Beckeraachen

Kunstwechsel

Gerippe

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  1. Kalendergeschichte

G E R I P P E

Zunehmend werden Menschen nach ihrem Tod verbrannt. Doch Gruselkabinette, Horrorfilme und Comics hören nicht auf, Skelette und Totenköpfe zu nutzen, um uns an den Tod zu erinnern. Auf Schlachtfeldern wie dem Hürtgenwald findet der neugierige Spaziergänger noch heute Knochen, und wenn im Chor einer alten Kirche gegraben wird, so treten Skelette von Würdenträgern hervor, die dort einst bestattet wurden. So besass ich als Student der Kunstgeschichte lange einen Totenkopf aus einer Grabung in Antwerpen. Diese feinen jungen Herren, die Fessard nach einer Zeichnung des berühmten Malers Jean Honoré Fragonard stach, besichtigten um 1800 die Ausgrabungen in Pompeji,  die nun nicht mehr dem neapolitanischen Königshaus unterstanden, (als Mozart, Goethe und Winckelmann sie besuchten,) sondern dem französischen Kaiserreich, das die Arbeiten energisch vorantrieb. Sie erschrecken vor einem Skelett, das sich in einem Lichtstrahl mit angezogenen Beinen zu erheben scheint. Die Störung der Totenruhe eines besonderen Menschen, den ein mächtiger Altarblock mit einer großen Schale feierlich auszeichnet, wird Unheil über die Eindringlinge bringen.

Übersetzungen der römischen Literatur, wissenschaftliche und schöngeistige Texte, Reproduktionen der Wandbilder und Vasen haben dazu beigetragen, die römischen Republik und das Imperium zu rekonstruieren; und diese kulturellen Modelle haben die Akteure der Französischen Revolution ebenso geformt wie das napoleonische Kaiserreich. Nicht den Griechen (wie Winckelmanns Adepten), sondern den Römern, der pax augustea sollte Europa nach den Regeln des Code Civil folgen.

Wenn keine Gerippe mehr ausgegraben werden können, weil alle Menschen sich verbrennen lassen, wenn Naturkatastrophen die sichtbaren Elemente menschlicher Kultur zerstören, wenn den gigantischen Servern und Festplatten in den kühlen Gebirgshöhlen Europas und Amerikas der Strom ausgeht und die Chroniken der Jahrhunderte sich sang- und klanglos ausschalten, dann wird jene Zivilisation, die uns nach 1700 Jahren folgt, kein Pompeji vorfinden, das gelehrt hat, wie eine große Kultur sich entfalten konnte.

Aber natürlich ist die Einäscherung berechtigt. Für eine Wiederauferstehung im Fleisch, an die zu glauben ich gelernt habe, reicht der Globus nicht aus.

 

Pompeji

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