Beckeraachen

Kunstwechsel


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R h ö n r a d

Kunst ABC   D A S   R H Ö N R A D

Warum hat dieser Junge Otto Feick vor 120 Jahren zwei Räder in der Pfalz einen Berg hinuntergerollt? War er allein? Hatte er Bilder der Feuerräder gesehen, die an vielen Orten in Europa, auch in Lügde in Westfalen (das durch seinen Campingplatz in Elbrinxen in schlechten Ruf geraten ist) zu Ostern brennend die Hügel hinabrollen, um den Winter zu vertreiben? Oder war er fasziniert von seiner Erfindung des Doppelrades, das nicht umkippen würde?  Er war Handwerker und baute seine Erfindung und ihren Erfolg als weithin beliebtes Sportgerät, das Rhönrad, aus – und der Deutsch-Iraner Shahin Tivay Sadatolhosseini lernte es in Aachen kennen, gründete einen Turnverein in der RWTH und stellt es nun analog und digital in der Philosophenwerkstatt LOGOI in der Jakobstraße aus.

Solche Laufräder bedrücken in Rattenkäfigen, beglücken in Wassermühlen und begeistern in Zirkuszelten, wenn ölglänzende Akrobaten darin kreisen. In Bildern zeigen Räder symbolische Menschen und Götter/ Göttinnen vieler Kulturen. Sahin enttäuscht mich, den Historiker, weil ihn diese Dimension nicht interessiert. Ihn fasziniert die Bewegung des Rades, der Anstoß, das Rollen im Anlauf und Auslauf, der Stillstand, die Wiederholung; die Verlängerung der Zeit des Rollens durch Gewichte: ein leichtes, ein schweres Gepäckstück. Ihn hat es zum LANGSAMEN REISEN eingeladen. Er ist damit bis Teheran gelangt, seiner Geburtsstadt, und er wird damit nach Washington reisen.  Und wer Sten Nadolnys ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT gelesen hat, wird verstehen, dass nicht ein Fahrrad, nicht ein Esel, sondern ein Rhönrad der ideale Begleiter des Wanderers ist: ein guter Gepäckträger, Stütze der Hängematte in der Nacht, Aufsehen erregend, einladend zu Gesprächen und delikat für visuelle Medien.

In der Neuen Galerie hat vor dem Sturz des Shahs 1977 ein junger Aachener Abenteurer aus einem Tagebuch öffentlich gelesen, der, besessen und berauscht, gebrauchte teure deutsche Autos in den Iran fuhr und Käufern ablieferte. Er hüllte die Reisebegegnungen in eine Poesie zwischen Ginsberg, Ferlinghetti und Brinkmann – und füllte seine jungen Zuhörer mit den Bildern des UNTERWEGSSEINS und des Abenteuers. Shahins Berichte sind dagegen temperiert in die langsame Bewegung des Laufrades und die freundlichen Annäherungen der Einheimischen. Das Museum in Teheran lehnte es als Geschenk ab; das kostbare Kuckucksei, das die Shabanu dort gelegt hatte, die großartige Sammlung moderner Kunst des Westens, genügte. Unter dem Dach der Karawanserei Deyr Gachin hat das Rhönrad nach Abschluss der Tour einen dauerhaften Ehrenplatz erhalten.

Shahin suchte nicht die Einsamkeit auf seiner Reise, war nie der Gesellschaftsflüchtige, liebte das UNTERWEGS als Begegnung, Grenzüberschreitung, Abwechslung zwischen Freund und Feind, Sesshaftigkeit und Unruhe. Er hat sein Geburtsland gesucht, aber bald wieder verlassen, um nach Aachen zurückzukehren und eine 2. Reise vorzubereiten – in den Westen, nach Amerika, das alte Traumland der Europäer, das sich so seltsam verändert hat.

Seit dem 20. 3, bewegt er sein Laufrad in LOGOI täglich von 17-20 Uhr und kommentiert seine bevorstehende Reise in die USA online https://www.twitch.tv/rollwest/videos

 

 

 

 

 

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Im Gehäus

  1. Kalendergeschichte

16. Kalendergeschichte

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Ich bin viel unter Menschen gereist, nun bin ich alt, und es muss mir genügen, mit ihnen in Videos zu plaudern. Sie meiden mich, um eine Seuche von mir fernzuhalten, die den Erdball überzieht. Das Feld, auf dem ich mich bewege, ist auf 30 m² eingeschränkt. Dem palästinensischen Freund, dem eine Abschiebung droht, kann ich nur mit Botschaften helfen. Der Verkehrslärm der Straße ebbt ab. Den Empfang von Paketen quittiere ich nicht mehr.

