Beckeraachen

Kunstwechsel

Kalendergeschichte: Die Männer

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Eine Kalendergeschichte nach Johann Peter Hebels Erzählungen des Rheinländischen Hausfreundes

Von drei Männern in meiner Straße 2015 – 2019

 

Der Mann, den ich vor der Erholungsgesellschaft in der Reihstraße ansprach, traute meiner Erzählung nicht: ich würde mich ohne Geld, Kreditkarte und Smartphone durch Europa bewegen und sei doch, wie er sehe, kein Obdachloser oder Bettler. Mein Hotel in Aachen koste 12 Euro pro Nacht. Mein Ziel sei eine Fallstudie über den Wohlstand Europas. Ich redete weiter, weil er mir zuhörte, ein alter Mann, ordentlich gekleidet, rasiert. Ich sei aus Arlington/ Virginia, Kind einer deutschen Mutter und eines Mitarbeiters der CIA in Langley und vor ihm und seinem Arbeitgeber geflüchtet; sie suchten mich, weil ich die Unterlagen über eine Geheimwaffe gestohlen hätte.  In Aachen sei ich, um einige Künstler wiederzufinden, die in Arlington, der Partnerstadt, ausgestellt hätten. Der alte Mann wurde müde, mir zuzuhören, dankte und gab mir drei 2-Euro-Münzen „für das Hotel“.

 

Er hatte mir gefallen, ich folgte ihm unbemerkt und merkte mir seine Wohnung im Patriarchenweg am Tempelberg. Offensichtlich ein Kleriker, ein „Heiliger Mann“. In den Mietwohnungen und Villen dieser Straße wohnen wohlhabende Bürger, und sein Haus ist mit fünf Stockwerken eines der höchsten. Zwei Tage später traf ich ihn wieder, als er aus der Tür trat. Er war überrascht, und ich riskierte, dass er mich für gefährlich zu halten begann. Weil er keine Münzen in seiner Jackentasche fand, zog er aus der Brieftasche vorsichtig einen 5-Euro-Schein und schien sich zu wünschen, mich nicht wiederzusehen. Ich schilderte ihm die Geheimwaffe, die mein Vater beschrieben hatte, eine unsichtbare ferngesteuerte Drohne, die größere Terrains mit hochgiftigen Mikroben bestäuben kann. Er ging unwillig davon.

 

Nachdem ich beschlossen hatte, einige Tage in Aachen zu bleiben, geriet ich in einer Spielhalle an eine Frau, die sie leitete. Sie wusste, dass mich Geld nur interessierte, um zu leben, und ich half ihr, ungebärdige Besucher zu besänftigen oder hinauszuwerfen. Ich bin mit 30 Jahren bei guten Kräften. Ihr Mann half am Abend, die Automaten zu leeren und die Beute in die Sparkasse zu bringen. Er war Hausmeister in mehreren Gebäuden und sorgte auch für Ordnung und Sauberkeit im Haus am Patriarchenweg. Durch ihn lernte ich die Putzkolonnen kennen, die die Flure und Treppenhäuser in den Gebäuden regelmäßig reinigen. Ich habe nicht verstanden, warum der Hausmeister bei einer der Mietparteien klingeln muss, damit dort der Druck auf einen Knopf das Schloss der schweren Haustür öffnet, während die Putzkolonnen offenbar einen Schlüssel besaßen.

Das Haus erregte mich. Langsam lernte ich alle Bewohner kennen, ohne dass sie den Beobachter auf der Straße beachteten, und dem alten Herrn ging ich aus dem Weg. Warum ein Mann mit zwei kläffenden Hunden zuweilen stundenlang vor dem Haus wartete, habe ich nicht herausgefunden. Ich entwarf Grundrisse der Wohnungen, der Keller und der Speicher. Es gelang mir auch, vom Tempelberg her die Gartenseite kennenzulernen, und dass über dem ummauerten Garten eine kleine Drohne surrte, steigerte mein Vergnügen. Ein Schuljunge, der im Erdgeschoss wohnte, lenkte sie.

