Beckeraachen

Kunstwechsel

Sie können, wenn Sie wollen

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45. Kalendergeschichte

Sie können, wenn Sie wollen

Im April 1986 habe ich begonnen, Wolfgang Becker ein Jahr lang 30 Briefe zu schreiben und frankiert mit der Post zu senden – in unregelmäßigen Abständen, zuweilen zwei an einem Tag. Alle enthalten die Botschaft: „Ich glaube, Sie können, wenn Sie wollen.“ Mit einem Bleistift auf einen DIN A 4-Papierbogen gesetzt, von Bildzeichen umgeben, zuweilen farbig aquarelliert, signiert: Geert Westphal oder Webel. Die frankierten Umschläge enthalten meinen Kölner Absender, wenige den von Hans-Peter Webel in Hamburg. Becker würde sich den Satz merken, so konnte ich ihn nach den ersten Briefen zerstückeln. Er sah ihn aus Vogelsicht wie auf einem Stadtplan, „atmend“ zwischen zwei roten „Lungenflügeln“ oder in den Haken abwärts fließender Farbtropfen.

Die drei Elemente des Satzes – glauben, können, wollen – behaupten sich beharrlich. Dabei sind sie überaus zerbrechlich. Ich glaube nicht wirklich, bin nicht sicher, dass er will, und weiß nicht, ob er kann. Er muss nicht einmal annehmen, dass ich meine Briefe eigennützig schicke, als ob ich ihn bäte, sich für meine Arbeit als Künstler zu interessieren. Ich lade ihn auch nicht ein, mir zu antworten; und er hat nicht geantwortet, aber die 30 Umschläge mit den Briefen in einer Sammlung von Botschaften, die er von Künstlern erhalten hat, aufbewahrt.

Die drei Worte glauben, können, wollen gewinnen erst Klarheit, wenn sie sich auf Ziele richten: ich glaube an den Zufall, kann auf den Zehenspitzen stehen, will berühmt werden. Es sieht so aus, als hätte ich die Botschaft an mich selbst geschickt und mich in Becker gespiegelt. Dabei leitete er eine Institution, die meinen Interessen nützlich ist; er organisierte Ausstellungen und machte junge Künstler in einem Milieu bekannt, das neue Informationen sucht.

Ich spreche ihn in meinen Briefen nicht an, wenngleich sie einen Imperativ enthalten – Sie können, wenn Sie wollen –, den ich nur durch den Vorsatz – ich glaube – zurücknehme. Ich bleibe höflich, ich sieze ihn. Er hat die Umschläge vorsichtig mit einem Federmesser geöffnet, weil er daran gewöhnt ist, Botschaften von Künstlern zu erhalten, die wert sind, aufgehoben zu werden. Er gibt diesen DIN-A-4 Blättern einen ästhetischen Wert und betrachtet ihre gezeichneten und aquarellierten Anteile mit den Augen des Kunstamateurs. Sie haben dazu beigetragen, dass er die 30 Botschaften aufbewahrt hat.

Versuche, Kunstwerke an Empfänger zu binden, scheitern häufig, weil viele sie als Objekte betrachten, die ihren Eigentümer wechseln können. Schließlich werden sogar Porträts von Besitzern häufig benutzt, um an einem dritten Ort an sie zu erinnern. Der amerikanischen Maler Paul Wiesenfeld versuchte, ein sehr schönes Porträt seiner Tochter an den Sammler Peter Ludwig zu verkaufen; der lehnte ab: er habe keine Tochter. Widmungen in Bildern werden nicht selten wegretouchiert, wenn sie nicht Namen von kultureller Bedeutung enthalten. Also:  meine 30 Briefe an Wolfgang Becker sind bei ihm in guten Händen.

Geert Westphal

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