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Kunstwechsel

Museum Kerker 2

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M U S E U M   K E R K E R   2

M U S E U M   +   F O R U M

Emma Duiker in der Novelle „Duell“ von Joost Zwagerman hat mich angeregt, über die Institution Museum nachzudenken. Die Behauptung eines Besuchers „Das kann ich auch“ „A child could do it“ verwandelt das Museum in eine Vorbildsammlung und Lehranstalt, wie sie die englische arts-and-crafts-Bewegung des 19. Jh. in das Kunstgewerbe getragen hat. Die Verehrung der Alten Meister und ihre Nachahmung hat die chinesische Kunstgeschichte seit dem 10. Jh. bestimmt und verwirrt den zeitgenössischen Betrachter bei seiner Suche nach Chronologien. Aber auch die Nazarener und die Präraffaeliten im frühen 19. Jh. haben sich bemüht, den Italienern des 15. Jh. nachzueifern. Erst der radikale Paradigmenwechsel um 1900, das Zerbrechen akademischer Traditionen, die Ablösung des Handwerks der Malerei von den Aufgabe, einen Gegenstand der sichtbaren Welt darzustellen, und die Entgrenzung bildkünstlerischer Arbeit in die Felder der Fotografie, der Massenmedien, des Theaters, Tanzes und der Musik haben einerseits die Schatzhäuser der alten Kunst in verehrungswürdige Tempel und Pilgerstätten verwandelt und andererseits einen neuen Typus der Kunsthalle, des Kunstpalastes, des Kunsthauses, des Forums geschaffen, in dem KUNST in allen Facetten ERLEBT werden kann – nicht anders als die Erfindungen zeitgenössischer Technik in den Industriemuseen, die sie versammeln.

Als Sammelstätten ungezählter Erfindungen scheitern solche Foren häufig an mangelnder Übersicht und kulturpolitischer Mission. Während sie ermüden, findet die Kunst auf der Straße statt. Die Graffiti-Schreiber der Bronx hatten vor 50 Jahren, als sie unerlaubt die New Yorker Subway illustrierten, die Mission, die Verelendung ihrer Lebensorte lautstark und provozierend zu beklagen. Seitdem ist eine Gattung der visuellen Kunst entstanden, die ebenso wenig eine Geschichte hat wie die abstrakte Malerei und Skulptur vor ihr. Und sie hat sich an ihren Rändern ebenso in die offizielle Wandmalerei, in Werbung und Verschönerungsprogramme ausgebreitet wie ihre Vorgänger in das Graphic Design.

Ihre kulturpolitische Mission ist versandet. Es macht Spaß, mit Spray Gun und Pochoir nachts waghalsig ein schwer leserliches, arabisch anmutendes Ornament auf den Beton einer Unterführung zu heften, man ist zufrieden, Honorare öffentlicher Institutionen einzustreichen und lacht über die Anstrengungen der Reinigungskräfte, mit neuartigen Chemikalien „Verunreinigungen“ zu beseitigen.

Die Stadt lebt. Die Freiheit der Kunst hat sich entfaltet, und dort, wo sie ihren privilegierten Platz haben sollte, wo sie Vorbild sein, wo die Bildung der Menschen stattfinden sollte, ist es still. Dieser Zustand ist unerträglich. Die Zuordnung der kulturellen Orte stimmt nicht mehr. Denn eigentlich sollte dort, wo die Stadt lebt, der Mittelpunkt sein, dort sollten alle Arterien, die durch diesen Körper pulsieren, ihr Herz haben. Im FORUM, dem Platz der Volksversammlung in der Antike, sollten alle Instanzen versammelt sein, die das kulturelle Leben einer Stadt bestimmen: Ämter, Vereine, Bibliotheken, Bildungseinrichtungen, Gaststätten, Werkstätten, Kinos und digitale Labors.

Es mag möglich sein, einem Forum eine museale Zelle zuzuordnen, in der wie in einer Vorbildersammlung nachahmenswerte Meisterwerke einer vergangenen Zeit bewundert werden können. Aber das Schatzhaus, in dem die Bilder der Erinnerungen bewahrt werden, ist kategorisch ein anderer kultureller Ort, und kein lebender Künstler sollte wünschen, seine Bilder dort zu sehen.

 

 

 

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