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Kunstwechsel

Hyperrealismus

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HYPERREALISMUS IN LA BOVERIE

Die Hallen des reformierten Kunstpalastes La Boverie in Lüttich sind zu groß für diese umfangreiche Ausstellung realistischer Skulpturen zeitgenössischer amerikanischer und europäischer Bildhauer, die allesamt darauf zielen, den Betrachter zu verwirren. Atmet diese Schöne, die sich auf ihrem Podest ausbreitet, als wäre es der Strand von Kalifornien? Kann ich mit den New Yorker Bauarbeitern von Duane Hanson reden?

Als Nancy Graves mit den lebensechten Kamelen 1969 die New Yorker und 1970 die Aachener irritierte, konkurrierte sie mit Tierpräparatoren so wie manche ihrer Kollegen mit Madame Tussaud. Und damals begann die Entwicklung digitaler Bilder, der Wettlauf der Pixel auf Bildschirmen, und die ersten Hologramme überraschten uns in dunklen Wunderkammern. Jetzt, wo die Bildschirme in Quadratmetern gemessen werden und 3D-Drucker Skulpturen herstellen,  kann eine Ausstellung zeigen, wie man Hyperrealismus benutzt, um eine Geschichte zu erzählen oder eine Karikatur zu schaffen: eine junge Frau, die sich verrenkt, um mit ihrem Smartphone am Stativ ihre Vagina zu fotografieren, oder, um meine Rührung  zu verhundertfachen, ein 3x1m großer Neugeborener, der beginnt zu blinzeln (von Ron Mueck). In einem der Räume darf ich nicht fotografieren, weil eine nackte Frau in drei Varianten ihre Beine ausbreitet, im Nebenraum liegt eine andere auf einem Bett, fotografiert sich, sicher, durch ein Schnellfeuergewehr an ihrer Seite beschützt zu sein. Einem Mann ist der Kopf abgeschnitten, und ich blicke auf die Stummel der Muskeln, Nerven und Arterien. Halt: diese beiden Skulpturen von Berlinde de Bruyckere sind Skulpturen so wie Michelangelo und seine Nachfolger sie verstanden, und auch die beiden Gipse von George Segal sind durchaus „unfotografisch“, und der Hitlergruß von Maurizio Cattelan mit dem Titel „Ave Maria“ meint etwas anderes. Die kleinen optischen Sensationen überwuchern das Thema. Schulkinder rubbeln vergebens am Glaskasten eines nackten Mannes, anders als angegeben wird er nicht sichtbar, sondern bleibt ein milchiges Gespenst. Vor  Jahren  erschienen uns John de Andrea und Duane Hanson ebenso als große Virtuosen der illusionistischen Oberflächen wie die Maler Chuck Close oder Richard Estes, diese auf Leinwänden, jene auf Polyesterabgüssen von lebenden Modellen, jetzt, im Zeitalter der Pixel-Millionen, sind ihre Figuren Kuriositäten, die sich unseren Smartphones zu nostalgischen Betrachtungen anbieten. Unbedingt sehenswert. Ein großer Spaß!

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