Beckeraachen

Kunstwechsel

Jugendstil

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 22. 5. 1976
J U G E N D S T I L – A R T N O U V E A U
Die Jugend schiebt das 20. Jahrhundert mit einem mächtigen Schub der Kreativität an. „Jugend“ heißt die Zeitschrift, die seit 1896 erscheint, „Jugendstil“ nennen alle eine Gestaltungsweise, die in der Architektur, im Kunstgewerbe, in der Werbung, in der Kunst um sich greift. Der Hamburger Siegfried Bing gründet 1896 in Paris den „Salon de l´Art Nouveau“, und in Italien spricht man vom Liberty-Stil nach dem Londoner Kaufhaus, das in den 90er Jahren asiatische Textilien bekanntmacht – wie Bing japanische Holzschnitte in Künstlerkreisen verbreitet. Jugendstil ist dekorativ, ornamental, erfasst alle Disziplinen vom Gemälde bis zum modischen Kleid. Jugendstil lässt die historisierenden Stile in Bau und Gewerbe, die Versenkung in Gotik und Renaissance hinter sich und öffnet sich – im Kolonialzeitalter – der Welt. Der Niederländer Jan Toorop entdeckt auf der Insel Java die Stockpuppen und die reiche Ornamentik der Batiktextilien und gibt sie Henry van de Velde weiter, der in Brüssel Jugendstil-Häuser entwirft. Die Malergeneration von Van Gogh und Gauguin hatte bereits Bildräume bis auf die Fläche des Vordergrundes reduziert, ihre Nachfolger organisieren die Bildflächen in Zellen, befreien sie von Gegenständen und entwickeln ein freies Spiel von Arabesken, die Emotionen transportieren. Edward Munch erfand ornamentale Ausdrucksformen (im „Schrei“ z. B.), die eine psychologische Intensität erreichten, wie sie Sigmund Freud in seiner „Traumdeutung“ 1900 zu schildern versuchte. Die Künstler schwelgen in dieser neuen Freiheit. Richard Muther spricht angesichts der Bilder des Wieners Gustav Klimt von „wollüstiger Gourmandise“. Sie konzentrieren sich nicht gern auf ein Medium wie die Malerei, sondern folgen der arts-and-crafts-Bewegung, die das Kunsthandwerk zu erhalten suchte, und breiten sich dort aus, wo das Kunstgewerbe die Industrie sucht: Im Design, im Druck, in der Werbung, in der Herstellung von hochwertigen Gebrauchsartikeln aus Glas, Porzellan und Keramik. Die Illustrationen und Titelseiten des jung gestorbenen Aubrey Beardsley befruchten die Buchkultur in ganz Europa. Henry van de Velde richtet Bing in seinem Pariser Galerie 1896 4 Räume ein, die Aufsehen erregen.
Die europäische Gesellschaft dieser Zeit genoss ihren Reichtum. Die Kunst gemalter Bilder und Skulpturen reichte ihr nicht, sie suchte sie in den Büchern, auf den Plakaten der Straße, an den Veranden, Alkoven, Karyatiden der Häuser, auf Mosaiken, in den Salons der Haute Couture, in den Gläsern aus Murano und den Lampen von Tiffany. Jugendstil waren die Plakate von Toulouse-Lautrec und Alphonse Mucha, Buchillustrationen von Beardsley, Emil Orlik, Heinrich Vogeler, Möbel von Henry van de Velde, die Kirche der Sagrada Familia und die Häuser von Antoni Gaudi in Barcelona, die gusseisernen Giebel der Metro-Eingänge von Hector Guimard in Paris, Hortas Wohnhäuser in Brüssel, Louis Sullivans Hochhäuser in Chicago, Rennie Mackintoshs Kunstakademie in Glasgow, Joseph Maria Olbrichs Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt, Berlages Börse in Amsterdam. In dieser Zeit hießen die Kunstzeitschriften „Art and Decoration“, „L´Art Décoratif“, „Deutsche Kunst und Dekoration“, „Dekorative Kunst“, „Pan“, „Simplizissimus“, „Ver Sacrum“. Es ist die Zeit der Dandys und Suffragetten, Sarah Bernhardts und Sigmund Freuds, Strindbergs und Stefan Georges, eine „Mischung aus Dekadenz und Snobismus“ (so Nikolaus Pevsner), die in eine „Ornamenthölle“ abzugleiten drohte. Die psychedelischen Künstler der 70er Jahre haben gerade diese Seite wiederentdeckt.
Henry van de Velde gehörte zu denen, die die überschäumende Ornamentik zu zähmen, zu funktionalisieren versuchte. Er erfand den „Yachting Style“, das Design der Jachten, die „Stromline“, die die schnelle Bewegung erlaubt. Mit ihm beginnt die Geschichte des Designs.
Abb. Alphonse Mucha La Danse Plakat Paris 1898

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