Beckeraachen

Kunstwechsel


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Der Kunstsammler

Kunst ABC   D E R   S A M M L E R

Der Brüsseler Künstler, Kunsthistoriker und Kurator Jacques Lennep hat ihn entdeckt und stellte ihn im Atrium der Neuen Galerie-Sammlung Ludwig 1978 aus: ihn persönlich als Direktor des Museums Manneken Piss, seine Sammlung von 2000 großen und kleinen Variationen der allbekannten Brunnenfigur, 30.000 Postkarten von ihr; seine Garderobe als Museumsdirektor und Bewacher der Sammlung: eine bunte Mischung von 70 Jacken, 10 Westen, 125 Krawatten, 40 Paar Schuhen aus Sommerschlussverkäufen, Visitenkarten, Stempel – und 2000 Zeitungsfotos die ihn als Museumsdirektor (erst mit 2000 meinte er sich so nennen zu dürfen) in der Öffentlichkeit zeigen. Als Laoureux 2002 in seiner Heimatstadt Verviers starb, war er als „Brocanterix“ weithin bekannt.

Es war erregend neu, einem Künstler zuzusehen, der in ein „Musée de l´Homme“ einen Sammler aufnahm – einen Sammler von Repliken e i n e s weit bekannten, gering provokanten Kunstwerkes, der diese Sammlung nutzte, um sich eine herausragende soziale Position   – die des Museumsdirektors – zu erarbeiten. Die Sammlung tritt hinter dem Sammler in den Schatten, sie ist weniger durch ihren Wert als durch ihre Menge beeindruckend, zu der – auf ihn, den Direktor bezogen – die Menge der Kostüme tritt, die vorführen, in wie vielen Verkleidungen ein Sammler und Museumsdirektor seine sozialen Verbindlichkeiten ausfüllen kann. (Er saß in der Tat während der Öffnungszeiten der Ausstellung täglich in einem anderen Kostüm auf dem Direktorenstuhl.)

 

Es gibt Gesellschaften, in denen Sammler ihre Sammlungen verstecken, um ihren Wohlstand zu verbergen, sie im Versteck genießen, weil sie in der Öffentlichkeit Ärgernis erregen würden, Sammler, die nicht die Erlaubnis erhalten, ihren Sammlungen ein Museum zu errichten. Und es gibt jene Gesellschaften, in denen Geld zwar ebenso stinkt, aber umgesetzt in Kunstwerke Bewunderung erregt. Diese Gesellschaften erwarten, dass ihre Museen Nutznießer jener Sammler werden, die, Steuern verachtend, in der Gemeinschaft mit kenntnisreichen Connaisseurs eine Auswahl von Kunstwerken erwerben. Die Gesellschaften delegieren ihnen die Auswahl.

Einige Sammler sind self made men wie der exzentrische Gründer des MONA Museums in Tasmanien, der in internationalen Spielcasinos zu Milliarden gekommen ist. Alfred Laoureux dagegen ist das Kind großbürgerlicher Patrizier, die Häuser, Wälder, Porzellane und Juwelen sammelten und in den Weltwirtschaftskrisen des 20. Jahrhunderts verarmten. Er erbte das fieberhafte soziale Geltungsbedürfnis, das nicht ein Ministerium, nicht ein Bürgermeisteramt, nicht ein Platz im Landesparlament, sondern eine Sammlung von 2000 Manneken Piss- Figuren und das Dekor eines Museumsdirektors befriedigen konnte.

 

 


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Sammler in Aachen

Kunst ABC   SAMMLER IN AACHEN

Der Medizin- + Kunsthistortiker Axel Murken

In 4 Bänden hat Axel Murken, Doktor der Medizin und der Kunstgeschichte, emeritierter Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin und des Krankenhauswesens am Aachener Uniklinikum, den Schmerz als Begleiter des Menschen von der Geburt bis zum Tod beschrieben. 4.000 Kinderbücher hat er gesammelt, um das Verhältnis der Kindheit zu Krankheit und Krankenhaus zu studieren. Und die Bezüge der Heilkunst zur Kunst suchte er bei Joseph Beuys, dem er zwei Bücher gewidmet hat. Dieser Sammler ist Teil einer Gelehrtenrepublik, die die Welt mit Texten und Büchern füllt, das Gespräch mit Künstlern in Hochschulen und Akademien sucht und Kunstmärkte selten besucht. In der Bewunderung der Arbeit des Büsbacher Outsider-Künstlers Hartmut Ritzerfeld trafen wir uns.