 

In einer Prügelei vor der Spielhalle lernte ich einen Kroaten kennen, der mir half, mich zu säubern und zu verbinden. Ich sah noch immer nicht wie ein Obdachloser aus. Er trank gern und handelte mit Medikamenten und Drogen. Er liebte meine Geschichten aus den Schließfächern der CIA, und ich fügte der unsichtbaren Drohne einen Panzer hinzu, der voll verspiegelt sozusagen unsichtbar ist. Der Kroate führte mich in versteckte Gaststätten, und ich genoss die Gesellschaft, auf die ich zuvor verzichtet hatte.

Er wusste, dass ich das Haus im Patriarchenweg beobachtete und steckte mir eines Tages beiläufig einen Schlüssel zu. Er habe ihn von einem Freund, der eine der Putzfrauen kenne, die dort arbeiten. Sie wisse nichts davon, er habe ihn kopieren lassen. Dieser Schlüssel brannte wie Feuer in meiner Hosentasche. In einer dunklen Oktobernacht benutzte ich ihn ein erstes Mal, betrat die Garageneinfahrt, fand in der Garage zwischen vielen leeren Flaschen und Kartonagen ein Damenfahrrad, schlich im Erdgeschoss zu einigen Kellern, entdeckte ein kleines Weinflaschenlager in einem und fünf abgestellte Fahrräder hinter Mülltonnen in einem anderen, stieg hinab in den Tiefkeller und dann, da alle Parteien zu schlafen schienen, langsam hinauf durch alle Stockwerke bis in das Dachgeschoss. Durch die Dachluke strich der Wind, die aufgehängte Wäsche im Speicher flatterte laut. Ich war erschöpft und tastete mich abwärts, verzichtete aber nicht darauf, das Damenfahrrad und zwei Flaschen Wein mitzunehmen. Die Freundin des Kroaten bemängelte, dass am Rad die Lampe fehlte, In einer der nächsten Nächte habe ich sie gefunden.

 

Das Interesse an dem Haus, das der alte Mann erregt hatte, wuchs zu einer Leidenschaft. Jetzt wagte ich, tagsüber hineinzugehen, riskierte, gesehen zu werden und begegnete sogar im Halbdunkel einer der Einwohnerinnen, die mit der Auskunft zufrieden war, ich suchte meinen Gastgeber. Sie gab später bei der Polizei an, sie habe ein Tatou an meiner linken Wade gesehen und meine schwarz gefärbten Haare.

Was suchte ich?. Einmal öffnete ich im Dachgeschoss das Schloss einer der beiden Rumpelkammern gewaltsam, entdeckte unter den aufgehäuften Kunstobjekten eine Flasche, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit, war enttäuscht, als ich die Lettern „H²O“ darauf fand und stellte sie auf den Boden. Mich bedrängte das Gefühl, in einer Schatzkammer zu sein, in der nichts meine Besitzgier erregte. Der alte Herr wohnte im 2. Stock. Ich stand vor seiner Tür und wünschte, ihm nicht mehr als ein Zeichen zu geben, indem ich in Höhe des Schlosses einige Ritzen in das Holz kratzte. Sie sollten so aussehen, als sei ich bei dem Versuch einzubrechen gescheitert.

Ich spürte, dass die Bewohner des Hauses miteinander über mich sprachen, die Hausverwalterin alarmierten und planten, ihre Wohnungen und Keller vor mir zu schützen. Sie setzten mich mit den zahlreichen Einbrechern gleich, die sich in der Herbstzeit zu bereichern versuchen. Ich aber fühlte mich hilflos, gedemütigt und erregt. Das Damenfahrrad und die zwei Flaschen Wein hätte ich gern zurückgebracht. Mein Unbehagen, meine Erregung, meine Traurigkeit drängten mich in das Selbstgefühl eines Märtyrers, der missverstanden wird. Mein kroatischer Freund und die Frau des Hausmeisters, die sich scheute, ihrem Mann etwas von dem Schlüssel zu erzählen, hielten mich für verrückt. Als ich ihnen erzählte, dass ich aus der Rumpelkammer im 5. Stock eine Bibel mitgebracht und darin zu lesen begonnen hätte, klopften sie mir auf die Schulter. Sie hofften, dass ich so meine Fieberanfälle und Stunden der Schlaflosigkeit bekämpfen könnte. Sie meinten, ein Joint würde helfen, die Bergpredigt zu verstehen.

