Beckeraachen

Kunstwechsel


Hinterlasse einen Kommentar

Kunst + Psychologie 1

Kunst – ABC

K U N S T + P S Y C H O L O G I E –

  1. mit Friedrich Wolfram Heubach 1970

 

In der Zeit des großen Paradigmenwechsels um 1970 brauchten der konventionelle Kunsthistoriker und sein Publikum in den Lehrsälen und Museen den Psychologen, um das Verhältnis des Menschen und der Gesellschaft zur Kunst zu definieren, die ihre Grenzen weit gedehnt hatte. In der Neuen Galerie führten wir im Jahr ihrer Eröffnung 1970 ein erstes Publikumsgespräch mit Friedrich Wolfram Heubach, dem Kölner Psychologen und Herausgeber der Zeitschrift INTERFUNKTIONEN über „Kunst als Kolonialismus des Es“. Es blieb als eine der weißblauen Mappen erhalten.

„Psychologisch betrachtet ist das Ästhetische nicht auf bestimmte Produkte einzuschränken. Es gibt in den kleinsten und entlegensten  Tätigkeiten so etwas wie ästhetisches Erleben z. B. wenn ich jemandem den Arm auskugele: ich winkele ihn ein, lasse ihn almählich aus der Gelenkschale heraussteigen, merke, dass er jetzt auf der Kippe steht, lasse ihn mit einem klarknorpelnden Ruck überspringen und beschwingt, aber unverbindlich ausrollen.“ Der Psychologe betrachtet Kunst nicht als einen wissenschaftlichen Gegenstand der Ästhetik, der als solcher eine Eigengesetzlichkeit beanspruchen kann, sondern als einen „heuristischen Bearbeitungsprozess“, in dem er die Wirkung des Kunstwerks auf den Betrachter beobachtet. Moderne Beispiele – das ready made „Fountain“ von Duchamp (das Pissoir), das Kölner Happening von Otto Mühl, in dem die Besucher mit Würmern beworfen wurden, die 2 Goldfische auf der Fensterbank von Jörg Immendorf, für die der Sammler Isi Fissmann am Ende 5.000 DM bezahlte, um zu beweisen, dass sie ein Kunstwerk von Immendorf waren – illustrieren den befreiten Raum, in dem der moderne Mensch alle Elemente seiner Wirklichkeit, die er zu integrieren nicht fähig ist, in die Kunst . ins Museum projiziert. Der Künstler reagiert mit einer politischen Aktion, die das Kunstwerk in Frage stellt: Um die Frauen von dem Zwang zu befreien, in ihren Körpern dem Schönheitsideal der Venus von Milo nachzueifern, hat der Maler Gustave Courbet, anarchistischer Hochkommissar der Pariser „commune“ 1870, ihr berühmtes Abbild, die antike Statue im Louvre zu zerstören versucht (sie war aber im Polizeikommissariat unter Akten versteckt.) Heubach empfahl am Ende, kunstwissenschaftlich Führungen in den Museen durch Führungen in den Wohnungen der Besucher zu ergänzen, um den Konflikt zwischen Wirklichkeit und Kunst zu personalisieren.

 

5495


Hinterlasse einen Kommentar

Osterhasen

Kunst-ABC   O S T E R H A S E N

Nennen wir den Osterhasen einen Pataphysiker (patte à physique), surreal zwischen den Feldhasen und dem Fest der Auferstehung. Immer, wenn ich einen Hasen sehe, selbst einen geschlachteten oder ein Fell, denke ich an ihn. In seiner lateinischen Doktorarbeit hielt Johannes Richier 1682 in Heidelberg die Geschichte vom Ostereier legenden Hasen für ein Vergnügen der Erwachsenen, die nicht einmal die Kinder ernst nehmen konnten. Aber sie glaubten auch nicht recht an den Osterfuchs, den Hahn, den Storch oder den Kuckuck als Eierleger. Die Eier waren ihnen wichtiger als ihr Leger. Der amerikanische Easter Bunny wurde als Bugs Bunny bekannt wie Mickey Mouse, und die Australier adaptierten ihn als Easter Bilby im Bild des „Großen Kaninchennasenbeutlers“. Ich gehöre zu den Kindern, die ihren Eltern die Lüge vom Osterhasen noch weniger abnahmen als die vom Weihnachtsmann. Die Wettessen gekochter Eier habe ich in schlechter Erinnerung.

