Beckeraachen

Kunstwechsel

„Bewegung“ in Moskau

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 10. 1. 1976
L E W N U S S B E R G und die Moskauer Gruppe B E W E G U N G
Lew Nussberg (* 1936), Mitglied des Moskauer Künstlerverbandes, ist berühmt im In- und Ausland und dennoch kein Sozialistischer Realist. Seine Pflegemutter soll ihm im Russischen Museum von Leningrad die suprematistischen Werke von Kasimir Malewitsch nahegebracht haben, und in einer Ausstellung Picassos im Moskauer Puschkin-Museum 1956 hat er die Dissidenten Neiswestny und Rjabin und den Moskauer „underground“ kennen gelernt. Er studierte in einer der „Tauwetter“- Perioden zwischen 1953 und 62, in der die Avantgarde der 10er Jahre wiederentdeckt wurde. Sie endete mit der berühmten Schimpfkanonade Chruschtschows auf die moderne Kunst. 1962 hatte Nussberg ein Kollektiv aus etwa 30 bildenden Künstlern, Schauspielern, Musikern, Ingenieuren, Physikern und Psychologen gebildet und ein Programm veröffentlicht, in dem er die KINETIK und Gruppenarbeit verteidigt und sich zu jenem internationalen Gruppenstil bekennt, der neben der OP ART in Paris entstanden war und eine starke Mitarbeit von Technikern erforderte. Ziel der Kinetik sind Gesamtkunstwerke, die alle Sinne des Menschen ansprechen, ihr Ort ist der öffentliche Raum. „Die Kunst gehört dem Volk. Sie muss ihre tiefsten Wurzeln in dem breiten Schaffen der Massen haben. Sie muss von diesen verstanden und geliebt werden. Sie muss sie in ihrem Fühlen, Denken und Wollen verbinden und emporheben“(Lenin). Die Künstler der Oktoberrevolution warne solchen Botschaften gefolgt und hatten gewaltige Gesamtkunstwerke entworfen. Der Spiralturm Tatlins „Hommage an die III, Internationale“ von 1919, die Konstruktionen Rodschenkos, die Arbeiten von Malewitsch, Gabo, Lissitzki zeigen die Impulse ihrer Zeit: Spannung, Aufbruch, Befreiung, Entwurf, Utopie, Traum, Hoffnung.
In den Theorien Nussbergs wie in den Arbeiten der Gruppe „Bewegung“ sind sie ersetzt durch Harmonie und Schönheit. „Aller Aufwand der Spiele dient dazu, den Geist des Menschen harmonisch zu beeinflussen.“ Ein Kritiker spricht vor den Arbeiten von „elementarer Ornamentation“. Für die technologischen Schauspiele, die die Gruppe organisiert, prägt Nussberg Begriffe wie „Kinetischer Garten“, „Kybertheater“, „Farblichtmusik“ (Musik Pink Floyd!). Die Arbeiten folgten Aufträgen: 1965 für das Haus der Architekten in Moskau, für den Leningrader Kulturpalast, zum 50. Geburtsjahr der Revolution ein Straßen-Stereo-Schauspiel in Leningrad „Ton und Licht“ mit den Gedichten von Majakowski, für Messen der Elektroindustrie usw. Der Katalog des Museums Haus Lange in Krefeld 1973 listet die Ausstellungen und Veranstaltungen der Gruppe auf, dokumentiert damit auch die Staatlichen Institutionen, die sie ermöglichten in dem Wunsch, die breite Bevölkerung am technologischen Fortschritt teilhaben zu lassen und die Schönheit seiner Manifestationen in ihren Alltag zu tragen. Die soziale Unverbindlichkeit der Spiele hat die russischen Kinetik mit der westlichen geteilt. Dass dieser internationale Zeitstil aber überhaupt Anerkennung in der sozialistischen UdSSR gefunden hat, widerlegt die landläufigen Vorstellungen von einer regierungsverordneten sozialistisch-realistischen Kunst in der Sowjet-Union.
Abb. Lew Nussberg Modell Kybertheater 1967

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