Beckeraachen

Kunstwechsel

Informationsästhetik

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 24.11.1073
I N F O R M A T I O N S Ä S T H E T I K
In jedem Kunstwerk, das neu entsteht, erkennt der Betrachter vertraute Elemente und andere, die er zu begreifen versucht. Ein hohes Maß vertrauter Elemente verursacht Langeweile, ein geringes Maß Verwirrung. Einen unbekannten, dissonanten musikalischen Akkord erträgt der Zuhörer, wenn er sich in einen konsonanten auflöst. Nicht anders literarische Texte. Aber Melodien liest man in Noten und Texte in Worten und Buchstaben, ein Bildwerk ist dagegen die Summe seiner Elemente, und die traditionelle Ästhetik kann die Teile nicht erfassen.
Die Autotypie, ein Druckverfahren, das Ende des 19. Jahrhunderts erfunden wird, zeigt ein gleichmäßiges Raster von Punkten, die sich durch ihre Größe oder Häufung unterscheiden. Der Kreuzlinienraster zerlegt das Bild und erlaubt, es zu vervielfältigen. Erst, wenn wir das Kunstwerk darauf reduzieren, Sender einer Nachricht zu sein und den Betrachter als ihren Empfänger betrachten, können wir uns darauf einlassen, seine Elemente als vertraute und unvertraute zu isolieren. Die vertrauten Elemente sind in einem „Repertoire“ nach ihrer Häufigkeit geordnet, die neuen Elemente nimmt der Empfänger – in einem Prozess der Bildung – „lernend“ darin auf. Er erlebt das Kunstwerk, seine Komplexität, im Zweifel als eine unentwirrbare Menge von Zeichen, wird aber die vertrauten Zeichen als erstes wahrnehmen und auf der Suche nach den unvertrauten für überflüssig halten. Er erkennt ihre Redundanz. Redundant sind nicht nur einzelne Zeichen (ihre monogrammatische Wahrscheinlichkeit) – ein Mann, ein Stuhl -, sondern ihre Kombinationen (ihre polygrammatische Wahrscheinlichkeit) – ein Mann und ein Stuhl -. Anders als in technischen Nachrichten lassen sich in künstlerischen Nachrichten die einzelnen Zeichen nicht von ihren Verbindungen trennen. Es ist nötig, eine Hierarchie von Ebenen der Zeichen, von elementaren bis zu Superzeichen einzurichten – eine Pyramide, die in der Basis mit einer Fülle von elementaren Zeichen gefüllt ist und in der Spitze ein Superzeichen enthält. Der Betrachter steigt durch die Ebene von vertrauten und unvertrauten Elementen empor und empfindet Vergnügen, wenn die Kombinationen ihm nachvollziehbar erscheinen, und Ärger, Verwirrung, wenn sie Störungen enthalten. Der amerikanische Maler Peter Young zeigt in seinem Bild Redundanz, indem er eine wahrscheinliche Form vielfach wiederholt, Intelligibilität = Verständnis, indem er sie in verständlichen Kombinationen anbietet, Originalität jenseits einer Sättigungsschwelle, die die Grenzen des menschlichen Wahrnehmungsvermögens aufzeigt ( bis zu 16 bit/sec.)
Die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger ist abhängig von ihrem Repertoire – ihrem kulturellen Gepäck. Hier tritt der Vermittler ein, das Instrument des Museums zeitgenössischer Kunst.
Die Informationsästhetik kann dazu dienen, unser verwirrtes Betrachterverhältnis zum Kunstwerk zu ordnen, Sender und Empfänger einander näher zu bringen. Sie erlaubt einen sachgerechten Zugang zu Kunstströmungen der Gegenwart, in denen die „Zerlegung“ ihrer Lektüre eine Rolle spielt – op art, minimal art, concept art, mail art. Wer ihre Grundzüge verstanden hat, wird mit anderen Augen Kunstwerke betrachten.
Abb. Peter Young Painting No. 15 1969 218x280cm Sammlung Ludwig Aachen

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