Das Ludwig Forum beteiligte sich an zwei Wanderausstellungen seiner Sammlung: Romantik in der Kunst der Gegenwart 1993 und Melancholie und Eros in der Kunst der Gegenwart 1997.  Die so historisch gefassten Themen gaben Anlass, in den Katalogbüchern zu den Vorworten von Axel und Christa Murken zahlreiche umfangreiche Texte von Künstlern (Raimund Girke, Elke Krystufek), Dichtern (Durs Grünbein), Kunsthistorikern (Antje von Graevenitz) und Kritikern (Robert Rosenblum) zu sammeln. Sie präsentieren einen wissenschaftlichen Anspruch mit ihrem Anmerkungsapparat und majorisieren die Abbildungen.  In seinem Beitrag zur Romantik „Philosophie, Heilkunst und Kunst“ formuliert Murken „Aktuelle Konzepte…für ein ganzheitliches Denken“, und im Beitrag zu „Melancholie und Eros“ schildert er „Zwei Pole menschlicher Gefühlswelten im Spiegel der Kunst der Gegenwart“. Christa Murken versucht, eine zeitgenössische Romantik „als Antwort auf eine säkularisierte, überzivilisierte Gesellschaft“ zu deuten.

Beide haben zu den Themen in den 1970er und 80er Jahren gesammelt und sind dazu nicht weitgereist: die meisten Künstler haben sie im Umkreis der Düsseldorfer Akademie getroffen: Holger Bunk, Andreas Schulze, Volker Tannert, Milan Kunc, Walter Dahn, Hans Peter Feldmann, Ludger Gerdes, Michael von Ofen, Dieter Krieg und Norbert Tadeusz („3 Zweitler, 1 Einzel“, das größte Bild in der Melancholie-Ausstellung, 210 x 300 cm 1986), Salomé vertritt die Berliner, Maria Lassnig und Elke Krystufek die Wiener, ältere Werke von Erro, Bob Stanley. Kitai (Lithografien), „Helen“ von Gerhard Richter 1964 und Zeichnungen von Joseph Beuys trugen zur Attraktion der Ausstellungen bei. Sie wanderten durch 8 Stationen.

Michael Bach hat 1991 eine „romantische“ Ansicht des Aachener Klinikums gemalt. Dort habe ich den Sammler Axel Murken in seinem Büro besucht. Ich kannte das Kontor des Schokoladenfabrikanten, das Sprechzimmer des Psychiaters und die Dunkelkammer des Fotografen. Alle sammelten in Aachen. Christa und Axel Murken suchten die Öffentlichkeit am wenigsten und nahmen am Leben des regionalen Kunstpublikums am wenigsten teil. Mit den Ausstellungsorten, die ihre Sammlungen zeigten, schien sie wenig zu verbinden. Der Wunsch, wissenschaftliche Erkenntnisse, Analysen kunsthistorischer Zusammenhänge einem großen Kreis von Interessierten mitzuteilen, trägt abstrakte Züge. Weder die Ausstellungen noch die Kataloge waren so gestaltet, dass sie Aufsehen erregen und ein größeres Publikum erreichen konnten. Am Ende habe ich nie erfahren, was aus den beiden Sammlungen geworden ist.

Bach Klinikum


Ein Kommentar

Fotograf Sammler

 

 

 

 

Kunst ABC   Der Fotograf als Sammler – Wilhelm Schürmann

 

Der Dortmunder hat den trockenen Humor und Akzent des Ruhrpotts behalten, obwohl er seit 70 Jahren im Westzipfel Deutschlands lebt und arbeitet – als Fotograf, Händler historischer Fotografien, Professor der Fotografie. Als Händler geriet er (vor 1989) an die Nachlässe der in der Fachwelt berühmten Prager Fotografen, und verkaufte sie 1984 an die Getty-Foundation in Malibu, die damals ihre Sammlung aufbaute (und von Peter Ludwig im Jahr zuvor die illuminierten Handschriften des Mittelalters erworben hatte). Die erste Arbeit eines zeitgenössischen Künstlers konnte er noch gegen Fotos tauschen, die er in der alten Schokoladenfabrik in der Deliusstraße aufnahm (mit einer Erlaubnis, die ich ihm vermitteln konnte). Hans Haake verwendete sie in der großen Arbeit „Der Pralinenmeister“, eine Satire über den Kunstsammler Ludwig, und Schürmann erhielt zwei Tafeln daraus. Der Kölner Galerist Paul Maenz stellte mutig den „Pralinenmeister“ aus, und, während die Neue Galerie die NEUEN WILDEN bekannt zu machen begann – zeigte er Die MÜLHEIMER FREIHEIT mit Bömmels, Dahn und Dokoupil. Schürmann tauchte in diesen Hype der neuen Deutschen ein und gewann einen Freund in dem Dortmunder Martin Kippenberger. Mit ihm zeigte er „Gemalte und fotografierte Bilder“ in der Neuen Galerie: A SONG OF JOY.

