Beckeraachen

Kunstwechsel

Eine Seilbahn für Aachen

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Kalendergeschichten – news – fake news

Die social media teilen Zustandsbekenntnisse, Kommentare zu Tagesereignissen, Berichte von Erlebnissen, politische Pöbeleien und Berichte über Kunsterfahrungen mit. spontan, improvisiert, und verlieren schnell ihre Aktualität – wie die Tageszeitungen. Deer „Trierische Volksfreund“ erschien1875 zuerst 3x wöchentlich, später täglich. Der „Rheinländische Hausfreund“, der Johann Peter Hebels Kalendergeschichten 1803-14 verbreitete, war dagegen ein Jahreskalender, der die Stunden-Aktualität der social media  auf die Dauer von Jahren verlängerte. Nachrichten wurden Literatur.

 

Die 2. Kalendergeschichte:  Up-BUS. Die Aachener Seilbahn 2025

Ein Unfall hat die kleine Stadt Aachen erschüttert. Einer der Minibusse des öffentlichen Nahverkehrs, die vom Hauptbahnhof kommen und sich an der Normaluhr automatisch in die Seilbahn einklinken und erheben, ist unten stehen geblieben. Wir haben es gewusst, riefen alle, die sich für Aachen eine erdnahe Straßenbahn gewünscht hatten, und machten ihrem Unmut kräftig Luft.

Aachen ist eine Universitätsstadt mit zwei gleich großen Gruppen von Einwohnern: den langfristig ansässigen gesetzten, eher älteren, heiteren Rheinländern an der Grenze zu niederländischen und belgischen Nachbarn und den wechselnden, beweglichen, ehrgeizigen, erfindungsreichen, eher jungen Technikern, Ingenieuren aus aller Welt – die einen angeführt vom Bürgermeister und dem Stadtparlament, die anderen vom Rektor der Hochschule und seinen Institutsleitern. Wenn diese Würdenträger, ausgestattet mit ihren Amtsketten, nebeneinanderstehen, sind sie sich gleich.

Beide waren bereit, für ein notwendiges neues Verkehrsmodell in ihrer Stadt zu kämpfen, für die drastische Einschränkung des individuellen Autoverkehrs, für Fahrräder und Straßen- oder Seilbahnen. Die Position des Bürgermeisters war geschwächt: die Aachener hatten 1974 die Straßenbahn abgeschafft und 2013 gegen einen Neubau gestimmt. Mit dem Rektor wünschten sich viele, dass das Marketing der Stadt nicht mehr nostalgisch auf  Karl dem Großen, dem Karlspreis, dem Reitturnier,  den heißen Quellen und der Straßenbahn beharren, sondern die in der Welt beachteten  Erfindungen ihrer Ingenieure, ihre Beiträge zur Klimaforschung, zur Rettung des Planeten, ihre Visionen der Stadt der Zukunft in den Vordergrund stellen würde.

Über die futuristischen Visionen setzte der Rektor ein Markenzeichen, ein Symbol: upBUS, eine Kupplung, eine Schnittstelle, jenes Gerät, das modularen, autonomen, elektrischen Stadtbussen erlaubt, sich sekundenschnell in eine Seilbahn einzuklinken. So würde Aachen nicht eine Seilbahn wie Wuppertal oder Ascensores wie Valparaiso erhalten, sondern ein Verkehrsnetz, das sich schwebend in und über der Stadt bewegt und an Knotenpunkten mit dem konventionellen öffentlichen Nah- und Fernverkehr verbunden ist.

Rat und Verwaltung der Stadt beugten sich am Ende vor den Argumenten der Wissenschaft. Die erste Linie wurde eingerichtet. Seit 2023 steigt der Reisende vor dem Hauptbahnhof in einen Kleinbus, eine Kabine für 35 Personen auf einem elektrisch betriebenen Fahrgestell, fährt erdnah bis zur Seilbahnstation an der Normaluhr, gleitet empor und schwebt über die Wilhelmstraße und den Alleenring bis zum Klinikum. Er hat kaum bemerkt, dass sich die Kabine vom Fahrgestellt gelöst und in die Seilbahn eingeklinkt hat. Die nächste Kabine folgt im 30-Sekunden-Takt. In einer Stunde können bis zu 4.000 Passagiere befördert werden.

Die die Seilbahn tragenden Pylone, von denen einige auch die Stationen mit Fahrstühlen zum Erdboden enthalten, sind bis zu 60 m hoch. Anwohner haben bestätigt, dass Bauzeit und -aufwand, Staub, Schmutz und Lärm gering waren, erste Fahrgäste haben von den Ausblicken über die Stadt geschwärmt; wenige berichteten von Höhenangst. Die Erfolge der ersten Linie ermutigen, weitere zu bauen – etwa über dem Adalbertsteinweg und der Jülicher Straße. Stationen könnten auf den Dächern prominenter Bauten wie des Ludwig Forums eingerichtet werden, um die vorhandenen Fahrstühle zu nutzen und Besucher in das Museum zu locken.

Der Unfall erscheint den Aachenern als ein Menetekel. Wie konnte upBUS, eine patentierte Kupplung zwischen Elektrobusfahrwerk und Seilbahn, die sich im Weltraum bewährt hat, eine kompakte Scheibe, nicht viel größer als eine Bratpfanne, versagen? Die Medien führen upBUS vor, einen Knoten, der mechanische Lasten, Energien und Informationen übertragen muss. Aber die Ingenieure der RWTH sind überzeugt, dass sie uns ihre Zulieferer die Schwäche von upBUS, die zu diesem Unfall geführt hat, der Fabrikationsfehler einer Kupplung von vielen, bei dem niemand zu Schaden kam, beheben können. Dagegen kraulen die Aachener und der Bürgermeister verzweifelt zwischen Skylla und Charybdis: werden sie aufgeben und zum Projekt der Straßenbahn oder zum Busverkehr zurückkehren oder der Erfindungskraft ihrer Hochschule vertrauen? Sie wissen: im Stauland Deutschland, das auf den Individuellen Autoverkehr nicht verzichten, dessen profitable Fahrzeugindustrie das Land mit Elektro-, Wasserstoffautos und Hybridlimousinen füllen und den Fahrrädern E-Bikes und elektrische Roller hinzufügen wird, bleibt nur der teure Untergrund und die preiswerte Luft über den Straßen, um die zunehmenden Verkehrsströme zu beherrschen. Über der Seilbahn werden Flugtaxis kreisen. upBUS wird sich durchsetzen.  Aachen wird strahlen.

 

 

 

 

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