Beckeraachen

Kunstwechsel


2 Kommentare

Kunst ABC

FREUNDE DES LUDWIG FORUMS FÜR INTERNATIONALE KUNST E. V.
JÜLICHER STR. 97-109 D-52070 AACHEN +49 (0)241/1807-109 info@ludwigforum.de
Betr.: Zum 50-jährigen Jubiläum der Neuen Galerie und des Ludwig Forums
Liebe Freunde des Ludwig Forums,
nachdem die Stadt Aachen auf Initiative von Peter und Irene Ludwig 1970 die Neue
Galerie gegründet hat und 1971 der Verein der FREUNDE entstand, war auch die
Aachener Volkszeitung mit ihrem Kulturredakteur Wolfgang Richter bereit etwas zu
tun: „Es war nötig, das Aachener Publikum mit der Kunst der Moderne bekannt zu
machen“. In vier Jahren publizierte die Zeitung jede Woche einen Artikel des
Leiters der Neuen Galerie, Wolfgang Becker, mit der Abbildung eines Kunstwerks –
knapp 200 Texte, die in der Zusammenschau nichts weniger als ein Kompendium zur
Kunst der Gegenwart bis in die siebziger Jahre sind.
Prof. Becker hat einige der Texte in letzter Zeit im Internet, auf Facebook, in
Wordpress und Linkedin, wiederveröffentlicht, vielleicht haben Sie dies genauso
aufmerksam und gespannt verfolgt wie ich. Er – und der Vorstand der Freunde –
würden sich freuen, wenn dieser ungewöhnliche, einmalige Beitrag jetzt als kleine
Festschrift erscheinen könnte: zu Ehren von Wolfgang Becker, zum Jubiläum des
Ludwig Forums sowie zum 50-jährigen Jubiläum der Freunde. Der Wienand Verlag in
Köln, mit dem das Ludwig Forum häufig zusammengearbeitet hat, nahm die
Anregung gerne auf und hat ein Angebot gemacht, das Buch in sein
Verlagsprogramm aufzunehmen. Der Ladenpreis für das 128 Seiten umfassende, mit
Farbabbildungen ausgestattete Buch wird ** Euro betragen.
Die Ludwig Stiftung hat sich bereit erklärt 6.250,00 € zu übernehmen, die Hälfte
der veranschlagten Kosten. Es wäre schön, wenn der Verein der Freunde die andere
Hälfte beisteuern würde, doch dafür brauchen wir aber Ihre und Eure
Unterstützung. Denn die finanzielle Situation des Vereins lässt zur Zeit keine
Ausgaben für Projekte dieser Größenordnung zu, und dennoch hat dieses
kunstwissenschaftliche Vorhaben gerade jetzt eine besondere Bedeutung. Darum
bitte ich Sie, sich an diesem Projekt zu beteiligen, und wäre es mit nur einem
kleinen Betrag.
Bei Spenden ab 100,00 € werden die Sponsoren namentlich im Buch erwähnt. Eine
Spendenbescheinigung wird allen Geldgebern ausgestellt. Für eine rege
Unterstützung wären wir sehr dankbar.

Mit besten Grüßen und in der Hoffnung, dass sich möglichst viele Freunde an
unserem Projekt finanziell beteiligen mögen,
Iva Haendly-Dassen, Vorsitzende
Kontoverbindung der Freunde des Ludwig Forums bei der Sparkasse Aachen:
IBAN: DE 05 3905 0000 0001 0411 10 (Verwendungszweck: KUNST ABC)


Hinterlasse einen Kommentar

Liebe zu Afrika

  1. Kalendergeschichte

Liebe zu Afrika

Viele haben Afrika besucht, Künstler wie Heinz Mack, Michael Buthe, Rudolf Schoofs und Nancy Graves haben dort gearbeitet und Freunde gefunden. Es wäre der Tochter des Aachener Künstlers Günther Knipp nicht gelungen, mich nach Kamerun zu locken (sie arbeitet in Douala als Modefotografin), viel lieber hätte ich den Dichter und Maler Frédéric Bruly Bouabré in Abidjan besucht. Aber in der neugotischen ehemals deutschen Kirche von Kribi an der Weihnachtsmesse teilzunehmen, „Stille Nacht, heilige Nacht“ als Oratorium einer inspirierten Gemeinde zu hören, die mit Rasseln und Küchengerät den Takt schlug, das war die Reise wert.