 

Bis heute hat der Fotograf, der – analog oder digital – wie alle Fotografen in ein Korsett von Gewohnheiten, Regeln und Ordnungen eingeschnürt ist, die Anarchie der freien Kunst bewundert als eine „permanente Erneuerungsmaschine“, die nicht aufhört, „glaubwürdige, beispielhafte“ Bildanstöße auszulösen.

 

Am 27. Dezember 1991 hat die Kalifornierin Julia Scher die Sammlung Schürmann in seinem Haus in Herzogenrath in einer Video-Überwachungsanlage als Kunstwerk aufgenommen. 1992 zeigte er sie im neu eröffneten Ludwig Forum und gab dazu ein Buch DIRTY DATA heraus, in dem sich katalogisierte Werke von seinen europäischen Favoriten Georg Herold, Albert Oehlen, Martin Kippenberger, Günther Förg und Franz West mit amerikanischen wie Raymond Pettibone, Cady Noland, Jeff Koons, Mike Kelley, historischen Fotos von Robert Frank, Larry Clark, Manuskripten, Gedichten und reprints von Zeitungsartikeln zu einem Gesamtbild mischen, das bis zum Impressum ganz von ihm bestimmt ist.

 

Keiner wird ihm den Mut streitig machen, als Sammler einsame Entschlüsse zu fassen, Werke zu erwerben, die so komplex, umfangreich oder vergänglich sind, dass eine dauerhafte Präsentation undenkbar erscheint. Diese Lust, bedenkenlos zu sammeln, in Partnerschaft mit Künstlern zur Realisierung von Bildentwürfen beizutragen, baut auf einem Feindbild auf,

in dem alle Giganten unter den Sammlern von Getty bis Würth zusammengefasst sind, die eine Sammlung wie einen Konzern führen, und der Aachener Schokoladenfabrikant war sein nächster Nachbar, nach dessen Tod er sich 2015 den Wunsch erfüllen konnte, m Ludwig Forum die beiden Sammlungen zusammenzuführen: LE SOUFFLEUR – SCHÜRMANN TRIFFT LUDWIG.

 

Sein Katalog zu dieser Ausstellung ist ein Meisterwerk. Er führt in Raumfotografien von Schürmann selbst so durch das Haus, dass die Werke sich in den Räumen begegnen, zuweilen mehrfach in wechselnden Blickrichtungen. Sie sind nicht vereinzelte Kostbarkeiten, beladen mit den Namen berühmter Autoren, im Gegenteil, viele Unbekannte treten auf, sogar anonyme Autoren von fotografischen Fundstücken („Marilyn Wardrobe Test Photogtaph 50er Jahre“), Zeit- und Ortssprünge (das Foto eines Ringkampf-Champions aus dem Sudan von George Roger 1949 neben einem Arbeiterbild von Ulrich Lamsfus von 2008), das Bildnis Richard Serras von Chuck Close in der Sammlung Ludwig erblickt der Vorbeigehende angeschnitten neben dem Foto des Milchtrinkers von General Ideas, Klaphecks „Athletisches Selbstbildnis“ von 1958 neben Simon Dennys „Bentin Startup Case Mod: Getyour Guide“ von 2014; natürlich steht die Besucherin neben der Supermarket Lady von Duane Hanso still und schaut ihr in die Augen.

 

Die Vorstellung eines Museums mit seinen Reihen vereinzelter Meisterwerke, chronologisch geordnet, nach Gattungen getrennt, mit seinen alphabetisch geordneten Sammlungskatalogen, seinen Exkursen in die Kunstgeschichte der Ableitungen und Ikonografien weicht einer unterhaltsamen Schau und einem erregenden Bilderbuch, das keiner erläuternder Kommentare bedarf, einer Ausstellung, in der der Kurator, einem Dirigenten gleich, die Blicke des Betrachters lenkt. „Im Schatten unserer Blindheit“ heißt ein anonymes Foto. Es hat mir die Augen geöffnet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Schattn Blind