 

Aber nicht nur die im Frühjahr fruchtbaren, „Eier legenden“ Osterhasen, sondern Feldhasen forderten Aufmerksamkeit als Bildungsgut neben erhabenen Tieren wie Adler und Hirschen, seit der deutscheste aller Künstler, Albrecht Dürer, einen von ihnen in einem Blatt überaus realistisch festgehalten hatte, das ein Faszinosum wurde: ein Meisterstück des Realismus, ein Andachtsbild deutscher Kunst. Es wurde nicht nur seit dem 16. Jahrhundert kopiert, nachgeahmt und vervielfältigt, sondern zieht bis heute viele Menschen in die Wiener Albertina. Und der Hase inspirierte auch Künstler im 20. Jahrhundert. Der Engländer Barry Flanagan hat den hoppelnden, sich auf die Hinterbeine erhebenden, tanzenden, über die Weltkugel springenden Hasen in zahlreichen großen öffentlichen und kleinen Bronzen gefeiert  und die Piers im Hafen von Portland/Oregon mit ihnen besetzt.

 

Der berühmteste Hase im Rheinland ist der tote, dem Joseph Beuys in Düsseldorf 1965 die Bilder einer Ausstellung erklärte. Als schweigender Schamane mit gold- und honigbedecktem Kopf trug er ihn wie eine Marionette von Bild zu Bild. Das tote Tier stand ihm für die gefährdete Natur, die der Mensch dank seiner Kreativität zu retten aufgerufen ist.

Das gehämmerte Abfallstück von Thomas Virnich in dieser Abbildung muss nicht als Hase erkannt werden. Es ist aus Silberblech, vielleicht Fragment einer illustrativen Platte auf einer Devotionalie (ich meine, eine Frau, die ihre Arme zu einem flie0enden Wasser streckt, zu erklennen). Das kleine Stück ohne Marktwert, ein ready-made vom Schrottplatz, erinnert mich an jenen anderen, silbern glänzenden Bugs Bunny aus Edelstahl von Jeff Koons, der zum Vergnügen der amerikanischen Kunstkritik für 17 Millionen Dollar versteigert worden ist, einer von drei.

Der Hase ist offenbar eines der wenigen Tiere, dessen Haken schlagende Sprünge sich für die kleine Welt der Lügen, Illusionen und Täuschungen anbieten – die Welt der Kunst – und der Pataphysik.

I

Virnich 1


Hinterlasse einen Kommentar

Ostereier

D E K O R – O S T E R E I E R

Es gibt noch Orte, wo Menschen Tische für Festessen auf besondere Weise decken. Sie bewahren dazu silberne Bestecke in samtgefütterten Schatullen, Weißwein-, Rotwein-, Sektgläser und Weinbrand-Schwenker auf und behaupten, alle, die nach dem Krieg zu Geld und Status gekomen seien, hätten es genauso gemacht – die bürgerliche Gesellschaft entstand neu.  Zu Ostern werden Eier gefärbt oder bemalt, und griechisch-orthodoxe Nonnen (wie in diesem Beispiel in Rumänien) bieten sie gern als kleine Kunstwerke an. Fabergé-Eier aus St. Petersburg sind noch heute Juwelen des Kunsthandels. Wie solche Ostereier können Kunstwerke Schätze sein – wie der Osterhase von Jeff Koons, den man nur bewundern muss, weil er 70 mio $ kostet.  Zum Dekor der bürgerlichen Gesellschaft gehören weniger solche Raritäten der Kunstgeschichte als die Porträts der Universitätsrektoren und Staatspräsidenten, die, von ansehnlichen Malern der Epochen geschaffen, die Ahnengalerien in öffentlichen Gebäuden zieren, ihre Standbilder und jene Historien- und Schlachtengemälde, die in öffentlichen Häusern die Geschichte der Einwohner und ihrer Helden sichtbar machen: die Aachener bewundern im Krönungssaal ihres Rathauses die Fresken Alfred Rethels, in denen jener Karl sichtbar wird, an dem die Würde ihrer Stadt hängt. (Unbehagen verursachte seine Multiplikation in farbigem Kunststoff auf einem öffentlichen Platz).

