Beckeraachen

Kunstwechsel

Kunst der Geisteskranken

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 20. 9. 1975
K U N S T D E R G E I S T E S K R A N K E N
Der Psychiater Paul Meunier richtete unter dem Pseudonym Marcel Reja 1907 zum 1. Mal die Aufmerksamkeit auf „L´Art chez les Fous“(Die Kunst bei den Narren), aber viel bekannter wurde Hans Prinzhorns „Bildnerei der Geisteskranken“ 1922. Beide werteten Informationen aus, die in französischen, deutschen und Schweizer Kliniken gesammelt wurden – Berichte und gemalte und gezeichnete Bilder, Materialstudien, Collagen und Assemblagen von solcher Ausdruckskraft, dass sie Vergleiche mit zeitgenössischen Kunstwerken – kubistischen, futuristischen, expressionistischen – zuließen. Sie erreichten, dass insbesondere die Pariser Surrealisten die Werke der „petits maîtres de la folie“ (Jean Cocteau) begeistert studierten, weil sie mehr als ihre eigenen die Tiefen des Unterbewusstseins zu erreichen schienen. Diese Begegnung führte kulturpolitisch zu einer verhängnisvollen Kampagne: die einen wie die anderen wurden als entartete Künstler diskreditiert und verfolgt.
Alle expressiven, irrationalen Stilströme in der Bildenden Kunst tragen an ihren Rändern Werle der „psychopathologischen Kunst“. Jean Dubuffet, der Gründer der „art brut“ (der „rohen Kunst“) in den 50er Jahren sammelte in Paris ebenso Werke von Klinikpatienten und Heimbewohnern wie Arnulf Rainer in Wien. In der Kasseler documenta 5 ordnete Harald Szeemann 1972 die Zeugnisse von „Schizophrenen“ zu denen von „Gesunden“ in das Kapitel „Individuelle Mythologien“. So standen die Besucher vor den großen Bilderzählungen des Schweizers Adolf Wölfli, bewunderten seine Kreativität und entdeckten, dass künstlerische Schöpferkraft sich mit Krankheit, Störung, Wahnsinn berührt, dass einer, der außer sich ist, nicht nur seine Körpersprache verändert, sondern besondere Worte und Bilder erfindet. 3 Krankheiten können sich so äußern, dass wir die bildnerischen Äußerungen der Patienten ästhetisch bewerten: die Halluzination, die Paranoia und die Schizophrenie. Vor allem Herkunft und Heilbarkeit der Schizophrenie sind heute umso mehr umstritten, als die „Antipsychiater“ in Philadelphia und London (R. D. Laing, Das geteilte Selbst, 1972) und Kulturanthropologen (Peter Gorsen in Frankfurt und Michel Foucault und Gilles Deleuze in Paris) so weit gehen, die Krankheit politisch zu deuten „als selbsterhaltende, ichaufbauende Kraft… als eine denkbare Zelle des individuellen Widerstandes…..im fortschreitenden Prozess der Selbstannullierung oder selbstlosen Anpassung ans gesellschaftlich Gebotene“ (Gorsen), dem die bürgerliche Leistungsgesellschaft ihre Mitglieder unterwirft. Die Gesellschaft selbst ist ein „pathogenes Feld“.
Abb. Adolf Wölfli „Die Kreuzigung Jesus Christi“, 1917 Adolf Wölfli Stiftung Kunstmuseum Bern

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