Im Flugzeug hatte mich eine ältere Dame, die zwei Plätze beanspruchte, gebeten, sie zu einem Wunderheiler zu begleiten, einem Pygmäen im Campo Ma´am, in dessen Regenwald-Hospital sie Heilung von ihrer Adipositas erwartete.    Die Stämme der Ba´Kam Pygmäen haben lange ungestört in den Regenwäldern naturnah gelebt und sind heute so sehr touristisch erschlossen, dass ihr Ruhm bis nach Aachen gedrungen ist. Tatsächlich besichtigten wir nach einer langen Wanderung eine Anlage von mehreren Hütten unter hohen dichten Bäumen, die von Kranken besetzt waren, einem offenen Herd, auf dem aus Rindenhexel und Kräutern Tinkturen gegen Husten, Fieber, Durchfall, aber auch Gifte für Pfeile und Blasrohre gekocht wurden. Wir begegneten dem kleinen (145 cm) Doktor mit Ehrfurcht: vor uns trat ein Vertreter der ältesten Menschen der Erde, ein „Zwerg des Gottestanzes“; so nennen ihn ägyptische Pyramidentexte. Zurückhaltend ließ er sich das Anliegen der Dame erklären, umkreiste sie, die ihn weit überragte und wie ein weißer Kreidefels vor ihm stand, mehrere Male, griff in einen Lederbeutel an seinem Gürtel und reichte ihr einen im Dämmerlicht weiss leuchtenden Zettel – die Visitenkarte eines Facharztes in Douala. Er hätte Angst, sie aufzunehmen und mit seinen Medizinen zu behandeln. Nein, fotografieren durften wir ihn nicht. In diesen Minuten trat die Distanz zwischen den beiden als räumliche, als Ferne zwischen zwei Kulturen, zwei Kontinenten hinter einer Distanz in der Zeit, als Ferne zwischen Jahrhunderten zurück. Nie wieder bin ich der Vergangenheit so leibhaftig begegnet – und wusste, dass nicht der Pygmäe und sein Krankenhaus, sondern die dicke Frau und ich der Zukunft ins Auge sehen würden. Bruly Bouabré habe ich später kennengelernt.

Abb. Kribi, Kamerun, die Kirche, erbaut um 1900 – Albinos auf dem Weg zum Urwalddoktor, geachtete Sonderlinge hier – meine FotosMy beautiful pictureMy beautiful picture


Hinterlasse einen Kommentar

Schwarze Helden

  1. Kalendergeschichte

SCHWARZE HELDEN

Seit Leopold II, Carl Hagenbeck und alle Sklavenhändler der damnatio memoriae unterliegen und zunehmend US-Bürger ihre afro-amerikanische Identität verteidigen, seit meiner Jugend habe ich schwarze Helden geliebt. Wenn ich im neuen Theaterstück von Wolfgang Vincke STADT.FINDEN lese:

„ VIER, vorschieben der unterkiefer, go!, halbdistanz, offensive, defensive, kontern, treiben, haken, kalt, cut, uppercut, blocken, auspendeln, kopf gegen brust, mundschutz raus rein, break, jab, sidestep, punch, cross, hart, gerade, linke, rechte, linke, rechte, ausruhen, linke, rechte, linke, rechte, ausruhen, finten, pendeln, abducken, zuschlagen…….“,

ys

sehe ich Joe Louis und Max Schmeling (und Roosevelt und Hitler) und Muhammad Ali und den „Rumble in the Jungle“ von Kinshasa – und denke an den verhassten deutschen Schäferhund George Foremans, Ali Muhammads Verweigerung des Militärdienstes in Vietnam und Einsatz in der Bürgerrechtsbewegung. Repliken tauchen in Hollywood-Filmen, auf, leise erinnern so gegensätzliche Figuren wie Martin Luther King und Barack Obama an sie. Aber es folgt ihnen niemand nach, solche Boxkämpfe, die über sich hinausweisen, haben nicht mehr stattgefunden.

Dabei entwickelt der Boxkampf mit den Regeln, die ihn zu einem Ritual machen, das energischste, aggressivste Bild eines Duells zwischen zwei ebenbürtigen Personen, die in schnellst möglichen Aktionen und Reaktionen handeln (anders als Ringkämpfer oder Sumo-Gegner) und die geringsten Schutzhilfen nutzen (anders als Schwertkämpfer und Fechtende). Ihr Ritual führt die Zuschauer in eine Ära der Freiheit zurück, die vor den Verbindlichkeiten der Gesellschaften, ihren Gesetzen, der Nächstenliebe, der Solidarität liegt; und in den dunklen Hallen der Tausenden erstrahlt das Licht des Alphatiers im Ring, das sich, alle geistigen und körperlichen Kräfte nutzend, aus der letzten Bindung, der Gegnerschaft  zu befreien versucht.