Alte Friedhöfe bieten den Reichtum jenes Dekors, an dem viele Künstler gearbeitet haben, und nirgends ist der Verlust lauter zu beklagen als dort, wo Hunderte von Urnengräbern aufgereiht auf schmucklosen Tafeln die Daten ihrer Besitzer tragen. Für Künstler gibt es heute wenig zu tun, weil die demokratische Gesellschaft der Moderne reich geschmückte Kirchen, Schlösser und Grabdenkmäler, ornamentbeladene Villen und Fabrikgebäude nicht mehr braucht. Und Glaspaläste haben keine Wände. So weichen Graffiti-Schreiber auf freistehende Mauern aus, und andere kämpfen um Plätze in Ausstellungen renommierter Museen und Kunsthallen.  Das Dekor der Stalin- und der Hitler-Ära, Orden, Waffen, Uniformen taucht im Besitz von Ewiggestrigen wieder auf, und Bilderbücher zeigen die Aquarelle des Reichskanzlers, der Maler war. Demokratische Staaten sind gegenüber Künstlern machtlos und gewähren ihnen die Freiheit, ihre Parlamente zu verpacken – temporär als Schauspiel wie die Suche der Kinder nach Ostereiern oder die zerstörerische Sitte der Verlagerung von Weihnachtsbäumen aus den Wäldern in die Wohnungen und öffentlichen Gebäude. Einmal habe ich einer norwegischen Künstlergruppe geholfen, 50 Weihnachtsbäume an der Decke eines Pavillons kopfüber aufzuhängen – als ob man einen Wald von unten ansehen könnte. In solchen Protesten gegen überaltertes Dekor wachsen Künstler über sich hinaus und setzen sich von jenen ab, die den politischen demokratischen Wert von Demonstrationen für sich entdeckt haben. „Guernica“ von Picasso ist ein großartiges Beispiel eines künstlerischen Protestes. Weitere Werke dieser Art sind im krisengeschüttelten Anthropozän nicht bekannt geworden.

20200407_141433


Hinterlasse einen Kommentar

Die Pest

  1. Kalendergeschichte D I E P E S T

Für 99 Cent kaufe ich die E-Book-Beschreibung einer Pest in Florenz, die 1346-51 von Asien her durch Europa zog und 25 bis 50 Millionen Menschen tötete. Boccaccio beschreibt in seiner Einleitung zum DECAMERONE den Zustand von Florenz 1348 so nüchtern, als schriebe er heute. Damals nützte keine Quarantäne, die Pest stank überall, die Wohnungen füllten sich mit Leichen, „Pestknechte“ trieben sich umher und boten ihre Dienste an, falsche Ärzte und Beerdigungsunternehmer organisierten Grablegungen in Massengräbern (Verbrennungen gab es nicht); den vorsichtigen, behutsamen Bürgern, die sich zu schützen versuchten, standen immer mehr gegenüber, die sich in Exzessen auszuleben versuchten.  7 Freundinnen, die Boccaccio in S. Maria Novella trifft, und 3 Freunde fliehen in ein Landhaus  bei Fiesole (das heute zu besichtigen ist) und beschließen, in 10 Tagen je 10 Geschichten zu erzählen: den DECAMERONE, eine heitere, freizügige Sammlung von 100 Novellen, die schon 1476 in Deutsch erschien und weltberühmt wurde. Die Kirche, ihre Priester, Mönche und Nonnen erzeugen Gelächter: der genusssüchtige Papst Clemens VI. im Exil habe seine Feste im Palast von Avignon zwischen zwei Feuern gefeiert, um den die Pest verbreitenden Flöhen zu entgehen.

Während Boccaccio vor der Pest flieht, ist sie dem französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus eine Allegorie des Krieges – ein Ereignis, das 1940 die Stadt Oran in Algerien in einen Belagerungszustand versetzt, seine Absurdität vorführt und von den Menschen die Revolte, den Widerstand, die Solidarität und Liebe fordert. Auch dieses Buch wurde weltberühmt und gehört zur Schullektüre in Frankreich.

Anders als Boccaccio und Camus hatte Arnold Böcklin 1898 keinen äußeren Anlass, das große Bild „Die Pest“ zu malen. Es hängt heute im Kunstmuseum Basel und ist tausendfach in Postkarten, Kunstdrucken und Plakaten verbreitet. Sein Leben lang verfolgten ihn und seine Familie Cholera und Typhus. Schon1876 hatte er die Cholera gemalt Seine Allegorie der Pest ist das mittelalterliche Bild des Skeletts, das sensenschwingend auf einem Drachen durch eine Straßenschlucht reitet. Die Angst, die es heute erregt, ist jenes wohltuende Gefühl, das Gänsehaut verursacht und die Haare zu Berge stehen lässt. Die Seuchen, die die Menschen weithin bedrohen, sind erschreckend unsichtbar. Das CORONA-Virus hat noch kein gültiges Bild gefunden.

