Beckeraachen

Kunstwechsel

Expressionismus

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 25. 1. 1975
E X P R E S S I O N I S M U S
Kunst des Ausdrucks gegen Kunst des Eindrucks, Impressionismus; nicht mehr Studium, Analyse, Wiedergabe der Außenwelt, sondern Erforschung der Innenwelt, Selbstdeutung. Nicht mehr die Evolutionsforschungen von Charles Darwin, sondern die Psychoanalyse von Sigmund Freud. Expressionismus breitete sich in Europa und Nordamerika aus. Herwarth Walden hat wohl als erster 1911 die Bezeichnung benutzt, um ein Lebensgefühl zu definieren, das seit 1905 nicht nur in der Bildkunst, sondern ebenso in Musik und Literatur sichtbar wiude. Die Bezeichnung umgreift die „Fauves“ um Matisse und die Kubisten um Picasso um Picasso in Paris, Boccioni und die Futuristen in Mailand, in Wien Oskar Kokoschka und die „Kunstschau“, und in München Wassili Kandinsky und den „Blauen Reiter“, in Dresden die Künstler der „Brücke“, in Berlin Herwarth Walden und die Galerie „Der Sturm“. Ihren Bildern ordnen wir die Worte Formzertrümmerung, Anarchie, Chaos, Verlust von Inhalt und Bedeutung, Abstraktion als Ergebnis befreiter Handbewegungen beim Malen, Rekonstruktion von Formen aus Scherbenhaufen, Findung und Erfindung neuer Inhalte und Bedeutungen, Entwicklung neuer gegenständlicher Formensprachen zu. Das Ungenügen an überkommenen Bildsprachen reflektiert die Müdigkeit der europäischen Völker am Ende eines 40-jährigen Friedens, in der sich soziale und politische Spannungen zu Hysterien und Neurosen großen Ausmaßes steigerten. Unter den Expressionisten waren die Deutschen antibürgerlich, anarchisch, „voll sadomasochistischer Leidensfähigkeit“ (Werner Hofmann), die Italiener hochgespannt, pathetisch, utopisch, die Franzosen unpolitisch, ausgleichend, ästhetisch experimentell. Expressionismus ist Großstadtkunst; die Künstler schildern die aufblühenden Metropolen Mailand, Paris, Wien, Berlin, ihr pulsierendes Leben, ihre Randzonen des Luxus und des Elends. Natur, Land, Meer malen sie als „Hieroglyphen“ (Ernst Ludwig Kirchner) ihrer Träume und Sehnsüchte: die Alpen, die Ostsee bei Rügen, die Nordsee vor Norwegen. Emil Nolde folgt Gauguin in die Südsee. In diesem Lebensgefühl entsteht eine „Barbarisierung“, ein Selbstgefühl des „Übermenschen“, der Ordnungssysteme zerstört, des kraftvollen „Wilden“ („Fauve“), der den Skulpturen der Afrikaner und Ozeanier Verehrung zollt, die „lodernden“ Gewänder auf frühmittelalterlichen Fresken und Miniaturen, Einblatt-Holzschnitte des 15. Jahrhunderts und die visionären Gemälde des El Greco bewundert. Die Pariser „Fauves“ ziehen deutsche Künstler und Sammler an, Ihre Schüler Max Purrmann, Rudolf Levy und Oskar Moll verbreiten ihre Lehre, 1909 stellte Henri Matisse seine Bilder in München und Berlin aus. Er schöpfte aus der Erbschaft der französischen Impressionisten, die in der Epoche kultureller Feindschaft seit 1871 in Deutschland verpönt waren. Matisse stieß also in Berlin und München auf „Barbaren“, die in der erstickenden Atmosphäre der Vorkriegszeit ihr Selbstverständnis suchten. Ihnen genügte nicht zu malen: Kokoschka und Barlach schrieben Theaterstücke, Kandinsky und Klee begannen früh, ihre Werke durch subjektive Deutungen, Tagebücher, programmatische Texte und Manifeste zu ergänzen. Im 3. Reich wurden sie verfolgt, ihre Werke entsprachen nicht dem „gesunden Volksempfinden“, wurden aus den Museen entfernt und in der Schweiz versteigert. Die „Barbaren“ sind heute die „Klassiker“ der Kunst des 20. Jahrhunderts.
Abb. Ludwig Meidner Die brennende Stadt 1912

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