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TANG

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TANG – Eine Kalendergeschichte

Auf einem Briefumschlag DIN A 4 ist mit Bleistift geschrieben: Tang-Dynastie I – XXX,

 Briefe der Kaiserin WU? Nachrichten über die Seidenstraße im 7. Jahrhundert? 30 Seiten eines gedruckten Buches vor Gutenberg? Weiß der Absender, der „Tang Dynastie“ sehr bescheiden mit einem Bleistift geschrieben hat, mehr über diese glanzvolle Epoche des chinesischen Kaiserreiches? Die 30 Blätter, die der Umschlag enthält, sind zierlich unten bezeichnet, als 5. Serie von 14 nummeriert, H.S.W. signiert und datiert 2001, und ausgelegt erscheinen sie wie Buchstaben, Logogramme einer Bilderschrift aus Stängeln von Makroalgen, Tang, Schläuche, die die Gasblasen spielerisch verbinden. Die schwarzen Silhouetten stehen frei auf den weißen Blättern. Sie sind nicht schnell mit Pinselzügen entworfen, sondern sorgsam gegenläufig gestaltet, als wären die Blassen Früchte, die an Ästen oder Fäden hängen und mit ihnen Schleifen, Wurzeln, Kandelaber bilden. Hat H.S.W. Seetang gesehen? Erlebt wie ich als Kind an der Nordseeküste? Wenn das Meer nach Stürmen und Springfluten große Bündel von Seetang anschwemmte, in die wir uns lustvoll einwickelten? Sie waren glitschig und rochen wie Mutter Natur. Die dicken, gasgefüllten Blasen, die sie trugen, knallten, wenn wir sie aufschlitzten. Kam die Flut zurück, hatte sich in den Bündeln wie in großen Netzen allerlei Fundgut verhakt, einmal sogar eine Schiffsladung von ungenießbaren Orangen.

30 Blätter nur: da ist die Kaiserin Wu, die ihre Söhne vergiftete; und der  Erinnerung an meine orgiastischen Kinderspiele kehrt in der gewalttätigen Fülle von Tang- und Algenangeboten im Netz und unsren Reformhäusern wieder, die Überlebenselixiere in Flaschen abgefüllt anbieten. Seesterne und Seeigel sind einem Virus zum Opfer gefallen, ihre Nahrung, Seetang kann ungehindert wuchern. Der erwärmte Golfstrom wird neue Urwälder entstehen lassen, in denen dicke Glasblasen fröhlich zerplatzen. Die zartgliedrigen Zeichnungen der Schlauch- und Fadenthalli liegen jetzt vor einem Glasbläser in Murano, der sich bemüht, schillernde Färbungen in den grünen Kleinodien zu erreichen, die er reichen Chinesen unter der Bezeichnung „Wu Zhao“ anbietet. Sie kennen die „Empress of China“ seit 2014 als Serie im staatlichen Fernsehen.

Der Autor der 30 Blätter ist Horst Egon Wiegand. 2001, als der Umschlag in meine Hände geriet, zog ich mich aus dem Ludwig Forum in das Privatleben zurück. So geriet das Paket in ein Archiv, in dem ich von Zeit zu Zeit wühle. Ich lese, dass Wiegand häufig in Norwegen war. So wird er TANG kennen gelernt haben.

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