In meiner weißen Haut, in der großen Empfindlichkeit, in der ich geboren und aufgezogen wurde, erschien ich mir hinter diesen Helden klein. Sie mussten groß, ungebärdig und – schwarz sein, stark wie schwarzer Kaffee aus Äthiopien.

In der Materialsammlung “Black Paris. Kunst und Geschichte einer schwarzen Diaspora“ habe ich unter dem Titel „Kunst der Provokation und Provokation als Kunst“ die „Götter des schwarzen Stadions“, den Bantam-Weltmeister Al Brown kennengelernt, der in den 30er Jahren von sich reden machte. Ich verstehe heute, dass sich auch Muhammad Ali einem Klischee einfügte, das für Afrika stand: Rumble in the Jungle. Heute hat das Klischee des unbesiegbaren schwarzen Kämpfers sein Gewicht verloren wie das des Crazy Horse, des Samurai Oda Nobunaga, des Wikingers Erik, des Griechen Odysseus, des Sklaven Spartakus. Der Boxkampf ist in einen Bürgerkrieg degeneriert. Die Tausende, die im Takt der Faustschläge laut atmeten, drängen nun in lautstarken Demonstrationen durch die Straßen großer Städte: Black Lives Matter. Und Tausende sterben in einer weltumspannenden Seuche. Die literarische Gattung der GROSSEN ERZÄHLUNG wird nicht mehr die der großer Helden sein wie die Odyssee oder die des Don Quichotte, sondern die von SCHWÄRMEN – wie die von tausenden Fischen im Wasser oder Staren in der Luft, die im September über Europas Städten tanzen, bevor sie den Flüchtlingen aus Afrika entgegen reisen.

Foto dpa Istvan Bajzat

.

 

 

 

Ali vor dpa Istvan Bajzat


Hinterlasse einen Kommentar

Schwarze Frauen – Mildred Thompson

SCHWARZE FRAUEN – MILDRED THOMPSON

Viele, die sich heute zu Schwarzen äußern, sind den Umgang mit ihnen nicht gewöhnt, wissen nichts über sie, sind berührungsängstlich (meine Eltern!) und zwingen mich, an Schwarze zu denken, die ich kennen gelernt habe. Im New Yorker Atelier von Nancy Graves brachte mich 1969 eine junge, attraktive schwarze Kunstkritikerin kokett in Verlegenheit: ob ich denn in meiner neu gegründeten Neuen Galerie auch schwarze Künstler ausstellen würde. Ich kannte keine.  Nancy Graves und ihre Freunde kannten keine. Die Harlem Renaissance war längst vorbei.

Als ich meine Arbeit in Aachen 1969 begann, besuchte ich den Zeichner und Lithografen Walter Dohmen in Langewehe, und er riet mir, Mildred Thompson kennenzulernen, die am Hang des Hürtgenwaldes in einem Landhaus wohnte. Sie gehörte zu den afro-amerikanischen Künstlern, „Exilamerikanern“, die, aussichtslos in der weißen Gesellschaft der USA um 1960, ihre Anerkennung in Europa suchten, und fand 1965 bei den Ursulinen in Düren eine Stellung als Kunstlehrerin.  Sie hatte schon 1958 bis 1961 bei Wunderlich, Schumacher und Janssen an der Hamburger Kunsthochschule studiert und zeigte mir Arbeiten aus alten Hölzern, die sie in ihrem Haus gefunden hatte. Für die Dorfkirche von Kleinhau hatte sie zwei Glasfenster mit Blumenmotiven in Arbeit. Diese „woodworks“, rechtwinklige, abstrakte, geometrische Assemblagen, die sie auf Platten nagelte, gibt es noch heute in ihrem Nachlass. Sie hatte vorher Grafiken geschaffen, die an ihre Hamburger Lehrer erinnerten, und jetzt, vor einer frei stehenden Holzskulptur, die an ein historisches Monument denken lässt, sprachen wir über die Stahlkonstruktionen ihres Nachbarn hier in Langerwehe, Jupp Ernst, pensionierter Direktor der Werkkunstschule in Kassel,  Mitbegründer der documenta, berühmt durch seine Arbeit für die Kaffeefirma Melitta. Ihn und seine Frau Renate Biermann habe ich ab und zu in ihrem Atelier besucht Mildred zeigte ihre Arbeiten in diesen 10 Jahren in Aachen (ich richtete ihr eine kleine Ausstellung im Atrium am Elisenbrunnen), Köln und Bensberg. Sie sei in diesen Jahren in Europa weder Frau noch Schwarze gewesen, sondern Vertreterin einer unpolitischen art pour l´art, warfen ihr nach ihrer Rückkehr 1975 amerikanische Kritiker vor. Sie verteidigte sich in einem Essay 1987: „Perhaps we, black Americans, might be able to identify with parts of African cultures. To copy symbols that one does not understand, was for me the height of prostitution.  It was perhaps because I had lived and studied with „whitey“ that I had learned to appreciate my Blackness. There are recordings in our genes that remember Africa. If they are strong enough and we are free of false denials, they will surface and appear without deliberation no matter what we do.“ Das Pathos der starken Worte verrät ein politisches Klima, in dem Frauen und Schwarze die Freiheit ihrer Kunst hinterfragen müssen. Der Rückblick auf ihr Oeuvre wird das Selbstverständnis dieser Künstlerin ebenso differenzieren wie die Einflüsse und Anregungen, die sie in ihren Arbeiten aufgenommen hat. 1975 kehrte Mildred Thompson in die USA zurück. Sie starb 2003 in Atlanta/Georgia. 2017 widmete ihr die 10. Berlin Biennale eine Ausstellung.

