Beckeraachen

Kunstwechsel

Farbfotografie

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 1976
F A R B F O T O G R A F I E
Sind Schwarz-Weiß-Fotos von Menschen, Gegenständen oder Landschaften immer noch glaubwürdiger als gemalte Bilder von ihnen? Kann denn ein farbiges Gemälde wirklich weniger glaubwürdig sein als ein schwarz-weißes Foto? Und wäre dieses Schwarz-Weiß-Foto die Reproduktion eines farbigen Gemäldes? Die Hyperrealisten unter den Malern – Chuck Close, Richard Estes u.a. – haben diesen Glauben erschüttert. Und zwischen beiden Fronten ist die junge Farbfotografie hinzugetreten. Misstrauisch werden ihr Verfälschungen, Verschönerungen, kosmetische Korrekturen zugeschrieben, über die die Schwarz-Weiß-Fotografie erhaben ist. Aber die Produktion von klassischen Fotopapieren weicht der von Kunststofffolien, kaum noch füttern Fotografen ihre Kameras mit schwarz-weißen Filmrollen.
Die Fotopioniere des 19. Jahrhunderts seit Nicéphore Niepce versuchten von Anfang an, den farbigen Bildern der Maler farbige Bilder zur Seite zu stellen. Sie tönten sie braun, ocker, sepia oder setzten ihren Objektiven farbige Filter auf. Sie entwickelten Licht-Monotypien, indem sie auf die Chrom-Silberplatten lichtempfindliche Substanzen auftrugen, die sich bei der Belichtung analog zu den aufgenommenen farbigen Gegenständen verfärbten. 1935 erst entwickelte die US-Firma Kodak den Mehrschichtenfilm, der in Varianten heute noch verwendet wird. Die Platten und Filme sind von unten nach oben bedeckt mit einer blauempfindlichen, einer grünempfindlichen (orthochromatischen) und einer rotempfindlichen (panchromatischen) Schicht. Bei der Entwicklung zum Negativ wird Blau Gelb, Grün Purpur und Rot Blau-Grün. Die Kopie auf Film oder Papier gibt die primären Farben wieder.
Kurz nach der Entwicklung dieses Films begannen nicht nur die berühmtesten Fotografen der 30er Jahre – Gisele Freund. Man Ray u.a. – farbig zu fotografieren. Und der 1. große Hollywood-Film in Kodachrome war David Selznicks „Vom Winde verweht“ 1939. Aber viele Altmeister der Fotografie, selbst wenn sie Farbfotografien im Auftrag herstellten, hielten und halten in ihren eigenen Arbeiten an der Schwarz-Weiß-Fotografie und an dem Ethos des Papiers, der Dunkelkammer, des eigenen Labors fest. Und erst die großen Illustrierten der 60er Jahre publizierten farbige Fotoreportagen. Und TV wurde farbig. In den 70er Jahren öffneten sich Museen, Kunsthallen und andere Ausstellungsinstitute den Fotografen unter den Künstlern – ihren Schwarz-Weiß-Fotografien! Wenigen Amerikanern wie Neal Slavin und Steven Shore gelang es, in dieser Anfangsphase Farbfotos auszustellen. Mit ihren arrangierten Gruppenaufnahmen und Landschaften bestätigten sie die fiktiven Elemente farbiger Gestaltung wie einige der fotorealistischen Maler und betonten gleichzeitig die Authentizität ihres Mediums. Die großartigsten Farbfotos der 60er und 70er Jahre sind dort entstanden, wo Farben nicht existieren: im Weltraum. Die Arbeiten der NASA haben dazu beigetragen, das Beharren auf der Glaubwürdigkeit der Schwarz-Weiß-Fotografie als eine Verdrängung und Sublimierung zu betrachten. In der Tat sind krasse Bilder von Gräueln leichter in Schwarz-Weiß zu ertragen.
Abb. Neal Slavin, Bingo club St. Petersburg Shuffleboard and Duplicate Bridge Club, St. Petersburg, Fla.

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