 

Aber diese Geschichte von Jesus als Täter, als Volksredner, Demagoge und Wunderheiler, der als Opfer gekreuzigt wurde, diese Geschichte erschien mir jetzt wie eine pathetische Projektion meiner eigenen Geschichte, die sich kristallisierte, als ich dem alten Herrn in der Reihstraße das Leben eines Menschen skizzierte, der mittellos und verfolgt von dunklen Mächten in Aachen angekommen ist und auf seine Weise in einem  großen Haus eine Unterkunft sucht. Mein Zustand ließ jetzt nicht mehr zu, diese Nähe zu der biblischen Leitfigur zu verbergen. Das Haus sollte mir dazu dienen, sie allen zu offenbaren.

Die große Luke des Speichers erlaubt den Zugang zu den Dächern mehrerer Häuser. An einem Oktobermorgen stieg ich hinauf, legte meine Kleider beiseite und reckte mich nackt gegen den Himmel. Ich begann zu predigen wie Jesus auf dem Berg und unterstrich meine Worte mit Würfen von großen Dachziegeln, die ich abhob und hinunter auf die Straße und die dort parkenden Autos schleuderte. Es war kalt, aber die Bewegung tat mir gut; ich sprang zum Nachbardach hinüber und rief laut, damit alle meine Handlung verstanden: Ich bin Jesus! Eine wachsende Menge von Menschen hörte mir zu, Feuerwehr und Polizei sperrten die Straße. Aus Fenstern und Dachluken schauten gutmeinende Gesichter und baten mich, die Dächer zu verschonen und Menschen nicht zu gefährden. Aber ich war in einem Zustand seherischer Verwirrung, ich liebte mich, den hochgewachsenen nackten kraftvollen Helden mit flatternden Haaren, der nicht einen Diskus, sondern Dachziegel schleudert, der sich aus dem Gefängnis seiner Ängste vor unsichtbaren Drohnen, vor der CIA und seinem Vater befreit hat und wie Theseus aus dem Labyrinth von Knossos aus dem Haus in der Straße der Patriarchen hervortritt. Drei Stunden habe ich auf den Dächern getanzt. Dann hat mich die Kälte besiegt. Im Korb eines Krans hat mir der Therapeut eine warme Wolldecke über die Schultern gelegt und mich vor dem Erfrieren gerettet.

Nach der Therapie habe ich Aachen verlassen und versuche, das Experiment des geldlosen Lebens in Europa so fortzusetzen, dass es als Fallstudie veröffentlicht werden kann. Das Aachener Kapitel widme ich jenem alten Herrn, der es ausgelöst hat. Ich weiß jetzt auch, wie er heißt.

Wolfgang Becker

PS:

Kirchgänger in der Herz-Jesu-Kirche berichten von Einbrüchen um den Patriarchenweg und Aufträgen zu neuen Haustüren, Schlössern, Sprechanlagen Videoüberwachungen und Spezialschlüsseln an Schreiner, Schlosser und Schlüsseldienste. Ich erinnere mich, dass meine Mutter in der Lüneburger Heide von einer Firma um ihr Häuschen eine Lichtanlage installieren ließ. Ein Mann mit schwarzem Hut und weitem Mantel nahm den Auftrag entgegen. So, meinte sie, habe der ausgesehen, der in den vergangenen Nächten in der Dunkelheit angsterregend an ihren Rollladen gekratzt habe.

Abb. Gerhard Benz Keine Nähe ohne Ferne. Panzer 2015

 

 

Novelle

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