Beckeraachen

Kunstwechsel

Lichtschwemme

Ein Kommentar

  1. Kalendergeschichte                                        ZixL I C H T S C W E M M E

 

Wenn die Lampenbirnen und die Bildschirme zu flackern beginnen, wenn der Strom versiegt,  das Licht ausgeht, dann nehmen die Nacht und der Tag ihre Rechte in Anspruch und fordern Schlafen und Wachen. Das Tageslicht bestimmt die Arbeitszeit, erweitert sie im Sommer, verkürzt sie im Winter. Und nur Besessene wie Dante, Cervantes, Shakespeare und Grimmelshausen, Mozart und Beethoven schrieben mit Federkielen im Kerzenlicht Seite um Seite ihrer Epen, Romane und Kompositionen, und die Pyrotechniker entwickelten Lichtprogramme für riesige Kandelaber und Armleuchter  in den Schlössern der Fürsten, die prächtige Empfänge strahlen ließen. Im Tourismusprogramm SON ET LUMIÉRE werden sie suggeriert.

Als Johann Peter Hebel in Freiburg die ersten Kalendergeschichten schrieb und der Straßburger Künstler Benjamin Zix diese Aquatinta 1806 herstellte, hatten englische Erfinder schon die ersten elektrischen Kohlebogenlampen entwickelt, und Leuchtgas aus Steinkohle begann in Straßenlaternen zu brennen. Aber das dunkle Kabinett ist wahrscheinlich durch eine Petroleumlampe beleuchtet, die der väterliche Violinist im Gehrock verdeckt. Ihn begleitet ein Junge am Klavier, und mit ihnen schauen ein Bruder und eine Schwester auf ein Bild, das überaus provisorisch an die Ecke einer Türöffnung geheftet ist. Aller Aufmerksamkeit ist auf einen Wasserfall gerichtet, der den „Fluss“ des Hauskonzertes bestimmt. Das hohe Kabinett ist mit Bildern bis an die Ränder der sichtbaren Wände so besetzt, als bildeten sie eine Tapete. Vielleicht findet das für das Konzert ausgewählte Gemälde am Ende seinen Platz an einer Wand zurück.

Zur verschwenderischen Lichtschwemme der Gegenwart gehören die weiße Wand und ihre Ausleuchtung, der jedes Museum moderner Kunst besondere Aufmerksamkeit widmet. Lampengeschäfte bieten eine Überfülle von Variationen. Der Weltuntergang wird in voll ausgeleuchteten Fußballstadien erwartet werden – bei gewaltiger Laustärke.

Die kleine Aquatinta des Straßburger Malers und Weltenbummlers im Dienste Napoleons und  seines Kunstverständigen Vivant Denon transportiert dagegen leise Konzentration, ungestörte Aufmerksamkeit, gedämpftes Licht und die unerwartete Vorstellung, dass das Bild einer Landschaft in einer Gruppe von Betrachtern eine Musik, eine Melodie erzeugen kann, in der jedes Instrument seine Rolle findet. Der Gedanke befremdet nicht. So wie ein Apfelstillleben im Mund des Betrachters Speichel freisetzen kann, so können abstrakte Kompositionen gesungen werden. Cy Twomblys große Tafeln habe ich lesend zu pfeifen versucht. Wassili Kandinsky hat Farben den Tönen von Musikinstrumenten zugeordnet – Gelb der Trompete.

Die Lichtschwemme wird von denen als Lichtverschmutzung bezeichnet, die sich als Sternegucker einen klaren Nachthimmel wünschen. Für sie ist in der Eifel und anderswo ein DARK SKY PARK eingerichtet.  In diesen Tagen der Corona-Epidemie haben viele Menschen Kerzen gekauft. Was passiert, wenn das Licht ausgeht? Werden mehr Kinder geboren?  Ich blicke neidisch auf diese Menschen des romantischen Zeitalters, die lebten, bevor die Industrialisierung Europa zu verändern begann.  Das berühmteste Blatt von Benjamin Zix zeigt Vivant Denon beim Einrichten des Louvre als Museum: der Direktor, umgeben von den Beutestücken der napoleonischen Eroberungen, am Schreibtisch mit dem Inventar beschäftigt, im Dämmerlicht der großen Halle. Nur die Maler konnten damals, als es keine Lichtschalter gab, dunkle oder helle Räume schaffern.

Abb. Benjamin Zix 1772-1811 Aquatinta um 1806

 

 

Ein Kommentar zu “Lichtschwemme

  1. Sensible Reflexionen, danke dafür!

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