Beckeraachen

Kunstwechsel

Constantin Brancusi

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 16. 9 1976
C O N S T A N T I N B R A N C U S I
1904 kommt der 28-jährige Bildhauer erschöpft in Paris an. Er ist zu Fuß in Bukarest aufgebrochen, um sein Studium in der Stadt der „Fauves“ fortzusetzen – der Feinde des Akademismus, die von Gauguin und pazifischen und afrikanischen Skulpturen schwärmen. Als Picasso 1909 die „Demoiselles d´Avignon“ malt, schafft Brancusi die 1. von 14 Fassungen der Blockskulptur „Der Kuss“ als „archaische“ Antithese zu einem berühmten „Kuss“ von Auguste Rodin. Die drastische Sinnlichkeit von Rodin und dessen Ahnen Michelangelo zu verfeinern, in eine zeitlose Symbolik zu verwandeln, ist sein Ziel. Er lernt später die Surrealisten und ihr Interesse für die Psychoanalyse Freuds und Jungs kennen. Die Lehren über Archetypen interessieren ihn: „Während meines ganzen Lebens hat mich das Fliegen beschäftigt“ bekennt er. 39 Vogelskulpturen enthält sein Oeuvre, aber auch Fische, Kinder, Schlafende zeigen archetypische Flugformen.
Sein Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges in dem rumänischen Dorf Tirgu Jiu (1935-38) besteht aus dem „Tisch des Schweigens“, dem „Tor des Kusses“ und der „endlosen Säule“ aus 15 2m hohen gusseisernen, vergoldeten Rhomben und 2 halben Rhomben oben und unten – zur Verlängerung bereit. Diese Säule wurde berühmt und hat den kopfstehenden Obelisken Barnett Newmans im Hof des Museums of Modern Art in New York ebenso inspiriert wie die Balken-Skulpturen Carl Andres. Das „non finito“ der Manieristen ist hier aus der gestalteten Form umgesetzt in eine stereometrische Reihung. Brancusi kannte es von Balkonstützen rumänischer Holzhäuser. “Wir Rumänen brauchen nicht die Neger, um zu lernen, wie man das Holz behandelt“ meinte er angesichts der Afrika-Begeisterung Picassos und der Expressionisten. Er lebte zwar bis zu seinem Tod 1957 in Paris, wurde aber kein Großstädter, sondern führte das Leben eines rumänischen Bauernsohnes in einem versteckten Atelier, das er so sehr selbst als Kunstwerk betrachtete, dass der französische Staat seiner testamentarischen Verfügung folgte. Es sollte als Teil des Museums für moderne Kunst für alle sichtbar sein.
Neben Alberto Giacometti und Julio Gonzales ist Brancusi einer der bedeutendsten Bildhauer der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir bewundern seine unerschütterliche, introvertierte Konzentration auf handwerkliche Vollkommenheit, die Aneignung und Anverwandlung von afrikanischen und asiatischen Kunstformen und heimischer rumänischer Volkskunst und einen Grad von Besessen: man arbeitet „wie man atmet“. Er schwor seit 1908 auf die „taille directe“ – den spontanen Schnitt in den Marmorblock – keine Bozzetti, Modelle, wenige Vorzeichnungen. Der Pedant hörte nicht auf, bevor die Oberflächen, Kanten und Kurven der Skulpturen makellos waren, und entmaterialisierte sie in seinen Fotografien zu Erscheinungen. Aber nicht nur die „Haut“ der Werke sollte diesen Grad der Vollkommenheit haben, sondern ihre Gestalt selbst: nichts sollte aus ihr heraus-, alles in sie hineinführen. Der italienische Bildhauer Berto Lardera nannte Brancusi „den letzten großen klassischen Bildhauer, der sich mit der geschlossenen Form beschäftigt hat.“
Solche Skulpturen brauchen nicht die klassischen Piedestale, die ihrer Erscheinung die nötige Erhöhung bieten, sondern roh bearbeitete Holzblöcke oder Betontrommeln, die die kleinen Werke aus Stein oder Metall wie Juwelen tragen. Sie sind erdhaft und tragen zur Verklärung der Werke bei. Nur selten „sprechen“ Sockel und Skulptur miteinander: „Der Hahn“ heißt eine, in der die Zickzack-Silhouette des Sockels sich bis zur Spitze des Hahnenkamms fortsetzt.
1955 meinte Brancusi: „Meine Arbeit ist beendet“. Er war weltberühmt. 1976, zu seinem 100. Geburtstag, richtete ihm das Wilhelm-Lehmbruck-Museum in Duisburg eine 1. Einzelausstellung in Deutschland aus. Um den hohen Grad an bildnerischer Verdichtung, die „mönchische“ Introversion dieses Künstlers zu begreifen, genügt es, an seinen Zeitgenossen Pablo Picasso zu denken, der nicht nur in seinen Skulpturen, sondern in seinem gesamten Leben und Werk ein Gegenbild bietet.
Abb. Ausstellung Brancusi Guggenheim Museum New York 2017 König der Könige, Die Zauberin, Adam und Eva

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