Beckeraachen

Kunstwechsel

Sozialistische Kunst – DDR

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 12. 7. 1975
S O Z I A L I S T I S C H E K U N S T – D D R
Der Hamburger Kunstverein widmete Willi Sitte, dem Präsidenten des Verbandes Bildender Künstler der DDR, 1975 eine 1. Einzelausstellung im Westen – einem Würdenträger, der die Geltung der sozialistischen Kunst seines Landes verteidigte, der ebenso wie Hans und Lea Grundig und wie sein eigener Vater Kommunist war und das Selbstgefühl einer ehemals verfolgten Minderheit genoss. Als seine Väter betrachtete er die sozialkritischen Künstler der Weimarer Republik – Käthe Kollwitz, Otto Dix, George Grosz – und Pablo Picasso und Renato Guttuso.
Der Verband Bildender Künstler organisierte die Verteilung der Kunstwerke im öffentlichen Raum. Er verzichtete auf selbstständige Galerien und den Kunstmarkt, beobachtete mit Argwohn, dass sich Künstler wie Gerhard Altenbourg und A. R. Penck dem Verband entzogen und in der BRD am Kunsthandel teilnahmen. Der Verband nahm alle Absolventen der Kunstakademien auf, gruppierte sie in Bezirksverbänden, richtete regionale, nationale und internationale Ausstellungen aus, organisierte ihre Verbindungen zu Arbeitern und Bauern in Freundschaftsverträgen mit Industriekombinaten, die die Partner zu Konferenzen und Verkaufsausstellungen verpflichteten. Kunst sollte nicht nur in den Städten stattfinden, Künstler sollten in Dörfern leben und arbeiten, Schulen und Kulturhäuser gestalten. Im SED-Programm heißt das Ziel, „die materiellen und kulturellen Lebensbedingungen allmählich denen der Stadtbevölkerung zu nähern“. Der Verband schlug den Künstlern für Ausstellungen politische Themen wie „Vietnam“, „Angela Davis“, „Chile“ vor, kurzum, er vergesellschaftet sie und beendet das beklagenswerte Schicksal des einsamen, allein gelassenen Künstlers der europäischen und amerikanischen Avantgarde. Und das, was die Künstler gestalten, sollte so sein, dass alle es verstehen können: der Verband förderte einen sozialistischen Realismus Moskauer Lesart sehr viel stärker als die Verbände der benachbarten sozialistischen Länder.
Richard Hiepe schrieb in seinem Buch „Die Kunst der neuen Klasse“ 1973: „In hohem Maße bestimmen sich Inhalt und Formen der herrschenden Kultur in der Bundesrepublik als Reaktionen (Abwehr oder Aggression) auf die Veränderung im Kräfteverhältnis zwischen Kapitalismus und Sozialismus im Allgemeinen und zwischen der BRD und der DDR im Besonderen.“ Tatsächlich war die Ausstellung Sittes in Hamburg 1975 der 1. Schritt einer Kenntnisnahme ostdeutsche Kunst im Westen, und die Kenntnisse westdeutscher Kunst in Ostdeutschland waren so bescheiden wie die Besuche der einen zu den anderen.
Die ältesten Künstler der DDR hatten noch der ASSO Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands (1928-33) angehört. Realistisch und dadaistisch, satirisch, karikatural, in Bildern, Zeichnungen und Fotomontagen hatten sie die Missstände der Weimarer Republik gegeißelt; nach 1949 konnten sie so nur noch Vergangenheit schildern oder die Zukunft – in utopischen Entwürfen. Das erlaubte die Lehre des sozialistischen Realismus der Moskauer Schule. Und so entstanden in der Generation von Willi Sitte zahlreiche Wand- und Tafelbilder, in denen ein sozialistisches Lebensgefühl in kraftstrotzenden Gesten von gesunden Frauen und Männern gepriesen und Kapitalismus, Imperialismus, Revanchismus in tristen Grimassen Bild wird. Aber auch unerträgliche Idyllen wie die hellfarbigen Gesellschaftsbilder von Bernd Heller, in denen fröhliche Arbeiter- und Bauernfamilien dem Maler über die Schulter sehen, oder öffentliche Gebrauchskunst, die der ästhetischen Erziehung der Bevölkerung dient – eine Aufgabe, die, so scheint es, stattliche Organe mehr beschäftigt als in der BRD.
In der Realismus-Diskussion, die die amerikanischen Fotorealisten um 1970 ausgelöst haben, ist die Neugier auf neue Entwicklungen in der DDR gewachsen. Die 7. Große Kunstausstellung in Dresden 1973 stellte zum 1. Mal die „Leipziger Schule“ um Werner Tübke und Walter Mattheuer vor – und Werke, die nicht nur ein bisher ungewohntes Maß geistiger Unabhängigkeit verraten, sondern eine selbstkritische und gegenwartsbezogene Haltung, die Künstler und Kritiker der BRD zum Dialog eingeladen hat.(Nachtrag: in der documenta 6 in Kassel 1977 zeigten zum 1. Mal Künstler der DDR ihre Werke)
Abb.Willi Sitte Strandszenen mit Sonnenfinsternis 120x200cm 1974 Sammlung Ludwig

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