Beckeraachen

Kunstwechsel

Freud + die Kunst

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen werde ich hier wiedergeben. Ich versuche, die alten Maschinen-Manuskripte zu konvertieren.

Kunst ABC   AVZ 14.8.1974

S I G M U N D   F R E U D   +   D I E   K U N S T 3 (1-3)

André Breton hatte bei Freud den „Inneren Monolog“ kennen gelernt, eine Methode, nach der der Patient auf der Couch möglichst pausenlos alles äußerte, was ihm einfiel. Er übertrug diese Methode in die Literatur und Bildkunst. Es gibt lebensvolle Berichte, die die Versuche der Pariser Surrealisten schildern, zu „Träumenden Automaten“ (Breton) zu werden. Der Automatismus als wort- und bildkünstlerische Methode ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse. Der Objektsurrealismus eines Magritte oder Dali beruht nicht auf Bildsymbolen, die einem kollektiven oder individuellen Unterbewusstsein in einem kraftvollen Akt der Aneignung entrissen werden, sie sind allesamt Ergebnisse langer kulturgeschichtlicher Entwicklungen. Ihre spezifische Auswahl ist datierbar und wiederspiegelt das Geschlechterselbstbewusstsein in der Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts. Der „automatistische“ Surrealismus dagegen bleibt gewissermaßen Freud näher und hat sich in enger Nachbarschaft zur Psychopathologie, zur Bildnerei der Geisteskranken weiterentwickelt. Basis dieser Methode ist das ungehemmte Kritzeln bei geöffneten oder geschlossenen Augen; im dauernden Fortschreiben müssten sich dabei Bilder formen, die das „Unbewusste“, das „Es“, befreit von den Kontrollen des „Ichs“ und „Überichs“ wiedergeben. Fortschreiben, weil die Kritzelei ja keine andere Kompositionsform als die des Zeilenbildes erlaubt. Allen Versuchen der Surrealisten – André Masson, Henri Michaux, Christian Dotremont -, der abstrakten Aktionisten – Jackson Pollock bis Cy Twombly – ist darum die Komposition des Zeilenbildes gemeinsam. Entsprechen diese Versuche im engen Sinn der Form des inneren Monologs, wie Freud ihn entwickelte, so wurden sie dennoch nicht unternommen, um psychoanalytischen Untersuchungen als Belege zu dienen. Die Surrealisten haben die Methode des assoziativen Monologs erweitert und auf neue Gestaltungsformen angewendet. Max Ernst entwickelte die frottage, das Abreiben von Holzmaserungen und anderen Oberflächen, in denen sich ohne den Willen des Autors neuartige Bilder und Symbole erheben.  Masson und Miro warfen Sand auf klebende Leinwände und arbeiteten aus den Zufallsformen neue Figurationen hervor. Hier entstand ein eigenes Feld zwischen der automatistischen Malerei und Zeichnung im engsten Sinn und dem Objektsurrealismus, der einen begrenzten, inhaltlich festgelegten Vorrat von Bildsymbolen einer kombinatorischen Methode unterwirft, ein Feld, das einseitig von der Ordnung des Zufalls als einer a-kausalen Ordnung beherrscht ist. (Damals hatten allerdings die Mathematikwissenschaftler eine Wahrscheinlichkeitstheorie entwickelt, die solche Zufallsbewertung korrigierte.) In diesem Zwischenfeld konnte sich der Surrealismus am stärksten verdichten. Hier haben Max Ernst, Joan Miro – und Paul Klee ihre wichtigsten Werke geschaffen. Freud haben sie nicht interessiert.

Abb. Max Ernst Frottage 1925 23x31cm

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