Beckeraachen

Kunstwechsel

Aachen – die leere Stadt

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Bastei LindnerKalendergeschichten – news – fake news

 

Die social media teilen Zustandsbekenntnisse, Kommentare zu Tagesereignissen, Berichte von Erlebnissen, politische Pöbeleien und Berichte über Kunsterfahrungen mit. spontan, improvisiert, und verlieren schnell ihre Aktualität – wie die Tageszeitungen. Deer „Trierische Volksfreund“ erschien1875 zuerst 3x wöchentlich, später täglich. Der „Rheinländische Hausfreund“, der Johann Peter Hebels Kalendergeschichten 1803-14 verbreitete, war dagegen ein Jahreskalender, der die Stunden-Aktualität der social media auf die Dauer von Jahren verlängerte. Nachrichten wurden Literatur.

 

  1. Kalendergeschichte A A C H E N –   D I E   L E E R E   S T A D T

 

Ist die Stadt Aachen durch die Explosion einer Wasserstoffbombe entvölkert worden oder hat der Taxifahrer aus Maastricht diese obdachlose Frau in eine Parallelwelt gefahren, die darauf wartet, bevölkert zu werden?   Die Frau ist obdachlos und sucht in vereinsamten Häusern nach einer Wohnung, in der sie sich wohlfühlen kann. Das Taxi hat sie am Muffeter Weg abgesetzt, der Fahrer wusste, dass dort Aktivisten vor einiger Zeit ein großes leeres Haus besetzt haben. Es ist jetzt zugemauert, aber sie findet den Zugang zu komfortablen Wohnräumen, einer Küche, einem Bad, und sie schaut auf einem großen, dicht bewachsenen fruchtbaren Garten. Sie nimmt an, dass sie hier andere Häuser finden kann, in denen Strom- und Wasserzufuhr vorhanden sind, und stößt auf das Terrassengästehaus der RWTH in der Maastrichter Straße: dort kann sie unter 36 leeren Wohnungen wählen.  Soll sie bleiben? Ist das Angebot im Zentrum nicht größer als hier im RWTH-Gelände?

An der Ludwigsallee gelingt es ihr, in die Bastei einzudringen. Die Fülle der Fenster in dem imposanten Eckbau hat sie fasziniert. Sie stellt sich Festsäle, Bühnen- und Garderobenräume, Chambres Séparées, Wohnungen, Dachterrassen vor und springt über Pfützen durch nasse, schmutzige Gänge, am Möbeltrümmern vorbei, bis sie oben tatsächlich einige verlassene Biwaks entdeckt, in denen jugendliche Hausbesetzer ohne Not gehaust haben. Platz für viele Wohnungen in bevorzugter Lage im Kurviertel! Ein Einkaufskiosk um die Ecke!

Sie läuft hinunter zur Grosskölnstrasse an einem großen leerstehenden Geschäftshaus mit Wohnungen im Obergeschoss vorbei, an geschlossenen Geschäften in der Mefferdatisstrasse, am Dahmengraben, in der Adalbertstraße. In das verrammelte Erdgeschoß des Alten Kurhauses wird sie nicht einziehen: zu viel Betrieb bei den Veranstaltungen oben. Die meisten der 90 Läden, in die sie hineinschaut, sind offenbar noch nicht lange leer. Sie könnte dort wohnen und die Schaufenster verkleben.

An der Stiftstraße hinter dem Kugelbrunnen findet sie eine halb geöffnete Tür und tritt in eine Folge von Räumen, die bis zur Adalbertstraße reicht, leere weitläufige Ladenlokale von einem Ende der Straße zum anderen. Sie sind seit langer Zeit verlassen, vermüllt, verwildert und verschimmelt. Über ihnen müssen Wohnungen in allen Stockwerken sein. Wem gehören diese Häuser? Wer kann sich leisten, sie so lange tot liegen zu lassen? Ist es erlaubt, so zu handeln? Ist es denkbar, dass in einer leeren Stadt niemand etwas erlaubt oder verbietet? Unter den Wohnungen könnte ihr die eine oder andere gefallen. In den Schränken hängen noch alte Kleider. Arme Leute haben hier gewohnt. Wer hat sie vertrieben? Sind die Häuser einsturzgefährdet? Keine Abrissbirnen weit und breit.

