Beckeraachen

Kunstwechsel

Der Sturm

Hinterlasse einen Kommentar

K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 22. 2. 1975
1910 eine Kunstzeitschrift, 1912 eine Firma: DER STURM. Buchhandlung, Verlag, Monatshefte, Kunstausstellungen, Kunstschule, Verein für Kunst, Direktor Herwarth Walden. Der gescheiterte Künstler erreichte, dass seine Galerie und seine Zeitschrift in Berlin als ein internationales Zentrum der Avantgarde beachtet wurde. Und Berlin wuchs in seine Rolle als west-östlicher Umschlagplatz für Kunst hinein. Seit 1871, dem Sieg über Frankreich, behinderte die politische Feindschaft den Kontakt zur Pariser Avantgarde, das Milieu war konservativ, Edvard Munch, der norwegische Vorreiter eines neuen Expressionismus, verursachte 1892 in Berlin einen Skandal, dem andere folgten. 1898 gründete der Maler Max Liebermann die „Berliner Sezession“, Lovis Corinth und Max Slevogt traten hervor. Sie öffneten Berlin für die französischen Impressionisten. 1911 folgte Max Pechstein mit der „Neuen Sezession“, und die Dresdener Expressionisten der „Brücke“ – Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Emil Nolde und Otto Müller stellten in der Kunsthandlung von Maximilian Macht in der Rankestraße aus, ehe Herwarth Walden sie in sein Haus zog. Sie sprachen von ihrem „dekorativen Impressionismus“ und kämpften mit Kritikern, die ihnen „ausgelassenen Farbensturm“, „koloristische Brutalität“ vorwarfen. Walden verstand sich nicht als ihr Promoter allein, in seiner Galerie und Zeitschrift sollte sich die Avantgarden von Paris, München und Mailand gegenüber stehen. Er stellte Picasso, Matisse, Kandinsky, Marc, Boccioni und Carrà, Fauvismus, Kubismus, Futurismus, Orphismus, Expressionismus vor. Radikal und geschickt setzte er auf Interessenten, die ihrer Rolle als moderne Großstädter bewusstwerden und ihre tiefe Verunsicherung in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg in der Kunst reflektiert wahrnehmen. Vor allem Ernst Ludwig Kirchner hat der mondänen Großstadtgesellschaft Berlins damals mit einer Reihe von Meisterwerken Spiegel ihrer Existenz vorgehalten. Die Galerie Der Sturm hat ihm einen Horizont geschaffen, in dem er die Bewegungsabläufe der Futuristen, die Auffaltungen der Kubisten, die Verarbeitungen afrikanischer Skulpturen bei Picasso und die leuchtende Koloristik von Matisse vereinen konnte.
Fieber kennzeichnet die Epoche. „Sturm“ ist Programm und kennzeichnet eine hitzige Vitalität. Tatsächlich hat die Künstlergruppe, die sich hier versammelte, die Bastionen der Tradition gestürmt. Die Kriegserklärung 1914 beendete den „Sturm“ und die Frühzeit des deutschen Expressionismus. Seit1918 setzte die „Novembergruppe“ die junge Erbschaft einer großstädtischen Avantgarde fort. Berlin erhielt sich in der Weimarer Republik den Ruf eines Zentrums zeitgenössischer Kunst.
Abb. Ernst Ludwig Kirchner Potsdamer Platz, 1914 Nationalgalerie Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s