräparatoren so wie manche ihrer Kollegen mit Madame Tussaud. Und damals begann die Entwicklung digitaler Bilder, der Wettlauf der Pixel auf Bildschirmen, und die ersten Hologramme überraschten uns in dunklen Wunderkammern. Jetzt, wo die Bildschirme in Quadratmetern gemessen werden und 3D-Drucker Skulpturen herstellen,  kann eine Ausstellung zeigen, wie man Hyperrealismus benutzt, um eine Geschichte zu erzählen oder eine Karikatur zu schaffen: eine junge Frau, die sich verrenkt, um mit ihrem Smartphone am Stativ ihre Vagina zu fotografieren, oder, um meine Rührung  zu verhundertfachen, ein 3x1m großer Neugeborener, der beginnt zu blinzeln (von Ron Mueck). In einem der Räume darf ich nicht fotografieren, weil eine nackte Frau in drei Varianten ihre Beine ausbreitet, im Nebenraum liegt eine andere auf einem Bett, fotografiert sich, sicher, durch ein Schnellfeuergewehr an ihrer Seite beschützt zu sein. Einem Mann ist der Kopf abgeschnitten, und ich blicke auf die Stummel der Muskeln, Nerven und Arterien. Halt: diese beiden Skulpturen von Berlinde de Bruyckere sind Skulpturen so wie Michelangelo und seine Nachfolger sie verstanden, und auch die beiden Gipse von George Segal sind durchaus „unfotografisch“, und der Hitlergruß von Maurizio Cattelan mit dem Titel „Ave Maria“ meint etwas anderes. Die kleinen optischen Sensationen überwuchern das Thema. Schulkinder rubbeln vergebens am Glaskasten eines nackten Mannes, anders als angegeben wird er nicht sichtbar, sondern bleibt ein milchiges Gespenst. Vor  Jahren  erschienen uns John de Andrea und Duane Hanson ebenso als große Virtuosen der illusionistischen Oberflächen wie die Maler Chuck Close oder Richard Estes, diese auf Leinwänden, jene auf Polyesterabgüssen von lebenden Modellen, jetzt, im Zeitalter der Pixel-Millionen, sind ihre Figuren Kuriositäten, die sich unseren Smartphones zu nostalgischen Betrachtungen anbieten. Unbedingt sehenswert. Ein großer Spaß!

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„Botanische“ Kunst

„Botanische“ Kunst – Jan Hendrix im Bonnefantenmuseum Maastricht

Noch heute entdecke ich zwischen alten Liebesbriefen getrocknete Blumen und blättere bewundernd durch Bücher, die Kupferstiche von exotischen Pflanzen und Insekten zeigen. Maria Sibylla Merian und ihre zweijährige Reise nach Surinam 1700 sind für mich eines der großen Abenteuer der Kunst- und Naturgeschichte. Der 70-jährige Holländer Jan Hendrix, der seit 1978 in Mexiko lebt und arbeitet, hat dieser Kunst- und Naturgeschichte ein gegenwärtiges Echo geschaffen, das im Obergeschoss des Museums vielfältig schallt. Die Dokumentation von Pflanzen und Tieren in exotischen Ländern, die die Europäer bereisten, kolonisierten, beraubten, haben Fotografen übernommen, im Echo klingt diese Geschichte an, es scheint nicht mehr wichtig, welche Blätter in jenen Gebüschen wachsen, die ihnen auf den Doppelseiten großer Folianten gegenübergestellt sind – in Lithografien und Siebdrucken auf Papier und Goldfolien, signiert, nummeriert, bibliophile Schätze, in denen der Reichtum von Wäldern ausgestreut ist. An eine große Wand sind Hunderte von postkartengroßen Blättern mit Nadeln gepinnt, die die andauernde Arbeit des Grafikers vorführen – und dann öffnet sich ein dunkler Raum für 3 riesige Tapisserien aus Seide, Wolle und Chenille, die den Betrachter sanft in ein wucherndes Gestrüpp einrollen.

Ich hätte ihn im Umkreis von Shinkishi Tajiri, der Smeets Presse in Weert , des Agora Studios und der Jan van Eyck Akademie kennenlernen können, aber seit 1978 lebte er vor allem in Mexiko – und hat in diesem Jahr den höchsten Orden des Landes für seine Arbeiten erhalten. Große Arbeiten hängen in öffentlichen Gebäuden und folgen ihrem Zweck, an eine intakte, wuchernde Natur zu erinnern, die die Kolonisatoren zerstört haben und deren Reste es zu erhalten gilt. Die dekorativen Werte der Arbeiten treten in der Ausstellung in den Dienst einer Erinnerung – wie es war, als man nicht um den Erhalt der Ur- und Regenwälder bangen musste.

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A bumped body

A BUMPED BODY

Ein gestoßener, verbeulter Körper – eine sitzende Frau, durchdrungen von einem phallischen Hundeknochen – ein Männchen, von Beulen übersät – diese irritierende Ausstellung der Düsseldorfer Künstlerin Paloma Varga-Weisz im Maastrichter Bonnefantenmuseum ist quälerisch weiblich mütterlich – Oberammergauer Holzschnitzkunst (leere, glatte Gesichter) und theatralische Inszenierungen (eine Liegende im weißen Totenhemd unter einem Glastisch voller Destilliergläser). Es muss der Künstlerin Spaß gemacht haben, die vielen kleinen Keramikgruppen von Mensch-Tiergruppen mit großen Ohren zu kneten „Wilde Leute“ 1998 – sie wirken asiatisch wie japanische Netsukes. Aber sie scheut nicht lebensgroße Figuren, deren Köpfe, Hände und Füße aus Tüchern hervorragen. In der Inszenierung des „Galgenfeldes“ folgt sie der Anregung eines Blattes von Rembrandt und zeigt 2 Frauen, an Pfähle gebunden und eine 3.  auf einem hohen Podest thronend. Die „Waldfrau“ nebenan sitzt mit ihrem beulenbedeckten kleinen Kind auf einem Stapel trocknender Baumbretter, ebenso still, in sich gekehrt, priesterlich im schwarzen Tuch wie ihre Schwester auf dem hohen Brett. Sie folgt einem Bild Otto Modersohns von 1901, und man muss wissen, dass seine junge Frau im Kindbett starb – die Malerin Paula Modersohn-Becker. In einem dunklen Raum steht ein verschlossener Holzschuppen, nur Gucklöcher erlauben, an den Wänden Jagdtrophäen und ausgestopfte Tier zu erkennen und mittendrin 2 lebensgroße Holzfiguren an Schnüren: ein Frau, die ihre Beine öffnet und schließt, und ein Mann, der seine phallische Nase hebt und senkt. Die ausgestopften Paviane, die sie begleiten, stehen ebenso für Geilheit wie die Nase oder jener „Hundeknochen“ – und die „Beulen“, die uns in der Ausstellung wie eine Krankheit begleiten, verraten eine angsterfüllte Melancholie, die den Betrachter lange nicht verlässt.

Paloma Varga Weisz, Bumped Body, Maastricht Bonnefantenmuseum bis zum 02.02.2020