Wood Picture, c. 1972, Found wood and acrylic paint, New Orleans Museum of Art,

 

 

 

Thompson 1973 Woodwork


Hinterlasse einen Kommentar

Cafe zum Mohren in Aachen

DAS CAFE ZUM MOHREN

Wer Frau Vallot in AACHEN NEWS folgt, beginnt sich vor den Mohren zu fürchten. Die alten Griechen meinten einen stumpfen, törichten Menschen (?), ihre Oma meinte Neger und sprach von Affengesichtern und Nicknegern, die großen Dichter der Vergangenheit (?) meinten den Teufel.

Die „Mohren“, „Mauren“ waren in der Zeit der spanischen Reconquista gefürchtete dunkelhäutige nordafrikanische Sarazenen. Sie erfanden den Moriskentanz, den der Münchener Bildhauer Erasmus Grasser in großartigen Skulpturen verewigt hat.

Othello ist der berühmte „Mohr von Venedig“, „Moore of Venice“. Und „El Moro“ bezeichnet nicht nur Othello, sondern einen unbekannten Helden der Gastronomie. Ich empfehle daher, das Aachener Café EL MORO zu nennen. Restaurants dieses Namens gibt es nicht nur in Münster und Neustadt, der berühmteste Western-Saloon in Durango/ Colorado hat sogar eine comic-Serie inspiriert.  Wer immer dieser MORO ist, dessen gastronomischer Ruhm viele Menschen anzieht, er taucht seit dem Mittelalter als Kreuzritter und General in Europa auf (des Dichters Alexander Puschkins Urgroßvater, ein afrikanischer Sklave, der als Patenkind des Zaren Peter des Großen Generalmajor und Gouverneur von Estland wurde). hat vielen Orten seinen Namen gegeben und ist ein Held afro-amerikanischer Küche geworden. (In Havanna aß ich in einem Restaurant „Moros y cristianos“ – schwarze Bohnen und weißen Reis).

Der Aachener Mohr verweist nicht auf El Moro, erinnert eher an den heiteren buntgekleideten schwarzen Kellner, der in Plakaten und Schautafeln, karikatural überhöht, (zugegeben: mit Glubschaugen und dicken Lippen) tanzend erschien, als afrikanischer Kaffee und Kakao und Gebäcke, die daraus entstanden, populär wurden (bis zum 2. Weltkrieg bestimmten italienische Firmen wesentlich die Werbung und den Vertrieb aus Eritrea, Somali und Äthiopien). Es gibt ihn schon lange nicht mehr.

 

Mich erinnert das Café zum Mohren patriotisch an die Stadt der Schokolade, in der der Apothekersohn Leonard Monheim, beraten von seinem italienischen Schwager Caspar Grani, 1857 die Produktion von Schokolade unter dem Namen TRUMPF begann. Das ist eine Museumsgeschichte wert: die erste handgegossene Tafel, die erste Schneidemaschine, Gewürzmühlerei und Zuckerschneiderei, Impfkristallisation, Kaltstempelei. Heute scheint vergessen, dass Schokolade aus Apotheken kommt und in Aachen neben den Heißen Quellen ein zweites begehrtes Heilmittel anbot. Ebenso scheint vergessen, dass es Peter Ludwig, der die Urenkelin Leonard Monheims, Irene, heiratete, mit ihr nicht nur gelang, eine weltberühmte Kunstsammlung öffentlichen Häusern zu stiften, sondern in seinen Lebzeiten die Firma zu einem der größten Schokolanden- und Kakaohersteller Deutschlands und der Welt aufzubauen.

