Beckeraachen

Kunstwechsel

Kunststadt New York

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen werde ich hier wiedergeben. Ich versuche, die alten Maschinen-Manuskripte zu konvertieren.

KUNST ABC  AVZ 9.2.1974

KUNSTSTADT  NEW YORK

64 % der New Yorker Bevölkerung nennen als beliebteste Freizeitbeschäftigung den Besuch der städtischen Museen. Sie strömen nicht nur am Wochenende in das Metropolitan-, das Guggenheim-, das Whitney und das Museum für moderne Kunst – die größten und bekanntesten am Rand des Zentralparks im oberen Manhattan. Die Besucherzahlen gehen in die Millionen. Der Eintritt kostet mindestens 1 $ = DM 2.90 pro Person. Dafür bieten die Museen ihre ständigen Sammlungen in häufig veränderten Präsentationen mit lehrhafter Thematik („Das Licht in der Malerei von Van Eyck bis Picasso“), schnell wechselnde Sonderausstellungen (Das MOMA zeigt zur Zeit sämtliche eigenen Werke von Juan Mirò neben einer Gesamtausstellung des Lebenswerkes von Marcel Duchamp, die der Betrachter sich nur mit Ellbogenkraft erobert), Aufklärungshilfen wie „Bildzeitungen“, Kassettenrecorder zum Abhören, gesellschaftlichen Service wie Restaurants (in denen viele preiswert Mittag essen), Cafeterias, Kindermalstuben und bieten selbstverständlich unter dem Titel „Kunst“ Foto-, Kunstgewerbe- und Designausstellungen und regelmäßige Programme des historischen und zeitgenössischen Films.

Diese intensiven Dienstleistungsbetriebe (das MOMA hat ein 300-köpfiges Personal) sind nicht staatlich, nicht städtisch, sondern privat, gegründet und gefördert von Industriellen und Bankiers, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen, aus dem hierarchisch gegliederten Herrschaftssystem Europas die Verpflichtungen zum Mäzenatentum, zur Kulturpflege und Fürsorge in die kapitalistische Privatwirtschaft zu übernehmen. Das Modell ist heuite nicht nur ideologisch umstritten, sondern funktioniert nur noch durch staatliche Hilfeleistungen. Dennoch ist es Grundlage einer Wachstumsgeschichte, die New York in den fünfziger Jahren zum beherrschenden Kunstzentrum der Welt machte.

Die Magnaten kauften ihre Kunstbestände von Raffael bis Renoir in Europa. Sie hatten 300 Jahre Sammlungsgeschichte nachzuholen. Eine amerikanische Kunst gab es für sie nicht. Seit 1910 bricht – mit der Armory Show, mit ersten Galerien wie der des Fotografen Alfred Stieglitz, mit den Privatsammlungen exzentrischer Mäzene wie Gertrud Stein und Peggy Guggenheim – die europäische Kunst des 20. Jahrhunderts in Amerika ein. Seit den dreißiger Jahren emigrieren zahlreiche europäische Künstler, ihre Existenz rettend, nach New York: Léger, Mondrian, Grosz, Albers, Lindner, Hofmann, Viele andere. Seit den 40er Jahren gibt es amerikanische Künstler, die sich der internationalen Kritik stellen. In den 50er Jahren werden sie in Europa bekannt: Sam Francis, Marc Tobey, Willem de Kooning, Jackson Pollock: action painting – Kenneth Noland, Morris Louis: colorfield painting – Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg, Jasper Johns: pop art – Robert Morris, Richard Serra: Process art – usw. New York stampft einen Stil nach dem anderen aus einem frisch gepflügten Boden voller Düngemittel.

Eine Großstadt folgt eigenen Gesetzen, sobald sie ihrer selbst bewusst wird. Rom hielt dieses Bewusstsein, Byzanz, Paris, Berlin (nicht länger als 20 Jahre – wir leben im schnelle 20. Jahrhundert!) Eine Fülle von Erscheinungen macht eine Großstadt für Künstler interessant: die existentielle Spanne zwischen Armut und Reichtum mit allen Zwischenwerten, der Druck der Konformität, der Nonkonformisten erzeugt, das Tempo der zwanghafte Veränderung zum Neuen hin, der Wettstreit. Das Kulturbewusstsein der Großstadt fordert eine für Kunst notwendige Infrastruktur: für Künstler bewohnbare Stadtviertel (die Lagerhäuser der New Yorker Unterstadt bieten Räume für große Leinwände), Kunstschulen mit hervorragenden Lehrern, Museen, die Studienmaterialien von höchster Qualität bieten, eine kompetente Kunstkritik und Publizistik, Galerien und Agenten, die nicht nur Händler und opportunistische Gewinner und Verlierer, Dilettanten, sondern kühl kalkulierende Fans, Liebhaber, Zulieferer der Kunstgeschichte sind (wie Dick Bellamy, wie Leo Castelli). Sie fordert – das ergibt sich aus der privatwirtschaftlichen Struktur – eine Steuergesetzgebung, die alle Sammlerinitiativen fördert und – absichert.

Es ist denkbar, dass irgendjemand irgendwo eine große Leinwand spannt und ein bedeutendes Bild malt –aber es ist unwahrscheinlich. Bedeutend mag das Bild für den kleinen Kreis seiner Freunde sein, die ebenso geringe Möglichkeiten des Vergleichs wie er haben. Zeigt er sein Bild in New York, so weiß man dort um andere Bilder, in denen das, was er erfunden zu haben glaubt, erfunden ist. Schlimmstenfalls wirft man ihm vor, es gemalt zu haben, er hätte seine Botschaft besser mit Röntgenbildern, Laserstrahlen, Filmen oder Videotapes ausgedrückt – Mitteln, von denen er nichts weiß. Das  sage ich heute, da die New Yorker Künstler mit den neuen Medien TV und Video souveräner umgehen als alle übrigen. New York ist noch immer die Hauptstadt der Kunst.

Abb. Peter Brüning NY NY NY NY 22/67 Übermaltes Offsetplakat 165×280 cm 1967 Sammlung Ludwig Aachen

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