 

 

418px-Arnold_Böcklin_-_Die_Pest


Hinterlasse einen Kommentar

Anatomie

Kunst ABC   A N A T O M I E

„L´intelligenza de´ muscoli“ suchte Baccio Bandinelli vor 400 Jahren in seinen anatomischen Zeichnungen, und noch heute stoße ich auf Künstler, die im menschlichen Körper nach dem Unsichtbaren suchen, etwa nach den Wundern der menschlichen Stimme. ZYGMUNT PIOTROWSKI war in den 70er Jahren in Warschau an der Performance-Gruppe „Aufmerksamkeitsschule“ beteiligt und beschäftigte sich nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 mit UNSICHTBAREN WIRKLICHKEITEN. Er nutzte Titel wie „GROUNDWORK FINE ART und wurde als Performer unter dem Namen NOAH WARSAW bekannt.

Groundwork lade wie Qui-gong zur Betrachtung der Realitäten ein, die das Auge nicht sieht. 2002 nutzte er in einem kleinen Druckwerk medizinisches Vokabular, um ein sonologisches Röhrensystem zu beschreiben, das sich wie ein Ventil im Kehlkopf beim Atmen öffnet und schließt. „Ich erkenne ein Organ des menschlichen Körpers als ein Instrument, das, wird es benutzt, unerwartete Möglichkeiten eröffnet, die Tiefen der Zeit und des Raums zu durchdringen.“ Die „sonologische Röhre“ sei nicht nur Teil des respiratorischen und vokalen Systems, sondern – anatomisch und funktionell – ein selbstständiges Organ. Sie gestalte die menschliche Stimme zwischen Kehle, Kehlkopf, Mund- und Nasenhöhle und biete eine feste Hülle für die Bewegungen der weichen Muskelgewebe, die den Befehlen des zentralen Nervensystems folgen. Ihr Ventil schließe eine Luftsäule ein, die wie ein Stehwellengenerator Vibrationen erzeugt. Die Wellenlänge entspreche der 4-fachen Länge der Röhre. Die harmonischen Töne folgten dem Grundton im Verhältnis 1:2:3 usw.

Der Mensch könne dieses Instrument durch Öffnen und Schließen des Ventils, durch Druck und Gegendruck des Atems zwischen Lunge und Kehle so steuern, dass er einen Code generiere, etwa Y H W H, einen subharmonischen Akkord, eine heilige Fomel in einer Performance wie in einem Gottesdienst.

  1. S. Im Fall einer nuklearen Katastrophe könnte ein Schirm, den die sonologische Röhre erzeugt, den Menschen schützen.

Ich bewahre Piotrowskis anatomiches Experiment für den Ernstfall auf.

Abb. 1Das System 1. resonant pipes of sonory pipe 2. Ganglia trunci sympathici 2a. Ganglion stellarum 3. Plexus coeliacus 4. Ganglia sacralia 5, nervus vagus 6. Spinal cord 7. mesencephalon mid-brain

Abb. 2 die sonologische Röhre

 

 


Hinterlasse einen Kommentar

Horrortrip

Kunst ABC   H O R R O R T R I P

Unter den Kalifornischen Hippies der 60er Jahre waren auch die GRATEFUL DEAD, die MERRY PRANKSTERS, die aus ihrem Schulbus FURTHER Lsd verteilten, und Timothy Leary, der die Befreiung des Geistes durch Halluzinogene predigte –  und die ersten Comics von S. Clay Wilson mit  THE CHEQUEREED DEMON im Magazine GROULICH 1968, einem lüsternen dickbäuchigen roten grinsenden  Teufel in karierten Hosen mit seinen Gespielinnen Stella und Ruby the Dyke. Fellinis Film “Julia und die Geister” hat das Blatt „Juliet of the spirits“ 1967 inspiriert, und er schaffte es, in seinen Darstellungen von Horror-Trips Robert Crumb zu übertreffen. Comic und Jazz hielt er für unnachahmlich amerikanisch. „You can draw anything you want. Reach down and grab some in the murky recesses of your psyche, the dark side of your subconscious, the last rotting grandfather cell.“ Und er stopfte in die beschränkten Maße seiner Blätter geschwätzig rasend die obszönsten Attribute einer persönlichen Hölle. Die Regeln bürgerlicher Ordnung ließen den Zugang nicht zu: die Hölle öffnete sich, wenn seine Bilder ebenso gegen die staatlichen Gesetze verstießen wie die Drogen, die er nutzte. 1973 nahmen die Verfolgungen des Supreme Court  gegen „obszönes Material“zu. Underground Magazine wanderten unter den Ladentisch.