Angesichts des europäischen Konsums von Schokolade- und Kakaoartikeln, angesichts der Fülle von Figurationen, die die Industrie produziert – Hasen, Gänse, Küken, Maikäfer, Clowns, Hochzeitspaare, Motorräder – , scheint es exzentrisch, den Mohren, der dem Aachener Café den Namen gegeben hat, auf eine Symbolfigur des Kolonialismus zu teleportieren, anstatt jenen Aufmerksamkeit zu schenken, die die Folgen des Kolonialismus heute noch erleiden.

Peter Ludwig war der Meinung, dass eine Filiale der Aachener Schokoladenfabrik in Afrika aus Klimagründen nicht möglich wäre. Er hatte Unrecht: Die Fairafric Campaign unterstützt 1.600 Kakao-Farmer in Ghana und bietet ihre Schokoladen in einem bunten Sortiment an. Das Cafe zum Mohren sollte ihr Kunde werden.

 

Moriske jpg


Hinterlasse einen Kommentar

Timm Ulrichs in Aachen 1970

1970 – 1990 20 Jahre Neue Galerie im Alten Kurhaus

Zum 80. Von Timm Ulrichs

50 ° 46´ 42´´ nördlicher Breite, 6° 5´ 24´´ östlicher Länge

Vom Null-Meridian 429,40 km entfernt

165 m über dem Meer

Vom Erdmittelpunkt 6371 km entfernt

Bewegt in Erdrotationsgeschwindigkeit von 1056,60 km/std.

Damals, als Timm Ulrichs 1969 in das Alte Kurhaus kam, begannen einige Künstler wie Konrad Klapheck und Gerhard Richter ihre Bilder auszupacken und Plätze für sie zu suchen. Ulrichs half ihnen, die Wände zu vermessen. Er zeigte die Härtetests des Betons in der Baustelle, kennzeichnete die Himmelsrichtungen, plakatierte die trigonometrischen Daten und leitete einen Steinmetz an, die Längen- und Breitengrade des Hauses in den Marmorboden des Vestibüls zu schlagen.  Die Frage, warum die Kronleuchter im Ballsaal sich bei dieser enormen Drehgeschwindigkeit nicht bewegten, beantwortete er geduldig.

Die Erdachse hat nicht aufgehört, ihn zu interessieren (vor dem Magdeburger Hauptbahnhof) ebenso wie der Mittelpunkt der Erde (eine Pyramide zu ihm in Bergkamen). Die Nutzung der Messdaten des Universums sicherte ihm seinen eigenen Standort, seine Existenz und mehr noch die Existenz des Künstlers zwischen Null und unendlich.

Wir trafen uns in dieser Baustelle als Hannoveraner und wussten wenig über die Kurstadt, den Ballsaal, die Schokoladenfabrik und die Kunstsammlung, die hier ausgebreitet werden sollte. Wir verfolgten aus den Fenstern, wie die täglich eintreffenden Bildertransporte die Komphausbadstrasse blockierten. Ein Leierkastenmann spielte aus Spaß für die Besucher der Kunstbaustelle. Etliche kannten Timm Ulrichs, und andere hatte er aus Braunschweig mitgebracht, um ihm zu helfen. Später bediente Christiane Möbus (noch eine Hannoveranerin) eine dieser neuartigen Xerox-Kopier-Maschinen, die ich für sie ausgeliehen hatte. Jeder durfte Wangen oder Hände auf die Platte legen und die Fotokopie signiert nach Hause mitnehmen. (Ihre Arbeit habe ich immer wieder ausgestellt).

Ulrichs missachtete den Kunstmarkt, produzierte keine wertvolle „Ware“, sondern Drucksachen, Flugblätter, Postkarten, „Totalkunst“, in der der Künstler als eine herausgehobene, schillernde Persönlichkeit, ein Denkmal der Kreativität (18.360 cm² Körperoberfläche, Schädelabguss in Beton für ein „Kopfsteinpflaster“, Grabstein für die Kasseler Nekropole vorgefertigt) gefeiert wird, das sich erlauben kann, seine Welt am Himmel zu signieren.

In der Komphausbadstraße trugen er und sein Ruhm dazu bei, den Standort des transformierten Kurhauses im globalen Netzwerk der Kunst zu bestimmen, einen neuen trigonometrischen Punkt jenem Obelisken Napoleons auf dem Lousberg hinzuzufügen. Er hat 20 Jahre nicht überdauert. Aber Timm Ulrichs Standortbestimmung im Marmorboden des Vestibüls gemeißelt ist erhalten.