Auf meinem Balkon bereite ich die Erde in Töpfen und Kästen für den Frühling vor. Mein Sohn hat mir eine Tüte mit Sommerblumensamen geschickt. Ich denke an Bienen, die ich ernähren möchte.

Mit Vergnügen denke ich an Xavier de Maistre, der 31-jährig in seinem Zimmer in Turin unter Arrest stand und, müde einer Mode der Weltbeschreibungen, die Alexander von Humboldt in Frankreich erregt hatte, 1793, in den wild bewegten Jahren der Französischen Revolution, sich zwischen Stuhl und Bett zurücklehnte und eine Reise durch sein Zimmer beschrieb, die bis heute gelesen wird. Die Gelassenheit des Philosophen, der versucht, eine Summe der Erkenntnisse über seine Existenz im sterbenden Zeitalter zu ziehen, gibt dem kleinen Juwel der französischen Literatur eine merkwürdige Strahlkraft.

Die New Yorker Künstlerwohnung von Robert Smithson und Nancy Holt habe ich 1970 auf besondere Weise kennengelernt. Nancy empfing mich, drücke auf einen Schalter, und ihre Stimme aus kleinen Lautsprechern leitete mich vom Flur in die Küche, in Wohn- und Schlafzimmer und die Ateliers, die sichtbaren Gegenstände und ihre Geschichte schilderd.

 

Auf der Suche nach Eremitagen, in denen ich meinen Zustand spiegeln kann, bin ich auf den 23-jährigen Igor gestoßen, dem die Welt abhandengekommen ist. Er zieht sich in einem Raum mit spärlicher Einrichtung – Matratze, Decken, Toilette, 150 Liter Wasser, Zwieback, Dosen mit eingelegten Früchten und Gemüsen – zurück, den er mit schwarzen Tüchern verdunkelt hat, und hofft, dort 100 Tage auszuhalten. Am 87. brechen Ordnungskräfte die Tür auf. Robert Gwisdek (Käptn Peng) schildert in dem Roman „Der unsichtbare Apfel“ die Suche des Igor nach der Freiheit auf einer Spirale, deren Ende zu erreichen ihm versagt wird. Mich, den Alten, fasziniert mit Igor die Fülle der Bilder, die uns in völliger Dunkelheit, bei geschlossenen Augen erreichen und Ängste und Freuden auslösen können. Die Dauer ängstigt mich, und ich hoffe, in weniger als 87 Tagen die Eremitage verlassen zu können. Ich sehne mich nicht danach, noch einmal den Ätna zu besteigen, mir würde genügen, im Hambacher Forst die Bechsteinfledermäuse zu suchen.

Abb. Aus dem Film „Im Gehäus“ von Eva C. Feldmann 2017 www.

 

 


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Politische Landschaft

Kunst ABC

POLITISCHE  LANDSCHAFTEN

 

1999 verteidigte der in Japan bekannte Künstler Isamo Wakabayashi den Erhalt eines Waldes in Hinode gegen die Einrichtung einer großen Müllhalde. Der obere Teil des Abhangs sollte als Wald erhalten bleiben, der untere, die Müllhalde, durch einen Betonwall getrennt, langsam kompostieren und eine wilde Landschaft wachsen lassen. Wasser würde in großen Behältern gesammelt, kontrolliert fließen und die neue Landschaft wachsen lassen.

Die Gouachen zu seinen Vorschlägen nannte er „The Green Constellation of the Unicorn“.

Diese DIN A 3 großen Blätter gab er mir, weil er von den 7000 Eichen des Joseph Beuys in der documenta 1982 erfahren hatte – und von Alan Sonfist´s „Time Landscape 1965-78-present“ in Midtown New York. Diesen kleinen Park in der Steinwüste Manhattans hat Sonfist mit Samen und Setzlingen von einheimischen vorkolonialen Pflanzen besetzt Er gab dem Stadtviertel nicht nur eine grüne Lunge, sondern ein Bild seiner Geschichte. Damals versandte Sonfist Grassamen in viele Länder – mit dem ökologischen Programm, das aus Gras und Schösslingen Bäume entstehen, die den Globus erhalten.