Die europäischen Betrachter hatten in den 50er Jahren das “all-over“ in den großen Leinwänden Jackson Pollocks verinnerlicht, nun erschienen die aus Blättern berstenden  Ängste, Alpträume, Freß- und Mordlüste, Fratzen, Pranken in einem Chaos, das die absolute gefeierte Freiheit als LSD-Rausch wiederzugeben schien.

In den 90er Jahren hat Wilson die Märchen von Hans Christian Andersen (1994) und der Brüder Grimm (1999) illustriert. Die Grausamkeit der Originalfassungen habe ihn angezogen.  Die Classics des Cottage Verlages- Maxon’Crumb´s Edgar Alan Poe, Alice’s Adventures Under Ground, Sherlock Holmes’ Strangest Cases haben die Bilder erhalten.

Die frühen Comics haben wenige Referenzen zu Ereignissen wie die Radierungen Picassos 1937 „Traum und Lüge Francos“ und die 3-dimensionalen Horrorszenarien der Chapman Brothers in den 90er Jahren. Sie verharren in den engen, zuweilen jugendstilig abgesetzten Formaten und zwängen die Figuren, Fratzen und Gliedmaße in polternde Bewegungen durch undefinierte Räume. Langsam vermag der Betrachter sie zu erkennen und ihre Bezüge nachzuvollziehen. Dennoch wird das grelle, chaotische Farbfeld die Erzählung überdecken. Man versteht, dass Robert Crumb Wilson geschätzt hat.

Abb. Titel eines Heftes von 28 Seiten, datiert 68, das ich erst in meinen Kartons wiedergefunden habe, nachdem mein Sohn ausgezogen ist.

 

 

 

 

Wilson


Hinterlasse einen Kommentar

Welt als Puzzle

Kunst ABC – D I E   W E L T   A L S   P U Z Z  L E

Hinge ein Puzzle an der Wand, würden seine Teile herabfallen. Ein Puzzle liegt. Wir betrachten es von oben wie eine Landkarte: John Spilsbury lehrte seine Schüler 1766, die ausgeschnittenen Königreiche Europas richtig zusammenzulegen – das erste Puzzle diente dem Erdkunde-Unterricht.

Maler betrachten ihre Bilder an Wänden. Bilder sind Fenster zur Welt. Jackson Pollock und andere Amerikaner haben in der Mitte des 20. Jahrhunderts von oben nach unten auf liegende Leinwände gespritzt und gegossen, so dass Hybriden zwischen Bildern und Landkarten entstanden sind. Sie haben daraus keine Puzzles entwickelt, aber ich weiß, dass Gerhard Richter in Münster, Jean Louis Vila in den Pyrenäen und einige andere Maler wie Sigrid von Lintig Leinwände in nummerierte Stücke zerschnitten haben (100 oder 48 oder 36), um Sammler so an einem großen Stück teilhaben zu lassen.

Die Betrachtung der Welt durch Fenster ist nicht die Arbeit der Kartografen. Sie versuchen seit der Vorzeit, Wege und Grenzen durch Meere und Länder zu ziehen, Territorien abzustecken und Herrschaftsansprüche zu definieren. Notgedrungen bleibt keine Karte lange gültig, wird durch neue ersetzt, bis Beobachter sich so weit von dem Erdball entfernen können, dass sie ihn ganz erfassen. Als Jasper Johns die Erdkugel in einem großen 2-dimensionalen Bild wiedergeben konnte, malte er kein Puzzle, sondern ein aufgefaltetes Polyeder, auf das der Architekt Buckminster Fuller die Oberfläche der Erdkugel projiziert hatte: seine patentierte Erfindung: das Dymaxion AirWater.

Natürlich ist auch dieses Bild der Erde nicht endgültig. Inseln und Länder versinken im Meer, Grönland schrumpft und wird grün, die Nationalität der Falkland- und einiger Inseln im Chinesischen Meer ist umstritten – die Erde bleibt ein Puzzle. Als ihre Oberfläche nach der Mondlandung 1969 als Ganzes sichtbar wurde, haben Künstler daran mitgewirkt, Länder zu verschieben. So gibt es als Beitrag zur zeitgenössischen Kartografie den Vorschlag des fluxus-Künstlers George Brecht, die Isle of Wight (eher kühl und regnerisch) von der englischen Küste zu den Azoren zu schieben (sonnig und warm), um das Leben der Einwohner angenehmer zu machen.

Abb. George Brecht Landkarte einer Erdverschiebung 1969 – Jean Louis Vila, 1von 36 Teilen eines Gemäldes, das Jean Louis Vila an seine Freunde verschickter 1979