Beckeraachen

Kunstwechsel

Lucio Fontana

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 1974
L U C I O F O N T A N A
Nach dem 2. Weltkrieg wurden Wols und Fautrier, die Väter des informel in Paris und Arshile Gorky, Clifford Still, Mark Tobey und Jackson Pollock, die abstrakten Expressionisten in New York bekannt. Lucio Fontana, der Italiener, arbeitete in Buenos Aires in der Gruppe „Color, Sonido, Movimiento“ (Farbe, Ton, Bewegung“ an dem „Manifesto Blanco“ (dem weißen Manifest): „Wir entwerfen die Synthese als eine Summer physischer Elemente: Farbe, Ton, Bewegung, Zeit, Raum, integriert in einer physisch-psychischen Einheit. Die Farbe – das Raumelement, der Ton – das Zeitelement, die Bewegung, die sich in Zeit und Raum entwickelt, sind die fundamentalen Formen der neuen Kunst, die die 4 Dimensionen der Existenz enthält.“ Die Gruppe forderte die Wissenschaftler auf, neue Materialien und technologische Erfindungen in den Dienst der Künstler zu stellen. Es galt, die unerträgliche Isolation der natur- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen zu beenden und alle Kräfte in gemeinsamen Anstrengungen zu bündeln.
Als Fontana 1948 nach Italien zurückkehrte, gewann er schnell mit seiner technologiefreundlichen Haltung, dem gesellschaftspolitischen Optimismus und den Elementen kosmíscher Utopie die Sonderstellung eines Pioniers, dem erst in der Mitter der 50er Jahre Yves Klein und die Kinetiker in Paris und ZERO in Düsseldorf folgten. Er nannte seine Arbeit „Spatialismo“ (Raumkunst) und baute 1949 ein 1. „ambiente spatiale“ in der Mailänder Galerie del Naviglio: einen schwarz gefärbten Raum, den Fluor-Lichtröhren „schwarzes Licht“ schwach ausleuchteten. Das 1. Licht-Environment hatte viele Nachfolger – in Italien von Gianni Colombo, in den Kreisen der Op Art, und am Ende in Jazz-Kellern und Diskotheken.
1949, nach Studien serieller Strukturen, beginnt Fontana mit Perforationen: er durchlöchert Papiere und Leinwände in verschiedenen Bewegungsabläufen (Geraden, Kreisen, Spiralen) und in Gegenstellungen von vorne und von hinten, so dass positive und negative Reliefs entstehen. Er färbt die Bildträger blau oder golden ein oder leuchtet sie aus. Seit 1952 appliziert er farbige Glassplitter oder durchsichtige Steine. 1959 gießt er eine unregelmäßig perforierte Platte in Bronze und stellt sie auf einen dünnen vegetalen Stamm – wie eine Blume. Nie ist die Durchlöcherung eine bilderstürmerische Geste, immer ein Akt „schöner“ Gestaltung – auch dann, wenn er sie durch einen Schnitt durch die Leinwand mit einem feinen Messer ergänzt. Aber diese Geste wird schon 1959 als Angriff auf die unangreifbare Oberfläche des alten Tafelbildes verstanden. Klein und Burri haben nach ihm das Tafelbild versengt und verbrannt, Niki de St. Phalle hat auf große Leinwände, die mit Farbbeuteln behängt waren, geschossen. Aber das kühle Temperament Fontanas kreist am Ende nicht um die Zerstörung, sondern um den Versuch, das Tuch zu öffnen und in den Raum zu schauen, den es verdeckt.
Abb. Concetto Spatiale 1962 Courtesy of The Metropolitan Museum of Art

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