Im August 2018 haben der Maler Helge Hommes und  seine Lebensgefährtin Saxana begonnen, im Hambacher Forst zu malen, einem alten Laubwald mit Hainbuchen und Stieleichen zwischen Düren und Aachen, Rest eines großen historischen Waldes, der seit den 70er Jahren Opfer eines aggressiven Braunkohle-Tagebaus wurde und 2018 einen gewalttätigen Streit auslöste zwischen dem Kohlekonzern, der Landesregierung  und den wachsenden Gruppen derer, die der Zerstörung des Planeten und seiner Sphäre entgegenwirken. Gegen den Widerstand der Polizei arbeiteten die beiden an großen Leinwandbildern, umgeben von den Bewohnern der Baumhäuser, Sympathisanten, Besuchern, Sicherheitskräften, Fotografen und Kamerateams. Der Wald als „Soziale Plastik“ im Sinn des Joseph Beuys konnte hier ein politisches Instrument werden, weil Hommes selbst als Agitator, Wortführer und Aktivist alle sozialen Medien einzusetzen verstand.

Wakabayashi illustriert seine Proteste mit Darstellungen von Bergen und fließendem reinem Wasser – nach taoistischen Vorstellungen (nichts ist stärker als Wasser, das Starres und Hartes bezwingt). Den Heiligen Bergen Chinas, die als mythische Orte in Buddhismus und Taoismus eingebunden sind, stehen im Christentum die Berge Sinai und Tabor gegenüber. Ihre mythische Kraft reicht nicht über die Alpen. Hier ersetzt sie der Wald, ein Ort der Ehrfurcht und Quelle unzähliger Bilder und Texte.  Helge Hommes hat immer Bäume gemalt – um jenen Archetyp der Yggdrasil, der Weltesche, die für die Sehnsucht nach dem Entwurf einer harmonischen Weltordnung steht. Eines dieser Gemälde zeigt einen Styliten auf einem geköpften Baum, eine Rückenfigur wie jene, die in Caspar David Friedrichs Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ in die Weite schaut – der Künstler als „fragender Seher“.

Hommes und Saxana haben in anderen wie dem bedrohten Reinhardswald gemalt. Sie folgen der Tradition der Plein-Air-Maler, die in der Mitte des 19. Jh. mit Klapp-Staffeleien und Farbtuben die Ateliers verlassen konnten. Thomas Cole, der Gründer der Hudson River School, ist bis heute der einzige Maler, nach dem ein Berg benannt ist.

 


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Der große Sprung

  1. Kalendergeschichte –                                     D E R   G R O S S E   S P R U N G

 

Wenn nur 750 Millionen Chinesen, einem Befehl folgend, im gleichen Moment von 2 m hohen Plattformen springen, jeder 1 Zentner schwer, so erzeugen sie ein Erdbeben von der Magnitude 4,5 auf der Richter-Skala, das in China großen Schaden anrichtet. Wiederholen sie diesen Sprung alle 54 Minuten immer dann, wenn einer der Stöße den Erdball umkreist, so erzeugen sie eine Erschütterungswelle, die auch andere von China entfernte Länder beschädigt. Um dem Beben, wenn es den Pazifik überquert, entgegenzuwirken, müssen die Bewohner der Westküste Amerikas, eine kleinere Zahl von Menschen, dann, wenn es sich nähert, von Plattformen herabspringen, die etwa 10 m hoch sind.

Als Siegfried Neuenhausen 1971 im Ballsaal der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig in Aachen seine Ausstellung um die Skulpturengruppe der „Bürger von B.“ aufbaute, entrollte sein Assistent Gendolla ein großes Panneau, auf dem der große Sprung zu lesen war. Damals lebte noch Mao Tse Dong, und kleinere oder größere Erdbeben erwartete niemand. Die Kunstwelt studierte die Chinesischen Varianten des Sozialistischen Realismus, Harald Szeemann bemühte sich, den „Hof für die Pachteinnahme“ für die documenta zu gewinnen. Alle, die den Text lasen, lächelten. Tim Ulrichs fand in seinem Archiv die Quelle, die Gendolla benutzt hatte, und schickte sie mir; David Stone, Geophysiker der Alaska University, hatte seinen Artikel am 19. Dezember 1969 in TIME veröffentlicht und ihn auf ein altes Zitat von Mao bezogen: „Several hundred million peasants will rise, like a mighty storm, a force so swift and violent that no power, however great, will be able to hold it back.”  Seit 1927 haben sich die Chinesen vermehrt. Nun sind sie nebenan, und wir teilen Leben und Tod mit ihnen.

