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Kunstwechsel

Briefmarken sammeln

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  1. Kalendergeschichte – Briefmarken + Kunst sammeln

Sie ist Ärztin und in der Kunstszene beliebt; Künstler bezahlen die Behandlung mit Kunstwerken. Sie verliebte sich spät in einen von ihnen und unterhielt ihn bis zu seinem Tod, bat Kunsthändler, seine Werke auszustellen, wenn sie eins oder zwei kaufte (nichts verraten!), bezahlte seinen Beitrag zu Künstlersozialkasse und Rentenversicherung, brachte einen Verlag dazu, ein Buch über ihn herauszugeben, und schaffte es, seinen Nachlass und ihre  Sammlung der Kunstwerke statt Honoraren im Stadtmuseum als Schenkung sicher zu deponieren. Eines Tages bat sie einen Freund, 2 dicke Alben mit Briefmarken für sie zu veräußern. Sie hatte, bevor sie in den Dunstkreis der zeitgenössischen Kunst geraten war, Briefmarken gesammelt.

Anders als Kunstsammler fragen Briefmarkensammler nicht nach Autoren oder Sujets, sondern nach Herkunft und Auflage. Geraten sie an eine „Blaue Mauritius“, so wissen sie, dass sie selten und deshalb teuer ist. Marken untergegangener Länder wie die der DDR haben einen Wert in kompletten Serien und Jahrgängen. Sammler suchen nach Sondermarken, die zu festlichen Ereignissen herausgegeben worden sind. Die lokalen Gruppen treffen sich in Fachgeschäften so wie Kunstsammler in Galerien und Museen. Ihr Bildungshorizont ist von dem der Kunstsammler so verschieden wie das Budget, das ihnen zum Erwerb ihrer Sammlungen zur Verfügung steht. (Dennoch können bestimmte Briefmarken wie die aus Mauritius teurer sein als ein Baselitz.) Sie achten weniger auf die Bilder auf den Marken als auf ihre Beschriftungen, während die Kunstsammler die Signaturen der Autoren achten, aber vordringlich das bewerten, was auf den Bildern zu sehen ist.

Der Briefmarkensammler ist einsam, er sortiert die empfindlichen Blättchen mit einer Pinzette sehnsüchtig in seinen Alben, als reiste er mit ihnen durch ferne Länder. Die Ärztin war einsam, bevor sie die Künstler kennen lernte und einen von ihnen heiratete. Dann entdeckte sie Kunstsammler, die Briefmarkensammlern ähnelten, die auf Kunstmärkten nach den Preisen fragten, die tauschten, kauften und verkauften und Angst vor den schlechten Manieren von Künstlern hatten. Sie staunte über ihre Einsätze und folgte ihrem Mann zuliebe Einladungen von wohlhabenden Bürgern, die stolz und eitel ihre Sammlungen in ihren Villen oder in Museen, die sie förderten, vorführten und sich feiern ließen. Schenkten sie ihre Sammlung einem öffentlichen Haus, finanzierten sie die Arbeit eines Künstlers, waren sie sogar bereit, eine Arbeit ihres Mannes zu erwerben, so gewährte sie ihnen ihre Sympathie. Aber sie hörte nicht auf, an die Briefmarken zu denken: um wieviel einfacher der Umgang mit ihnen war und wieviel leichter, große Mengen von ihnen zu veräußern, ohne einem Künstler weh zu tun, der gern in dieser oder jener Sammlung vertreten war. Sie ist fast hundertjährig in einem Bett gestorben, über dem ein großes Bild der spanischen Malergruppe Equipo Cronica hing.

Abb. K.P. Brehmer Auswahlbeutel 1967

 

 

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