Hinterlasse einen Kommentar

Der Verlust des Unikats

Kunst ABC

Der Verlust des Unikats

Wer in diesen Tagen vor der Seuche in seine Eremitage flüchtet, kann mit seinen Tast-, Zeichen- ,Schreib- und Malmaschinen dort ein Bild herstellen, das seinen 190 x 250 cm großen Schirm ausfüllt, und VPN dem Direktor der Nationalgalerie in Canberra (in Quarantäne) schicken, der das Bild in der gleichen Größe in seinem Museum an einem freien Platz (mit einer virtuellen Brille) aufhängt. Er zeigt es seinen Besuchern während einem Rundgang durch das Haus (am Bildschirm daheim).

Teure Flugtransporte, Reisen von Konservatoren und Restauratoren werden ebenso überflüssig wie körperliche Gruppenverhandlungen von Politikern und Geschäftsleuten. Ein Ingenieur erklärte mir, wie er vom home office in Deutschland mit Hilfe eines Handwerkers in Malaysia eine Maschine in einer Fabrik konstruieren kann. (Moholy-Nagy hat um 1930 per Telefon Angaben zu einem Gemälde gemacht).

In der Bildenden Kunst geht nun langsam auch eine Verkümmerung der menschlichen Sinnesorgane voran. Tasten, riechen, schmecken entfallen, die Leistungen von Fingern, Nase, Mund werden durch Beschreibungen, Nummerierungen, Standardisierungen ersetzt (Erdbeerrot ist so rot wie eine Gewächshauserdbeere unter künstlicher Beleuchtung, die so aussehen soll wie eine Naturerdbeere, an die ich mich erinnere). Berühren von Bildern und Skulpturen ist verboten. Der Museumsbesuch wird eingeschränkt werden. Eine dicke schußsichere Glasscheibe schützt die Mona Lisa. Künstler, die auf ihre Werke mit Abbildern in Dateien aufmerksam machen, vergessen immer mehr, die Größe, den Grund, die Farbmaterie, die Pinselart und -größe anzugeben (Pferdehaarpinsel von 10 cm Breite sagen viel aus über eine Zeichnung von 80 x 120 cm auf Clairefontaine Papier). Nur hier, in meiner Eremitage, hängen Bilder, die ich betasten, drehen, umhängen, ins Licht halten, in der Grafiktruhe umsortieren kann, und ich denke an die japanischen Freunde, die vor mir ihre Bilder aus der feinen Schatulle geholt und vorsichtig aufgerollt haben.

Kurzum: die demokratische Forderung, dass Kunst für alle da sein müsse, reduziert sich auf die Bilder, die vervielfältigt werden können. Die anderen, die Originale, Unikate, kehren in die Wohnungen zurück, und wären sie die ihrer Besitzer, ihrer Kinder, Verwandten und Freunde oder der Künstler, die in der Nachbarschaft von ihrer aufmerksamen Unterstützung leben.

Abb. Michel Huysman, Bildhauer und Architekt in Heerlen /NL Automat „Angebot und Zurückweisung“ (Bewegung auf Knopfdruck) 40x30x10cm 1980 in meiner Wohnung

 

20200518_124525


Hinterlasse einen Kommentar

Bunkerbaumeister

B U N K E R B A U M E I S T E R

WI L H E L M   S C H M I T Z – G I L L E S

Seit es Baron Bich in Frankreich gelungen war, Kugelschreiber, bics, herstellen zu lassen, die nicht mehr klecksen, konnte Wilhelm Schmitz-Gilles in Aachen risikolos feine Zeichnungen mit diesen neuen Stiften herstellen, die in mehreren Farben auch in Westdeutschland hergestellt wurden. Er zeigte sie mir, eine sollte ich mitnehmen: eine nach links geneigte schwebende Figur aus zehn rechteckigen Flächen, Entwurf für ein großes Wandbild oder Relief, die Arbeit eines Architekten.  Schmitz-Gilles stellte gerade „Bildkompositionen“ im Suermondt-Museum aus und war mir dort nach meinem Vortrag über den Aachener Maler Alfred Rethel und die französische Malerei vorgestellt worden.

Vor mir hatten Walter Biemel („Das Problem der Wiederholung in der Kunst der Gegenwart“), Werner Haftmann („Kandinsky und die Entstehung der abstrakten Malerei“), Max Imdahl („Das Erhabene in der amerikanischen Malerei“) und Heinrich Lützeler („Die sieben Wandlungen des Pablo Picasso“) gesprochen – eine Reihe, die mich ängstigte.  In jenen Jahren, in denen ich die Neue Galerie einzubürgern versuchte, war das Suermondt-Museum das Zentrum des lokalen Kunstlebens. Der Vorsitzende des Museumsvereins hatte gerade die 48 Porträts berühmter Männer von Gerhard Richter im deutschen Pavillon der Biennale von Venedig erworben und zeigte sie hier. Die Jahresausstellung der Aachener Künstler folgte vor Weihnachten.

