Beckeraachen

Kunstwechsel

Konstruktivismus

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 15. 12. 1973
K O N S T R U K T I V I S M U S
Konstruieren heißt gleichartige, verwandte Gegenstände, Formen, Formeinheiten verbinden. Der Maler Cézanne hatte die Kubisten begeistert, als er behauptete, alle Ansichten der Natur ließen sich auf Kegel, Kugel und Zylinder zurückführen. Die Naturwissenschaft bestätigt, dass das Auge der Wahrnehmung einen hohen Abstraktionsgrad gestattet, Ansichten zu ordnen – Baum = Kegel, Kohlkopf = Kugel, Mensch = Zylinder – und räumliche Perspektiven zu schaffen. Die niederländischen Konstruktivisten um Theo van Doesburg entwickelten aus solchen strukturellen Versuchen Diagramme, die nicht unbedingt Seherfahrungen abstrahierten, sondern unabhängige gemalte und gezeichnete Konstruktionen wurden , die Harmonie und Dissonanz, Ruhe und Erregung auszudrücken fähig waren.
Konstruktivismus – Konstruktionen – Konstruierte Kunst steht gegen Sensualismus – sinnliche Expression – Surrealismus – Suche nach dem Übersinnlichen, steht für Nähe zur Mathematik, zur Naturwissenschaft, beharrt nicht auf dem Unikat der Niederschrift, sondern sucht die Verbreitung der gestalteten Information. Konstruktivistische Kunst abstrahiert nicht, sie ist abstrakt, Sie reflektiert nicht visuelle Lebenserfahrungen, sondern gibt objektive Regeln wieder, die das Leben bestimmen. In den Ländern Europas haben sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts verschiedene Konstruktivismen entwickelt. Damals führte er die Avantgarde – in Russland wie in Westeuropa – und schob alle gegenständlichen Bewegungen – von den „Peredwischniki“ (Wanderern) in Moskau bis zu den Surrealisten in Paris – in die Reaktion. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn er nicht Botschaften transportiert hätte, die mehr waren als ästhetische Neuerungen. Das schwarze Quadrat auf dem weißen Feld von Kasimir Malewitsch trug in der Epoche der russischen Revolution eine idealistische, von utopischen Entwürfen geprägte Weltanschauung, und diese Botschaft verbreitete sich schnell. Die Entwürfe der Konstruktivisten sprechen von Gesellschaften, politischen Systemen, die naturwissenschaftlich berechenbaren planetarischen Gesetzen folgen und, präzise visualisiert, Muster des friedlichen Gemeinschaftslebens vorstellen – und so Glücksempfinden im Betrachter auslösen.
Ihnen stehen – als „Reaktionäre“ – die Surrealisten gegenüber, die die Erkenntnisse der Psychoanalyse nutzen, um „das Biest Mensch“ zu untersuchen, getragen von tiefem Misstrauen im Zeitgeschehen der 20er Jahre. Den Konstruktivisten sind die Mathematiker als Apologeten geblieben, Psychologen, Soziologen, Anthropologen haben ihre idealistischen Visionen ebenso wenig fördern können wie die Zeitgeschichte selbst. Sie formalisierten sich in der anwachsenden Bewegung der abstrakten Kunst und entwickelten ihre Werke in den Vereinigten Staaten zum „hard edge“, dem Konstrukt einer Farbträgerfläche, die über das rechteckige Bild hinausweist. Das konstruktivistische Bild vereint geometrische Elemente so, dass sie räumlich wirken, folgt klassischen Regeln wie dem Goldenen Schnitt, dem asymmetrischen Gleichgewicht, nutzt geometrische Grundformen – Linie, Dreieck, Viereck, Kugel. Es erhält sich Spuren jener idealistischen, harmonikalen Weltanschauung, die die gesellschaftlichen Umwälzungen am Beginn des 20. Jahrhunderts getragen hat.
Abb. Piet Mondrian Komposition mit Rot, Gelb, Blau und Schwarz, 1921, Gemeentemuseum Den Haag

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