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Kalendergeschichten – Brotlose Kunst

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Kalendergeschichten – news – fake news – Brotlose Kunst

Unsere Mitteilungen in Facebook, Twitter, Linkedin oder den Blogs bei wordpress und tumblr sind Zustandsbekenntnisse, Kommentare zu Tagesereignissen, Berichte von Erlebnissen (dem Beinbruch des Lieblingshundes), politische Pöbeleien und Berichte über Kunsterfahrungen. Se erscheinen spontan, improvisiert und verlieren schnell ihre Aktualität – wie die Kolumnen der Tageszeitungen. Wie das Facebook von Werbung lebt, so finanzierten sich auch die Zeitungen wie der „Trierische Volksfreund“, der seit 1875 3x wöchentlich, fortan bis heute täglich erscheint, als Anzeigenblätter. Der „Rheinländische Hausfreund“, in dem Johann Peter Hebel seine Kalendergeschichten 1803-14 publizierte, war dagegen ein Jahreskalender des badischen Landgrafen für seine lutherischen Untertanen, der die Aktualität, die social media auf Stunden verkürzen, auf die Dauer von Jahren verlängerte.

Die Kalendergeschichte Johann Peter Hebels „Brotlose Kunst“ 1811 berichtet von einem Linsenwerfer-Gaukler, dessen Kunststück der Papst nicht mit Geld, sondern einem Sack Linsen belohnte, und von einer Arbeiterin in einer Aachener Nadelfabrik: „Ein Fremder besíchtigte einst diese Arbeiten und wunderte sich, dass es möglich sei, in die allerfeinsten Nadeln mit einem noch feineren Instrument ein Loch zu stechen, durch welches nur der allerfeinste, fast unsichtbare Faden kann gezogen werden. Aber ein Mägdlein, welchem der Fremde eben zusah, zog sich hierauf ein langes Haar aus dem Kopfe, stach mit einer der feinsten Nadeln ein Loch dadurch, nahm das eine Ende des Haares, bog es um und zog es durch die Öffnung zu einer artigen Schleife oder, wie man sonst nennt, Schlupf oder Letsch. Das war so brotlos eben auch nicht. Denn das Mägdlein bot dieses künstlich geschlungene Haar dem Fremden zum Andenken und bekam dafür ein artiges Geschenk. Und das wird mehr als einmal im Jahr geschehen sein.“ Kalendergeschichte dieser Art beanspruchen Glaubwürdigkeit, wenn auch der Nadelstich durch das Haar eines 10-jährigen Mädchens wunderbar erscheint. Ihr Ziel ist die Grenze zum nicht mehr Wahrscheinlichen, zur kleinen oder großen Sensation, ist die Grenze überschritten, so entstehen Legenden oder Märchen – news und fake news.

Geschichten in dem Haus, in dem ich wohne, haben mich in diesen Regentagen verleitet, Johann Peter Hebel eine erste von einigen Kalendergeschichten zu widmen: Fingerübungen zum Westzipfel des Rheinlandes. Kalendergeschichten eignen sich vorzüglich für freundliche Satiren. Sie können keine Hassreden sein.

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