Wilhelm Schmitz-Gilles gehörte zu den älteren Aachener Künstlern, denen die Revolutionen in der Kunst seit 1968 gar nicht gefielen. Er war in der Tradition der Kölner Progressiven um Wilhelm Seiwert („Raum und Wandbild“ Kölner Kunstverein 1932) und der Neuen Sachlichkeit aufgewachsen,  der Krieg hatte ihn gehindert, als Architekt mehr zu bauen als den großen Bunker in der Scheibenstraße (1941), als Kreisbaudirektor der Städteregion beendete er seine Karriere. Was konnten ihm die 48 Porträts von Gerhard Richter sagen, Köpfe europäischer und amerikanischer weißer Männer, die der Düsseldorfer im Konversationslexikon abgemalt hatte? Wir führten eine hitzige Diskussion. Unter den Aachener Künstlern, die ich damals unvoreingenommen besuchte, nachdem ich mich entschlossen hatte, hier zu leben und zu arbeiten, war er der heftigste Gegner der Neuen Galerie und des Sammlers Peter Ludwig und entließ mich mit Schimpfworten.  Ich war schuldig, dass die Erinnerung an die chaotische Ära, die er durchlebt hatte, die Orientierungslosigkeit, die seiner Generation geblieben war und der Zorn auf die leichtfüßigen, privilegierten Nachkommen ihn noch einmal gepackt hatte. Damals, in jener „Stunde Null“ um 1968, fand der Paradigmenwechsel statt. Heute, 2020, scheint es angemessen, das Bauhaus und seine Erbschaft zu feiern, die Stadtplanung und Architektur der Weimarer Republik wiederzuentdecken und die Maler und Fotografen der zwanziger Jahre auszustellen.

Schmitz-Gilles ist 1986 gestorben. Sein großer dreistöckiger Zivilbunker ist nicht nur im Krieg, sondern auch danach vielfältig genutzt worden (Behelfswohnungen und Kindergärten) und dient heute einem Kulturzentrum THE BASE als Domizil, dessen Organisatoren sich seit 2019 bemühen, einen Beitrag zur Aachener Jugendkultur zu leisten.  Schmitz-Gilles würde den Kopf schütteln.

Abb. Kugelschreiberzeichnung sign.dat. 2.7. 1966 Privatbesitz2020-05-14_172628


Hinterlasse einen Kommentar

Friedensskulptur in Jütland

  1. Kalendergeschichte – Friedensskulptur in Jütland

Weil Dänemark 2020 25 Jahre frei von der deutschen Besetzung ist, werden wir am Himmel des nächtlichen Kopenhagen an die „Friedenslinie“ erinnert, einen armdicken blau leuchtenden Laserstrahl, der 1995 die jütländische Nordseeküste entlang über den 50 Bunkern leuchtete, die die Deutschen dort im 2. Weltkrieg bauen ließen. Die Künstlerin Elle-Mie Ejdrup-Hansen kuratierte dieses aufwendige Erinnerungsprojekt und bot mir 24 Bunker für 24 Künstler meiner Wahl, um je einen zu „bearbeiten“.   Joachim Bandau kam, Jean Clareboudt, Antony Gormley, Geoffrey Hendricks, Jörg Immendorff, Magdalena Jetelova, Nobuho Nagasawa, Micha Ullmann – und Dmitri Prigov.

Prigov war einer der älteren Moskauer Künstler, die nach 1989 im Westen bekannt wurden, Zeichner, Schriftsteller, Konzeptualist – die deutsche Fassung seines Buches „Der Milizionär und die anderen“ mit dem Kapitel „Die Braut Hitlers“ und der kleine Gedichtband „Fünfzig Blutströpfchen in einem absorbierenden Milieu“ waren 1992 und 93 bekannt geworden, große Zeitungscollagen wurden Teil unserer Sammlung. Im Ludwig Forum hatten wir gerade „Fluchtpunkt Moskau“ gezeigt. Ich nahm ihn mit nach Jütland.

Um den Observationsbunker von Hirtshals, hoch über dem Meer, inszenierte er„Das letzte Abendmahl“, baute mehrere Tische in gehörigem Abstand um den runden gewölbten Pavillon, ließ schwarze Tuchbahnen von seiner Kuppel herab und zog sie auf dem Hügel über die Tische. Auf jedem Tisch stand ein Glas, gefüllt mit einem roten Getränk, das ebenso Wein wie Blut sein konnte. “Ein Blutströpfchen auf einem männlichen Finger, der aus einem fremden Körper wächst“ heißt es in einem seiner Gedichte. Er liebte das feierliche Pathos von Ungeheuern.

