Beckeraachen

Kunstwechsel

Pattern Stitching

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P A T T E R N   S T I T C H I N G   D E R   B A K U B A

Die späten Wiedergutmachungen und Restitutionen afrikanischer Kunstwerke, die die europäischen Usurpatoren nach Hause schleppten, werden viele im Jahr 2020 beschäftigen.

Ich betrachte 2 Tücher aus Raffia, die mir vor 40 Jahren ein belgischer Händler in den Schoß gelegt hat: die neue geometrische Kunst der Amerikaner sei nichts dagegen. Ich habe ihm nicht widerstanden. Als New Yorker Künstlerinnen um die kämpferische Feministin Judy Chicago PATTERN PAINTING bekannt machten, habe ich die beiden Tücher hervorgeholt.  Heute habe ich sie fotografiert und ihre Herkunft zu suchen begonnen. Tücher dieser Art sind aus dem Königreich der Bakuba im Kongo berühmt und ältere hängen in amerikanischen und europäischen Völkerkundemuseen. Meine Tücher sind in gutem Zustand, sie waren vielleicht lange in belgischem Kunstbesitz. Sie sind 200 x 80 cm groß, waren mit Noppen an ihren Rändern versehen und wahrscheinlich ein großer Vorhang.

Den Stoff haben die Kongolesen aus Blättern der Raffia-Palme hergestellt und auf einfachen Webstühlen zu rechteckigen Stücken zusammengenäht, die sie zu großen Tüchern vereinten. Sie haben sie rotbraun mit twool gefärbt, einer Paste aus dem Hirnholz bestimmter Bäume, die „magische“ Bedeutungen hat. Die Frauen fügten die Ornamente stickend hinzu. Sie gaben den Tüchern die Sprachen der Wandbehänge, Röcke, Festtagskleider.

Die Muster sind geometrische gerade Linien, die sich in Rechtecken wechselweise überschneiden und unterlaufen, abbrechen, sich fortsetzen, von pfeil- oder spitzdachartigen Großformen in Reihen oder flachen Kreissegmenten („Mondsicheln“) überlagert sind und Endflächen freilassen, auf denen gleichsam verstreut Rechtecke „schweben“. Ich lerne, dass Mathematiker hier Regeln und Abweichungen von einseitig fortlaufenden Friesornamenten, zweiseitig fortgeführten „Tapeten“- und dreiseitig fortgeführten „Kristall“-Ornamenten suchen  und in den repetitiven Systemen der Kuba 12 von 17 Möglichkeiten gefunden haben, eine Oberfläche mit einem sich wiederholenden Ornament zu füllen. Diese europäische ästhetische Theorie schließt Unterbrechungen, Schübe, Verlagerungen (in der Musik „onbeat“ „offbeat“) nicht aus, so dass die Verstöße gegen die Regeln interessanter werden als die Regeln selbst. Es scheint müßig, auf den Tüchern nach gegenständlichen Motiven aus Natur oder Kultur zu suchen, sogar Kurven, Linienschwünge treten kaum auf, nehme ich diese „Mondsicheln“ aus. Die Frauen der Kuba manifestieren hier eine Phantasie der hierarchiefreien Ordnung, der Reihung gleicher Größen und, an ihren Grenzen, der leeren Flächen freier Bewegungen.

Würde ich sie den Bakuba zurückgeben, so würden sie sie vielleicht geringschätzen, weil sie viele von ihnen herstellen. Mir helfen sie, die Bilder von Valerie Jaudon und Miriam Shapiro neu zu sehen und den großen Beitrag Afrikas zur Kultur unserer Welt zu begreifen. Also werde ich sie behalten.

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