Beckeraachen

Kunstwechsel

Futurismus

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 21. 12. 1974
F U T U R I S M U S
„Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie mit großen Röhren bepackt ist, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake… Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen und der Aufruhr erregt, besingen werden wir die vielstimmigen Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren….“ So schrieb Filippo Tommaso Marinetti 1909 in seinem Manifesto Futurista – in einem pathetischen Rausch. Die Faszination einer neuen großstädtischen Zivilisation hatte auch Maler und Bildhauer wie Carlo Carrà, Gino Severini und Umberto Boccioni erfasst und half ihnen, sich aus der Umarmung der italienischen Kunstgeschichte zu lösen und dem französischen Kubismus eine Alternative entgegen zu stellen. Lösten die Kubisten ihre Figuren und Gegenstände in ihren Bildern auf und falteten sie, um sie mehrseitig sichtbar zu machen, so nutzten sie die Phasen-, die Chronofotografie von Muybridge und Maret, um Illusionen von Bewegung und Geschwindigkeit zu erzeugen: „Man kann in unseren Bildern Flecken, Linien und Farbzonen bemerken, die gar keiner Realität entsprechen, sondern nach einem Gesetz unserer inneren Mathematik urmusikalisch die Emotionen des Betrachters vorbereiten und verstärken.“ Ihr Selbstverständnis des Großstädters war enthusiastisch: „Der Lärm der Straße dringt ins Haus“ heißt programmatisch das berühmte Bild von Boccioni. Es steht am Beginn einer vielfältigen Ikonografie der Großstadt des 20. Jahrhunderts. Die Berliner der Epoche nach 1918 wie George Grosz werden die Stimmung umkehren: die Großstadt = eine Hölle. Und noch der New Yorker Großstädter Richard Lindner wird sich der Italiener erinnern. Sie blieben große Anreger: Boccioni projektierte 1912 eine „Umweltskulptur“ aus verschiedensten kunstfremden Materialien, Vorläufer von Environments, die bis heute entstehen. Und ihre Studien von Bewegungsabläufen haben die spätere Kinetik befruchtet. Marinettis sozialpolitischen Visionen gingen in die Vorstellungswelt des italienischen Faschismus ein. Die Gruppe zerfiel 1912, aber sie wirkte über die Grenzen Italiens in den aufbrechenden Kunstzentren zwischen Paris, München, Berlin und Moskau nachhaltig weiter.
Abb. Umberto Boccioni 1911 La strada entra nella casa 100 x100 cm Sprengel-Museum Hannover

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