Es war kalt im Frühjahr, und die Inszenierung lud nicht dazu ein, sich an einen der Tische zu setzen und das Glas zu erheben. Der Bunker selbst war abweisend, ein irritierender Ort, der wenige Besucher anzog. Ein surreales Bild bleibt in der Erinnerung, das sich aus der Wirklichkeit des Sondervig-Strandes entfernt hat, ein Bild von Krieg, Blut, Opfer, Ritual und Feier.

Viele Besucher, Schlangen von Jugendlichen zog das „Bunker-Hotel“ von Nobuho Nagasawa an, ein Liebesnest, ausgestattet mit Matratzen, Kissen und Decken, die mit Sand und Zucker gefüllt waren (vor 50 Jahren sollen die Bauunternehmer der Bunker den Zement mit Zucker gemischt haben, damit er sich leichter auflöst, aber Zucker war Mangelware). Und am Abend leuchteten auf den abgerutschten Bunkern im Meer die Statements der Magdalena Jetelova, die sie mit starken Lichtquellen auf den rohen Beton projizierte: kurze Sätze in großen Buchstaben wie ABSOLUTE WAR BECOMES THEATRALIY.

Auf den langen einsamen Sandstränden durften wir mit dem Auto fahren, so dass die Besichtigung dieser Ausstellung an 24 Orten an einem Tag zu bewältigen war – vorbei an dem malenden Affen von Jörg Immendorff und Antony Gormleys 112 Betonschablonen von Einheimischen zwischen 2 und 80 Jahren. Den osteuropäischen Künstlern schien es leichter als ihren Kollegen aus dem Westen zu fallen, die politische Dimension des Anlasses in ein Bild zu fassen; alle hatten Mühe, sich und ihre Arbeit in dem großartigen Spektakel der mächtigen Betonklötze am Meer zu behaupten.

 

Prigow Jütland


Hinterlasse einen Kommentar

Aachen – die Grenze 1978

  1. Kalendergeschichte – Die Grenze in Aachen 1978

Das Deutsch-Französische Jugendwerk hatte 19 Künstler aus Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland eingeladen, Bildgedanken über die Grenze in Aachen zu entwickeln. Zöllner ahnten, dass Mitglieder der Rote Armee Fraktion auf der Flucht in diesen Wochen versuchen würden, hier die Grenze zu überqueren. Ich sollte den Antwerpener Filip Francis bei einem Rundflug über Aachen begleiten. Wir fanden einen erfahrenen Piloten in Merzbrück, und Filip bat ihn um Loopings, er wollte versuchten, sie in großen Kreidezeichnungen auf Papier wiederzugeben. Nein, wir haben nicht gesehen, wie  Adelheid Schulz und Rolf Heißler, 2 RAF- Mitglieder, auf der Grenze zwischen Herzogenrath und Kerkrade, einem kniehohen Mäuerchen, 2 niederländische Zöllner kaltblütig erschossen haben. Wir hörten nur die Funknachricht in der kleinen Maschine, und unser Flieger kreiste einmal über der Menschenmenge, die sich dort versammelt hatte. Mir war schlecht nach dem Flug, und der Pilot ließ sich die Zeichnungen zeigen.

Die Grenze war nun sehr heiß. Obwohl die Zöllner wussten, dass ich in Raeren wohnte und in Aachen arbeitete, schauten sie täglich in den Kofferraum meines 2 CV.

Lili Fischer hatte der Belegschaft des Schwertbades in Burtscheid die Genehmigung abgerungen, in den Massageräumen Lehrstunden für die anderen Künstler zu eranstalten. Wir drängten uns, von ihr massiert zu werden – und waren begeistert.

 

Obwohl die Grenze heiß war, bestand Filip darauf, an einem alten Grenzpfosten „ Erde in Deutschland zu stehen und nach Belgien zu werfen“ und „belgische Erde nach Deutschland“. Wir wussten, dass es nicht lange dauern würde, bis Zöllner anrücken würden. Filip wettete, dass es Belgier sein würden. Ich hatte ihm den hier allbekannten Witz von dem Mann erzählt, der Säcke voll Sand täglich über die Grenze schob, bis die Zöllner begriffen, dass er Fahrräder schmuggelte. Es waren aber deutsche.

Abends trafen wir uns bei Marcel Odenbach. Ihm, dem Video-Künstler, war es gelungen, auf 4 Monitoren an 4 Antennen BELGIE NEDERL. 1, ARD, NEDERLAND 1 und NEDERLAND 2 zu erreichen – der einzige, der die Grenze überwunden hatte.

Abb. Filip Francis schaufelt mit Freunden Erde aus Belgien nach Deutschland 1978

4_25_37_4_02_29_scan1621682