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Der Kunstsammler

Kunst ABC   D E R   S A M M L E R

Der Brüsseler Künstler, Kunsthistoriker und Kurator Jacques Lennep hat ihn entdeckt und stellte ihn im Atrium der Neuen Galerie-Sammlung Ludwig 1978 aus: ihn persönlich als Direktor des Museums Manneken Piss, seine Sammlung von 2000 großen und kleinen Variationen der allbekannten Brunnenfigur, 30.000 Postkarten von ihr; seine Garderobe als Museumsdirektor und Bewacher der Sammlung: eine bunte Mischung von 70 Jacken, 10 Westen, 125 Krawatten, 40 Paar Schuhen aus Sommerschlussverkäufen, Visitenkarten, Stempel – und 2000 Zeitungsfotos die ihn als Museumsdirektor (erst mit 2000 meinte er sich so nennen zu dürfen) in der Öffentlichkeit zeigen. Als Laoureux 2002 in seiner Heimatstadt Verviers starb, war er als „Brocanterix“ weithin bekannt.

Es war erregend neu, einem Künstler zuzusehen, der in ein „Musée de l´Homme“ einen Sammler aufnahm – einen Sammler von Repliken e i n e s weit bekannten, gering provokanten Kunstwerkes, der diese Sammlung nutzte, um sich eine herausragende soziale Position   – die des Museumsdirektors – zu erarbeiten. Die Sammlung tritt hinter dem Sammler in den Schatten, sie ist weniger durch ihren Wert als durch ihre Menge beeindruckend, zu der – auf ihn, den Direktor bezogen – die Menge der Kostüme tritt, die vorführen, in wie vielen Verkleidungen ein Sammler und Museumsdirektor seine sozialen Verbindlichkeiten ausfüllen kann. (Er saß in der Tat während der Öffnungszeiten der Ausstellung täglich in einem anderen Kostüm auf dem Direktorenstuhl.)

 

Es gibt Gesellschaften, in denen Sammler ihre Sammlungen verstecken, um ihren Wohlstand zu verbergen, sie im Versteck genießen, weil sie in der Öffentlichkeit Ärgernis erregen würden, Sammler, die nicht die Erlaubnis erhalten, ihren Sammlungen ein Museum zu errichten. Und es gibt jene Gesellschaften, in denen Geld zwar ebenso stinkt, aber umgesetzt in Kunstwerke Bewunderung erregt. Diese Gesellschaften erwarten, dass ihre Museen Nutznießer jener Sammler werden, die, Steuern verachtend, in der Gemeinschaft mit kenntnisreichen Connaisseurs eine Auswahl von Kunstwerken erwerben. Die Gesellschaften delegieren ihnen die Auswahl.

Einige Sammler sind self made men wie der exzentrische Gründer des MONA Museums in Tasmanien, der in internationalen Spielcasinos zu Milliarden gekommen ist. Alfred Laoureux dagegen ist das Kind großbürgerlicher Patrizier, die Häuser, Wälder, Porzellane und Juwelen sammelten und in den Weltwirtschaftskrisen des 20. Jahrhunderts verarmten. Er erbte das fieberhafte soziale Geltungsbedürfnis, das nicht ein Ministerium, nicht ein Bürgermeisteramt, nicht ein Platz im Landesparlament, sondern eine Sammlung von 2000 Manneken Piss- Figuren und das Dekor eines Museumsdirektors befriedigen konnte.

 

 


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Die öffentliche Hand unbeweglich

 

 

EIN BRENNENDES THEMA HEUTE   !!!

Kunst – ABC

Der Psychotherapeut als Sammler – Hans Backes 4 – 1982

Über die Unbeweglichkeit, Auf der Suche nach der idealen Kunstförderung durch die Öffentliche Hand

Ein Gespräch mit den Künstlern Joachim Bandau, Rune Mields, Harry Kramer, Ladislav Minarik, Anna Oppermann, Monika Günther, dem Kurator Herbert Hossmann, dem Landesminister Helmut Jochimsen, dem Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder Frank Däberitz und .Georg Bussmann, dem Leiter des Frankfurter Kunstvereins

 

