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HEPP HEPP Judenpolka

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27.Kalendergeschichte

HEPP HEPP   JUDENPOLKA

Zoff am Frankfurter Römer. Johann Michael Voltz nimmt das Spektakel vom Dom her auf. Zwei streitbare Frauen haben vor ihm einen Mann mit Forke und Besen niedergeschlagen, ein fein gekleideter Herr einen anderen gepackt, schwingt einen Knüppel, und eine Alte gießt Abwasser aus ihrem Fenster hinunter. Der schattenhafte Ordnungshüter in preußischer Uniform schwingt den Säbel und galoppiert auf seinem großen Pferd in die Menge auf dem Platz. Umgestürzte Marktstände verraten, dass die Angegriffenen Händler sind. Aber nur der Titel des Blattes bezeichnet sie als Juden – in einem Aufstand, der einer von vielen in der unruhigen Zeit nach dem Wiener Kongress war, in der Europa neu geordnet und Frankfurt die Hauptstadt des Deutschen Bundes wurde – und als das Papiergeld die Münzen ersetzte und die geschäftigen Juden als Scheidemünzen „ Frankfurter Judenpfennige“(„Theler“, „Halbac“) in großen Auflagen verbreiteten, die heute noch begehrte Sammelstücke sind.

Das schüchterne Blatt des Münchener Zeichners und Karikaturisten ist eines der wenigen Bilder der Hepp-Hepp-Krawalle von 1819, mit denen sich die feudale Standesgesellschaft, die Kirche und die Zünfte gegen die neuen Freiheiten wehrten, die die napoleonische Regierung,

das preußische Judenedikt von 1812 und der Wiener Kongress der jüdischen Bevölkerung einräumte.

Voltz erlebte am 10. August in Frankfurt Prügeleien zwischen christlichen und jüdischen Briefabholern am Postamt, Randale in der Judengasse, Hepp-Hepp-Demos und zögerliches Eingreifen der Polizei. (Ein rhythmisches HEPP HEPP diente in der Regel dem Treiben von Zug- und Herdentieren, Volkskundler erwähnen die Judenpolka im Odenwald, Geisteswissenschaftler erinnern an den Ruf des römischen Kaisers Hadrian und der Kreuzritter nach ihm „Hierosolyma est perdita“ (Jerusalem ist gefallen. Die Akklamation verschwimmt bis heute in hip hip hurra.) Die Grafik gibt wenig von dem Ausmaß der Verfolgungen, Verletzungen, Morden, Zerstörungen, Brandschatzungen in ganz Europa wieder. Die hilflose politische Haltung der Regierungen nährte die zerstörerische Wut der Bevölkerung.

Heinrich von Kleist hatte in seiner Novelle „Die Heilige Cäcilie und die Gewalt der Musik“ 1810 eine Gruppe holländischer Bilderstürmer beschrieben, die in einer Aachener Kirche an einer Randale durch die Musik einer Messe,  an der die Heilige Cäcilie wunderbar beteiligt war, so radikal gehindert wurden, dass sie fortan geistesverwirrt nichts weiter äußern konnten als das Gloria in excelsis der Messe – krächzend, brüllend….  In einer Würdigung der Novelle schreibt Hans-Jürgen Benedict, die Aufführungen von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion in jener Zeit,  die durch „gewalt(ät)ige Turba-Chöre (Volk, Hohepriester, Kriegsknechte, Diener) musikalisch gebannte Verurteilung der Juden als Mörder Jesu durch die Evangelisten“ habe „die Hörer in solche Aufregung versetzt, dass sie nach der Aufführung mit Hep Hep-Hetzrufen auf die Straße gingen“. Benedict nimmt in den aktuellen Antisemitismus-Untersuchungen Bach in die Pflicht.  2012 wurde im Berliner Dom eine „gereinigte“ Form der Johannes-Passion aufgeführt – mit Texten von Celan, Lasker-Schüler und Nietzsche. Im Rückblick auf die Bibeltexte erscheinen nun gar die Evangelisten als Antisemiten. Die lebendige, offene Kultur dieser Welt muss sich von Antisemitismus, Rassisimus, Faschismus, Frauenfeindlichkeit und Kriegslust befreien, um den Globus zu erhalten – von der Wut jener Bürger von 1819, die sich mühten, den Fortgang der Geschichte aufzuhalten. Es gibt sie noch heute.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kulturgeschichte / Religionsgeschichte / Juden / 19. Jh.

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