Beckeraachen

Kunstwechsel

Ostereier

Hinterlasse einen Kommentar

D E K O R – O S T E R E I E R

Es gibt noch Orte, wo Menschen Tische für Festessen auf besondere Weise decken. Sie bewahren dazu silberne Bestecke in samtgefütterten Schatullen, Weißwein-, Rotwein-, Sektgläser und Weinbrand-Schwenker auf und behaupten, alle, die nach dem Krieg zu Geld und Status gekomen seien, hätten es genauso gemacht – die bürgerliche Gesellschaft entstand neu.  Zu Ostern werden Eier gefärbt oder bemalt, und griechisch-orthodoxe Nonnen (wie in diesem Beispiel in Rumänien) bieten sie gern als kleine Kunstwerke an. Fabergé-Eier aus St. Petersburg sind noch heute Juwelen des Kunsthandels. Wie solche Ostereier können Kunstwerke Schätze sein – wie der Osterhase von Jeff Koons, den man nur bewundern muss, weil er 70 mio $ kostet.  Zum Dekor der bürgerlichen Gesellschaft gehören weniger solche Raritäten der Kunstgeschichte als die Porträts der Universitätsrektoren und Staatspräsidenten, die, von ansehnlichen Malern der Epochen geschaffen, die Ahnengalerien in öffentlichen Gebäuden zieren, ihre Standbilder und jene Historien- und Schlachtengemälde, die in öffentlichen Häusern die Geschichte der Einwohner und ihrer Helden sichtbar machen: die Aachener bewundern im Krönungssaal ihres Rathauses die Fresken Alfred Rethels, in denen jener Karl sichtbar wird, an dem die Würde ihrer Stadt hängt. (Unbehagen verursachte seine Multiplikation in farbigem Kunststoff auf einem öffentlichen Platz).

Alte Friedhöfe bieten den Reichtum jenes Dekors, an dem viele Künstler gearbeitet haben, und nirgends ist der Verlust lauter zu beklagen als dort, wo Hunderte von Urnengräbern aufgereiht auf schmucklosen Tafeln die Daten ihrer Besitzer tragen. Für Künstler gibt es heute wenig zu tun, weil die demokratische Gesellschaft der Moderne reich geschmückte Kirchen, Schlösser und Grabdenkmäler, ornamentbeladene Villen und Fabrikgebäude nicht mehr braucht. Und Glaspaläste haben keine Wände. So weichen Graffiti-Schreiber auf freistehende Mauern aus, und andere kämpfen um Plätze in Ausstellungen renommierter Museen und Kunsthallen.  Das Dekor der Stalin- und der Hitler-Ära, Orden, Waffen, Uniformen taucht im Besitz von Ewiggestrigen wieder auf, und Bilderbücher zeigen die Aquarelle des Reichskanzlers, der Maler war. Demokratische Staaten sind gegenüber Künstlern machtlos und gewähren ihnen die Freiheit, ihre Parlamente zu verpacken – temporär als Schauspiel wie die Suche der Kinder nach Ostereiern oder die zerstörerische Sitte der Verlagerung von Weihnachtsbäumen aus den Wäldern in die Wohnungen und öffentlichen Gebäude. Einmal habe ich einer norwegischen Künstlergruppe geholfen, 50 Weihnachtsbäume an der Decke eines Pavillons kopfüber aufzuhängen – als ob man einen Wald von unten ansehen könnte. In solchen Protesten gegen überaltertes Dekor wachsen Künstler über sich hinaus und setzen sich von jenen ab, die den politischen demokratischen Wert von Demonstrationen für sich entdeckt haben. „Guernica“ von Picasso ist ein großartiges Beispiel eines künstlerischen Protestes. Weitere Werke dieser Art sind im krisengeschüttelten Anthropozän nicht bekannt geworden.

20200407_141433

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s