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Kunstwechsel

Tadeusz „Beider Sizilien“

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Norbert Tadeusz „Beider Sizilien (Mare)“ 2006 400 x 600 cm

In der dunkel leuchtenden Marine „Beider Sizilien“ steht die Zeit still: es ist Nacht, der Himmel feuerrot. Menschen hängen am Himmel, der Schaum der Welle, die ein Surfer schlägt, liegt über einem Schlauchboot mit verängstigten schwarzen Flüchtlingen, eine weiße Nackte räkelt sich auf einer Luftmatratze, Männer, Frauen, Kinder schwimmen, drohen zu ertrinken. Würde die Zeit bewegt, so stürzte ein gewaltiges Reitpferd aus der Mitte kopfüber in das Meer und risse alle hinab in die Tiefe.

Das „Königreich beider Sizilien“ (der Insel mit Palermo und des Festlandes um Neapel) ist das der Könige Ferdinand III. und des IV. von 1816 bis 1861. 400 Jahre zuvor herrschte dort Alfonso von Aragon, und ein unbekannter Künstler, Spanier oder Provençale, schuf um 1446
im Palazzo Sclafani ein Fresko (600 x 642 cm), das 1944 abgenommen wurde und heute in der Galleria regionale des Palazzo Abatellis gezeigt wird: „Der Triumph des Todes“ – ein Meisterwerk der spätgotischen Malerei. Das bewehrte Skelett auf seinem galoppierenden Pferd füllt den Vordergrund des großen Bildes und verdrängt die zahlreichen getroffenen, getöteten, verschmähten, verschonten Würdenträger und Müßiggänger, die es bis an die Ränder füllen. Nur Picassos „Guernica“ ist so von einem Pferd bestimmt wie dieses Bild. Der Spanier kannte es: „Ich habe den „Trionfo“ von Palermo gesehen“ schrieb er an Guttuso. Im Film „Palermo Shooting“ von Wim Wenders nimmt es an der Handlung teil. Tadeusz hat es bewundert.
In Sizilien ist die griechische Antike allgegenwärtig. Vergil beschreibt in der Aeneis, wie der zürnende Zeus glühendes Pech in schwarzen Strudeln an die Ufer des Meeres wirft, die stygischen Flüsse hervorbrechen lässt und Blitze auf die Schiffe der Menschen schleudert. In solchen Apokalypsen können auch Menschen und Pferde vom Himmel fallen. Zorn und traumatische Angst sind über die Strandidylle geworfen. Das Pferd, das in „Beider Sizilien“ das Bild beherrscht, fällt, stürzt und sein Reiter mit ihm. Es bestimmt dramatisch die Strömungen der Komposition, in denen sich Menschen und Gegenstände bewegen. Der Bildraum ist die Bühne eines Welttheaters, einer großen Oper.

Tadeusz nutzte das Foto eines Flüchtlingsbootes vor Malaga, das durch die Weltpresse ging. Tausende sind seitdem in die Staaten Europas eingesickert oder ertrunken. Die Dissonanz der Bilder von lebenden und toten Strandenden und Urlaubern an den Ufern Italiens und Griechenlands bleibt unerträglich.
2011 ist Norbert Tadeusz 71-jährig gestorben. Die Ausstellung „In Memoriam“ im Kunstraum Fuhrwerkswaage Köln erinnert an ihn und andere Künstler des Rheinlandes, die jüngst gestorben sind.

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