 

 


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Joel Fisher

Kunst ABC  P U N K T   N U L L  – Joel Fisher

1968 erschien Robert Indianas Buch „1968 ZERO“., Heinz Mack malte sein letzte ZERO-Bild, Bruce Naumann hatte den Betonklotz „The Space under my Chair“ als die neue Form einer Skulptur geschaffen. Fotografie und Film wurden digital. Alle spürten den „Paradigmenwechsel“(Thomas S. Kuhn 1962) zu einer neuen Epoche – den Nullpunkt.

Damals wurde der amerikanische Künstler Joel Fisher ein Freund. Er war blass, ernährte sich kärglich vegan, aß tagelang nur gewässertes Papier und befreite sich von einem zunehmend sauberen Pulp, den er in kleinen Papierbögen trocknete. Er fotografierte die unansehnlichen Fetzen ebenso wie selbstgemachte Schuhe und eine Serie von mit Fäden umwickelten Steinen. Die Aufnahmen von ihnen ließen sie vorsintflutlich erscheinen:  er hatte sie mit einer aus Fundholz zusammengefügten Camera Obscura aufgenommen. („Spindeln der Neandertaler“ nannte ich sie.) Seine Nikon benutzte er, um Augen zu fotografieren: wir nahmen unsere rechten Augen auf, er meins, ich seins. Solche Paare stellte er auf seinen Reisen durch Europa her. Die Augenerkennung gibt den Sehorganen eine besondere Suggestivkraft.

 

Für eine Ausstellung tupfte Fisher mit einem spitzen Pinsel etwa 100 schwarze Tuschpunkte in Abständen von 5 cm auf große Papierbögen, fotografierte einige und vergrößerte sie auf DIN A 4 Fotoabzügen. Wer die großen Flecken, Klekse nicht als selbstständige Chiffren von Ausdrücken begreifen wollte, suchte ihre winzigen „Väter“ auf den Bögen. Vergrößerung und Verkleinerung traten als Elemente der Wahrnehmung in den Vordergrund. Fisher liebte solche Kontraste zwischen Groß und Klein, Alt und Neu. Und das Alte war nicht das von gestern, sondern das des Altertums, der Prähistorie. In aller Stille setzte er die Revolution von 1900 fort, in der die Maler in der Völkerkunde die Vorzeit und die Baumeister die Grundformen der Architektur entdeckten. Es ist ein Abenteuer, in den Partituren der Pinselklekse die Kaligramme zu entdecken, die in der Vergrößerung eine autonome Bedeutung erlangen – wie die Luft unter dem Stuhl Btuce Nauman´s, wenn sie in Beton gegossen wird.

In der documenta 1972 stellte Joel Fisher Seife „SOAP“ aus Butter und Lauge her und zeigte „Hair Squares“ aus Haaren und Nägeln. Die Kunsthistorischen Museen der Zukunft werden  anders, anthropologischer aussehen als die unserer Tage.


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Miniatur

Kunst ABC –  Miniatur

Dieses Hochformat mit abgerundeten Ecken scheint eine Collage zu sein, in der sich auf blauem Grund vegetale gelb-grüne Elemente und Fragmente eines rot-weißen Dekors sanft schwebend bewegen, an den Rand stoßend, ihn überschneidend, zurückfallend zu einer dichtbrauen figurativen Tasche, die so etwas wie ein helles Gesicht umschließt. Kein Pinselstrich ist sichtbar, die Oberfläche des Bildes scheint poliert. Der smartphone-Betrachter sieht es etwa 9 x 5 cm groß, im Desktop kann ich es auf 30 x 25 cm vergrößern.

Es misst 5 x 6 cm, so viel wie jene Fotos von Familienmitgliedern, die Menschen in ihren Brieftaschen oder Portemonnaies mit sich tragen, und etwas kleiner als jene Porträtgemälde, die bis zur Erfindung der Fotografie die Miniaturmalerei der Neuzeit bestimmten.  Tatsächlich trägt es auf seiner anderen weißen Seite die romantische, eher geritzte als gezeichnete Skizze eines Jünglingskopfes. Diese Seite könnte ein aufgeklebtes Fotopapier sein, ein Porträtfoto aus einem Automaten, das in 40 Jahren so verblasst ist, dass nur noch Umrisse zu sehen sind. Die „Collage“, die es bedeckt, rahmt es ein, denn sie ist nicht ein Bild auf einem Grund, sondern eine kleine steife, opake Kunststofffolie, vorne und hinten gleich. Der kunstkritische Betrachter stößt an seine Grenzen, wenn der Zufall mitspielt, wenn ein Künstler ihn zu seinem Freund macht, wenn er den Grad seiner Aneignung offenlässt.

