Beckeraachen

Kunstwechsel

Kunst + Spiel

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen werde ich hier wiedergeben. Ich versuche, die alten Maschinen-Manuskripte zu konvertieren.

Kunst ABC  AVZ  1.12.1974

K U N S T   +   S P I E L

Seit jener Recklinghäuser Ausstellung „Kunst als Spiel – Spiel als Kunst“ 1969 suchen viele im Museum zeitgenössischer Kunst nach der „Spielwiese“, nach Objekten mit Knöpfen, die Motoren in Gang setzen, die Geräusche erzeugen. Sie wollen spielen. Johan Huizinga hat in seinem Buch „Homo Ludens – Vom Ursprung der Kultur im Spiel“ die Kategorie Spiel als Tätigkeit des Menschen zu definieren versucht. Spielen ist Tieren und Menschen gemeinsam, darum ist es jenseits von Lachen und Trauern, Komik und Tragik, Torheit und Weisheit, Lüge und Wahrheit, Sünde und Tugend, Gut und Böse. Spielen ist zweckfreies Handeln, äußert Fröhlichkeit und Anmut, ist Freiheit, nicht das „gewöhnliche“, „eigentliche“ Leben. Tritt es in dieses Leben ein, so übernimmt es als „Aufgabe“, als „Pflicht“ eine „Kulturfunktion“. So eine „Kulturfunktion“ ist Kunst. Kunst hat seit der Vorgeschichte aus der Kulturfunktion Spiel eine Fülle von Elementen aufgenommen. Treten diese Elemente nicht mehr sichtbar hervor, so beginnt die Kunst zu lahmen und entzieht sich dem Nutzer. Er nimmt nicht mehr teil, Kunst wird zum prestigebeladenen Kulturgut, der Ort, das Museum zum Pseudotempel.

1960 bildete sich in Paris die „Groupe de Recherche d´Art Visuel“(Gruppe zur Erforschung Visueller Kunst) und forderte: „Schluss mit den Mystifikationen! Schluss mit der Abhängigkeit des Auges von einem kulturellen oder ästhetischen Niveau! Schluss mit der Kategorie Kunstwerk und seinen Mythen!“ Sie forderte Werke, die nichts als „Seh-Situationen“ aufbauen, die anonym, multiplizierbar sind, die den Betrachter erregen, in Bewegung setzen, zum Spielen bringen. Sie begründete: „Wir sind direkt betroffen von neuen Aufgaben wie der Physik des Sehens, der neuen Methode des Näherungsrechnens, der Möglichkeit des Kombinatorischen, des Statistischen, der Wahrscheinlichkeitsrechnung etc.“ In der Begründung wird deutlich, dass eine neue Problemstellung „Spielen“ dort ansetzt, wo neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse und neue „Maschinen“ eine neue Freiheit zum Spielen erzeugen. So sind alle Spielkunstwerke, die seitdem entstanden, maschinale Objekte und handeln von der Faszination des Menschen vor seinen eigenen Erfindungen. Sie sprechen große Bevölkerungskreise an, die in ihnen den zivilisatorische n Fortschritt bewundern und zugleich ihre Angst vor der „Maschine“ und vor der Beherrschung durch sie abbauen, enttäuschen aber in der Regel den Naturwissenschaftler, der sie als einfache, applausheischende Ableitungen wichtiger Erfindungen betrachtet.

Hier steckt ein Dilemma: jedes künstlerische Spielobjekt verbildlicht eine naturwissenschaftliche Erfindung auf so einfache Weise, dass es bei möglichst vielen Menschen Spass, Freude oder Bewunderung erregt. Wasserspiele, Feuerwerke, Spieluhren, Lichtorgeln, Lightshows, Roboter, kinetische Objekte fußen auf simplen mechanischen Regeln. Und das Spiel, das sie dem Nutzer gestatten, ist ein Mitspiel, das sich auf den Druck einer Taste, das Berühren von Kontakten beschränkt. Der „spielende Mensch“, den Huizinga meinte, wird von ihnen nicht bestätigt. Wird aber der Künstler (ein alter Traum!) wieder zum Naturwissenschaftler, zum Erfinder, so wird sein Werk nicht Spiel-, sondern Lehrobjekt. Die Künstler, die Nutzern das Spielen erlauben, sind nicht jene, die glitzernde Maschinen bauen, sondern solche (wie Happening- und Fluxuskünstler und ihre Nachfolger), die Spielregeln untersuchen und durch neue Anstöße erweitern.

Dennoch sind Spielobjekte, wie sie heute entstehen, von höchstem Wert, weil sie ein altes Bedürfnis der „Volksbelustigung“ befriedigen. So sind „Spielstraßen“ und „Geh-Schulen“ Nachfolger von großen Kirmesplätzen, wie sie heute noch in Kopenhagen und Budapest erhalten sind. Sie schaffen „Spiele für Erwachsene“, die uns zeigen, wie ein vermindertes Spielvermögen sich selbst künstliche Spielanstöße schafft, deren das Kind nicht bedarf. Die Suggestionskraft eines Fußballspiels macht freilich ihre Grenzen deutlich.

Abb. Jean Tinguely „Klamauk“1979 vor Museum Tinguely Basel

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