Beckeraachen

Kunstwechsel

Orchestra

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ROLL OVER BEETHOVEN sechstens Nachtrag

 

Die ORCHESTRA ist der „Tanzplatz“ des Chors, der im antiken Drama die Handlung auf der Bühne des griechischen Theaters kommentierte. Orchester, die sich bildeten, um Instrumentalwerke vorzuführen, traten in Konzerthäusern auf, die seit dem 19. Jh. zu den zentralen Bauten von Großstädten in Europa und Amerika gehören. Um eine Sinfonie aufzuführen, besetzt ein Orchester den Saal eines Schlosses, einer Kirche, eines Theaters oder Konzerthauses. Bis zu 200 Personen tragen ihre Instrumente zu vorbestimmten Plätzen, ordnen die Notenblätter auf ihren Pulten (nur die Geiger teilen sich ein Pult zu zweit), stimmen ihre Instrumente auf ein Ordnungsgefüge von Tönen ein und beginnen schweigend auf den Dirigenten zu warten. Er tritt ein, gibt dem 1, Geiger die Hand und verbeugt sich vor dem Publikum. Das Konzert beginnt.

10 Kameras und Mikrofone nehmen es auf. An den Pulten ordnen die Techniker die Bilder zu den Tönen so, dass ich jeden Paukenschlag, jeden Einsatz der Celli nicht nur höre, sondern ganz nah auf meinem Bildschirm sehe. Ich bin zu Hause. Mein demokratisches Selbstgefühl lässt eine andere Teilnahme nicht zu. Der Pomp historischer Konzertsäle ist mir so verhasst wie das Ritual der Eintrittsgelder, Abonnements, Kleiderordnungen und die sakralen Determinationen, die Husten und Schnupfen verbieten. Ich schaue dem Dirigenten zu. Schon als Kind habe ich nicht glauben wollen, dass er dem Orchester um einen Takt voraus ist. Tatsächlich folgen bis zu 200 Musiker seinen Gebärden und Blicken und lesen gleichzeitig die Noten auf ihren Pulten, als gäbe es eine unerschütterliche Konkordanz, als bestimme der Dirigent die wechselnden Geschwindigkeiten der Aufführung, ohne an der Glaubwürdigkeit der Partitur zu rütteln. Mein demokratisches Selbstgefühl empört sich. Das Bild des aufgebockten Führers, der einer stimmlosen Menge Befehle erteilt, drängt sich in den Vordergrund. Gibt es solche Musikinstrumente, die aus gehorsamen Menschen bestehen, in anderen Kulturen? Das indonesische Gamelan-Orchester besteht höchstens aus 30 Musikern und kennt keinen Dirigenten. Beherrscht das autokratische Bild die europäische Musikkultur, die wir Klassik nennen?  Nur dort, wo der große Chor von Menschen in die Hymne einstimmt, die die 9. Sinfonie weltberühmt gemacht hat, ist das Bild erhöht in die Epiphanie einer einstimmigen Gemeinschaft, in die Vision einer Berge versetzenden Solidarität, vor der Skeptiker zurückschrecken. Nam June Paik hat Geigen zertrümmert und Klaviere misshandelt. DADA und Fluxus, Maurizio Kagel, Karl Heinz Stockhausen, John Cage und Frank Zappa haben Elemente der Klassischen Musikkultur zu zerstören gesucht. Fabrikhallen und öffentliche Plätze haben die Konzerthäuser ersetzt. Und dennoch. Die klassische Musikkultur Europas, die Sinfonie, Mozart und Beethoven leben auf meinem Bildschirm weiter. Sie sind Teile eines Museums geworden, das eine schöne Abstraktion zeigt, die sich am Rand der Geschichte vom Leben der Vorfahren und unserem eigenen entfernt hat.

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