Beckeraachen

Kunstwechsel

Sammler Hugo Jung Aachen

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Kunst ABC Sammler in Aachen

Ingrid und Hugo Jung, Ärzte

In der konservativen Stadt Aachen rumort es. Die Sammlung Ludwig und die ersten Ausstellungen der Neuen Galerie im restaurierten Alten Kurhaus erregen Feinde. Ihnen stellt sich eine Phalanx aus der RWTH entgegen: im Februar 1971 gründete der Leiter der Frauenklinik im Klinikum, Prof. Hugo Jung mit Prof. Erich Kühn, Leiter des Lehrstuhls für Landesplanung, Prof. Walter Biemel, Leiter des Philosophischen Instituts, Prof. Kurt Lücke, Leiter des Fachbereichs Georessourcen und Materialkunde den VEREIN DER FREUNDE DER NEUEN GALERIE,  der bis heute den „Leuchtturm“ der zeitgenössischen Kunst in Aachen begleitet. Hugo Jung übernahm von Walter Biemel den Vorstand 1974, gab ihn an Kurt Lücke weiter, ihm folgten Axel Murken und Ingrid Jung. Der Verein stiftete 1983 den Aachener Kunstpreis und vergibt ihn zweijährig an KünstlerInnen, die international Aufmerksamkeit erregt haben.

 

Das Ehepaar Jung bewohnte eine geräumige, lichtdurchflutete Villa, die sich langsam mit Kunstwerken füllte. Es war nicht leicht, dort Kunst zu sammeln, wo die Neuerwerbungen der Sammlung Ludwig ständig für wechselnde Gespräche sorgten.  Der vielbeschäftigte Klinikarzt konnte nicht so viel reisen wie der Geschäftsmann Ludwig, aber Köln war zu dieser Zeit die deutsche Hauptstadt des Kunsthandels. Bei Michael Werner und Paul Maenz entdeckte er die Werke der Neo-Expressionisten, die „Mülheimer Freiheit“, die italienische „Transavanguardia“; im Kölner Kunstmarkt fand er auch die New Yorker Jean-Michel Basquiat, Keith Haring und Lee Quinones, die er im Suermondt-Ludwig-Museum 1986 präsentierte. Dort, in der Halle der Beletage, konnte er seit 1981 seine Neuerwerbungen in kleinen Gruppen zeigen. Die Kuratoren Renate Puvogel und Adam Oellers erarbeiteten die nützlichen Kataloge.

Anders als Backes, Schürmann und Murken blieb Jung im Dunstkreis der Sammlung Ludwig mit großen Arbeiten von Rauschenberg, Richter, Baselitz, Penck, Lüpertz, Kiefer und ergänzte die „Neuen Wilden“ um die Italiener Sandro Chia, Francesco Clemente, Enzo Cucchi und Mimmo Paladino.

 

Erst der vierte Katalog der Reihe 1988 und eine Publikation „Bild – Skulpturen – Bild“ 1996 des Museumsdirektors Ulrich Schneider mit Werken von Imi Knoebel, Gerhard Merz, Rachel Whiteread, Tony Cragg und Jannis Kounellis zeigen ein verändertes Bild der Sammlung. Und im jüngst eröffneten Ludwig Forum konnte Jung 1992 „Räume“ einrichten, Räume mit Arbeiten von Gerhard Richter, Cy Twombly, Mario Merz, Imi Knoebel, Bruce Nauman, Jannis Kounellis, Donald Judd und Günter Förg. Jetzt hatte sich Jung aus dem Programm der Sammlung Ludwig befreit, ein eigenes Profil entwickelt, das er sicher an seinem Selbstverständnis gemessen hatte: abgehoben, der Wirklichkeit in einen ästhetischen Diskurs entzogen; kein „Boxkampf für die direkte Demokratie“ mehr, jene Vitrine mit den Boxhandschuhen des Joseph Beuys aus der documenta 1972, die er in seiner ersten Sammlungspräsentation gezeigt hatte, stattdessen “Das Numinose in der aktuellen Kunst“, ihr Numen, ihre wortlose Macht.

 

In den heftigen Diskussionen um eine zukünftige Nutzung des Ludwig Forums gewann der Wunsch, seine Sammlung in abgegrenzten Räumen als Sammlung Jung zu zeigen, Überzeugungskraft. In einer neuen Ordnung der Aachener Museen sollte aber das Ludwig Forum für wechselnde Präsentationen offenbleiben, und das Suermondt-Ludwig-Museum würde langfristig der Kunstgeschichte gewidmet sein. Eine dauerhafte Präsentation der Sammlung Jung war nicht durchzusetzen. Ingrid und Hugo Jung, die zu Schatten spendenden Bäumen in der Aachener Museumslandschaft gewachsen waren, wandten sich entmutigt ab. Sie machten bekannt, dass sie ihre Sammlung als Dauerleihgabe in der neu eröffneten Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle deponieren würden. Das erscheint heute noch leichtsinnig: 100 Kunstwerke, die am Bild ihrer Epoche in Aachen mitgewirkt haben, an einen ihnen fremden Ort zu verschieben – konnte das verstanden werden als eine Einladung zu einer energischen Antwort? 100 strahlende Werke bedeutender Zeitgenossen: waren sie nicht mehr als Sternschnuppen, die kurz am Aachener Himmel aufleuchteten?

Abb. Jannis Kounellis, o. T., 1978

Kounellis

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