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Kunstwechsel

Begräbnis der Mona Lisa

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32. Kalendergeschichte

Begräbnis der Mona Lisa – Todessehnsüchte

2019 feierte der Louvre den 500. Todestag Leonardo da Vincis mit einer großen Ausstellung, In der Vorbereitung untersuchten die Restauratoren die Mona Lisa gründlich in ihrer Werkstatt. Der alte Riss in der Pappelholz-Tafel hatte sich so geöffnet, dass das Brett auseinander zu fallen drohte. Hinter der Schutzscheibe hatte ein dichtes Craquelé das ganze Bild überzogen, immer mehr Farbfetzen lösten sich von der Tafel, als die Glasplatte sie nicht mehr hielt. Würde man die Übermalungen der alten Restaurierungen entfernen, bliebe vom berühmten Lächeln nur eine Grimasse. Die Restauratoren sahen sich außerstande, das Bild in einen Zustand zu versetzen, der erlaubt, es 10.000 Besuchern täglich zu präsentieren, sie empfahlen, es durch eine Kopie zu ersetzen und das Original zu vernichten. Gegen den Protest des Museumsdirektors stimmte die Assemblée Nationale der Empfehlung der Restauratoren zu und beschloss ihren Tod und ein Staatsbegräbnis in der Sainte Chapelle. Der Entschluss fiel umso leichter, als weder Lisa Gherardini, genannt Mona Lisa noch Leonardo, ihr Porträtist, Franzosen, sondern Florentiner waren.

Mona Lisa Ausschnitt

Nach dieser Entscheidung diskutieren viele Kunsthistoriker-, -kritiker, – sachverständige, Hunderttausende von Kunstwerken der Vergangenheit und Gegenwart für tot zu erklären, zu begraben, zu verbrennen oder zu recyclen.  Sie sind von großen Mengen originaler und gefälschter Bilder und Skulpturen umgeben, die der rasanten Vermehrung der Erdbevölkerung geschuldet sind. Künstler der Gegenwart versuchen, solche Absichten zu unterlaufen: sie stellen Bilder oder Skulpturen her, die sich schnell oder langsam selbst zerstören (Banksy), schaffen Denkmäler für Künstlernekropolen (Hallmann in Kassel) oder hinterlassen testamentarisch ihre Körper Museen moderner Kunst (Sonfist in New York). Witwen suchen Nachlassverwalter (Brauweiler) und bemühen sich um großzügige Schenkungen an Museen. Museen überfüllen ihre Lager mit werken aus den Schauräumen, die sie aus politischen Gründen (Rassismus, Feminismus) entfernen, überlassen ihren Restauratoren, etliche herzurichten und auszuleihen oder zu verkaufen.

Mengenprobleme sind in sozialistischen Ländern und in den Niederlanden entstanden, wo Künstler als Staatsangestellte bezahlt wurden. Im Archiv der DDR-Kunst in Beeskow lagern 23.000 Werke. In den Kunstveraltungs-Büros der EU in Brüssel und Straßburg versucht man ebenso wie in den Ministerien der Mitgliedstaaten, die Lager zu entlasten und angemessene Arbeiten in Büros aufzunehmen. Dennoch: das deutsche Parlament gewährt der deutschen Kulturstaatsministerin in der Coronakrise 300 mio. € zur Erweiterung der Kunstsammlung des Bundes.

Die Lagerung von Kunstwerken führt dort zu einem natürlichen Schwund, wo der Aufwand für Klimaanlagen, Sicherung und Bewachung aus Kostengründen gescheut wird. Die Kunstwerke verelenden und sterben. Am besten sind jene Lager ausgerüstet, die in zollfreien Zonen von internationalen Verkehrsknoten teure Kunstgüter verwahren. Ihr Handelswert sichert ihnen lange Lebensdauer, bis sie gewinnbringend von Hand zu Hand steuerbefreit in ein staatliches Museum gewandert sind. Erst dort sehen sie denen zu, die auf ihren Tod warten. In Brüssel wird über Gesetze diskutiert, die Vernichtungen von Kunstwerken erlauben – unter Bedingungen, die jeden Missbrauch ausschließen. Museen sollen legitimiert werden, in ihren Gärten Friedhöfe einzurichten, auf denen Grabsteine mit angemessenen Informationen über die Toten berichten. Sie könnten USB-Sticks, DVDs oder andere Konserven enthalten.

Kriege und Naturkatastrophen haben nicht nur zahlreiche Kunstwerke, sondern Schlösser, Kirchen, Rathäuser, Villen und Industriebauten zerstört oder beschädigt. Bis heute hat die Denkmalpflege ihre Arbeitsbereiche erweitert. Notre Dame in Paris oder der Dom in Aachen sind Heiligtümer, die, robuster als die Mona Lisa, über die Jahrhunderte restauriert, ergänzt, Stein um Stein ausgewechselt, bemalt und so ausgestattet worden sind, dass der ursprüngliche Zustand kaum zu erkennen ist. Im Gegensatz zum Christentum lässt der japanische Shintoismus Verfall und Aufrüstung seiner Heiligtümer nicht zu. Im Ise-Jüngu- Heiligtum hat man mir unter hohen Zypressen den „inneren“ Hauptschrein vor etwa 125 Schatzhäusern aus Holz gezeigt, die seit 2 Jahrtausenden fortlaufend variierend im Shimmei-Zukuri-Stil erbaut worden sind. Die Bäume, an die sie sich anschmiegen, sind älter, denn die Gebäude werden alle 20 Jahre abgerissen und ohne Veränderung neu gebaut – aus Hinoki-Scheinzypressen die im benachbarten Hain geforstet werden – 2033 wird das Ritual des Neubaus wiederum vollzogen. Heiligtümer dürfen nicht altern, anders als die Menschen, die sie verehren und die Bäume, die sie umhüllen.    

Die Corona-Krise lässt zur Zeremonie des Staatsbegräbnisses in der Sainte Chapelle nicht einmal alle Mitglieder der Nationalversammlung und ihre italienischen Gäste zu. Der Louvre gewährt an diesem Tag freien Eintritt und bietet eine schwarze tüllbesetzte Anstecknadel mit dem Abbild der Mona Lisa als Erkennungszeichen an. Eine Million davon ist in Auftrag gegeben.

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