Der Psychotherapeut zitiert leider keinen der Beteiligten und definiert nicht „die Öffentliche Hand“, deren Unbeweglichkeit er behauptet. Unter den Ängsten, über die er spricht,

erwähnt er das Schreckbild eines „Gesamtkulturrates“, beharrt aber auf dem Bild der „Hand, die alle bildenden Künstler erfasst. (Er lässt alle anderen Künstler aus.) Den freien, unabhängigen stellt er die im Auftrag des Staates Lehrenden und die Beamten gegenüber. Der ganze Sektor sei beweglich und durchlässig, geöffnet zur privaten Förderung, zum freien und zum Schwarzmarkt. Schützt das Grundgesetz den Künstler?  Muss er den Verfassungsschutz fürchten?  Ängste sind im Spiel, Neid und Missgunst. Gespräche zwischen Verwaltungen und Künstlern scheitern am Mangel von qualifizierten Gesprächspartnern. Lehrprogramme an Kunsthochschulen scheitern, weil Lehrer mehr von Schülern wollen als Schüler von ihnen. Backes ist zufrieden, als Minister Jochimsen das Bild eines schwer beweglichen Tankers ins Spiel bringt, dessen Kurs jeder folgen muss, der ihn betritt. Stellen Künstler die Borkapelle dar? Es würde ihnen nie an Treibstoff mangeln, sie würden bis zum Ende mitspielen, sie würden den Zusammenstoß mit dem Eisberg nicht verhindern können. Das Bild des Riesentankers zeigt sie in einem Organismus, „der ein Leben nach stützenden Über-Ich-Forderungen führen will (und das bedeutet für die meisten Teilnehmer ein Leben ohne die offene Auseinandersetzung mit der institutionellen Öffentlichkeit). Alle Störfaktoren müssen dann nach Möglichkeit ferngehalten, alles, was Angst macht, muss abgewehrt werden.“ Backes weiß aber, dass auch Kunst „als bedrohlicher Trieb-Impuls“ Angst macht. Er wünscht am Ende der Öffentlichen Hand einen neuen Zustand: „Die „Hand“ kann leben, wenn sie ihr Geben und Nehmen nicht mehr hinter politisch-demonstrativen Akten verstecken muss.“

Da Backes das Gruppengespräch selbst schildert und deutet, zehrt er an seiner Glaubwürdigkeit, und seine den Text abschließenden Gedanken enthalten Wünsche und Empfehlungen, die Vorstellungen der Teilnehmer nicht unbedingt reflektieren. Der allzu hohe Abstraktionsgrad, den der Psychotherapeut durchhält (der Künstler, die öffentliche Hand), führt die Gedanken in eine Wohnung, der die Möbel fehlen.

Heute wird deutlich, dass Staat und Länder das Geld der Steuerzahler so zurückhaltend verwalten, dass sie keine Instrumente ausreichend vorbereitet haben, um auf Krisen so zu reagieren, dass die Existenz aller Bürger gesichert ist. Die Krise verspricht, ein Lehrmeister zu sein.

 

 

 

 

Unbeweglichkeit


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Bermuda-Dreieck

 

 

Kunst – ABC

Der Psychotherapeut als Sammler –

Reiner-Ruthenbeck-Aschehaufen-VI-1968-71-Installation-view-Hamburger-Kunsthalle-HamburgerHans Backes 2

1979 „Das Bermuda-Dreieck der Kunst“

Gruppengespräch mit den Künstlern Jochen Gerz, Barbara und Michael Leisgen, Reiner Ruthenbeck, Wolfgang Nestler, den Galeristen Agnes Wintersberger, Philomene Magers, Winfried Reckermann, dem Sammler Rainer Speck u.a.m.

Hans Backes hat in diesem Dokument einen persönlichen Bericht über das Gespräch verfasst, der in einer der Weißblauen Mappen der Neuen Galerie erhalten ist.

Der Handlungsraum zwischen Künstler, Galerist und Sammler ist ein kleiner Bezirk in der großen Heimat der Kunst. Gerz schrieb nach dem Gespräch, im Bermuda-Drei3eck sei die Unbefangenheit und der Mut versunken, die Kinder besitzen; der Psychotherapeut resumiert, er habe mühevoll das Einvernehmen zwischen den drei wichtigsten Akteuren der Kunst gesucht (und alle anderen, die Kuratoren und Kritiker, die Kunstvereine, Kunsthallen und Museen ausgelassen) und Zerrissenheit im Ghetto einer kleinen Gemeinschaft gefunden, die der Kunst die gesellschaftliche, politische Offenheit, die sie braucht, nicht gewährt. Dort ist die Kunst Bildungsgut wie der „Ulysses“ von James Joyce. Ja, der Sammler Speck bekannte sich zu seinem Jaguar, würde aber Spiegeleier essen, um sich den Ankauf eines Werkes von Beuys zu erlauben. Einmal folgt Backes der Vorstellung des Psychologen Heubach, Menschen suchten in der Kunst das, was sie in sich vermissen, und diskutiert einen Kultus (Museum als Kathedrale), in dem die Verehrung der Fresken von Giotto ebenso ihren Platz habe wie die einer Skulptur von Ruthenbeck. Er hat die Veranstaltung eine ANTI-VERNISSAGE genannt, in der sich die drei Beteiligten begegnen und ihre Interessen miteinander aushandeln. Es erscheint heute schwer, die Konzentration auf jene drei Agenten der Kunst zu verstehen, wenn man nicht den Kunstliebhaber Backes als Psychotherapeuten begreift, der sich, als er engagiert Kunstwerke zu erwerben begonnen hat, als Sammler in Frage zu stellen beginnt. Ist Sammeln eine Krankheit? Bin ich als Sammler in dieser Gruppe krank? Oder ist die Gruppe krank?

