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Das Gefängnis

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Das Gefängnis

Die 41.  Kalendergeschichte

Michel Huisman, Künstler und Architekt, den der Heerlener Bahnhof unsterblich machte, hatte die Aufgabe, für die lebenslang Gefangenen in einer niederländischen Anstalt ein Spiel, eine Unterhaltung zu entwerfen, in der sie am Bildschirm eines Rechners in einen Raum mit zwei Ausgängen blickten und einen wählen konnten, der sie in einen anderen mit zwei Ausgängen  führen würde usw. Da ein Ausgang in die Freiheit nicht vorgesehen war, begann einer der Einsitzenden, sich Levi Uken, Sprecher einer Weltregierung, zu nennen, der im Jahr 2316 in einen Streit mit der Geo-Wissenschaftlerin Naomi Oreskes gerät, die in einem neokommunistischen Verlag in Peking den großen Kollaps der Erde im zweiten Jahrtausend und die Ordnung der Überlebenden in neuen Gesellschaften beschreibt, ohne der Besiedlung des Mars besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Aber gerade sie feiert die Weltregierung in diesem Jahr. Levi Uken war ein Kindeskind weißer Amerikaner aus Alabama, und Naomi Oreskes wusste, dass seine Ahnen die Besiedlung des Mars für die Schwarzen ihres Landes durchführten so, wie die Engländer ihre Strafgefangenen nach Australien verbannten.

Sie hatte auf dem Mars eine friedliche Siedlung besucht, deren Bürgermeister ihr erzählte, wie nach dem großen Kollaps auf der Erde ein Raumschiff mit Flüchtlingen bei ihnen gelandet sei; die Weißen hätten sie um Asyl gebeten und ein Archiv mit Erinnerungen an ihr Leben als Sklaven und underdogs im Süden der Vereinigten Staaten als Geschenk mitgebracht. Nein, sie hätten sie nicht gelyncht und gehängt, aber unter der Bedingung aufgenommen, dass sie ihren Lebensunterhalt nur als Bauern und Handwerker verdienten.

Levi Ukes hielt ihre Geschichte für ein Märchen. Er kannte Schwarze nicht; in den Migrationen nach der Katastrophe hatten sich die Überlebenden so vermischt, dass hier, in Peking, keiner mehr so aussah, wie Europäer sich einen Chinesen vorgestellt hatten. Naomi Oreskes lud ihn zu einer Reise auf den Mars ein.

Der Strafgefangene seufzte. Die Aufseher erzählten tröstend von der Kronenseuche draußen, die viele Menschen zwang, sich in ihren Wohnungen wie in Gefängnissen aufzuhalten. Sie öffneten die Fenster und ihre TV-Monitore, lasen Bücher und flohen in die Welten ihrer Fantasien – wie Boccaccio 1349, der aus dem pestgeschüttelten Florenz in die schöne Villa in Fiesole flüchtete und die fröhlichen Geschichten des Decamerone schrieb. Huisman hat mir erzählt, dass sein Projekt im Gefängnis nicht weitergeführt wurde, obwohl man den Einsitzenden einen pompösen Sessel vor dem Bildschirm anbot. Die Psychotherapeuten warfen ihm vor, die Schwermut und Sehnsucht nach Befreiung unendlich zu steigern. Levi Ukes hat ihm seine Geschichten in das Smartphone gesprochen. Da habe ich sie gehört.

Abb. Zeichnung eines Unbekannten, die ich auf einem Tisch im Ludwig Forum gefunden habe.

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