Beckeraachen

Kunstwechsel

Kasimir Malewitsch

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 26. 1. 1974
S U P R E M A T I S M U S
D-503, der Konstrukteur des Raumschiffes Integral, ruft dem Piloten beim Start zu: “Eure Aufgabe ist es, jene unbekannten Wesen, die auf anderen Planeten – vielleicht auch in dem unzivilisierten Zustand der Freiheit – leben, unter das segensreichen Joch der Vernunft zu beugen. Sollten sie nicht begreifen, dass wir ihnen ein mathematisch-fehlerfreies Glück bringen, haben wir die Pflicht, sie zu einem glücklichen Leben zu zwingen. Ja, wir werden diese herrliche, das ganze Weltall umfassende Gleichung integrieren. Wir werden die wilde, krumme Linie geradebiegen, sie zur Tangente, zur Asymptote machen. Denn die Linie des einzigen Staates ist die Gerade. Die große, göttliche, weise Gerade, die weiseste aller Linien.“ So beginnt Jewgenij Iwanowitsch Samjatkin 1920 seinen pessimistischen Science-Fiction-Roman „Wir“. 1920 publiziert Kasimir Malewitsch auch sein Manifest des Suprematismus. Er hatte 1913 begonnen, kosmische Satelliten zu projektieren, die Gesetzen der Schwerelosigkeit gehorchen, Träger einer „ökonomischen“ Kultur, die, vom Menschen als „Brennpunkt kosmischer Erregungsimpulse“ ausgehend, das gesamte Weltall durchdringt. Den suprematistischen Stil seiner Bilder nannte er „ökonomischer Geometrismus“. Auf der Suche nach einem „einheitlichen System der Weltarchitektur der Erde“ benutzte er Quadrat, Kreuz, Kreis und die primären Nichtfarben Schwarz und Weiß.
Piet Mondrian gewann seine geometrischen Abstraktionen aus Reduktionen organischer Formen. Seine Zweifel an Abbildern folgen der Bilderfeindlichkeit des puritanischen Protestantismus seines Heimatlandes. Die Abstraktionen des Russen dagegen folgen orthodoxen Ikonen und verbinden ihn mit grenzenlosen, pathetischen Utopien, in denen Religion, Philosophie und die politischen Entwürfe der Oktoberrevolution verschmelzen. So erreicht er einen „Grenzfall“ der Kunst, der bis heute weiterwirkt: das schwarze Quadrat auf weißem Feld, ein kleines Bild, das 1915 in der oberen Ecke eines Moskauer Galerieraumes hing, einem Ort, der von den Besuchern schon damals als Platz einer Ikone betrachtet wurde. Der „Grenzfall“ produzierte als „Gemalte Philosophie“ einen Denkanstoß, der bis heute in Europa und Amerika verarbeitet wird. Weiße oder schwarze oder weiß-schwarze Bilder, die entstehen, folgen nicht unbedingt dem Suprematismus von Malewitsch, danken ihm aber ihre Berechtigung. Mit einem „Grenzfall“ beginnt 1915 die Geschichte der abstrakten Kunst.
Abb. Schwarzes Quadrat auf weißem Feld Moskau 1915 Foto Galerie

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