Abb. Reiner Ruthenbeck ASCHENHAUFEN  Installation Hamburg Kunsthalle 1968

 

 


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Kunst + Therapeut

 

 

Kunst – ABC

Der Psychotherapeut im Umgang mit Kunst

Hans Backes

 

Vor 40 Jahren bin ich bei Dr. Hans Backes, Internist und Psychotherapeut in der Aachener Wallstraße, und seiner Frau Gisela häufig ein- und ausgegangen, und er hat an meiner Arbeit in der Neuen Galerie kritisch teilgenommen. Er erwarb Werke von Künstlern, die ich ausstellte, und wurde als Sammler bekannt. Im Kunstforum 1976 wehrte er sich dagegen und machte deutlich, dass ihm hier, im Windschatten des Sammlers Ludwig, die Kunstwerke mehr bedeuteten als Sammlungsgegenstände zu sein. In seiner Wohnung zeigte er Besuchern Arbeiten von Timm Ulrichs, Heinz Mack, Giuseppe Pennone, Richard Tuttle (ein kleines Drahtstück, für das der Künstler eine ganze Wand beanspruchte, die erst wieder mit anderen Werke angefüllt wurde, als er abgereist war), Reiner Ruthenbeck, Wolfgang Nestler, Jochen Gerz u.a.m. Und stolz führte er seine Videotapes von Peter Campus, Hermine Freed, Ulrike Rosenbach, Barbara und Michael Leisgen u.a. vor, eine erste private Sammlung, die er ein letztes Mal im Kölnischen Kunstverein 1992 präsentierte. Im Dezember 2015 ist er 91-jährig gestorben.

Seine Lebensgefährte Angelika Franzen  schrieb ein Vorwort zu dem Buch VERLORENE HELDEN, das die Galerie der Stadt Remscheid 2007 zu einer Ausstellung herausgab, das den Künstler Robert Hartmann und Hans Backes  in „Orthopädisch-gymnastischen Übungen“ zeigt – in Schwarz-Weiß-Aufnahmen nach einer Vorlage von 1916 „für Einzel- und Massen-Nachbehandlung Verletzter“ (1916!). Der Therapeut inszenierte gern Begegnungen mit Künstlern, in denen er sich selbst hinterfragte, den Sammler, den Kunstliebhaber, den, der sein Spiegelbild in Kunstwerken suchte. So erscheint er 2002 in den Fotos von Benjamin Katz mit James Lee Byaers und der Händlerin Marie Broodthaers in der Auseinandersetzung um ein Selbstporträt des Künstlers im Ratinger Museums: WARE KUNST heißt das Bilderbuch, an dem sich Evelyn Weis und Hans Martin Küsters beteiligten.

In der Neuen Galerie organisierte er vier Gespräche geschlossener Gruppen von Künstlern und ihren „Propagandisten“:

VIDEO + FERNSEHEN 1978

DAS BERMUDA-DREIECK DER KUNST 1979

GLANZ UND ELEBEND DER MUSEEN 1980

ÜBER DIE UNBEWEGLICHKEIT DER ÖFFENTLICHEN HAND 1982

 

Das Netzwerk aus prominenten Vertretern der europäischen Kunstszene, das er aufbaute, trug zum avantgardistischen Profil der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig bei. Die Bereitschaft, an solchen Gesprächen teilzunehmen, war überraschend. Sie erschienen notwendig. Er wertete die Gespräche aus und resumierte sie in Manuskripten, die die Neue Galerie in der Reihe ihrer weiß-blauen Katalogmappen herausgab.  Jede von ihnen ist eine Besprechung wert.  (Fortsetzung folgt)Backes