Beckeraachen

Kunstwechsel

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35. Kalendergeschichte

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Der niederländische Bildhauer Mark Manders hat in Ronse, Ostflandern, ein großes Atelier, um raumgreifende, schwere Skulpturen aus Holz und Gips-, Kreide-, Lehm-verkleideter Bronze zeitaufwendig zu entwickeln und zu lagern. In den letzten Wochen hat er in den Räumen des Maastrichter Bonnefantenmuseums eine atemberaubende Inszenierung geschaffen. Im letzten großen Saal meint man, „Gradiva“ und ihrer Schwester gegenüber zu stehen: zwei mächtigen, zeitlos schönen Mädchenköpfen, die so tun, als gehörten langestreckte „Bein“-Glieder zu ihnen;  eine Bretterscheide halbiert sie, als wäre ihre linke Hälfte das Spiegelbild der rechten. Am Ende ist die eine „Gradiva“ der Zwilling der anderen.

Das „pompejanische Phantasiestück“ „Gradiva“ hat der dänische Schriftsteller Wilhelm Jensen vor einem antiken Relief in Rom 1903 entwickelt, dort zieht das Relief einen jungen Archäologen in seinen Bann, und zwischen Wachen und Träumen begegnet er der jungen Frau in Pompeji wirklich. Sigmund Freud hat „Wahn“ und „Träume“ des Archäologen 1907 gedeutet – und die Novelle des unbekannten Dänen unsterblich gemacht. Im Surrealismus des 20 Jahrhunderts ist die schöne junge Frau zwischen Wahn und Traum als Muse gegenwärtig. Dali nannte seine Frau Gala zärtlich Gradiva. Sie ist Teil jener griechischen Bilderwelt, die die europäische Kunstgeschichte und Kultur geprägt hat. Von de Chirico bis zu Anne und Patrick Poirier und ihren weitläufigen Maquetten antiker Ruinenstädte – bis zu Mark Manders wird man sie wiederfinden.  

Das Brett, das die Gesichter der Schwestern teilt, begegnet hier in anderen Köpfen von jungen und reifen Frauen und sogar dort, wo ich einen Christuskopf erwartete, am Torso einer Figur, die demonstrativ vor einem Querbalken, als wären es seine Arme, über einen schweren Tisch an das Gewicht eines von vier Stühlen gespannt ist.

Mark Manders (1968*) hat seine Werke an vielen Orten der Welt gezeigt,  die heile Klassizität der Figuren, Köpfe und Gesichter, die Erinnerungen an griechische und ägyptische Antiken, die sie wecken, die archäologischen Verstümmelungen schaffen geistige Räume von hoher Faszinationskraft, die schnell aus der aktuellen Alltagswelt in ein Reich der Träume führen. Wo das Museum selbst nicht ausreicht, um diesen weltabgewandten Raum zu bieten, schließt Manders Figuren in große Vitrinen aus schwerem Kristallglas ein – eine kostbare Gegenwelt, die in ihren Trümmern voller Schönheit ist.

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