Beckeraachen

Kunstwechsel

Bunkerbaumeister

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B U N K E R B A U M E I S T E R

WI L H E L M   S C H M I T Z – G I L L E S

Seit es Baron Bich in Frankreich gelungen war, Kugelschreiber, bics, herstellen zu lassen, die nicht mehr klecksen, konnte Wilhelm Schmitz-Gilles in Aachen risikolos feine Zeichnungen mit diesen neuen Stiften herstellen, die in mehreren Farben auch in Westdeutschland hergestellt wurden. Er zeigte sie mir, eine sollte ich mitnehmen: eine nach links geneigte schwebende Figur aus zehn rechteckigen Flächen, Entwurf für ein großes Wandbild oder Relief, die Arbeit eines Architekten.  Schmitz-Gilles stellte gerade „Bildkompositionen“ im Suermondt-Museum aus und war mir dort nach meinem Vortrag über den Aachener Maler Alfred Rethel und die französische Malerei vorgestellt worden.

Vor mir hatten Walter Biemel („Das Problem der Wiederholung in der Kunst der Gegenwart“), Werner Haftmann („Kandinsky und die Entstehung der abstrakten Malerei“), Max Imdahl („Das Erhabene in der amerikanischen Malerei“) und Heinrich Lützeler („Die sieben Wandlungen des Pablo Picasso“) gesprochen – eine Reihe, die mich ängstigte.  In jenen Jahren, in denen ich die Neue Galerie einzubürgern versuchte, war das Suermondt-Museum das Zentrum des lokalen Kunstlebens. Der Vorsitzende des Museumsvereins hatte gerade die 48 Porträts berühmter Männer von Gerhard Richter im deutschen Pavillon der Biennale von Venedig erworben und zeigte sie hier. Die Jahresausstellung der Aachener Künstler folgte vor Weihnachten.

Wilhelm Schmitz-Gilles gehörte zu den älteren Aachener Künstlern, denen die Revolutionen in der Kunst seit 1968 gar nicht gefielen. Er war in der Tradition der Kölner Progressiven um Wilhelm Seiwert („Raum und Wandbild“ Kölner Kunstverein 1932) und der Neuen Sachlichkeit aufgewachsen,  der Krieg hatte ihn gehindert, als Architekt mehr zu bauen als den großen Bunker in der Scheibenstraße (1941), als Kreisbaudirektor der Städteregion beendete er seine Karriere. Was konnten ihm die 48 Porträts von Gerhard Richter sagen, Köpfe europäischer und amerikanischer weißer Männer, die der Düsseldorfer im Konversationslexikon abgemalt hatte? Wir führten eine hitzige Diskussion. Unter den Aachener Künstlern, die ich damals unvoreingenommen besuchte, nachdem ich mich entschlossen hatte, hier zu leben und zu arbeiten, war er der heftigste Gegner der Neuen Galerie und des Sammlers Peter Ludwig und entließ mich mit Schimpfworten.  Ich war schuldig, dass die Erinnerung an die chaotische Ära, die er durchlebt hatte, die Orientierungslosigkeit, die seiner Generation geblieben war und der Zorn auf die leichtfüßigen, privilegierten Nachkommen ihn noch einmal gepackt hatte. Damals, in jener „Stunde Null“ um 1968, fand der Paradigmenwechsel statt. Heute, 2020, scheint es angemessen, das Bauhaus und seine Erbschaft zu feiern, die Stadtplanung und Architektur der Weimarer Republik wiederzuentdecken und die Maler und Fotografen der zwanziger Jahre auszustellen.

Schmitz-Gilles ist 1986 gestorben. Sein großer dreistöckiger Zivilbunker ist nicht nur im Krieg, sondern auch danach vielfältig genutzt worden (Behelfswohnungen und Kindergärten) und dient heute einem Kulturzentrum THE BASE als Domizil, dessen Organisatoren sich seit 2019 bemühen, einen Beitrag zur Aachener Jugendkultur zu leisten.  Schmitz-Gilles würde den Kopf schütteln.

Abb. Kugelschreiberzeichnung sign.dat. 2.7. 1966 Privatbesitz2020-05-14_172628

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