Beckeraachen

Kunstwechsel

Huid – Haut

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 Berlinde de Brueckere HUID (Haut)

im Bonnefantenmuseum Maastricht

Epischen Ekel verbreitete der Roman DIE HAUT des Italieners Curzio Malaparte, die Schilderung Neapels als Bordell der amerikanischen Besatzungssoldaten nach der Befreiung 1943, Als ich 16 war, erregte es mich mächtig. Später las ich Geschichten über Pfählen, Schinden und Häuten, Apoll und Marsyas und den Märtyrer Bartholomäus, auf dessen Haut in der Sixtina Michelangelo sein Selbstporträt gemalt hat. Als ich Fotos und Filme aus den Konzentrationslagern sah, geriet ich in die Unterwelt der Körper. Ich begann, Schlachthäuser zu empfinden.

Berlinde de Bruyckere soll  bei Gent in der Nähe eines Schlachthauses arbeiten, vor dem die Häute der Tiere so zum Trocknen auf Lafetten gestapelt sind, wie die Künstlerin sie im Museum zeigt. Hier stinken sie nicht. So, wie die meisten  Schuhe fast überall aus Kunststoffen hergestellt sind, so ist auch dieser niederdrückend graue Museumsraum bis zum groben Mattenboden mit geordneten großen Klumpen aus erstarrter Kunstharzlava zwischen den hölzernen Brettern der Lafetten gefüllt und mit großen Mengen von Salz bestreut,  Der monochrome Raum führt den Eintretenden in eine Depression, der er sich nicht entzieht. Das Gewicht der Hautberge hält ihn gefangen.  

Die Künstlerin hält sich an der Größe ihrer Modelle fest. So auch bei zwei gestürzten Pferdekadavern, dem mächtigen Stück eines Baumstamms und einem feierlichen Altartisch mit brennenden Kerzen, auf dem sich unter alten Glasstürzen wächserne Holzscheite wie Reliquien häufen. Eine sehr katholische Frömmigkeit weht durch die Räume und lässt sogar die feinen Zeichnungen von weiblichen und männlichen Geschlechtsteilen als Zeugnisse von Heiligenlegenden erscheinen.

Gruppen von Häuten großer Tiere (Kühe, Pferde) hat Berlinde de Bruyckere in Wandstücken so komponiert, dass sie großen Engelsflügeln gleichen. Einige sind mit Harnischen aus goldglänzendem Blech verbunden und in Gestellte gehängt, so dass sie auf einer Bühne Wächtern gleichen, die den Kampf zwischen Penthesilea und Achilles um Troja begleiten, wie Heinrich von Kleist ihn dramatisiert hat. Sie dienten der Inszenierung der Oper von Othmar Schoeck in Brüssel.

2021 hat der Zeitgeist eine pathetisch dunkle Seite, die der Niedergang der katholischen Kirche am Rand begleitet – diminuendo. Die belgische Künstlerin gibt dieser dunklen Seite mit barocker Ausdruckskraft einen gewaltigen Vordergrund.

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