Das kleine Objekt gehörte zu den feinen Paraphernalia, die die Künstler der New Yorker Galerie von Holly Solomon als Einladungen zu Ausstellungen, als Visitenkarten, Programme in den 70er Jahren herstellten, die ihre Liebe zu Tand und Kitsch spiegelten. Robert Kushner bemalte große Tücher mit „Roses of Samarkand“ und führte Bauchtänze in farbigen Schleiern zu arabischer Musik auf. „Pattern Painting“, „The Decorative Impulse“, „Arabesque“ hießen Ausstellungen, an denen er sich beteiligte. Er hinterließ mir diesen Gegenstand, den meine Neugier heute umkreist. Zeigt er nicht doch auf einer seiner Seiten eine Farbkomposition von Robert Kushner so wie ein Porträt von ihm auf der anderen?


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Verlust der Originale

Kunst ABC – Paradigmenwechsel

Der Verlust der Originale

Bleizinngelb, Rubinschwefel, Grünspan, Azurit, Lapislazuli, Malachit – kostbare Farbstoffe bestimmten Gemälde und ihren Ruhm. Bildteile von Ikonen waren mit getriebenem Goldblech bedeckt, geschnitzte Holzrahmen erhöhten die Wirkung vieler hochgeschätzter Werle. Heute erzeugen digitale Drucke nach Aufnahmen hochauflösender Kameras perfekte Illusionen der Originale in allen Größen. Konservative Bildhauer arbeiten noch mit Elfenbein aus Afrika oder Marmor aus Carrara, andere verwenden Glasfasern und Polyurethan und nutzen 3-D-Drucker zur Vermehrung der Originale. Dunkelkammer-Fotografen konnten noch darauf bestehen, dass jeder Abzug aus dem Wasserbad sich vom anderen unterscheidet. Der Tintenstrahldrucker erlaubt keine Varianten.

In meinem Jungen-Schlafzimmer hing ein Poster der Jacqueline von Picasso. In Paris interessierte mich nicht, die Mona Lisa im Louvre zu sehen. Ich kenne sie von Postkarten, aus Büchern und Bildschirmen – wie den umstrittenen Salvator Mundi von Leonardo, die Judith von Caravaggio und den Osterhasen von Jeff Koons, Werke, die sensationelle Preise auf Auktionen erzielen – wie die Tulpenzwiebel in Amsterdam, die 1637 87.000 Euro einbrachte in einem Gesellschaftsspiel der Millionäre, an dem die Künstler kaum beteiligt sind..

Die Bilder Mondrians erzeugten eine öffentliche Diskussion „My child could do it“, und viele Kinder und Erwachsene sind angehalten, so zu malen, zu zeichnen, zu modellieren, dass ihre Ergebnisse an Werke dieses oder jenes Meisters erinnern. Der fluxus-Künstler George Brecht gab 1982 „10 Postkarten zum Mitmachen“ heraus, und Performances von Künstlern – Nam June Paik zerschlägt eine Violine, wiederholt von Geoffrey Hendricks – können weiterleben wie die Wandtexte von Lawrence Weiner. Der land-art-Künstler Robert Smithson schenkte mir, als ich ihn 1971 in New York besuchte, den Entwurf eines „Indoor Work“, den zu realisieren ich mich nie getraut habe, obwohl mich zahlreiche Kopien, Repliken, Fälschungen von Kunstwerken umgeben.

2015 wiederholte Christian Boltanski mit Hans-Ulrich Obrist und Chiara Parisi in der Pariser „Monnaie“ ein Projekt, das er 1994 in der Londoner Serpentine Gallery ausprobiert hatte: „Take me, I´m Yours“  – eine Ausstellung über Wechseln und Teilen von Kunstwerken, zu dem er 2 Dutzend Künstler einlud –  Gilbert & George, Franz West, Lawrence Weiner, Hans Peter Feldmann, Pawel Althamer, Gloria Friedmann, Yoko Ono u.a.

Sie alle boten Werke zum Tausch, zur Ausleihe, ersetzten Werke, die den Besitzer in einer Tombola wechselten – La Monnaie, die alte Münze, diente jetzt nicht mehr der Verteilung von Geld, sondern von Kunst. Ein Hund an der Leine wurde stundenweise ausgeliehen, um ausgeführt zu werden. Der Ruf nach Originalen, Unikaten, signierten und nummerierten Objekten wurde erstickt. Angesichts des sich selbst inflationierenden Kunstmarkts und der Müdigkeit, die die Kunstszene durchzieht, erscheint der Schlachtruf NIMM MICH ICH GEHÖRE DIR angemessen.

 

 

 

 

 

 

Spiral