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Kunstwechsel

Ecriture automatique

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Kunst ABC AVZ 8.6.1974

É C R I T U R E   A U T O M A T I Q U E –

A U T O M A T I S C H E   S C H R I F T

 

André Breton, der „Papst“ des Surrealismus, definiert so: „Surrealismus = reiner psychischer Automatismus, durch den versucht wird, den echten Mechanismus des Denkens mündlich, schriftlich oder auf jede andere Weise auszudrücken. Das Diktat des Denkens, jenseits aller Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeden ästhetischen oder moralischen Vorurteils“ Entwürfe dieser Art sind Äuperungen einer Vernunft, die sich selbst als Belastung empfindet.Sie spielen in der heutigen Subkultur eine zunehmende Rolle und sind selbst in künstlerischen Äußerungen fassbar., Um den Monstren zu entgehen, die die Vernunft gebiert, werden Hilfsmittel benutzt (vom autogenen Training bis zu Halluzinogenen), die einen Zugang zu jenem Bereich ermöglichen, der außerhalb der Vernunft liegt. Beuys sagte, alle Weltraumabenteuer seien lächerlich, so lange der Mensch nicht den Fahrstuhl erfunden hätte, der zu seiner eigenen Seele führt. Die Surrealisten der ersten Stunde um 1923 glaubten, diesen Zugang gefunden zu haben. Ihr Ziel war das „Unbewußte“, ihre Methode, zu ihm zu gelangen, der Automatismus. Uns mag ihre Vorstellung vom „Unbewussten“ naiv erscheinen, die fortgeschrittene Forschung erlaubt uns nicht mehr, krass zu trennen zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein. Doch ihr „Unterbewusstsein“ war nie das fachwissenschaftlich definierte der Freudschen Psychoanalyse, sondern ein weites Feld des Irrationalen, aus dem die menschliche Fantasie der europäischen Kultur seit Jahrhunderten Bilder geschöpft hat. Sie wendeten ihre Methode des Automatismus in Einzel- und Gruppenübungen systematisch an: sie plappertren und schrieben, was ihnen einfiel, und sie duldeten keine Unterbrechungen. Zeichner und Schreiber erfanden die „écriture automatique“: sie ließen ihre Hand mit dem Schreib- oder Zeichenstift über das Papier laufen und bemühten sich, jede Verstandeskontrolle auszuschließen. Sie suchten nach der unschulödig organischen Motorik des Kleinkindes, das scheinbar systematisch vor sich hin kritzelt. Sie registrierten Nacht- und Tagträume, erzeugten Wachträume, probierten Drogen, erzeugten Zustände der Übermüdung, entwickelten Gedanken aus forciert fortlaufendem Sprechen; nicht die rational erfassbare Komposition von Äußerungen, Texten oder Bildern war ihnen Qualitätsmerkmal, sondern die Entäußerung von „Inspirationen“: Surrealismus ist anerkannte, akzeptierte und praktizierte Inspiration. Inspiration nicht mehr als eine unerklärliche Heimsuchung, sondern als eine Fähigkeit, die trainiert wird. Üblicherweise begrenzt durch Müdigkeit. Von variabler Reichweite, je nach individuellen Kräften. Ihre Resultate sind von ungleichem Interesse….So ist der Inhalt eines surrealistischen Textes von entschiedener Wichtigkeit, das gibt ihm den kostbaren Charakter einer Offenbarung. „Wenn Sie nach der surrealistischen Methode verdammten Blödsinn schreiben, wird es verdammter Blödsinn bleiben – ohne Entschuldigung“. (Louis Aragon). Ein mechanistischer Verstand, die ratio des Maschinenzeitalters definiert das „Unbewusste“ als Störung, Zufall. So baut man heute digitale Zufallsgeneratoren, um so etwas wie Kunst zu erzeugen. Tatsächlich verbirgt sich in dem Wort Automatismus eine Angst vor AI, der künstlichen Intelligenz: der Mensch als Automat, der Befehlen eines übergeordneten Systems gehorcht, das sein Verstand zu erfassen nicht fähig ist. (Man versteht, warum der Automat, die Puppe, der Mannequino im Surrealismus eine Rolle spielt.) Der Automatismus der Surrealisten blieb theoretischer Entwurf. Kein „automatischer“ Text, kein „automatisches“ Bild sind uns in Kunsthistorischen Übersichten erhalten. Doch jeder utopische Entwurf erlaubt, sich Realisierungsmöglichkeiten vorzustellen Man muss die Theorie kennen, die Begeisterung, die ihre Anhänger erfüllte, um die frühen Collagen und Frottagen von Max Ernst, die Filme von Dali und Bunuel und die Bilder von Paul Klee und Wols bis zu Cy Twombly zu schätzen.

Abb. Paul Klee Rote Weste 1938 Kunstsammlung NRW Düsseldorf

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