Beckeraachen

Kunstwechsel

Im Gehäus

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Scan_20200323 (2)Im Gehäuse

Ich bin viel unter Menschen gereist, nun bin ich alt, und es muss mir genügen, mit ihnen in Videos zu plaudern. Sie meiden mich, um eine Seuche von mir fernzuhalten, die den Erdball überzieht. Das Feld, auf dem ich mich bewege, ist auf 30 m² eingeschränkt. Dem palästinensischen Freund, dem eine Abschiebung droht, kann ich nur mit Botschaften helfen. Der Verkehrslärm der Straße ebbt ab. Den Empfang von Paketen quittiere ich nicht mehr.

Auf meinem Balkon bereite ich die Erde in Töpfen und Kästen für den Frühling vor. Mein Sohn hat mir eine Tüte mit Sommerblumensamen geschickt. Ich denke an Bienen, die ich ernähren möchte.

Mit Vergnügen denke ich an Xavier de Maistre, der 31-jährig in seinem Zimmer in Turin unter Arrest stand und, müde einer Mode der Weltbeschreibungen, die Alexander von Humboldt in Frankreich erregt hatte, 1793, in den wild bewegten Jahren der Französischen Revolution, sich zwischen Stuhl und Bett zurücklehnte und eine Reise durch sein Zimmer beschrieb, die bis heute gelesen wird. Die Gelassenheit des Philosophen, der versucht, eine Summe der Erkenntnisse über seine Existenz im sterbenden Zeitalter zu ziehen, gibt dem kleinen Juwel der französischen Literatur eine merkwürdige Strahlkraft.

Die New Yorker Künstlerwohnung von Robert Smithson und Nancy Holt habe ich 1970 auf besondere Weise kennengelernt. Nancy empfing mich, drücke auf einen Schalter, und ihre Stimme aus kleinen Lautsprechern leitete mich vom Flur in die Küche, in Wohn- und Schlafzimmer und die Ateliers, die sichtbaren Gegenstände und ihre Geschichte schilderd.

 

Auf der Suche nach Eremitagen, in denen ich meinen Zustand spiegeln kann, bin ich auf den 23-jährigen Igor gestoßen, dem die Welt abhandengekommen ist. Er zieht sich in einem Raum mit spärlicher Einrichtung – Matratze, Decken, Toilette, 150 Liter Wasser, Zwieback, Dosen mit eingelegten Früchten und Gemüsen – zurück, den er mit schwarzen Tüchern verdunkelt hat, und hofft, dort 100 Tage auszuhalten. Am 87. brechen Ordnungskräfte die Tür auf. Robert Gwisdek (Käptn Peng) schildert in dem Roman „Der unsichtbare Apfel“ die Suche des Igor nach der Freiheit auf einer Spirale, deren Ende zu erreichen ihm versagt wird. Mich, den Alten, fasziniert mit Igor die Fülle der Bilder, die uns in völliger Dunkelheit, bei geschlossenen Augen erreichen und Ängste und Freuden auslösen können. Die Dauer ängstigt mich, und ich hoffe, in weniger als 87 Tagen die Eremitage verlassen zu können. Ich sehne mich nicht danach, noch einmal den Ätna zu besteigen, mir würde genügen, im Hambacher Forst die Bechsteinfledermäuse zu suchen.

Abb. Aus dem Film „Im Gehäus“ von Eva C. Feldmann 2017 www.

 

 

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