In einem Hotel der Stiftstraße bewohnt ein Student eines der Zimmer. Als der Betrieb eingestellt wurde, hat er aufgehört, die Monatsmiete von 500 € zu bezahlen. Er hat noch Strom und Wasser. Die Frau bleibt über Nacht bei ihm. Am Morgen bringt er sie in das Camp Hitfeld am Augustinerwald, eine 22 ha große ehemalige Kasernensiedlung des belgischen Militärs, in der die Menschen kampieren, die in Aachen keine Wohnungen finden – 3.400 Familien etwa. Ein großer Teil von ihnen lebt schon lange hilfsbedürftig hier mit der Hoffnung, in Neubauten billige Mietwohnungen zu erhalten. Die Frau schüttelt den Kopf, als sie erfährt, dass die Eigentümer des Geländes dieselben sind, denen die Häuser der Stiftstraße gehören. Warum dulden sie einen Schandfleck im Inneren einer Stadt, die auf ihre Geschichte und ihr Erscheinungsbild stolz ist, und planen an ihrem Rand aus der Not geborene Wohneinheiten? Wollen etwa alle diese Leute ins Grüne ziehen?

Während sich die 10.000 Menschen im Camp Hitfeld am Vormittag vor den Agenturen und Geschäften dort drängeln, bringt der Student die Frau in die leere Stadt zurück. Sie zieht in das verlassene Hotel.  Warum wohnt er dolrt?  Wo sind seine Kommilitonen, die der Innenstadt ihren malerischen, internationalen Reiz geben sollen? In dieser Parallelwelt sind als „ Sommergäste“ ausgeschlossen. (Die Eltern der Frau ziehen im Sommer in Domburg an der holländischen Küste in den Dachboden ihres Hauses und überlassen ihre Wohnräume den Sommergästen aus Deutschland – für 3 Monate im Jahr!) Die Kultur der Stadt schaffen die Einheimischen, die lange dort verweilen, die mitreden und wählen – von denen viele jetzt im Camp Hitfeld leben – ohne sie ist die Stadt eine leere Stadt.

Die große RWTH ist eine gute große Universität. Sie zieht viele Studenten aus dem In- und Ausland an. Ehe sie beginnt, ihnen Residenzen zu schaffen, überlässt sie sie der kleinen Stadt. Die hat ihnen keine leeren Wohnungen besorgt, sondern Hausbesitzer angeregt, Platz in Wohnungen zu schaffen, die geringe Mieten kosten. Für wohlhabende Studenten werden Neubauten geplant Die Studenten verdrängen Einwohner. Ihre neuen Häuser verdrängen sozialen Wohnungsbau. Würde die Stadt sie der RWTH zurückgeben, so hätten alle Einheimischen Platz. Jetzt findet man sie im Camp Hitfeld.

Der Student hat wohlhabende Eltern. Sie haben ihm das Hotelzimmer bezahlt. Weil er unter der Einsamkeit in der leeren Stadt leidet, nutzt er jetzt die Einnahme, um im Camp Hitfeld Patenschaften und Selbsthilfegruppen für Wohnungen in der Stiftstraße zu organisieren. Er ist Ingenieur. Die Wasser- und Elektrizitätswerke gestatten ihm, die Anschlüsse zu reaktivieren.

Die Frau hat am Bahnhof Rothe Erde das große leerstehende Kaufhaus der Aachen-Arkaden entdeckt und geöffnet. Es ist noch beheizt, und mittlerweile streifen Kindergruppen mit ihren Betreuern aus dem Camp durch die Hallen und bauen heimelige Ecken. Künstler habe sich Ateliers eingerichtet. Theater- und Musikgruppen proben.

Eine Frau, die in der Wohnungsvermittlung der RWTH gearbeitet hat, zeigt den beiden die Angebote von Hausbesitzern im Ostviertel der Stadt, die sich an WGs kapitalkräftiger Studenten richten, und rät ihnen, sie in den Papierkorb zu werfen. Die Universität soll eben nur so viele aufnehmen, wie sie unterbringen kann – und Residenzen, Containersiedlungen in ihrem Campus bauen.

Die Mitarbeiter der Agenturen, Ämter und Geschäfte im Camp Hitfeld klagen: sie verlieren ihre Kunden. Es versteht sich, dass der große Umzug aus dem Augustiner Wald in die Innenstadt begonnen hat. Da dort erlaubt und nicht verboten ist, Wohnraum ungenutzt verkommen zu lassen, muss auch erlaubt und nicht verboten sein, ihn zu nutzen. Diese Parallelwelt organisiert sich selbst und schafft ihre eigenen Verbote und Genehmigungen. Agenturen, Ämter und Geschäfte, die im Vertrauen zu ihren Kunden leben, ziehen ihnen nach. In die Aachen Arkaden ist lautes Leben eingekehrt. Es gibt Tauschbörsen. Alle meiden Banken und Sparkassen, um sich nicht zu verschulden. Sie nutzen Bitcoins in Blockchains. Im Ballsaal des Alten Kurhauses hat das erste große Fest stattgefunden. Man hat dem 1.000.084. Geburtstag der Kunst gefeiert.

Abb. Lilith Lindner hat sich darauf spezialisiert, markante Fassaden wie die der Bastei aus Wellpappe zu schneiden. http://www.lilithlindner.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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