Beckeraachen

Kunstwechsel

Naive Kunst

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 20. 7. 1974
N A I V E K U N S T
Als Vater der naiven Kunst, Laienkunst, Sonntagsmalerei wird von den meisten „der Zöllner“ Henri Rousseau (1844-1910), obwohl er bei einem berühmten formlosen Essen zu seinen Ehren 1908 sich selbst den größten „modernen“ und den jungen Gastgeber Picasso den größten Maler „im ägyptischen Stil“ genannt haben soll. Auf einem Schild an seiner bescheidenen Wohnungstür bot der pensionierte Zollbeamte seine Dienste an: “Unterricht in Gesang, Geige und Klarinette. Vortragskunst. Zeichen- und Malakademie“. Er reichte seine Werke regelmäßig zu den Jahresausstellungen der „Unabhängigen“ ein, verkaufte wenig und starb in Armut. Kandinsky, einer der Gründungsväter der abstrakten Kunst, stellte dem Axiom des „Großen Abstrakten“ das des „Großen Realen“ gegenüber. Er meinte Henri Rousseau und seine „Fantastik härtester Materie“.
In einer Epoche, in der die Grenzen der Kunst sich auflösen, betrachten die Betroffenen nicht nur japanische Holzschnitte und afrikanische Skulpturen mit neuen Augen, sondern auch die Arbeiten der Sonntagsmaler, der Sonderlinge, der Außenseiter. In der Kunstgeschichtsschreibung des Jahrhunderts spielen sie eine geringe Rolle, in Ausstellungen, Galerien, im Kunsthandel sind sie bis heute gegenwärtig. Wir reden von einer Volkskunst, die in der Epoche vor dem 1. Weltkrieg, der Zeit der wachsenden Großstädte, der bedrückenden Industrialisierung, der Kolonialisierungen, ihre Heimat, die Bezüge zu ihren Quellen verliert und zerbricht. Rousseau malt seine Bilder nach farbigen Postkarten aus exotischen Ländern, die er nie gesehen hat. Naive Kunst kann Züge der alten Volkskunst annehmen: es gibt seit den 50er Jahren eine jugoslawische Schule von Hlebine um Iwan Generalic, die ihre Arbeit erfolgreich aus der Tradition der heimischen Glasmalerei entwickelt und im europäischen Kunsthandel willkommen ist.
Es ist nicht die mangelnde akademische Ausbildung allein, sondern ein mangelndes Bewusstsein von moderner, wandelbarer Kunst selbst, ein Bewusstsein, das ohne intellektuelle Rückfragen auskommt. Die meisten dieser Bilder sind nicht vor der Natur, vor Modellen entstanden, geben nicht Welt wieder, sondern Erinnerungen oder Träume in Reproduktionen. Das hybride Abbild, das daraus entsteht, kann eine starke Kraft entfalten, Henri Rousseau, der mit ungeheurem Einsatz viele große Bilder malte, wurde von einem kleinen Kreis von Künstlern und Literaten bewundert, und die seltsame Magie, die er den Figuren in seinen Dschungelbildern verleiht, hat nicht nur Surrealisten wie Salvador Dali und die „Magischen Realisten“ begeistert. In den Tafeln hat er einen unverwechselbaren Stil entwickelt, eine besondere Perspektive und Proportionalität der Figuren, die von weitem zueinander finden, der viel zu Kleine zum viel zu Großen, ihre Schattenlosigkeit, ihre traumverlorene Irrealität. Sie gehören heute zu den „großen realen“ Meisterwerken des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Abb. Henri Rousseau Die schlafende Zigeunerin 1897 130 x 200 cm NY Museum of Modern Art

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