Beckeraachen

Kunstwechsel

Schattenriss -Schattenschiss

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  1. Kalendergeschichte

Überfluss – Überdruss – Schattenriss – Schattenschiss

1759, mitten im kostspieligen 7-jährigen Krieg um die amerikanischen Kolonien, brachte Etienne de Silhouette,  der Finanzminister des französischen Königs Ludwigs XV. nicht nur das Parlament, sondern ebenso die adligen und kirchlichen Würdenträger und die Staatsbeamten gegen sich auf –  wie heute der Staatspräsident die Gelbwesten: nein, sie würden keine Steuern bezahlen oder Erhöhungen dulden, ihr Gold sollte nicht eingeschmolzen werden. Er wurde gefeuert. Gerüchte liefen um, er selbst habe die kostbaren Gemälde in den Salons seines Schlosses an der Marne durch große Scherenschnitte aus schwarzem Papier ersetzt, und die junge Papierindustrie ergriff die Chance und lieferte Blöcke dicken schwarzen Papiers, das sich für Schattenrisse eignete. Die zählebige Mode der Porträts „à la silhouette“ entstand. Im Haus Goethes in Weimar warf jeder Besucher seinen Schatten seines Kopfes auf eine Wand, sein Umriss wurde festgehalten und in Papier geschnitten.. Goethe, der Sammler dieser Schattenrisse, kannte die antike Legende zur Entstehung der Malerei, in der die Tochter des Butades den Umriss ihres Geliebten an einer Mauer nachzieht. Virtuose Porträtisten auf öffentlichen Plätzen schafften es, den Schnitt freihändig vor dem Modell auf schwarzen Bögen auszuführen. Die Produktion nahm überhand. In den Salons der wachsenden bürgerlichen Gesellschaft hingen nicht mehr gemalte, gestochene oder radierte Porträts von der Hand ausgebildeter Künstler, sondern so lange Scherenschnitte, bis nach der Mitte des 19. Jh.  fotografische Porträts und Visitenkarten aus den neuen Werkstätten sie ersetzten.

Der anonyme Karikaturist setzt der Mode der Scherenschnitte ein Denkmal: einem angeketteten „Greifen“ mit Narrenkappe, der gar nicht genug Porträts scheißen kann und einem Hund erlaubt, darauf zu pinkeln. Er würde sich heute der globalen Mode der Selfies, Dronies Nudies, Footsies und Ussies und ihrer 3D-Variante zuwenden und uns an den Erfinder des Smartphones erinnern, der die mühevolle Arbeit mit dem Selbstauslöser überflüssig gemacht hat. Wenige Erfindungen haben so durchdringende Erfolge gehabt wie Epidemien, viele sind am Überdruss der Konsumgesellschaften gestorben. Große Bewunderung verdient das Streichholz. John Walker erfand es 1826.

 

 

Silhouette

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